KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2015
über Milo Rau:
Althussers Hände. Essays und Kommentare
Volker Gransow
Reenactment. Zu einem theatralen Konzept
Texte zu Kunst und Ideologie
Rezension zu : Milo Rau, Althussers Hände. Essays und Kommentare. Verbrecher Verlag. Berlin 2015 , 280 S. 19,00 € . ISBN 978-3-95732-087-2, auch als E-Book erhältlich.


Ein naiver Rezensent wie der Autor dieser Zeilen denkt bei dem Buchtitel zunächst, es ginge tatsächlich um den französischen Philosophen Louis Althusser, der weniger durch seine Marx- und Hegel - Missverständnisse als vielmehr durch die Ermordung seiner Frau bekannt wurde. Das ist aber nicht der Fall. Der mehrfach talentierte ehemalige Schweizer Journalist Milo Rau, jetzt Theaterpraktiker an der Berliner Volksbühne, hat dem Herausgeber Rolf Bossart einige Texte aus seinem Blog gegeben, die hier in Buchform publiziert werden. Sie sind eher unsystematisch zusammengestellt. Das macht nichts, denn einige sind sehr anregend, vor allem für Dramaturgen zur Gestaltung von Programmheften, aber auch fürs Publikum insgesamt. Insgesamt verfügt der Band über fünf Teile („Kunst“, „Ideologie“, „Stil und Methode“, „Selbst“ und einen Rückblick auf Raus Blog). Eingeleitet wird die Sammlung vom Herausgeber. Im ersten Teil („Kunst“) geht es um Céline, Euripides und die wichtige Frage „Was ist Unst?“ Sie wird so beantwortet: „Die Unst ist der Resteverwalter jener Wirklichkeit , die im Vorwissen der Kunst vergessen wurde“ (S. 15). Der zweite Teil („Ideologie“) hat Themen wie „Gegen das Drama“, „Germany Must Perish“ oder „Wollt ihr den totalen Humor?“ Daraus eine Kostprobe: „Wenn die Bush-Administration eine Auswirkung auf die Welt hatte , dann ist es … die Verbreitung einer rhetorischen Tautologie gewesen , bei der das politische Programm die gleiche Rolle spielt wie beim frühneuzeitlichen Kriminologen das Geständnis der Hexe“ ( S.111). Im dritten Abschnitt („Stil und Methode“) kommt tatsächlich Althusser vor. Unter dem Titel „Ach ja, Althusser“ finden wir die Notiz: „alles an Althusser war so langsam, so versteinert von seinen Depressionen … dass ich ihn mir auch als Mörder nur in Zeitlupe denken konnte“ (S.225). Abgeschlossen wird der Band durch autobiografische Reflektionen und einen Rückblick auf Raus Blog. Insgesamt kann man dem Verlag zu dieser Kollektion nur gratulieren, zumal die Edition hervorragend lektoriert ist (KristinaWengorz) und gelungene Bilder von Nina Wolters enthält. Es ist allerdings zu fragen, ob ein derart ambitionierter Text wirklich ein breites Publikum erreicht. Diese Frage wurde bei der Buchpräsentation in den Berliner Sophiensälen im Frühsommer 2015 mit „ja“ beantwortet. Die Publikation war Teil eines Forschungsprojekts „Reenactment. Sondierungen zu einem theatralen Konzept“ des Schweizerischen Nationalfonds. Und in der Tat gibt es einige Wiederholungen.