KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2015
über Benjamin Stein:
Benjamin Stein: Ein anderes Blau. Prosa für 7 Stimmen. Verbrecher Verlag, Berlin 2015. 107 S. € 19,00.
Volker Gransow
Sonate in Prosa
Lyrischer Prosatext über Menschen zwischen Leben und Tod.
Ein Bus bricht durch die Straßendecke in einen U-Bahn-Tunnel. Menschen sterben. Zwei von ihnen werden erst nach Wochen geborgen. Sind die Verunglückten vor der Bergung wirklich tot? Wenn nicht – wo sind sie? Anders als in Jean-Paul Sartres thematisch verwandtem Film - Szenario „Das Spiel ist aus“ (1943-1947) kehren die sozialkulturell erkennbaren Protagonisten nicht zeitweilig ins Leben zurück. Sie sprechen nur. Prosa. Allerdings eine lyrikartige „poème en prose“ (Dieter Wenk). Benjamin Stein verleugnet seine verstorbene Mentorin Charlotte Grasnick nicht, deren „So nackt an dich gewendet“ er 2010 im Verbrecher Verlag edierte (vgl. „Verbrecher am Werk“, kulturation, Jg.2011). Der Einfluss Grasnicks (Altistin an einer Ostberliner komischen Oper, verstorben 2009) zeigt sich nicht nur , aber auch in der Struktur des Textes. Er ist wie eine Sonate konstruiert, in drei Sätzen . Und polyphon.


Wir hören , pardon, lesen sieben Stimmen in keiner bestimmbaren Reihenfolge. Es gibt kein „plot“, keinen „roten Faden“. Eva, Richard, Daniel, Nina, Nadia und nicht zuletzt „...“ (Auslassung ? Absatz? Pseudonym?) versuchen Grenzüberschreitungen. Nebenbei: der 1970 in Ostberlin geborene Autor studierte Judaistik , siedelte später als Informatiker nach München über und publizierte einige Romane. Grenzen werden passiert zwischen Prosa und Lyrik, Leben und Tod, Tanz und Traum. Vielleicht sind sie nur ein „polyphones Ich“ (so die Überschrift des Nachworts).


Kostproben: „Dein Zuschauen ist eine Art, von Liebe zu träumen, ohne an sie zu glauben“ (Eva, S.9). „Es ist ein Film, und die Leinwand reißt“ (Richard, S.12). „Ich möchte mein Gesicht verstecken ..., damit keiner erfährt, dass ein Ereignis wie der Beginn einer neuen Jahreszeit mich verwirren kann“ (Daniel, S.14). „Für mich ist er nur der Schauspieler. Denn er spielt alles, sogar sich selbst“ (Nina, S.19). „Wir nennen uns Freunde, aber das verschleiert nur die eigentliche Art unserer Beziehung, die nur darin besteht, dass wir ab und an miteinander schlafen“ (Daniel,S.22). „Wir stehen im herbst Die Augen weit geschlossen („..“, S.37 , Klein – und Großschreibung beibehalten). „Auch die Metallschlinge lügt, die uns einfängt. Aber heute ist es eine schöne Lüge. Nach ihr hört es auf zu regnen“ (Nadia, S.55). „Was immer du warst … jetzt bist du ein schwarzer Mann. Dein Mantel ist schwarz, und die Mütze ist schwarz, selbst der Schal und die Augen wie Kohlen. Aber was ich schwarz nenne ist nur ein anderes Blau“ (Nadia,S.95). Das ist titelgebend.


Diese Zitate zeigen vielleicht, wie das Buch gebaut ist. Der Autor kommentiert sich selbst im Nachwort mit einem positiven Bezug auf Hubert Maturana, Robert Merle , Abraham Jehoshua und einer Polemik gegen den sozialistischen Realismus seiner DDR-Jugend. Damit meint er offensichtlich nicht die Inspirationen durch Charlotte Grasnick, Reinhard Jirgl und Heiner Müller. Die Herstellung des Textes war sicher schwierig. Die Lektüre ist es auch, aber lohnend. Die Ausgabe ist in dunkelblauem Leinen mit Lesebändchen (Lektorat Kristina Wengorz, Literaturagentin Susan Bindermann). „Ein anderes Blau“ erschien 2008 erstmals in einer inzwischen vergriffenen Kleinstauflage. Stein hat den Text überarbeitet und ein neues Nachwort verfasst. Nach Ansicht des Rezensenten ist eine weite Verbreitung wünschenswert.