KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2014
über Klaus-Peter Buss:
Mit ererbten Kompetenzen zu neuen Geschäftsmodellen. Ostdeutsche Betriebe auf dem Weg von der Plan- in die Marktwirtschaft.
Walter Adam
Einverleibtes Erbe

Klaus-Peter Buss: Mit ererbten Kompetenzen zu neuen Geschäftsmodellen. Ostdeutsche Betriebe auf dem Weg von der Plan- in die Marktwirtschaft. Wiesbaden 2014, 390 S., 49,99 €.
Der vorliegende Band beschreibt die erfolgreiche Anpassung ostdeutscher Industrieunternehmen an marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei grenzt sich der Autor ausdrücklich von den Deutungsmustern herkömmlicher Transformationsforschung ab. Letztere konstatiere nur Defizite, weil sie eine Angleichung der Ostbetriebe an westdeutsche Modelle erwarte. Dabei gerate aus dem Blick, dass Ostunternehmen eigene Wege gehen, um auf dem Markt Fuß zu fassen und sich zu behaupten. Besonderes Gewicht käme dabei den Kompetenzen zu, die die Beschäftigten unter den Bedingungen der DDR erworben hätten. Dies sei ein weitgehend unbeachtetes und unterschätztes Erbe, das durch den Fortfall des politischen und wirtschaftlichen Systems nicht generell entwertet worden sei, sondern sich im Gegenteil als zusätzliche Ressource, als Wettbewerbsstärke erwiesen habe.

Die Lektüre hinterlässt beim ostdeutschen Leser einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits muss man heutzutage schon froh sein, wenn der untergegangenen DDR überhaupt irgendetwas Positives zugestanden wird, in diesem Fall eine industrielle Arbeitskultur eigener Art, die so im Westen nicht existierte und die in Elementen immer noch lebt. In diesem Zusammenhang werden die hohe Quote und das exzellente Niveau der Facharbeiterausbildung, die Teamfähigkeiten, die allgemeine Produktionsintelligenz vom Autor ebenso hervorgehoben wie der Pragmatismus und die Flexibilität des Führungspersonals. Auf der anderen Seite kann den Leser Wehmut oder Wut überkommen, wenn er sich erinnert, unter welchen Bedingungen all dies ausgebildet wurde, welcher Kraftakt vieles davon war, was die Gesellschaft dafür investieren musste. All dies ist nun praktisch „dem Kapital“ in den Schoß gefallen bzw. von ihm einverleibt worden, dient dazu, seine Position auszubauen. Freilich ist dies eine Perspektive, die der Autor gar nicht berührt. Insofern liegt er durchaus auf der Linie der von ihm so kritisierten Transformationsforschung. Er verfeinert sie eigentlich nur, um wirklichen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Dass Vieles vom Erbe der DDR lebt, ist im Alltag an allen Ecken und Enden zu spüren. Manches breitet sich sogar von Ost nach West aus. Zugespitzt hat das der Werbefachmann Alexander Mackat formuliert: „Vom Osten lernen, heißt siegen lernen“ und „Der Westen verostet“. Mit solch kessen Parolen provozierte er vor Jahresfrist die Öffentlichkeit. Bei Mackat bezog sich das nur auf das Konsumverhalten. Westreklame verfange im Osten nicht, konstatierte er. Ostdeutsche kauften mit dem Kopf, Westdeutsche mit dem Bauch. Dem müsse seine Zunft Rechnung tragen. Erstaunlicherweise sprächen aber inzwischen für den Osten konzipierte Botschaften auch die Westkundschaft an. Diese sei zugänglicher geworden für rationale, irdische, stärker an Realität und Wahrheit orientierte Werbeversprechen. Nicht die Ostdeutschen würden sich den Westdeutschen anpassen, sondern umgekehrt. Es sei hier dahingestellt, ob diese Beobachtung so allgemein zutreffend oder nur eine trotzige Reaktion ist auf die unablässig vorgetragene westdeutsche Erfolgsgeschichte. Sie könnte aber für einen gewissen Trend stehen.

Immer deutlicher wird, dass Transformation keine Einbahnstraße ist, keine reine Angleichung des Ostens an den Westen. So beginnen etwa Frauenerwerbstätigkeit, Kinderkrippen, Gesamt- und Ganztagsschulen – einst als Übel angesehen, die der „Unrechtsstaat“ DDR seinen Bürgern aufzwang – zu gesamtdeutschen Selbstverständlichkeiten zu werden. Offiziell wird dies zwar vor allem skandinavischen, französischen und sonstigen Vorbildern zugeschrieben. Diese Muster mögen auch einen Anteil haben. Sie deuten aber übergreifende Modernisierungstendenzen an, sind Reaktion auf wirtschaftliche, technische, wissenschaftliche und soziale Verschiebungen und damit verbundene Wandlungen in den Wertvorstellungen, auf die sich die DDR frühzeitig eingestellt hat. Vorbilder und Modelle dürften nur eine begrenzte Wirkungsmacht haben. Ausschlaggebend sind immanente Vorgänge. Dennoch wirkt wohl die bloße Existenz einiger Millionen Ostdeutscher, die über mehrere Generationen hinweg auf solche Weise sozialisiert wurden und die nun dazugehören zum größeren Deutschland, im Alltag viel elementarer als Beispiele jenseits der Landesgrenzen. Vor diesem Hintergrund wird die Annahme einer „nachholenden Modernisierung“, vor der Ostdeutschland stünde, zumindest in diesem Punkt fragwürdig.

Ähnlich verhält es sich mit den Familienverhältnissen. Offene, vielgestaltige Formen wurden in der DDR massenhaft ohne viel Aufhebens praktiziert, „ledige Kinder“ (eine herrliche Wortschöpfung der bundesdeutschen Statistik) so normal wie alle anderen angesehen. Auch damit reihte sich das Land ein in eine Gruppe europäischer Staaten mit zeitgemäßer Familienpolitik. Jenes Erbe ist im Osten stabil verankert, konnte auch nicht durch entgegenwirkende Steuerbestimmungen aus den Angeln gehoben werden. Im Gegenteil, es strahlt aus auf die alten Bundesländer, die diesem Trend zu folgen beginnen.

In anderen Bereichen dauert es etwas länger, DDR-Erfahrungen und Kompetenzen ernsthaft auf ihre Leistungsfähigkeit hin zu prüfen. Bis dahin behilft sich der gemeine Ostdeutsche mit provisorischen Lösungen, etwa in der heute so genannten Gesundheitswirtschaft. Da die Polikliniken verschwinden mussten und die mancherorts entstandenen Ärztehäuser nur eine Ansammlung privat agierender Geschäftsleute des medizinischen Gewerbes sind, frequentiert er weit über Gebühr die Rettungsstellen bzw. Notfallambulanzen der Krankenhäuser. Die Umnutzung dieser Einrichtungen ist ihm zwar kein Ersatz für das früher gewohnte ganzheitliche, komplexe Angebot der Gesundheitszentren. Aber immerhin kann er darauf vertrauen, in den Notaufnahmen auf einem Fleck und gleichzeitig auf die wichtigsten Fachärzte samt entsprechender Technik zu treffen, statt wochenlang auf Termine zu warten, von einer Stelle zur nächsten geschickt zu werden und jedem Mediziner seine Krankengeschichte von neuem zu erzählen.

Diese simplen Beispiele aus dem Alltagsleben des neuen Deutschland machen deutlich, mit welchen Situationen die Transformationsforschung sich heute konfrontiert sieht. Die ursprüngliche Annahme, die ostdeutschen Strukturen würden sich den westdeutschen Referenzmodellen angleichen, hat sich nicht oder nur teilweise bestätigt. Allerorten wurden und werden Abweichungen konstatiert, von eigenen Entwicklungspfaden, die sich verfestigen, bis hin zu einer „Transformation andersherum“, einer Annäherung des Westens an ursprünglich ostdeutsche Bestände.

Solche Befunde konnten nicht ausbleiben, da die politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche usw. Umgestaltung des Ostens hierzulande eng und einseitig mit dem Prozess der deutschen Einheit verknüpft wurde. Das Privileg der Ostdeutschen – im Unterschied zu den Bewohnern anderer Länder der einstigen sozialistischen Staatengemeinschaft -, auf die Unterstützung der „Brüder und Schwestern“ im Westen setzen zu können, erwies sich zugleich als Handicap. Jede eigenständige Entwicklung galt als abartig und regelwidrig, was sich auch in der wissenschaftlichen Widerspiegelung und Bewertung niederschlug. Insgesamt scheint der Transformationsforschung jedoch der Gegenstand abhanden zu kommen, zumindest in dem Maße, in dem globale Probleme in den Vordergrund treten. Weltwirtschaftliche Vorgänge, demografischer Wandel, Migrationen und ähnliches lassen deutsch-deutsches Klein-Klein offenbar an Bedeutung verlieren.

Da ist es immerhin bemerkenswert, wenn sich Studien mit dem Erbe der DDR-Industriekultur beschäftigen und darin nicht nur Entwertetes, Altlasten, sondern auch Ressourcen für Neues sehen. Insgesamt betrachtet rangiert die Ostindustrie nach dem Kahlschlag der frühen 90er Jahre weit hinter der Westindustrie. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Rückstand in absehbarer Zeit aufgeholt werden könnte. Unterhalb dieser gesamtwirtschaftlichen Perspektive, auf der Ebene konkreter Betriebe und ihrer Beschäftigten, stellt sich die Situation etwas anders dar, was der vorliegende Band belegt. Der Göttinger Sozialwissenschaftler Klaus-Peter Buss zeigt auf, dass es im Osten durchaus Unternehmen gibt, die sich erfolgreich an die neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen angepasst haben – nicht weil sie westdeutsche Standards übernahmen, sondern weil sie eigene Wege gingen. Ausschlaggebend dafür seien nicht nur öffentliche Förderleistungen und Lohnkostenvorteile gewesen. Gegenüber westdeutschen, mittelosteuropäischen und asiatischen Konkurrenten hätten sie sich vor allem in den Fällen behaupten können, wo sie mit dem Pfund wucherten, das sie mitbrachten: ihrer Mitgift an DDR-spezifischen Fähigkeiten, Wissensbeständen, Routinen.

Buss und drei weitere Soziologen, Politologen und Volkswirte haben – gefördert von zwei Gewerkschaftsstiftungen - zwischen 2003 und 2006 insgesamt zwölf ostdeutsche Unternehmen untersucht. Dabei handelte es sich neben Automobilherstellern und deren Zulieferern aus den Bereichen Maschinenbau, Elektronik und Gießerei um Betriebe des Maschinen- und Anlagenbaus, der Stahlproduktion, des Schiffbaus einschließlich der entsprechenden Zulieferindustrie. Das Projekt trug den Titel „Die ostdeutsche Industrie in der Globalisierung. Wie können dauerhafte Entwicklungspfade unter widrigen Bedingungen aussehen?“ Die Art der Geldgeber und die offene Fragestellung lassen zunächst eine gewisse Sonderstellung des Vorhabens innerhalb der Transformationsforschung vermuten. Vordergründig ging es wohl nicht darum, politische Vorgaben zu bedienen, etwa den Stand der Angleichung an das Westmodell zu verfolgen. Zumindest schien es ein Anliegen der beteiligten Forscher zu sein, aus dem Blickwinkel der ostdeutschen Akteure eigene Entwicklungspfade auszuloten. Die Ergebnisse der Studien sind in verschiedenen Publikationen vorgestellt worden. Eine davon ist die hier zur Debatte stehende Veröffentlichung von Buss, der die Dissertation des Autors aus dem Jahr 2013 zugrunde liegt.

Buss sieht im exzellenten fachlichen Sachverstand der Beschäftigten, ihrem Teamgeist und in der hohen Flexibilität ostdeutscher Führungskräfte entscheidende Stärken, die unorthodoxe, innovative Lösungen ermöglichten. Diese in der DDR-Industrie erworbenen Kompetenzen würden unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu wesentlichen Ressourcen, auf die mit neuen Wettbewerbsstrategien zurückgegriffen werden könne. Nur wenn sich mit einem „unschlagbaren Preis“ auch höchste Qualität verbinde, ließen sich Konkurrenten ausstechen. Unabhängig von regionaler Zuordnung, Branchenspezifik, Betriebsgröße, Eigentümerkonstellation, Produktionsprofil usw. gelte dies für alle in der Studie untersuchten Unternehmen. Freilich würden jeweils andere Fähigkeiten besonders gefragt sein, je nachdem, ob es sich um „Fertigungsspezialisten“ (ostdeutsche Standorte westdeutscher Konzerne, d.h. „verlängerte Werkbänke“), um mittelständische oder kleine Nischenproduzenten, um ausgesprochene „Produktspezialisten“ oder um von Buss als „Flexible Spezialisten“ bezeichnete Unternehmen mit einer rasch wechselnden Fertigungspalette handele.

Im Einzelnen wird der Werdegang von jeweils vier Betrieben dieser drei Unternehmenstypen verfolgt. Der Leser erfährt viel Wissenswertes aus einer Perspektive, die ihm sonst nicht geboten wird. So wird etwa über die ostdeutschen Montagestandorte der westdeutschen Automobilkonzerne berichtet. Der Branche selbst wird von Kennern in Deutschland keine langfristige Zukunft eingeräumt, zumindest was die Fertigung und Montage angeht, weil der europäische Markt nur noch begrenzt aufnahmefähig sei. Die Autoindustrie werde dem Weg folgen, den andere Zweige der Metall- und der Konsumgüterindustrie bereits gegangen sind. Bis dahin werde versucht, in deutschen Werken auf Teufel komm raus die Effizienz zu steigern. In dieser Situation sei den nach der Wende errichteten ostdeutschen Standorten eine besondere Rolle zugekommen. Sie wurden zum Experimentierfeld für neue Arbeitsmodelle. Modernste Technik und eine frische, hochmotivierte, bestens qualifizierte und im Autobau erfahrene, aber noch nicht in herkömmlichen Strukturen und Routinen erstarrte Belegschaft verhießen eine erhebliche Leistungssteigerung. Die sei auch tatsächlich eingetreten, weil es dem Management gelungen sei, bei der Einführung der sogenannten Gruppenarbeit die spezifischen DDR-Kompetenzen der ostdeutschen Arbeiter und Ingenieure zu mobilisieren. Denen wäre Teamarbeit seit eh und je vertraut gewesen, und nun, da alles entfallen sei, was sie früher ausgebremst habe, hätten sie sich ordentlich ins Zeug gelegt.

Bewusst sei anfangs davon abgesehen worden, den Beschäftigten strenge Vorgaben zu machen, da in ihnen die eigentlichen Experten kollektiven Arbeitens gesehen wurden, die jeweils schon den besten Weg finden würden. Die gewährten Freiräume seien in der zu DDR-Zeiten gelernten Weise genutzt worden: Es hätte massenhaft Verbesserungsvorschläge gegeben, darunter viele überaus „werthaltige Ideen“, erst recht, als ein Arbeitsplatzabbau drohte und die Belegschaft beweisen wollte, dass „ihr“ Betrieb leistungsfähiger ist als die westdeutschen Standorte. Zur Aktivierung des über Generationen hinweg im Osten ererbten Kapitals an Fähigkeiten sei sogar auf Praktiken aus DDR-Betrieben zurückgegriffen worden. Es wären quasi DDR-Verhältnisse imitiert worden, um das Know-how der Leute herauszukitzeln. Buss berichtet, dass den Teams extra Geld zur Verfügung gestellt wurde, damit sie nach Feierabend dem gewohnten und beliebten „Brigadeleben“ nachgehen konnten. Selbst die „Straße der Besten“ wäre wieder auferstanden, hätte nicht ein beherzter Betriebsrat eingegriffen und darauf verwiesen, in welch zweifelhaftem Ruf solcherart Ehrung seinerzeit stand. Man mag in diesem Vorgehen des Managements ein plumpes Anbiedern an die Beschäftigten sehen. Es verweist aber darauf, dass man bei der ostdeutschen Belegschaft eine spezifische Produktionsintelligenz vermutete, die anzuzapfen und abzuschöpfen als lohnend angesehen wurde.

Die Euphorie der Aufbaujahre ist nach Buss inzwischen längst verflogen. Dem Experiment Gruppenarbeit seien die Flügel gestutzt worden, Arbeiter seien enger eingetaktet denn je zuvor, gleichgültig ob als einzelne oder als Team, das Tempo habe angezogen, die einstigen Spielräume wären dahin, Routine und Monotonie beherrschten das Feld. An die Stelle hoher Motivation sei wachsende Unzufriedenheit getreten wegen inhaltlicher Unterforderung und psychischer Überlastung. Damit werde die Nutzung ererbter industrieller Kompetenzen zunehmend untergraben. (Vgl. S. 137 ff.)

Die Automobilkonzerne haben im Osten Arbeitsplätze in wirklichen Größenordnungen geschaffen, konnten hier arbeitsorganisatorische und technische Testballons starten, was im Westen unter den Bedingungen laufender Produktion in eingefahrenen Strukturen nicht möglich gewesen wäre. Sie verstanden es, dabei auch ostdeutsches Sonderwissen aufzusaugen und in das eigene Geschäftsmodell zu integrieren. Die Beschäftigten selbst haben dauerhaft daraus keinen Nutzen gezogen Im Gegenteil, ihr Engagement hat nur geholfen, vordem schlummernde Reserven aufzudecken und die Schrauben fester anzuziehen. Ob dies die Autobranche retten und die Ostindustrie stabilisieren wird, bleibt abzuwarten.

Buss verweist darauf, dass in anderen Unternehmenstypen und in anderen Industriezweigen andere „ererbte Kompetenzen“ gefragt gewesen seien, weil andere Geschäftsmodelle verfolgt wurden. Das kann hier nicht ausgeführt werden, lohnt aber unbedingt nachzulesen. Allen gemeinsam war offenbar einmal ein ererbtes, exorbitant hohes Facharbeiterpotential, das weit über dem westdeutschen (und auch bei ausländischen Partnern üblichen) Branchendurchschnitt lag. „Von den Qualifikationen her sind das Produkte des sozialistischen Bildungssystems, die tatsächlich an Exzellenz grenzen“ (S. 182), zitiert der Autor einen Arbeitsdirektor. Solide und breit ausgebildete Mitarbeiter wären vielseitig einsetzbar, was auch einen Lohnkostenvorteil bedeute. Zum anderen gehörten die zu DDR-Zeiten erworbenen Produkt- und Prozesskompetenzen zur Reduzierung des Entwicklungs- und Fertigungsaufwandes dazu. Der Lohnkostenvorteil der Ostunternehmen sei also keineswegs allein mit einer forcierten Niedriglohnpolitik gleichzusetzen.

Erwähnt sei, dass der Autor auch die besonderen Fähigkeiten des ostdeutschen Führungspersonals würdigt. Um noch einmal auf die Autoindustrie zurückzukommen – hier waren viele DDR-Ingenieure und Produktionsplaner unter den Erstbelegschaften. Sie wären zunächst als Montagearbeiter eingestellt worden, seien dann aber schnell aufgestiegen, weil auf ihre Fähigkeiten nicht verzichtet werden konnte. Sie hätten geholfen, verkrustete Denkweisen aufzubrechen und neue Produktionskonzepte umzusetzen. Diese neue Arbeitsorganisation sei direkt anschlussfähig gewesen an die frühere Arbeitskultur. Die jahrelange Übung, in den volkseigenen Betrieben mit Mangelsituationen umzugehen, hätte sich bei den Führungskräften gut in ein neues Kostenbewusstsein übersetzen lassen. Sie hätten manches besser und günstiger hingekriegt als die Leute aus dem Westen, weil sie einen anderen Erfahrungshintergrund hatten und auf Grund ihres Herkommens mit einem hohen Rationalisierungsbewusstsein ausgestattet waren. Das sei mitunter sogar zu Lasten der Beschäftigten gegangen, etwa wenn ergonomisch durchaus Sinnvolles eingespart wurde, weil man in der DDR auch ohne dies ganz gut ausgekommen sei.

Neben dem ausgeprägten Kostendenken seien es vor allem Pragmatismus und Flexibilität gewesen, die jene Spezialisten als Führungskräfte unersetzlich machten. Mehrheitlich hätten sie ihr Fach von der Pike auf gelernt, wären dann zum Studium gegangen und hätten jahrelang in der Praxis gearbeitet. Sie hätten nicht nur Bücherwissen akkumuliert und die Produktion auch nicht nur vom Büro aus gekannt. Diese Manager hätten sich täglich vor Ort mit den Unwägbarkeiten des Arbeitsalltags und den Tücken der planwirtschaftlichen Organisation herumgeschlagen. Solch ein Typ wäre mit allen Wassern gewaschen, wüsste sich immer zu helfen, fände manchen Weg durch die Hintertür, könnte improvisieren und wäre von einer enormen geistigen und praktischen Beweglichkeit. Diese Kompetenzen kämen naturgemäß voll zum Tragen in verantwortlichen Positionen, etwa als Geschäftsführer eines Betriebes. Derartiges soziales und kulturelles Kapital hat sicher nicht den allgemeinen Mangel ostdeutscher Unternehmen an ökonomischem bzw. finanziellem Kapital wettmachen können, aber doch das Gelingen manch neuen Geschäftsmodells gefördert, worauf der Autor in verschiedenen Zusammenhängen hinweist.

In einem abschließenden Kapitel geht Klaus-Peter Buss der Frage nach, ob sich das Anknüpfen an aus der DDR-Industrie ererbte Kompetenzen auch in der sozialen Einbettung der ostdeutschen Unternehmen niederschlage. Er bejaht dies und weist anhand der betrieblichen Mitbestimmung bzw. der Lohnpolitik sowie der Berufsausbildung nach, dass hier gewisse Kontinuitäten bestehen, also auch in dieser Hinsicht eine eigenständige Entwicklung, ein „Abweichen“ vom Westmodell zu beobachten ist.

Die Löhne in der Ostindustrie stagnieren nach Auskunft des Autors seit Mitte der 90er Jahre bei rund 73 Prozent des Westniveaus. Dieser Lohnkostenvorteil sei vorläufig unabdingbar für das Überleben der Unternehmen, auch um sich am Markt gegenüber westdeutschen, osteuropäischen und asiatischen Mitbewerbern zu behaupten. Daran werde sich erst längerfristig mit höherwertiger Produktion etwas ändern lassen. Dieses Argument scheine auch die Beschäftigten zu überzeugen, zumal sie angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance hätten, anderswo besser bezahlte Arbeit zu finden. Die Betriebe im Osten bewegten sich überwiegend nicht nur außerhalb der Tarifvereinbarungen, sie verfügten meist auch nicht über die anerkannten Institutionen der Mitbestimmung (Betriebsräte usw.). Diese hätten lediglich in den ostdeutschen Niederlassungen der großen Westkonzerne eine sichere Position. Was die untertarifliche Bezahlung angehe, so werde die im Osten teilweise durch eine gewisse Arbeitsplatzsicherheit ausgeglichen, teilweise durch andere, Geld werte Vergünstigungen wie Firmenwagen für Schichtarbeiter usw. Mitbestimmung werde weitgehend informell geregelt. Da es sich bei Ostunternehmen meist um überschaubare kleine, höchstens mittlere Betriebe handele, in denen man sich häufig noch von früher kenne, müsse man die Beteiligung der Mitarbeiter nicht unbedingt in feste Formen gießen. Bei Konflikten könne das zwar zu Problemen führen, die in der Regel aber einvernehmlich gelöst würden. Offenbar steht hinter diesen Arrangements noch die alte DDR-Erfahrung, dass die Arbeiter die wahren Herren der Fabrik sind und ohne ihr Einverständnis nichts läuft. Auch dies gehört zum Erbe der ostdeutschen Industriekultur, die Erinnerung an eine Erfahrung, die den real schon bestehenden Gegensatz von Kapital und Arbeit verdeckt.

Was die Institutionen der beruflichen Bildung angeht, so knüpft nach Meinung des Autors die Entwicklung am deutlichsten an die DDR-Traditionen an. Das vielgepriesene bundesdeutsche System der dualen Ausbildung mag den Ausbildungsverhältnissen manch anderer Länder überlegen sein. An die Berufsausbildung in der DDR reiche es nicht heran, konnte darum im Osten auch nicht recht Fuß fassen. Die stark zentralisierte, vor allem unter dem Dach der Betriebsberufsschulen konzentrierte theoretische und praktische Lehrlingsausbildung sei hoch professionalisiert und quasi aus einem Guss gewesen. Diese positiven Aspekte würden seit der Wende in den ostdeutschen Ausbildungsverbünden fortgesetzt. Die DDR-Institutionen der Berufsausbildung hätten nach der Wende durch die Zerschlagung der Kombinate keine Träger mehr gehabt. Auch seien sie – gemessen am Bedarf – völlig überdimensioniert gewesen. Es hätten sich aber häufig neue Betreiber gefunden, die neben der regulären Lehrlingsausbildung vor allem arbeitspolitische Maßnahmen wie Umschulungen und andere Qualifizierungen realisierten und damit die Einrichtungen auslasteten. Da das DDR-Personal – überwiegend Diplom-Ingenieure und Ingenieur-Pädagogen – weitgehend übernommen und teilweise noch über das Pensionsalter hinaus beschäftigt worden sei, hätte der hohe Standard gehalten werden können. Noch heute würden diese Bildungsträger „in der betrieblichen Ausbildung ein Professionalisierungsniveau der Ausbilder erreichen, das sowohl die Vorgaben des BBiG“ (Berufsbildungsgesetzes) „als auch die breite Praxis in der westdeutschen dualen Ausbildung übersteigt.“ (S. 334) Kurz - der Autor singt über Seiten das Hohelied der DDR-Berufsausbildung. Er beschreibt, wie daraus im Osten mit den Ausbildungsverbünden ein neues Modell geformt wurde, das eine kostengünstige, qualitativ hochwertige Ausbildung sichert. Ob dieser Seite der Arbeitskultur eine Zukunft beschieden ist oder ob sie gar zu Reformen des dualen Systems der Berufsausbildung beitragen kann, muss offen bleiben.

Man kann den Leser nur ermutigen, den Band zur Hand zu nehmen, weil er bei aller Begrenztheit der Perspektive ein wichtiges Thema behandelt und außerordentlich informativ ist. Er vermittelt ein differenzierteres Bild der DDR- bzw. der ostdeutschen Industrie, ist insofern ein Gewinn. Freilich greift der Autor zu kurz, weil er – trotz gegenteiliger Behauptung – sich voll im Trend der allgemeinen Transformationsforschung bewegt und allein das bundesdeutsche Modell der Marktwirtschaft zum Maßstab nimmt. So wird hier die „sozialistische Arbeitskultur“ wie ein Juwel beleuchtet, wie ein Schatz behandelt und als Quelle einer besonderen Wettbewerbsstärke in der Gegenwart angesehen. Man kann die Darstellung aber ebenso gut als Geschichte einer Enteignung auch dieses Potentials lesen.

Die Entscheidung darüber muss dem Leser überlassen bleiben, dem noch ein Tipp zu geben ist: Er möge sich wappnen. Soziologische Studien, noch dazu solche, die in dissertationsnaher Form vorgelegt werden, sind meist nicht das reine Lesevergnügen. Es lohnt aber, sich durchzubeißen, selbst wenn man mitunter das Gefühl hat, in einer Endlosschleife gelandet zu sein. Doch Redundanz kann auch anregend wirken. Sie schafft Raum für abschweifende Gedanken, für Assoziationen aller Art. Zumindest ist es dem Rezensenten so ergangen.