KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2014
über Katrin Rohnstock (Hrsg.):
Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90.
Isolde Dietrich
Ich habe beides ausprobiert – kein Vergleich

Katrin Rohnstock (Hrsg.): Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90. Ostdeutsche Lebensläufe. edition berolina 2014, 329 S., 14,99€.
„Ich habe beides ausprobiert – kein Vergleich.“ So sang einst Bill Ramsey. Und so könnte heute die Hymne der Ostdeutschen lauten. Zumindest ist das die Quintessenz eines neuen Buches aus dem Hause Rohnstock-Biografien. Der Band enthält 30 Berichte von Ostdeutschen, die ihren unfreiwilligen Abschied vom gewohnten Berufsalltag schildern. Sieben Frauen und 23 Männer, geboren zwischen 1929 und 1971, geben Auskunft über ihr Arbeitsleben in der DDR und dessen abruptes Ende. Das wäre nichts Besonderes, würde die Rückbesinnung nicht ein Vierteljahrhundert nach diesem damals als radikal und bedrohlich empfundenen Bruch in der eigenen Biografie stattfinden. Inzwischen haben alle Beteiligten neue Erfahrungen gesammelt, können Verlust und Gewinn jener lange zurückliegenden Lebenswende abwägen. Die Bilanz fällt höchst unterschiedlich aus. Die Schilderungen sprechen für sich, bedürfen nicht der Interpretation. Hier kommen selbstbewusste Menschen zu Wort, die ihre Gewissheiten in sich tragen, denen keiner ein X für ein U vormachen kann, ganz gleich, wie ihr Lebensweg von außen oder von oben gedeutet wird. Es ist dem Team um Katrin Rohnstock hoch anzurechnen, dass es quasi Namenlosen eine Stimme gibt, deren Äußerungen ebenso unkommentiert lässt und mit der gleichen Sorgfalt behandelt wie die von gut zahlenden Kunden des Unternehmens. Der Mut der Herausgeberin, die damit verbundenen wirtschaftlichen Risiken zu tragen, verdient Respekt. Allein dies würde schon die Empfehlung rechtfertigen: Unbedingt kaufen!

Es war seinerzeit ein geschichtlich wohl einmaliger Vorgang. Im Zuge der deutschen Einheit verloren vier Millionen Ostdeutsche ihren Arbeitsplatz. Das waren 40 Prozent aller Beschäftigten. Im Rausch von Wiedersehensfreude, Begrüßungsgeld, Bananen , Kurztrips nach Paris oder Venedig, im Stakkato des „Enthüllungsjournalismus“, dem Begleichen alter Rechnungen mit dem „Unrechtsstaat“ DDR und im mühsamen Zurechtfinden in einem gänzlich veränderten Alltag ging dieser Tatbestand in der Öffentlichkeit beinahe unter. Zumindest hat er nur selten Schlagzeilen gemacht wie etwa im Falle des Hungerstreiks der Kalikumpel von Bischofferode. Meist war jedoch schnell vom „Jammerossi“ die Rede, ein Wort, das jedem im Halse stecken bleiben müsste angesichts der realen Tatbestände. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn heute von den 40 Millionen Erwerbstätigen binnen kürzester Frist 16 Millionen arbeitslos würden. Als vor zwei Jahren 23.000 Mitarbeiterinnen bei Schlecker gekündigt wurde, war das wochenlang ein beherrschendes Thema in den Medien. Die ganze Republik nahm Anteil. Nicht so im Falle Ostdeutschlands, über das in der ersten Hälfte der 90er Jahre eine unvergleichlich größere Entlassungswelle hinwegfegte.

Das war kein Naturereignis, kein Tsunami, sondern ein von Menschen gemachtes, sogar eines, für das die Ostdeutschen selbst die Weichen gestellt hatten. Schließlich hatten sie sich in Wahlen frei entschieden und damit ihre Volksvertreter legitimiert, den Beitritt des Landes zur Bundesrepublik Deutschland in die Wege zu leiten. Was dies für die Wirtschaft bedeutete, war abzusehen. Die Ökonomie folgte nun einer anderen Logik, nicht weil Schurken am Werke waren, sondern weil sich die Wirkungsmacht des Kapitals ganz elementar durchsetzte.

Freilich konnte keiner der Protagonisten des Bandes anfangs so nüchtern auf die Vorgänge schauen, war er doch selbst davon betroffen. Niemand wird abgeklärt reagieren, wenn er verliert, was ihm das Auskommen sichert, seinem Leben Stabilität und Sinn verleiht. Vor allem dann nicht, wenn er diese Erfahrung zum ersten Mal macht. Nach über vier Jahrzehnten Vollbeschäftigung war Arbeitslosigkeit bestenfalls eine ferne Erinnerung der Großeltern, ein Phänomen, das es anderswo noch gab, das aber im eigenen Land undenkbar war. Plötzlich zu erleben, wie mit der Arbeit nicht nur das Einkommen schwindet, sondern vieles von dem, was sonst noch überlebenswichtig ist: die Wertschätzung der eigenen Leistung sowie die teils losen, teils engen Bindungen an die Kollegen, die über lange Zeit gewachsene Vertrautheit im Umgang. Wem solche sozialen Kontakte fehlen, wer nicht in diesen Spiegel schauen kann, weiß bald nicht mehr, wer er ist, was er möchte, wohin die Reise gehen soll. Nicht zu vergessen, aber ganz lebenspraktisch: Der Betrieb sicherte nicht nur Arbeit, Einkommen und Kommunikation, er bot soziale Einrichtungen und Dienstleistungen aller Art – für Wohnraum, Versorgung und Verkehr, für Freizeit und Erholung, für Bildung und Gesundheit, für Sport und Kultur, für Kinder und Senioren. In dieser Hinsicht waren in der DDR frühe deutsche Unternehmenstraditionen fortgesetzt, ausgebaut und sogar noch auf die nichtindustriellen Bereiche ausgedehnt worden. All dies galt als selbstverständlich, wurde zum Nulltarif oder gegen einen geringen Obolus in Anspruch genommen. Kurz – mit der Arbeit war es wie mit der Gesundheit. Erst wenn man sie verliert, spürt man ihren Wert.

In der vorliegenden Anthologie beeindrucken besonders die Lebensgeschichten der Frauen. Berufstätigkeit war für sie das Normalste der Welt, selbst mit drei Kindern, zur Not auch ohne Mann. Normal auch, dass sie jede sich bietende Gelegenheit zum beruflichen Fortkommen nutzten, wobei ihnen die jeweiligen Betriebe weit entgegenkamen. Egal ob als Möbelbauerin, Lehrmeisterin im Heizgerätewerk, als Kindergärtnerin, Straßenbahnfahrerin, Diplomingenieurin, TV-Programmdirektorin oder als Sekretärin – sie erschlossen sich Handlungsräume, die in der Generation ihrer Mütter und Großmütter noch undenkbar gewesen wären. Nur die Straßenbahnfahrerin überstand die Wende in ihrem Beruf, allerdings unter erschwerten Bedingungen. Die in der DDR gewährten Sonderarbeitszeiten für Mütter entfielen fortan. Und sie war nun die Alleinverdienerin der Familie, ein Muss, das sie mit anderen Frauen des Bandes teilte. Die übrigen Protagonistinnen erlebten zunächst die damals üblichen Demütigungen: Aberkennung der erreichten Abschlüsse, Herabstufung auf den Status von Berufsanfängern, drastische „Verjüngung“ durch Entzug von Dienstalter-Zulagen, fragwürdige „Anpassungsfortbildungen“, die die Beschäftigten auf „Westniveau“ bringen sollten. Am Ende stand bei allen die Kündigung. Die Frauen – ein Leben lang gewohnt, zu arbeiten und dabei auch mit schwierigen Situationen umzugehen - reagierten überwiegend pragmatisch. Sie suchten und fanden andere Tätigkeitsfelder, erlernten mitunter völlig neue Berufe oder wechselten ohne mit der Wimper zu zucken vom Büro des Generaldirektors an die nächstgelegene Tankstelle. „Erste und letzte Arbeitstage, Ende und Neuanfang gehören für mich inzwischen zum Alltag“(S. 239), resümierte eine von ihnen.

Für Männer sah die Situation offenbar anders aus. Zwar war die Aufstiegsmobilität ähnlich hoch wie bei den Frauen – vom „Wolfskind“ und Analphabeten zum Ingenieur und Schichtleiter, vom Schlosser zum Produktionsdirektor, vom Techniker zum Werkleiter – um nur einige zu nennen. Doch waren die Reaktionen auf den Verlust der Arbeit wesentlich breiter gefächert. Offenbar war das männliche Selbstverständnis noch stärker als das der Frauen an ihren speziellen Berufsstolz und das damit einhergehende Statusbewusstsein gebunden. So war es für den Leiter eines Kulturhauses undenkbar, nach der Wende in dieser Einrichtung zu kellnern. „Vom Herrn des Hauses zum Laufburschen? Das wäre ein Absturz gewesen, den ich nicht verkraftet hätte.“(S. 40) Ein studierter Maschinenbauer und Ökonom dagegen konnte sich durchaus damit arrangieren, künftig in Kneipen Süßwaren- und Kondomautomaten aufzustellen und zugleich Prostituierten heiße Tipps zu geben, wie sie billiger an ihre Arbeitsmittel kommen könnten. Anderen Männern gelang es, an ihr fachliches Wissen anzuknüpfen, damit unter den neuen Bedingungen eine vergleichbare Anstellung zu finden oder sich selbständig zu machen, jedenfalls eine erfolgreiche Nachwende-Karriere zu starten. Dabei gingen manche äußerst pfiffig zu Werke. Der Eine besann sich auf seinen Großvater, der seinerzeit zu den EDEKA-Gründern gehörte, der Nächste versuchte es auf gut Glück mit dem Telefonbuch usw. Das lässt sich hier gar nicht beschreiben, man muss es selbst lesen. Allerdings gab es unter den Männern auch etliche, die die ganze Wende nicht verstanden, an ihrer Situation verzweifelten, „nur noch heulen“ konnten, schwere gesundheitliche Probleme bekamen, froh waren, sich in den Vorruhestand oder in die Rente zu retten.

Repräsentativ sind die vorgestellten Lebenswege sicher nicht, auch deshalb nicht, weil sich die wirklich Gestrandeten nicht mehr zu Wort melden konnten. Aber es werden doch Sonden herabgelassen in einen sozialen Organismus, der sonst kaum zugänglich ist und der in den offiziellen Bekundungen keine Rolle spielt.

Der Soziologe Wolfgang Engler hat ein lesenswertes Nachwort angefügt, das den vielsagenden Titel trägt: Erinnerungen an die Zukunft. Darin erklärt er die starke Arbeitsorientierung der Ostdeutschen aus ihrer Herkunft und aus den Bedingungen, unter denen sie in der DDR lebten. Vor einem abschließenden Urteil über diese Vergangenheit hütet er sich, da sei alles im Fluss. Doch was sich heute schon sagen lässt und was sich in den Lebensberichten dieses Bandes zeigt: Das Arbeitsethos der Ostdeutschen ist ungebrochen, bestimmt eindeutig nicht nur die Perspektive auf frühere Zeiten, sondern auch die Sicht auf die Gegenwart und auf die Zukunft. Es wird sogar vererbt. Denn andere Erbschaften hat die Generation der Kinder und Enkel im Osten kaum zu erwarten – weder Kapital- und Grundbesitz, noch nennenswerte Ersparnisse. Welche Wege Menschen mit dieser Ausgangssituation und mit dieser Prägung finden, um unter Kapitalverhältnissen ein selbstbestimmtes Leben zu führen, bleibt abzuwarten. Zumindest haben viele Ostdeutsche inzwischen die Erfahrung gemacht, dass sie sich in zwei ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen bewegen und behaupten können. Sie haben beides ausprobiert – kein Vergleich.