KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 
über Ulrike Schulz:
Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856-1993
Isolde Dietrich
Keine Nebenbühne kommunistischer Diktaturforschung

Ulrike Schulz: Simson. Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856-1993. Wallstein Verlag Göttingen 2013. 463 S., 39 Abb., geb. Ausg., ISBN 978-3-8353-1256-2. € 34,90.
Ostdeutsche Leser werden sich beim Stichwort Simson sofort an die legendäre AWO erinnern oder an die Schwalbe, ein Moped aus der „Vogelserie“ des Suhler Fahrzeugherstellers, das inzwischen Kultstatus genießt. Manchem Experten mögen auch die Suhler Jagdwaffen noch ein Begriff sein. Doch kaum jemand wird damit den Namen einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie verbinden, die das Unternehmen vor über 150 Jahren gründete. Lediglich in Suhl und Umgebung dürfte dies noch bekannt sein. Denn dort hält sich hartnäckig das Gerücht, die Erben der ursprünglichen Eigentümer seien nach dem Kriege bzw. nach dem Ende der DDR doppelt und dreifach entschädigt worden. Vor dem Hintergrund der Enteignung eines ganzen Volkes konnten möglicherweise anti-jüdische Ressentiments wieder aufleben. Vor allem wird die Auffassung eine Rolle gespielt haben, dass das Unternehmen als Rüstungsproduzent an zwei Weltkriegen kräftig verdient habe und aus diesem Grunde kein Anlass für eine „Wiedergutmachung“ bestünde. Die Historikerin Ulrike Schulz recherchierte die Vorgänge und setzt ihre Sicht der Fakten dagegen. Dies ist jedoch nur eine der vielen Forschungsfragen, denen die Autorin in ihrer Dissertation bzw. im vorliegenden Band nachgegangen ist.

Beschrieben und analysiert wird der Werdegang des Unternehmens von den Anfängen bis zu seinem unrühmlichen Ende, das im Gefolge inkompetenter Entscheidungen der Treuhand eintrat, sich wohl aber auch ohne deren Zutun eingestellt hätte. In dieser Zeit lösten fünf politische Systeme einander ab, und es fanden vier Eigentümerwechsel statt, so dass die Autorin im Grunde fünf gesonderte Unternehmensgeschichten zu einer einzigen verdichtet hat. Das „unwahrscheinliche Überleben“, von dem im Untertitel die Rede ist, gründete sich auf den wirtschaftlichen Erfolg. Dieser wiederum habe nach Meinung der Verfasserin durch alle politischen, rechtlichen und institutionellen Wandlungen hindurch vor allem auf zwei Konstanten beruht: 1. auf einem gemischtgewerblichen Profil und 2. auf einer stabilen, gut ausgebildeten Stammbelegschaft. Erst als diese beiden Faktoren nicht mehr gegeben waren, hätte der Niedergang des Unternehmens eingesetzt.

Der Band besticht hinsichtlich seiner methodisch-theoretischen Stringenz sowie seines Quellenreichtums. Was die Arbeit über vergleichbare Abhandlungen ihrer Zunft erhebt, ist die sachliche, unideologische Perspektive der Autorin, vor allem ihr unbefangener Blick auf die Wirtschaftsgeschichte der DDR.

Eine umfassende Würdigung der Arbeit von Ulrike Schulz bleibt Ökonomen sowie Wirtschafts- und Unternehmenshistorikern vorbehalten. Sie können im Einzelnen ermessen, was die Untersuchung für ihre jeweiligen Disziplinen eingetragen hat. Hier soll es im Folgenden aber nicht um Details, sondern nur um die Gesamtanlage der Studie und ihren Platz in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung gehen.

Die Autorin hat die ostdeutschen Nachfolgefirmen des einst von den Simsons gegründeten, 1935 enteigneten und in eine NS-Parteistiftung überführten Unternehmens ganz selbstverständlich in ihre Untersuchung einbezogen und deren wirtschaftliches Agieren mit der gleichen Ernsthaftigkeit geprüft wie das ihrer Vorgänger. Schon dies allein zeugt von Mut und Neuerungswillen, steht sie doch mit diesem Ansinnen ziemlich allein da in der Wissenschaftslandschaft.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und Ordnungsprinzip ihres Materials sind die Eigentumsverhältnisse. Schulz versteht Eigentum hier nicht als juristische Kategorie, nicht als dingliches Herrschaftsrecht über bewegliche und unbewegliche Sachen. Für sie bezeichnet der Begriff Eigentum ein Regelwerk sozialer Beziehungen, das die Gesamtheit der Verfügungs- und Handlungsrechte in Unternehmen umfasst und immer von neuem zu vereinbaren ist. Sie unterscheidet dabei die Akteure der Kapitalseite und die der Betriebsseite. Während die Eigentümer und Kapitalgeber mit Verfügungsrechten ausgestattet seien und nominell die zentralen Kontrollpositionen besetzten, agierten auf der Betriebsseite, auf der Ebene der eigentlichen Produktion unterschiedliche Kräfte, die lediglich Handlungsrechte innehätten, aber außerordentlich mächtig sein könnten. Auf Grund seines Informationsvorsprungs besäße die stärksten Handlungsrechte das mittlere Management, doch auch Meister und Facharbeiter gehörten dazu, alle, die die operative Tätigkeit des Betriebes zu sichern hätten.

In der Studie werden zwei Ziele bzw. Stränge durchgängig verfolgt: 1. Die Akteure mit Eigentumsrechten auf der Kapital- und auf der Betriebsseite während der viermaligen Eigentümerwechsel zu identifizieren und zuzuordnen. 2. Die jeweiligen ökonomischen Handlungslogiken der Akteure aufzuzeigen und den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu analysieren. Wie verwickelt diese Aufgabe ist, lässt sich daran ermessen, dass der einstige Familienbetrieb bald aus dieser Rechtsform herauswuchs und verschiedene, quasi „eigentümerlose“ Stadien durchlief. Am erstaunlichsten ist, dass es der Autorin gelingt, ihr Konzept auf eine derart sperrige Kategorie wie das „Volkseigentum“ anzuwenden. Zumindest versucht sie ein Modell zu entwickeln, aus dem hervorgeht, wem welche Eigentümerfunktionen jeweils zugekommen sind.

Dieser Ansatz ermöglicht eine Analyse, „ohne den historisch geprägten Werturteilen über die Verfasstheit eines Wirtschaftssystems oder politisch festgelegten Regeln der Eigentumsordnung folgen zu müssen.“ (S. 430) Die unterschiedlichen Gestalten des Simson-Werkes nach 1945 erscheinen bei diesem Herangehen nicht als Irrweg oder Ausnahme, sondern als „normale“ Ausformungen innerhalb einer Vielzahl möglicher Unternehmenstypen. Das gelte für den Betrieb als Bestandteil der Sowjetischen Aktiengesellschaft Avtovelo (seinerzeit Awtowelo, daher der Name für das AWO-Motorrad) ebenso wie für den VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl und den VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk im IFA Kombinat für Zweiradfahrzeuge. Im Grunde kehrt die Autorin damit zu einer Ausgangsbasis zurück, die vor 1989 im Westen weit verbreitet war. Die DDR wurde als europäischer Industriestaat eigener Art angesehen, dessen politisches System eine alternative Ordnung darstellte und mit dem man intensive Geschäftsbeziehungen unterhielt. Das hat sich erst in der Rückschau gewandelt und zu jenem Bild vom Unrechtsstaat mit maroder Kommando-Wirtschaft verfestigt, das viele Wirtschaftshistoriker davon abhält, sich diesem Gegenstand überhaupt zuzuwenden.

Was die Urteile der Forschung über das innere Funktionieren der DDR-Wirtschaft angeht, so mahnt Ulrike Schulz Korrekturen an. Um festzustellen, ob Betriebsleiter rational und im Sinne der ökonomischen Stabilität ihrer Betriebe wirtschafteten, seien zunächst einmal die institutionellen Rahmenbedingungen anzuerkennen, mit denen sie umzugehen hatten. „Entsprechend sind die Leistungsfähigkeit und Probleme eines DDR-Betriebes nicht in Relation zu Produzenten anderer ordnungspolitischer Konstellationen zu beurteilen, sondern unter den gegebenen Bedingungen.“ (S. 340 f.)

Die Studien zum Suhler DDR-Werk hätten große unternehmerische Initiative und reelle Handlungsspielräume zutage gefördert. Bei „Simson“ hätte kaum jemand ein Blatt vor den Mund genommen, Betriebsleiter hätten sich Respekt, Handlungsoptionen und Macht verschafft, sich auch gegen Weisungen „von oben“ durchgesetzt. Die konkreten und verifizierten Machtbeziehungen zwischen den Akteuren seien eine völlig unterbelichtete Komponente bei der Analyse der sozialistischen Planwirtschaft. Die strategische Allianz zwischen Industrieministerium und Betrieb habe zum Beispiel einen machtvollen und operativ handlungsfähigen Akteur entstehen lassen, der kaum im Bewusstsein sei, geschweige denn wissenschaftlich abgebildet worden wäre. (An dieser Stelle sei hinzugefügt, dass quasi der Dritte im Bunde die entsprechende Fachabteilung im ZK der SED war, die – ausschließlich mit Spezialisten aus der Branche besetzt – übrigens ein reichhaltiges und auch zugängliches Schrifttum hinterlassen hat, eine Fundgrube für jeden Wirtschaftshistoriker.)

Dabei habe es keine zentrale, streng hierarchische Verteilung der Machtbefugnisse von oben nach unten gegeben. So habe sich etwa der Absatzleiter von Simson Suhl bei der Bildung des Kombinats für Zweiradfahrzeuge gegen übergeordnete Absichten und Beschlüsse behauptet, und der Generaldirektor von Carl Zeiss Jena habe kurzerhand erklären können: „In Jena bin ick det Zentralkomitee!“, worauf Ulrike Schulz an anderer Stelle verweist (Die Berliner Literaturkritik, 04.12.2006). Generell habe sich mit der Kombinatsbildung die Unternehmerfunktion auf die Zusammenarbeit von Industrieminister und Kombinatsdirektor verschoben. Ein Generaldirektor habe außerordentlich umfangreiche Dispositionsrechte besessen. Nahezu das gesamte Industriepotenzial der DDR habe in der Hand von 133 Generaldirektoren gelegen, die nach dem Prinzip der Einzelleitung auch voll verantwortlich gewesen seien. Sie hafteten zwar nicht mit ihrem persönlichen Eigentum für wirtschaftliche Misserfolge wie etwa Planrückstände. Doch Sanktionen wurden durchaus verhängt. Dies geschah vor allem durch Abberufungen und Versetzungen. Der starken Rechtsposition der Generaldirektoren und den damit verbundenen umfangreichen Handlungsoptionen habe allerdings ein Regulativ gegenübergestanden. Gleichzeitig mit deren Macht seien die Kontrollbefugnisse anderer Institutionen ausgeweitet worden, was den Verwaltungsapparat ausdehnte und zu Eingriffen von Gremien führte, die an den eigentlichen ökonomischen Transaktionen gar nicht beteiligt waren.

Die vorgelegte Studie kann sicher – neben einigen wenigen anderen – nur ein Anfang sein, die gedankliche Engführung zu verlassen, das Wirtschaftshandeln in der DDR vor allem auf seine Strukturfehler hin zu untersuchen. Die Autorin verweist darauf, dass der historischen Forschung grundlegendes empirisches Wissen über die Leistungsfähigkeit von DDR-Betrieben fehle. In einem Vortrag an der Universität Mannheim sprach sie im September 2012 direkt von der „ungeschriebenen Geschichte ostdeutscher Unternehmen und deren Implikationen für die Wirtschaftsgeschichte der DDR“. An dieser Stelle ließe sich ergänzen: und deren Implikationen für die Wirtschaftsgeschichte Deutschlands, hat die Autorin doch schlüssig vorgeführt, auf welchem Pfad ostdeutsche Betriebe deutsche Industrietraditionen aus der Zeit von vor 1945 fortsetzten.

Im Einzelnen lägen noch immer völlig im Dunkeln die innere Funktionsweise der Planverhandlungen, die Kommunikation und die Machtverhältnisse, die Netzwerke, die Zulieferbeziehungen, die Verbreitung von technologischem Wissen und vieles andere. Stattdessen dominierten bis heute die „Darstellungen über Sozial- und Kulturpolitik in den Betrieben als einer Nebenbühne der kommunistischen Diktaturforschung“ (S. 427). Nebenbei bemerkt: Hier fällt eine seltsame Analogie ins Auge. Die DDR-Betriebsgeschichte gehörte seinerzeit inhaltlich und auch ihrer institutionellen Anbindung nach zur so genannten Geschichte der Arbeiterbewegung. Betriebswirtschaftliche und technische Fragen wurden nicht oder nur am Rande behandelt. In gewisser Weise tritt die Diktaturforschung nun dieses Erbe an. Wenn sie sich der ostdeutschen Unternehmen annimmt, prägen ebenso politisch und ideologisch geformte Denkfiguren den Horizont.

Ulrike Schulz hat nahezu ausschließlich schriftliche Quellen herangezogen. Noch lebende Akteure sind von ihr nur in wenigen Ausnahmefällen befragt worden. Da sich der Untersuchungszeitraum auf anderthalb Jahrhunderte erstreckte, erscheint dies auch gerechtfertigt. Es würde aber lohnen, die Ergebnisse dieser Untersuchung mit den Auskünften von DDR-Wirtschaftsführern abzugleichen. Umgekehrt wäre es wünschenswert, Letztere mit den von der Autorin ermittelten Befunden vertraut zu machen, werden viele von ihnen doch nach wie vor in der Öffentlichkeit auf eine Weise wahrgenommen, als hätten sie sich etwas zuschulden kommen lassen oder wären schlichtweg Versager gewesen. Ulrike Schulz singt kein überschwängliches Hohelied auf die ostdeutschen Industriekapitäne, aber sie benennt klar die ihnen zugewiesenen Berechtigungen und Pflichten, die enorme Verantwortung, die sie innerhalb bestimmter Handlungsspielräume trugen. Wenn die Betriebe als die tragende Säule der DDR-Volkswirtschaft jahrzehntelang für die Stabilität des Landes sorgten, dann sei das nicht zuletzt dem persönlichen Einsatz dieser Macher anzurechnen.

Sosehr diese Sicht der Dinge zu unterstützen ist – spätestens an dieser Stelle zeigen sich die Grenzen einer rein kaufmännischen Betrachtungsweise. Unternehmen bewegen sich immer im Spannungsfeld von Wirtschaft und Gesellschaft bzw. Politik. Wirtschaftlichen Erfolg an die möglichst geschmeidige Anpassung an politische, soziale, institutionelle und rechtliche Gegebenheiten zu binden, greift wohl zu kurz.

Die Arbeit von Ulrike Schulz ist 2012 mit dem Preis der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte ausgezeichnet worden. Vielleicht ist dies ein Signal für mehr Offenheit in der etablierten Wissenschaft – nicht nur in ihrem Verhältnis zur DDR-Wirtschaft, sondern generell. Denn nach Auffassung der Autorin befänden sich Unternehmen fortwährend in einem Transformationsprozess, hätten sich in höchst diversen institutionellen Umgebungen sowie unter verschiedenen politischen und rechtlichen Systemen zu behaupten. Um die dafür entscheidenden Faktoren zu erkennen, sei ein historisch geschulter Blick nötig. Umgekehrt lasse sich „aus der Geschichte kein Lösungsrezept für aktuelle Problemstellungen ableiten. Der Blick in die Geschichte kann nur der Orientierung dienen.“ (S. 432)