KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Renate Möhrmann:
Das böse Mädchen als ästhetische Figur
Volker Gransow
Femmes Fatales, Guerilla Girls und meuchelnde Monster
Renate Möhrmann (Hg.) : Das böse Mädchen als äthetische Figur, Rebellisch – verzweifelt – infam. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2012, 513 S. , br., 34.80 €, ISBN 13: 9783895288753.


Gute Mädchen kommen, einem oft bemühten Bonmot zufolge, in den Himmel. Böse Mädchen kommen aber überall hin. Sie sind also vermutlich die interessanteren. Diese Erwartung wird mit dem vorliegenden Sammelband mehr als erfüllt. Sie sind frech, aufmüpfig, grausam , gewalttätig , scheuen gelegentlich auch nicht vorm Mord zurück, wie wir schon im Klappentext erfahren. Sie treiben sich im Märchen, im Roman, in Drama, Film, TV und Oper herum.


Herausgeberin Renate Möhrmann – die „Nestorin der Frauenliteraturforschung“ - erscheint für dies Thema geeignet wie kaum jemand anders. Ist die renommierte Kulturwissenschaftlerin doch nicht nur bekannt durch Bücher wie „die andere Frau“ oder „die Mutter als ästhetische Figur“, sondern auch Autorin von Romanen wie „Melusine“ oder „die Frau die kocht“. Möhrmann fällt die „strikte geschlechtsspezifische Asymmetrie des Bösen“ ins Auge, „die das männliche und weibliche Fehlverhalten unterschiedlicher Bewertung aussetzt., festschreibt und zu polarisieren versucht“ (S.17). Das ändert sich erst in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts. Mit dem grundsätzlichen Zweifel an tradierten Geschlechterrollen entstehen neue Wahrnehmungsmuster, die auch das böse Mädchen in anderer Beleuchtung zeigen. Um die soll es hier gehen, allerdings wird kein universell gültiges Persönlichkeitsbild des fiktionalen bösen Mädchens angestrebt. Auch an das positive Hexenbild des modernen Feminismus wird nicht unbedingt angeknüpft.


Vor diesem Hintergrund werden dann verschiedensten Facetten des Themas in 25 Beiträgen aufgefächert. Horrorpapst Steven King etwa war völlig klar, dass er beim Verfassen von „Carrie“ (ein mißhandelter Teenager übt blutige Rache) 1973 realisierte, was “Womens' Lib“ bedeutetete – aber auch wieso dem Mädchen Menstruation als monströs erscheinen mußte . Ihre Mutter hatte sie nämlich von allen aufklärenden Infrmationen gezielt ferngehalten. In ihrer luziden Analyse der Blutsaugerin Sneewitchen und der apokalyptischen Teufelin Carrie schreibt Susanne Kord: „Was solche archetypischen Texte ausdrücken, indem sie Sneewitchen zur Vampirin erklären und Carrie zur blutbespritzten Massenmörderin ist – um mit Benjamin zu sprechen – dass der neugierige Charakter ein destruktiver Charakter ist (S. 100, vgl. Walter Benjamin: Der destruktive Charakter, in: Gesammelte Schriften, Frankfurt 1972, Bd.IV.1, S.398).


Eine andere Seite der Kulturanalyse behandelt Hiltrud Gnüg. Sie diskutiert Colettes "Claudine a l'ecole“. Untertitel: „ein pikanter Schulmädchenreport aus bösem Mädchenblickwinkel“. Offenkundig sympathisiert Colette mit der von ihr kreierten „mißratenen“ Schülerin, die mit frechen Repliken Lehrer auflaufen läßt, die füreinander liebesentflammte Lehrerinnen so bloßstellt wie den pflichtvergessenen lüsternen Arzt. Colette macht aus dem Schulmädchen „eine biestige Intrigantin, die libertine Neigungen ausspäht und aus den Schwächen und Lastern der anderen ihren voyeuristischen Genuss zieht“ (S.216).


Wohl nicht zufällig wird das Buch mit einen Beitrag zu den Guerilla Girls beendet. Franziska Schößler schildert eine Gruppe amerikanischer Künstlerinnen, die Kunst – Events spektakulär unterbrechen, um auf die Benachteiligung von Künstlerinnen in Museeen und Kunstmarkt hinzuweisen. Sie tun dies anonym, mit Affenmasken und einem sexy Outfit. Schößler notiert: „Die Maske assoziert und pervertiert … dasjenige haarige 'Monster', als das die Femme fatale,die phantasmatische Kehrseite der ohnmächtigen Frau , gemeinhin firmiert – diese wird vielfach mit üppigem schwarzen Haar als Zeichen ihrer unbändigen Animalität aus gestattet“ (S.493).


Insgesamt ist (unter Mitarbeit von Nadja Urbani) eine Art kulturwissenschaftliches Mosaik entstanden, empfehlenswert auch deshalb, weil hier mehrere Genres , unterschiedliche Zeiten und Räumen, und last but not least verschiedene Methoden versammelt sind. Einige Aufsätze wurden von Männern verfasst. Fast alle enthalten ausführliche weiterführende Anmerkungen. Mehrere Beiträge sind (z.T. In Farbe) illustriert. Der Rezensent würde sich freuen, wenn einmal etwas ähnliches in komparativer Perspektive probiert würde, z.B. „böse Mädchen – böse Buben“.