KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Horst Groschopp:
„Der ganze Mensch“. Die DDR und der Humanismus.
Isolde Dietrich
Schluß mit dem Humanismus?


Horst Groschopp: „Der ganze Mensch“. Die DDR und der Humanismus. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Tectum Verlag Marburg 2013, 559 S., br., ISBN 978-3-8288-3163-6. € 29,95.
„Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus“, soll der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke laut Stefan Wolle (Die heile Welt der Diktatur, Berlin 1998, S. 322) am 40. Jahrestag der DDR den Befehl untermauert haben, gegen oppositionelle Demonstranten mit aller Härte vorzugehen. Das war wohl das letzte Mal, dass ein Mitglied der Partei- und Staatsführung das Wort Humanismus in den Mund nahm. Über Jahrzehnte war dieser programmatische Begriff einer der Eckpfeiler im Gesellschaftskonzept und im Selbstverständnis der Weltanschauungspartei SED gewesen. Er fand sogar Eingang in die Verfassungen des ostdeutschen Staates. Auf welche geistigen Quellen er zurückging, welche Funktionen er hatte und welche Wandlungen er durchlief, ist Gegenstand des vorliegenden Titels.

Über die Hälfte des Bandes ist der Vorgeschichte der DDR gewidmet. Dabei wird bis in die frühen 30er Jahre zurückgegangen, in denen mit der Deutschen Ideologie und mit den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten die ersten marxistischen Schriften erschienen, die sich mit dem Wohlergehen der einzelnen Menschen, ihrer Bildungs- und Entwicklungsfähigkeit, ihren schöpferischen Kräften beschäftigten und das zum Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung machten. Die Tatsache, dass Marx in diesem Zusammenhang Kommunismus als Humanismus bezeichnete, prägte nach Groschopp eine Generation von Lehrern und Schülern der Berliner Marxistischen Arbeiterschule (MASCH), die seinerzeit jene Texte studierten und anschließend im Exil sowie später in der SBZ und DDR an der politischen Konzeptionsbildung beteiligt waren. Zurückgegangen wird auch auf den Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris vom Juni 1935 sowie auf die weiteren bis 1939 darauf folgenden Volksfrontdebatten mit ihren je eigenen Humanismusdiskursen. Die gemeinsame Klammer dieser Erörterungen und Erfahrungen – humanistisches Gedankengut unterschiedlicher Couleur in kommunistischer Lesart – habe während des Krieges und nach Kriegsende zu den weltanschaulichen Grundlagen antifaschistischer Umerziehung und politischer Schulung in den Gefangenenlagern der Sowjets gehört. Es ist einer der Vorzüge des Bandes, dass der Autor durchgängig keine pauschalen Urteile abgibt, sondern alle Standpunkte konkreten Personen zuordnet, diese nicht nur zitiert, sondern nach Art eines biografischen Lexikons auch mit ihrem Werdegang und mit ihren wesentlichen Prägungen vorstellt. Das gilt ebenso für jene Abschnitte, die theologische und philosophische Hinwendungen zum Humanismus während der Exil- und Widerstandszeit skizzieren, die später in der SBZ und DDR kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Nach Kriegsende hätte die von Moskau in der SBZ eingesetzte deutsche kommunistische Führung vor einem schwierigen Legitimierungsproblem gestanden. Ihr sei die antifaschistische Gesinnung abgenommen worden, nicht aber ihr Einsatz für nationale Interessen. Sie habe als Handlanger der Besatzungsmacht gegolten. In dieser Situation sei ein Rückgriff auf humanistische Grundpositionen als einzige Möglichkeit erschienen, sozialdemokratische wie bürgerlich-demokratische Kräfte als Partner zu gewinnen und in den Neuaufbau einzubinden. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, wie heikel diese Taktik für die von den Sowjets Geschulten und Abgesandten war. Wäre in Deutschland seinerzeit das Ausmaß der Stalinschen Repressalien bekannt gewesen, hätte sich eine Berufung auf den Humanismus ad absurdum geführt. So aber gelang der politische Kompromiss, zumindest in Ostdeutschland. Der Band dokumentiert, welcher Stellenwert Humanismusdebatten bei der Vereinigung der Arbeiterparteien zur SED, im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und schließlich im Zusammenhang mit den Verfassungsdiskussionen zukam. Letztere hätten anfangs noch eine Konstitution für Gesamtdeutschland zum Ziel gehabt, beschränkten sich im Laufe der politischen Entwicklung aber nur noch auf die sowjetisch besetzte Zone. Im Ergebnis sei die Verfassung der DDR entstanden, die einzige der Welt, die – wie der Verfasser mehrfach hervorhebt – Humanität bzw. Humanismus in ihrem Wortlaut enthält. Dies sei auch bei den Verfassungsänderungen von 1968 und 1974 beibehalten worden. Ob ein derartiges Alleinstellungsmerkmal der DDR-Verfassungen so hoch zu veranschlagen ist, wie vom Autor angemerkt wird, muss dahingestellt bleiben. Mit welchen Begriffen Staatsziele und Grundrechte der Bürger formuliert werden, sagt relativ wenig über deren Verbindlichkeit und Wirkungsmacht aus.

In der zweiten Hälfte des Bandes eilt der Autor in einem rasanten Parforceritt durch 40 Jahre Kulturgeschichte der DDR. Nicht jeder Leser wird dieser Hetzjagd mit ihren mitunter recht forschen Ableitungen und saloppen Formulierungen folgen können, weil – wie der Autor selbst einräumt – sich viele Zusammenhänge hier nur holzschnittartig darstellen ließen. Dennoch wird sichtbar, dass sich das Auf und Ab ostdeutscher Kulturpolitik nicht allein aus politischen und wirtschaftlichen Zwängen, äußeren wie inneren, erklärt. Es bestimmte auch die geistige Ausstattung der jeweiligen Führungsriege darüber, ob Humanismus als rein ideologische Floskel, als eingreifendes, staatlich geplantes und geregeltes Erziehungsprogramm, als kritischer Impetus und Prüfstein jeglichen Handelns, als Sprache des Gewissens oder als zu vernachlässigendes, aus der Mode gekommenes Füllsel begriffen wurde.

Besonders nachvollziehbar wird dies in den Passagen, in denen der Autor die Ulbricht-Zeit bis 1971 analysiert, in der die DDR umfassend als Kulturstaat ausgebaut wurde. Hier sei es darum gegangen, Humanismus auch praktisch mit der sozialen Frage, mit der Arbeiterbewegung zu verbinden, was im Verständnis der damaligen Zeit bedeutete, allen gleiche Bildungschancen und Zugänge zur Kultur zu eröffnen. Es sei versucht worden, mit dem Ideal vom „ganzen Menschen“ ernst zu machen, es auch und gerade auf Arbeiter „anzuwenden“. Solche kulturellen Pionierleistungen seien in dem ärmeren, wirtschaftlich schwächeren Teil Deutschlands ein Vorgriff auf die kommunistische Zukunft gewesen. Walter Ulbricht hätte in diesem Punkt anspruchsvoll und grundsätzlich argumentiert. Für Arbeiter – bisher weitgehend ausgeschlossen von Bildung und Kultur – sei für ihn nur das Beste in Betracht gekommen: vor allem das Klassische. Ulbricht hätte sich „in der Rolle eines Vordenkers und Kulturmissionars“ (S. 318) gefühlt, was mehr oder weniger auch für die anderen Protagonisten der kultur- und bildungspolitischen Szene gegolten habe (Victor Klemperer, Heinrich Deiters, Johannes R. Becher, Alfred Kurella, Alexander Abusch, Anton Ackermann u. a.). Dem heutigen Zeitgenossen mögen manche der damaligen kulturellen Zielvorstellungen und Experimente seltsam und lebensfremd vorkommen. Es ist ein Verdienst des Autors, deren geistige Wurzeln und innere Logik bis ins Detail zurückzuverfolgen und mit dem Werdegang der einzelnen Akteure zu verknüpfen.

Die Crux all jener ehrenwerten Erziehungs- und Entfaltungskonzepte habe darin bestanden, dass sie entwickelt wurden für und „unter Berufung auf eine Arbeiterklasse, von der man kein wirkliches Bild hatte – 1933 nicht, nicht 1958 und nicht 1989“ (S. 127). Der ersten Generation kulturpolitisch Verantwortlicher, die um die Wende zum 20. Jahrhundert geboren wurde, teilweise Gymnasien und Universitäten absolviert hatte, mitunter in Kulturberufen tätig gewesen war oder sich in Bildungsvereinen Kultur angeeignet hatte, fehlte es nicht an kulturellem Rüstzeug. Im Unterschied zu vielen anderen Parteiarbeitern war sie frei von der Unsicherheit in „Gefühls- und Geschmackssachen“, als die Kulturfragen weithin angesehen wurden. Was ihr fehlte, war eine genaue Kenntnis des normalen ostdeutschen Arbeiteralltags. Bestenfalls war diese Generation mit dem proletarischen Milieu des Kaiserreichs und mit der Kampfkultur der Weimarer Zeit vertraut. Von der Arbeits- und Lebensweise der modernen großstädtischen Arbeiterschaft, wie sie sich in der 20er bis 40er Jahren in den industriellen Zentren herausgebildet hatte und wie sie nun auch in der DDR der Adressat war, hatte diese Generation (nach Groschopp auch die folgenden) keine klare Vorstellung. Die mit Massenproduktion, Massenkonsum und Massenkultur einhergehenden Wandlungen im Arbeiterleben hatten sich fernab von deren Erfahrungswelt vollzogen.

Einer so disponierten Arbeiterschaft nun alle Bildungswege und Kulturstätten zu öffnen, zeugte von Mut und Zuversicht. Sie aber im Namen des Humanismus für Volkstanz begeistern, zur Lektüre von Goethes „Faust“ animieren zu wollen oder gar zur eigenen Produktion in den traditionellen Künsten, das gehörte dann doch eher in den Bereich der rückwärtsgewandten Illusionen. Das Wunschbild von der führenden Arbeiterklasse, die selbstverständlich auch in der Kultur auf der Höhe der Zeit ist und die Zügel in der Hand hält, konnte mit dieser inhaltlichen Ausgestaltung vor der Realität nicht bestehen.

Verglichen mit der breiten und differenzierten Darstellung von Ulbrichts „Kultursozialismus“ fallen die knappen Passagen zu Honeckers „Konsumsozialismus“ im vorliegenden Band mager aus. Warum der Autor überhaupt auf diese zwar griffige, inzwischen auch gängige, aber dennoch zweifelhafte Formel zurückgreift, erschließt sich dem Leser nicht. Ulbricht und Honecker agierten zu unterschiedlichen Zeiten mit nicht vergleichbaren politischen und wirtschaftlichen Koordinaten. Es dürfte kaum in ihrem Ermessen gelegen haben, sich zugunsten von Kultur bzw. Konsum zu entscheiden. Sie auf eine Stufe zu stellen – was mit der Gegenüberstellung geschieht – ist schlicht unhistorisch. Sicher hofften beide, durch mehr Kultur bzw. mehr Konsum Antriebe für eine größere Leistungskraft der Gesamtgesellschaft freizusetzen. Darin erschöpfen sich aber auch die Gemeinsamkeiten, wenn man von der Erfolglosigkeit des jeweils eingeschlagenen Weges absieht. Außerdem liegt der Wendung vom Kultur- bzw. Konsumsozialismus ein eigenartiges Kulturverständnis zugrunde, das der Gesamtintention dieser Humanismus-Studien des Autors widerspricht.

Bleibt man bei der genannten Wortwahl, so wird der „Konsumsozialismus“ in seinem Verhältnis zum Humanismus (oder umgekehrt) auf relativ wenigen Seiten abgehandelt, was in einem gewissen Missverhältnis zur Dauer der Honecker-Ära steht. „Honecker war … das Gerede über Humanismus weitgehend egal“, heißt es lapidar auf S. 318. Das mag so sein. Gegenüber dem inflationären Gebrauch des Humanismus-Begriffs in den 50er Jahren und gegenüber dem letzten „großen Hurra“ des Humanismus in der DDR-Verfassung von 1968 seien die Debatten darüber in den 70er und 80er Jahren abgeebbt. Nur wissenschaftliche Tagungen von Spezialisten hätten sich noch damit beschäftigt. Ansonsten sei Humanismus überwiegend politisch instrumentalisiert worden, etwa um in der internationalen Arena nicht von Menschenwürde und Menschenrechten sprechen zu müssen.

Nach Auffassung des Autors seien die großen, an humanistischen Idealen orientierten kulturellen Ansprüche der Ulbricht-Zeit unter Honeckers „Konsumsozialismus“ sukzessive aufgegeben worden – „zugunsten einer pragmatischen Politik mit dem einzigen Ziel, die Bevölkerung bei guter Laune zu halten“ (S. 488). Als Beispiel wird die veränderte offizielle Haltung zum Alkohol angeführt. Unter Ulbricht war bekanntlich versucht worden, zur Mäßigung zu erziehen, Bier und Spirituosen von Kultureinrichtungen fernzuhalten. Unter Honecker hätten dagegen staatliche, betriebliche und gewerkschaftliche Kulturveranstaltungen mehr und mehr anstelle differenzierter und niveauvoller Inhalte eine allgemeine „alkoholgestützte Geselligkeit“ geboten.

Nicht aufgeworfen wird vom Autor die Frage, inwieweit Honeckers Gesamtpolitik humanistisch war. Der Verzicht auf den Begriff Humanismus sagt nichts über den Charakter gesellschaftlicher Orientierungen aus. Zutreffend ist sicher die Aussage, dass die DDR im Wettlauf mit der Bundesrepublik hinsichtlich der Befriedigung konsumtiver Bedürfnisse keine Chance hatte. Dennoch dürfte dem Eingehen auf solche ganz irdischen Wünsche ein humaner Wesenszug nicht abzusprechen sein. Das „Wohl des Volkes“ zum Kriterium politischen Handelns zu machen und dafür enorme, nicht verkraftbare wirtschaftliche Belastungen in Kauf zu nehmen, war gewiss unverantwortlich. Dennoch entsprang es – abgesehen von der Machtsicherung – einem menschendienlichen Anliegen. Die sozialpolitischen Maßnahmen – vom Wohnungsbau über Arbeitszeitverkürzung, Frauenförderung, Kinderbetreuung bis zu den Erholungsmöglichkeiten – waren wohl auch der Versuch, eine alte marxistische Forderung in die Tat umzusetzen: „… jedem den sozialen Raum für seine wesentliche Lebensäußerung (zu) geben. Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.“ (Friedrich Engels und Karl Marx: Die heilige Familie. In: MEW 2, S. 139). So gibt es durchaus Positionen, die die Meinung vertreten: Bei Ulbricht wurde über Humanismus geredet, bei Honecker wurde er praktiziert.

Etwas überraschend – nach der Feststellung, in den 70er und 80er Jahren sei das humanistische Ideal vom „ganzen Menschen“ aufgegeben worden zugunsten einer pragmatischen Gute-Laune-Politik - kommt der Autor gegen Ende des Buches zusammenfassend zu dem Fazit: „Die DDR war durchaus ein humanistisches Land“ (S.529). Dogmatismus und Machtpolitik hätten zwar Schranken gesetzt, die Ausbildung eines „Volkshumanismus“ aber nicht verhindert. Davon zeuge auch das friedliche Ende der DDR. „Das Regime und seine Gegner, beide haben auf Schusswaffen verzichtet und sind alles in allem human… miteinander umgegangen.“ (S. 524) An dieser Stelle ergeben sich zumindest Fragen: Ob das Ausbleiben von Gewalt nicht eher der allgemeinen Konfusion und Hilflosigkeit geschuldet war, denn einer humanistischen Gesinnung. Und ob das widerstandslose Überantworten des eigenen Volkes samt all seinen Besitzständen an das Kapital wirklich als humaner Akt gelten kann. Zuzustimmen ist dagegen dem Autor, wenn er einen allgemeinen Volkshumanismus konstatiert. Unbestritten ist der Zusammenhalt in der DDR-Bevölkerung, wo Gleichberechtigung, Solidarität, Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und auch Friedfertigkeit das Leben bestimmten. Ganz gleich, aus welcher Perspektive man das Ende der DDR betrachtet - offenbar war Erich Mielkes Erklärung am 40. Jahrestag der DDR: „Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus“ doch nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit.

Das Buch dürfte auch „in eigener Sache“ geschrieben worden sein. Der Autor hat als Kulturwissenschaftler, langjähriger Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Direktor der Humanistischen Akademie Berlin eine spezielle Sicht auf das Thema Humanismus. Während er in früheren Publikationen vor allem Humanismus als konfessionsfreie Weltanschauung begründete bzw. den humanistischen Gehalt nichtreligiöser Weltanschauungen herausstellte, überschreitet er in der vorliegenden Veröffentlichung die Perspektive seines Verbandes. Die Rückschau auf die ostdeutsche Geschichte ermöglicht ihm, stärker mit seinem Pfund als ausgewiesener Arbeiterkulturforscher zu wuchern und das Buch zu einem Bildungserlebnis für alle an der DDR-Kultur Interessierten zu machen. Darüber hinaus kann es in einer Zeit, in der Weltanschauung, Ideale, Moral usw. out sind, in der Bildung zunehmend marktkonform zu sein hat und in der Kultur als Freiraum und kritischer Stachel an vielen Stellen ums Überleben kämpft, die Selbstreflektion anregen, kann dazu ermutigen, die eigenen Werte und Lebensziele zu überdenken.