KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Klaus Lederer / Kasten Kampritz (Hg.) :
Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit
Volker Gransow
Der Freiheitsbegriff im Anarchismus und bei der Linken
Klaus Lederer / Karsten Kampritz (Hg.): Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit. Karin Kramer Verlag Berlin 2013, 250 S., br., 18.00 € , ISBN 978-3-87956-374-6.


Der Karin Kramer Verlag ist seit Jahrzehnten bewährter Publikationsort für anarchistische Texte von Bakunin und Kropotkin bis zu Landauer und Mühsam . Im Kontext der Linkspartei wurde er bisher weniger bis gar nicht wahrgenommen. Das könnte sich mit dem vorliegenden Sammelband ändern. Denn Mitherausgeber Klaus Lederer ist Landesvorsitzender der Partei „Die Linke“ in Berlin. Und nicht nur das. Es handelt sich um ein „Handbuch zur Freiheit“. Freiheit ist im Anarchismus wie im (Neo-) Liberalismus ein zentraler Wert, während bei Linken insgesamt wie wohl auch bei der Linkspartei im Dreiklang „Freiheit – Gleichheit – Solidarität“ vielleicht „soziale Gerechtigkeit“ etwas lauter als „Freiheit“ klingt.


Der Titel ist einem Song der West-Berliner Rockband „Ton Steine Scherben“ von 1972 entnommen: „Der lange Weg, der vor uns liegt, führt Schritt für Schritt ins Paradies“. Entsprechend ist die Gliederung. Einem ersten Abschnitt „Freiheit miteinander“ folgt „Schritt für Schritt“ und dann zum Schluß das „Paradies“. Dabei werden klassische Texte (Goldman, Hasek, Stirner, Traven) ebenso präsentiert wie ideengeschichtliche Skizzen (z.B. zu Luxemburg oder Proudhon) und aktuelle Essays („Barrierefreiheit im Bordell“). Programmatisch wirkt der Beitrag von Lederer , der (nicht nur ) unter Berufung auf Nancy Fraser, Karl Marx und Oscar Wilde für einen freiheitlichen Sozialismus plädiert, zunächst für „Erhaltung und Ausbau der Emanzipationsfortschritte innerhalb des Kapitalismus , für Räume gesellschaftlicher alternativer Innovation“ (S.31).


Besonders gelungem erscheint dem Rezensenten die Kombination von Tradition und heutiger Analyse bei Emma Goldman . Zunächst wird Goldmans „Das Tragische an der Emanzipation der Frau“ (1911) wiederabgedruckt. Zitat: „ Die größte Einschränkung erfährt die heutige Emanzipation durch ihr unnatürliche Steifheit und bornierte Anstandsregeln, die in der Seele der Frau eine Leere hervorrufen“ (S.152).Dem folgt ein bedenkenswerter Kommentar von Konstanze Kriese, der nicht nur biografische Basisinformationen zu dieser bedeutenden amerikanischen Anarchistin und Frauenrechtlerin vermittelt, sondern auch an Lothar Bisky erinnert, dem – unter Bezug auf Friedrich Engels – die positive Beziehung von Liberalismus und Sozialismus ein wichtiges Anliegen war (vgl. S.160).


Dies ist alllerdings nicht der einzige gelungene Beitrag . Alle 28 Texte sind lesenswert, können jedoch hier nicht einzeln referiert werden. Aufgefallen ist mir auch Daniel Loick. Der Frankfurter Philosoph grübelt über folgendes Thema nach: „You are not a loan. Zur Kritik der verschuldeten Subjektivität“. Seine Gedanken sind so aphoristisch-ironisch wie der Titel. Er referiert zunächst Nietzsche und Benjamin zum inneren Zusammenhang von Schuld und Schulden, danach Lazzarotes „Making of the Indebted Man“ und dann David Graebers „Schulden“ (einschließlich der Kritik von Ingo Stützle). Folgerichtig diskutiert Loick die Praxis der Verschuldung mit dem Hinweis auf jene US-PolizistInnen, die die Räumung der Häuser von verschuldeten Bewohnern verweigerten . Er argumentiert nicht nur für einen anarchistischen Ansatz jenseits von Abzahlung und Stundung , sondern für „den rigorosen Abbruch des Verschuldungszusammenhang insgesamt“ (S.87).


Laut Vorwort geht der Sammelband auf eine Initiative der Emanzipatorischen Linken zurück, eines Zusammenschlusses in und bei der Partei „Die Linke“ (vgl. S.10). Da wüßte zumindest der Rezensent gern mehr. Ein Personen- und Sachregister fehlt, desgleichen ein Literaturverzeichnis (allerdings gibt es Literaturhinweise in einem Teil der Beiträge). Das ist besonders ärgerlich angesichts der Vielzahl von Themen und Personen. Sehr viel wird angesprochen, manches angetippt. Zu Recht heisst es im Vorwort: „So verdient der etwa der Komplex 'Freiheit im Internet' eine eigene Publikation“ (S.10). Insgesamt stellt die informative und innovatorische Sammlung jedoch einen potenziellen Durchbruch gegenüber bornierten und dogmatischen Positionen nicht nur in der Linkspartei dar.