KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2003
über Uwe-Jens Heuer:
Im Streit. Ein Jurist in zwei deutschen Staaten
Volker Gransow
Erinnerungen eines sozialistischen Demokraten
Baden-Baden: Nomos Verlaggesellschaft 2002. 618 S.
Für exzellente westliche SED-Kenner wie Peter-Christian Ludz oder Hartmut Zimmermann war die Lektüre der Schriften dieses ostdeutschen Wirtschaftsjuristen in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts obligatorisch. Ludz rechnete Uwe-Jens Heuer zur “institutionalisierten Gegenelite” der DDR, Zimmermann verortete ihn als entschiedenen Reformer. Auch der zeitweilige Vorsitzende der maoistischen KPD Christian Semler verfolgte im Zuge seiner eigenen Wandlung zum Ökodemokraten Heuers Reformbestrebungen nicht ohne Sympathie. Dies Bild änderte sich wesentlich nach der “Wende” von 1989. Der einstige Reformer - jetzt Mitglied des Bundestages für die PDS - galt nun als “Betonkopf”, als Wortführer einer altstalinistischen Strömung. Seine Aktivitäten als Gründer eines “Marxistischen Forums” schienen den Eindruck des biographischen Bruchs noch zu verstärken. In den vorliegenden Erinnerungen versucht Heuer hingegen nicht ganz erfolglos die Kontinuität in seinem politischen und wissenschaftlichen Werdegang zu betonen.

In einer nicht weiter reflektierten Parallele zu den Memoiren Jürgen Kuczynskis konzentriert sich der Autor auf Politik und Wissenschaft. Privates kommt kaum vor, obwohl vermutlich die langjährige Lebensleistung seiner Ehefrau Karin Heuers öffentliches Auftreten zumindest teilweise erst ermöglichte Das ambitionierte Werk gliedert sich in drei Teile. Zunächst geht es um den “Rechtswissenschaftler in der DDR”, vom ersten Konflikt mit der SED - Spitze während der “Babelsberger Konferenz” 1958 über das “Neue Ökonomische System” (1963 - 1965 ) bis zur “Sackgasse” der moribunden Spät-DDR. Im zweiten Abschnitt berichtet der Verfasser von seiner Tätigkeit als “Seiteneinsteiger in der Politik” während und nach der deutschen Vereinigung. In der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR vertrat der Jurist den Wahlkreis Karl-Marx-Stadt. Im deutschen Bundestag stritt er von 1990 bis 1998 für die Rechte der Ostdeutschen. Er engagierte sich in Fragen der inneren Sicherheit und der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Zudem kämpfte Heuer in der PDS für die Legitimität von - aus seiner Sicht - marxistischen Positionen. Im dritten Teil des voluminösen Werkes sinniert der emeritierte Professor der Jurisprudenz über den Charakter der Epoche, über Wissenschaft, Politik, und Ideologie.

Seine kulturelle Entwicklung datiert er auf die Zeit nach 1945. Obwohl er aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus kam, war Hitlerjunge Heuer vor 1945 “glücklich... als ich bei einem Ausländer - ich glaube, es war Sven Hedin - bestätigt erhielt, daß Deutschland den Krieg nicht angefangen hatte” (S.19). Zur Lektüre des Knaben zählten neben Kipling und Mark Twain die Bücher von Felix Dahn, Mirko Jelusich und Hans Dominik - wohl typisch für die ganze Generation. Untypischer war die Verhaftung des Vaters durch die Gestapo im September 1944 und der Beitritt zur SED im West-Berliner Bezirk Wilmersdorf 1948, obwohl Heuer sich in seinem Tagebuch gefragt hatte: “ ob ich vielleicht gefühlsmäßig dem Kommunismus und Rußland zu scharf entgegen trete”? Für den damaligen Jurastudenten war klar: der deutsche Kommunismus “kettet seine Politik an eine auswärtige Macht “(S.23).

Desungeachtet wurde die SED dem Studenten von Kuczynski, Alfred Meusel und vor allem von Peter Alfons Steiniger rasch zur politischen Heimat. 1951 legte er das Staatsexamen mit einer Hausarbeit über die “internationale Bedeutung der Stalinschen Verfassung” und der Gesamtnote “gut” ab. Noch am Ende des gleichen Jahres erhielt er das Angebot, bei Steiniger als Aspirant zu arbeiten, in Heuers Worten “natürlich für einen Vierundzwanzigjährigen ein ungeheurer Anreiz, eine Perspektive als Lehrstuhlinhaber an der hauptstädtischen Universität zu haben” (S.33). Ganz so glatt verlief Heuers Karriere dann allerdings nicht. Auf der von Walter Ulbricht dominierten “Babelsberger Konferenz” 1958 wurde der inzwischen promovierte Rechtswissenschaftler wegen “Rechtsformalismus” angegriffen. “Eine Verteidigung war, wie der Verlauf zeigte, nicht möglich” (S.63). Es war aber auch Ulbricht, der später mit der Einführung des “Neuen Ökonomischen Systems” Heuer, nach einem Intermezzo am Staatlichen Vertragsgericht, dann Direktor des Ost-Berliner Instituts für Staatsrecht, den Anlaß bot, entschieden für die Interessen der Individuen, der Betriebe und eine Demokratisierung der DDR einzutreten. Seine Habilitationsschrift über Demokratie und Recht brachte Heuer die Aufmerksamkeit auch von westlichen Linken ein, darunter Elmar Altvater. Nach Ulbricht arbeitete Heuer zäh an diesen Themen weiter. Ausgerechnet 1989 legte er mit “Marxismus und Demokratie” in Anlehnung an Georg Lukács’ Schrift “Demokratisierung heute und morgen” ein Konzept für mehr Demokratie im Realsozialismus vor.

Der epochale Umbruch von 1989/1990 führte Heuer in die praktische Politik. Erst in der Volkskammer, dann im Bundestag war er unter ganz anderen Bedingungen wieder in der Minderheit. Sein Auftreten gegen ein seiner Meinung nach Ostdeutsche diskriminierendes Vermögens - und Rentenrecht “war schon durch die Stellung der PDS von geringem Ertrag” (S.8). Das Buch wird mit Überlegungen zur Epoche, zu Recht und Ideologie abgeschlossen. Als Vertreter eines weiten Ideologiebegriffs stimmt der einst vom SED-Ideologen Erich Hahn gebeutelte Denker nun seinem früheren Kritiker zu. Der Gründer des “Marxistischen Forums” in der PDS meint: “Die sozialistische Linke wird nicht ohne Ideologie auskommen” (S.576). Dies ist durchaus als Angriff zu verstehen gegen “diejenigen, die in der PDS der Ideologie- und (Theorie-)abstinenz das Wort reden” (S.577).

Uwe-Jens Heuers Erinnerungen sind flüssig geschrieben, aber schlampig lektoriert. Zahlreiche Fehlschreibungen wie zum Beispiel “Oellssner” (S.31), “preußisches... LAndrecht” (S.39 u.ö.), und “Ullbricht” (S.57) müßten nicht sein. Inhaltlich erstaunt, daß heute noch eine Soziologin in der Tradition der Kritischen Theorie wie Sigrid Meuschel pauschal dem “Gegner” als einer Art ideellem Gesamtstaatsmonopolkapitalisten zugerechnet wird (S.102). Trotzdem ist das materialreiche Buch ein notwendiger Beitrag zur deutschen Zeitgeschichte. Heuer kokettiert immer wieder sowohl mit seiner eigenen Naivität als auch mit seiner Intellektualität. Der Rezensent kann diesen Charme eines noch immer jungenhaften sozialistischen Ideologen nach eigenen Erfahrungen auf dem Fußboden der Orangerie in Versailles (1985) und auf einem Floß im Whitton Pond in New Hampshire/USA (1990) bestätigen.