KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Peter M. Kaiser:
Mut zum Bekenntnis. Die geheimen Tagebücher des Hauptmanns Hermann Kaiser 1941/1943
Volker Gransow
Integraler Konservatismus - bis zur Roten Kapelle?
Tagebücher eines Teilnehmers am deutschen Widerstand.
Rezension zu Peter M. Kaiser (Hg.): Mut zum Bekenntnis. Die geheimen Tagebücher des Hauptmanns Hermann Kaiser 1941/1943. Lukas Verlag . Berlin. 2010. Gb. , 712 S., € 34,80


„Vaterlandsverräter“ waren die Hitler-Attentäter des 20.7.44 für viele Deutsche bis in die 70er Jahre, „preußische Reaktionäre“ für andere. Der Studienrat und Hauptmann der Reserve Hermann Kaiser war nach Ansicht des NS-Juristen Roland Freisler „auf derselben Dienststelle wie der meuchelmörderische Verräter Klaus Graf Stauffenberg. Goerdeler weihte ihn schon früh in seine uns wie dem gesamten Volk bekannten Verratspläne ein. Kaiser führte darüber Tagebuch; und dieses Tagebuch demaskiert ihn vollkommen“ (S.11). So begründete Freisler das Todesurteil für Hermann Kaiser am 17. Januar 1945. Es wurde kurz danach vollstreckt.


Bis zur Veröffentlichung dieses Tagebuchs sollte es noch mehr als 65 Jahre dauern. Der Neffe Hermann Kaisers und Sohn seines Mitstreiters und Bruders Ludwig Kaiser veröffentlicht hier die erhaltenen Fragmente in einer wissenschaftlichen Edition, die der Forschung nicht nur auf dem Gebiet der Zeitgeschichte, sondern auch der Kulturgeschichte und Kultursoziologie neue Perspektiven eröffnen kann, obwohl das Buch bereits 2010 erschienen ist. Es handelt sich vor allem um Notizen aus den Jahren 1941 und 1943. Es geht um militärische Details , aber auch um das Networking im Widerstand bei den Vorbereitungen zum Militärputsch, der dann am 20. Juli 1944 tragisch scheiterte. Also kein „Journal intime“, im Gegenteil sind zB Namen oft verschlüsselt. Der Herausgeber hat sich der Mühe der Entschlüsselung unterzogen: „So heißt z.B. Graf Helldorf im Tagebuch 'Dunkelstadt', Graf Waldersee 'Wiesenmeer' und Prof. Sauerbruch 'Süßknecht' ...“(S.39).


Hermann Kaiser, der in den Natur- und Kulturwissenschaften gleichermaßen bewandert war, schrieb dies Tagebuch im Oberkommando der Wehrmacht in der Berliner Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße). Trotzdem oder deswegen ging es ihm nicht nur um die Beschleunigung des geplanten Staatsstreichs, sondern auch um Aspekte der zivilen Resistenz angesichts der inneren und äußeren Belastungen. Dabei lassen sich Kaisers konservative und christlich-protestantische Überzeugungen klar erkennen. Dennoch sind die differentia specifica des Kampfes gegen die Nazidiktatur für Hermann Kaiser wie auch für seinen Bruder und Mitverschwörer Ludwig Kaiser nicht parteipolitisch oder rein ideologisch . So setzte sich Ludwig Kaiser für den Romanisten und Kommunisten Werner Krauss ein (vgl.S.50). Der Inhalt des Tagebuchs kreist wenig überraschend um .die Kriegslag e 1941 bzw. 1943 . Frühe Attentatspläne lassen sich anhand der Notate genauer rekonstruieren. Gelegentliche Alltagsbeobachtungen erlauben Rückschlüsse: „Wir kommen nicht zum Weintrinken“ (S. 613). Zur Nazi-Ideologie meint Hermann Kaiser: „ Es handelt sich überhaupt nicht um einen Geisteskampf, sondern um Gewaltakte von Verbrechern“ (S.292).


Inhaltlich liesse sich eine Debatte über einen „integralen Konservatismus“ jenseits der etwas sterilen Vorstellung vom „Strukturkonservatismus“ denken.Neben dem Text der Tagebücher enthält das Buch ein Literaturverzeichnis, ein Personenregister, ein fotografisches Lebensbild sowie , ein Geleitwort des Potsdamer Historikers Bernhard R. Kroemer sowie eine instruktive Einleitung des Herausgebers Peter M. Kaiser. Ein Sachregister sollte bei einer wünschenswerten Zweitauflage hinzugefügt werden.