KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Christiane Rösinger:
Liebe wird oft überbewertet. Ein Sachbuch.
Volker Gransow
Überbewertet. Liebe im Sachbuch
Die Kritik der romantischen Zweierbeziehung scheint selbst kritikwürdig zu sein.
Rösinger, Christiane: Liebe wird oft überbewertet. Ein Sachbuch. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012,208 S., br. , ISBN 978-3-10-092946-4. € 13,99.




Heterosexuelle romantische Zweierbeziehungen (RZB) gelingen erstaunlich oft. Manchmal allerdings auch nicht. Es beginnt dann eine Phase der Reflektion, die zu einer neuen Beziehung welcher Art auch immer oder zu einem Dasein als Single führen kann. Auf Menschen in dieser Lebensphase zielt das vorliegende Buch, vom Marketing her gut geplant und von der Autorin nun schon in der zweiten Auflage vorgelegt. Das ernste Thema – bereits als Song ein Dauerhit bei Youtube – wird heiter-ironisch präsentiert und damit leicht verfremdet. Aber sind die Behauptungen von Christiane Rösinger mehr als kurzfristiger Trost für frustierte Beziehungsgeschädigte? Bietet ihr Plädoyer für die Single – Existenz eine echte Perspektive? Oder wird die Berliner Schlagersängerin als Buchautorin überbewertet?


Die „bedeutendste lebende Songschreiberin Deutschlands“ (Klappentext) hat der geographischen und klimatischen Situation dieses Landes entsprechend eine Gliederung in vier Jahreszeiten gewählt. Ort der Handlung ist die Hauptstadt Berlin, Protagonist ist anfangs der bereits verstorbene Eisbär Knut. Mit ihm beginnt der an ein Tagebuch erinnernde Text im Winter. Die Boulevard-Humanisierung des Bären dient Christiane Rösinger als Indiz fürs Mißlingen der RZB. „Das Pärchen an sich ist eigentlich eine ganz niedrige Lebensform und steht in der Artentabelle nur knapp über dem Einzeller oder dem Pantoffeltierchen“ (S.21).


In diesem Stil geht es im Frühling um gewichtige Themen wie „Liebe und Kapitalismus“. Für Frau Rösinger ist die Vampirbeziehung eine Ausgangspunkt. Der Erfolg von Vampirgeschichten (etwa denen der mormonischen „Twilight“-Autorin Stephanie Meyer ) wird Rösinger zufolge mit dem „Triebstau“ einer Generation erklärt, „die ihr Dating ins Internet verlagert hat“ (S.50). Das allein reicht freilich nicht. Auch ein Vampir ist etwas zum Füttern und Beschützen. Und wie beim Pferd bleibt fiktional die Enttäuschung des Beziehungsalltags aus. Im Vergleich zu realen bindungsunwilligen Männern scheint sogar die von Selbstzweifeln zerfressene Figur des Werwolfs attraktiv.


Der Sommer ist der „Chemie der Liebe“ gewidmet. Fröhlich diskutiert Rösinger die Chemie (Oxytocin – Hormone) der monogamen Präriewühlmaus und der polygamen Bergwühlmaus, der wohl eher die Smpathien der Autorin gehören könnten . Im Herbst sind Bindungstypen und Bindungstheorien das Thema. Liebe wird als „Erfindung des 18. Jahrhunderts“ abgehandelt, Typen und Theorien werden locker dekonstruiert. Schließlich kommt in bestem Denglisch das Summary: „Whatever works“: „Vielleicht ist die Polyamorie der Ausweg aus der Pärchenmisere?“ (S.198). Diese Frage beantwortet Christiane Rösinger eher skeptisch. Sie ist für ein reflektiertes Singledasein : „Wer sich aus alldem raushält und und allein lebt , braucht aber nicht auf ein reges Gefühlsleben verzichten“ (S.199). So werden wir sprachlich wie inhaltlich etwas unbeholfen auf einen Gemeinplatz entlassen.


Understatements verdecken gelegentlich echte Schwachstellen. So tauchem im Teil „Liebe und Kapitalismus“ zwar Friedrich Engels, Herbert Marcuse, Karl Marx und Werner Sombart auf (übrigens recht salopp referiert, um es milde auszudrücken) . Im Literaturverzeichnis sind diese Kapitalismuskritiker allerdings nicht zu finden. Alles in allem: ein lustiger Ratgeber, der keine Perspektiven enthält . Gewiß kann die derzeitige Diskussion um die „Homo-Ehe“ oder die „mariage pour tous“ nach Ansicht des Rezensenten nicht das Ende der Debatte um Beziehungen „jenseits des Kapitalismus“ (Sering-Löwenthal) sein. Sollten Single-Existenzen vielleicht etwas Utopisches haben ? Wenn dem so wäre – dann wird das von Christiane Rösinger so nicht übermittelt. Wenn aber etwas anderes gemeint sein sollte (z.B. reflektiertes Lesbentum) – dann läßt sich das dem anscheinend an frustrierte Heteras und Heteros gerichteten Text leider nicht entnehmen.