KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Slavoj Zizek:
Totalitarismus. Fünf Interventionen zum Ge- oder Mißbrauch eines Begriffs.
Volker Gransow
Schwungvoll in offene Türen.
Žižek, Slavoj: Totalitarismus. Fünf Interventionen zum Ge- oder Mißbrauch eines Begriffs. Aus dem Englischen von Oliver Hörl. Laika Verlag, Hamburg 2012, 224 S., br., 21,00 Euro, ISBN 978-3-942281


Slavoj Žižek gilt vielen als gleichermaßen brillanter Philosoph wie Psychoanalytiker. Der kroatische Denker beschäftigt sich mit Hegel, Marx, Nietzsche, Heidegger, Lacan - aber auch etwa mit James Bond oder Dmitrij Schostakowitsch. Das vorliegende Buch ist nur auf deutsch neu. Das englische Original erschien 2001 bei Verso in London und wurde von Oliver Hörl übersetzt. Der Untertitel „Interventionen“ trifft ungefähr, worum es sich handelt: Versuche, Diskussionsbeiträge, Kommentare. Žižek meint einleitend, die „Erhöhung“ Hannah Arendts sei „womöglich das deutlichste Zeichen für die theoretische Niederlage der Linken – dafür, wie sie die Haupt-Koordinaten der liberalen Demokratie ('Demokratie' vs. 'Totalitarismus' etc.) übernommen hat und nun versucht, ihre (Op)Position innerhalb dieses Rahmens neu zu definieren“ (S.10). Es wäre schön gewesen, wenn dieser anregende Gedanke zum Werk Hannah Arendts und seiner Rezeption ausgeführt und überprüft worden wäre. Das ist leider nicht der Fall.

Stattdessen liefert der Autor Assoziationen zum Thema Totalitarismus-Theorien, das heißt im Kern einer Gleichsetzung von Stalinismus und Faschismus, die vor allem in den fünfziger Jahren in den USA als Teil des Antikommunismus hochpopulär war und nach dem Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus Ende des 20. Jahrhunderts noch einmal als Geschichtsdeutung wiederbelebt wurde. Diese mit Namen wie Hannah Arendt, Zbigniew Brzezinski, Carl J. Friedrich und Karl A. Wittfogel verbundenen Auffassungen interessieren den Verfasser allerdings nicht. Ihm geht es um fünf Aspekte:

Totalitarismus als fehlgeschlagene Moderne;
den Holocaust als ultimatives Verbrechen;
das Verhältnis von emanzipatorischen Projekten und Kontrolle;
der „postmodernen“ These von einem totalitären „Phallogozentrismus“;
den totalitären Charakter der Kulturwissenschaften.

Zunächst befaßt sich Žižek mit dem Mythos und seinen Wechselfällen. Ein Zitaten-Feuerwerk von Sophokles' Ödipus über Shakespeare und Freud bis hin zu Walter Benjamin führt zur Erkenntnis, dass sich für Jacques Lacan der „eindringende Vater“ in einer ausweglosen Situation befindet. Hier scheint der Zusammenhang mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts dem Rezensenten eher unerfindlich, während im zweiten Kapitel („Hitler als Ironiker“) das „teuflisch Böse“ am Holocaust mit guten Gründen bestritten wird. Hier hätte Arendts These von der „Banalität“ des Bösen ins Gespräch kommen können, widerspricht sie doch ernst genommen dem Gedanken von der totalitären Qualität des Nationalsozialismus/Faschismus. Dies geschieht allerdings nicht. Hingegen werden geschundene KZ-Häftlinge mit Angeklagten in stalinistischen Schauprozessen verglichen, die anders als manche NS-Opfer aktiv ihre Würde aufgeben mussten. Im dritten Kapitel geht es mit dem Stalinismus in seinen exzessiven wie strukturell stagnierenden Varianten weiter. Mit Georg Lukács plädiert der Autor hier für eine Berücksichtigung der materiellen Produktion. Angesichts der bis zum Versagen reichenden Probleme der „politischen Ökonomie des Sozialismus“ wirkt das wie ein schwungvolles Einrennen offener Türen.

Die letzte Frage des de-facto Sammelbandes lautet: „Sind Kulturwissenschaften wirklich totalitär?“ Wenn man einmal akzeptiert, dass „Cultural Studies“ mit „Kulturwissenschaften“ übersetzt wird, lautet die Antwort wenig überraschend: nein. Vielmehr handelt es sich Žižek zufolge beim Übergang von den britischen zu den amerikanischen „Cultural Studies“ (S.183) um den Wechsel von der Auseinandersetzung mit Arbeiterkultur zum „radical chic“ (ebenda).

Zum Abschluß erfahren „wir“, dass auch neuere Formen des totalitären Gespenstes (irre Diktatoren, neue Rechte, der digitale Große Bruder als „Millenium Bug“ - der Text ist halt schon älter) nicht so bedrohlich sind, sondern dass „wir“ nicht die totalitäre Bedrohung des Cyberspace beklagen sollten, sondern dessen emanzipatorisches Potential erkennen müssten. So entläßt der Essayist „uns“ am Ende einer „theoretischen Abenteuerreise“ (Klappentext) mehr oder minder fröhlich auf einen Allgemeinplatz. Damit soll nicht gesagt werden, dass das Buch nicht stellenweise anregend und unterhaltsam ist. Eine systematische Auseinandersetzung mit früheren oder heutigen Totalitarismus-Hypothesen ist es freilich nicht.