KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2013
über Kupferschmidt, Walter; Kluge, Paul-Dieter; Zellmer, Gernot [Hrsg.]: :
Hochschule für Ökonomie „Bruno Leuschner“ Berlin 1950 – 1991
Isolde Dietrich
DDR-Eliten waren „nicht die größten Knallköpfe“
1950 – 1991 Hochschule für Ökonomie „Bruno Leuschner“ Berlin: Leistungen und Defizite in Lehre und Forschung, persönliche Erfahrungen und Erinnerungen, Herausforderungen an die Wirtschaftswissenschaften. Zielona Góra 2012; 204 S., ISBN: 978-83-933068-1-7.

„Die DDR hat ja nicht die größten Knallköpfe als Eliten herangezogen. Das waren hochintelligente Leute, die qua Ausbildung und Leistungswille daran gewöhnt waren, in kürzester Zeit neues Wissen anzuhäufen.“ Mit diesen Worten, die auch im vorliegenden Band angeführt werden, zitierte die Zeitschrift Capital in Heft 11/2009 den Soziologen Heinrich Best, der seit über zwei Jahrzehnten das Verhalten ostdeutscher Führungseliten erforscht. Dieses Urteil, durch unzählige Evaluierungen bestätigt, änderte nichts daran, dass Zehntausende von Wissenschaftlern nach dem Ende der DDR ihre Anstellung verloren. Dazu gehörten auch alle Forschenden und Lehrenden, die an der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) in Berlin-Karlshorst beschäftigt waren. Zwölf von ihnen, allesamt gestandene Professoren, blicken im vorliegenden Band auf ihr Tun zurück. Sie ziehen noch einmal Bilanz und deuten an, in welche Richtung sich die Wirtschaftswissenschaften ihrer Meinung nach künftig zu entwickeln hätten.

Walter Kupferschmidt, Außenhandelsexperte, Generaldirektor, 1972-1979 Rektor der HfÖ, nimmt das 41 Jahre währende Wirken der Hochschule als Ganzes in den Blick. Er gibt eine Übersicht von den Anfängen mit 20 Mitarbeitern und 185 Studierenden bis zur Abwicklung der auch international renommierten Institution auf der Grundlage eines Gutachtens, das ein Schweizer Hochschulexperte (der Ausbildung nach Zoologe) erstellt hatte und das das allgemeine Verdikt von der ostdeutschen „Wissenschaftswüste“ bestätigte. Letztlich waren es aber politische, nicht wissenschaftliche oder finanzielle Gründe, die zur Auflösung führten. Das wissenschaftliche Potential hätte eine „Überführung“ der Hochschule in eine neue Rechtsform ermöglicht, und der Personalbestand hätte auf eine finanzierbare Größe reduziert werden können. Das hätte verlangt, die günstigen ostdeutschen Betreuungsrelationen aufzugeben (pro Mitarbeiter wurde im Westen die vierfache Studentenzahl ausgebildet), wäre aber möglich gewesen.

Einige Zehntausend Absolventen, 1800 Promovierte und über 300 Habilitierte mögen die Leistungsfähigkeit der Hochschule auf je eigene Weise beurteilen. Übereinstimmen dürften sie aber in einem: Verglichen mit der gegenwärtig rein ökonomistischen Ausbildung handelte es sich damals um ein ganzheitliches Studium mit gesellschaftlichem Bezug und mit sozialer Zielsetzung. Wenn Studierende heute in Eigenregie Pfarrer (!) engagieren müssen, um über ethische Implikationen wirtschaftlichen Handelns zu diskutieren (vgl. Süddeutsche.de vom 16.10.2012), dann ist das ein Armutszeugnis für eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung. Und ein Appell des Bundespräsidenten an die Manager, in der Wirtschaft mehr Anstand und Moral walten zu lassen, wirkt hilflos und lächerlich zugleich angesichts der Tatsache, dass die Verpflichtung, dem Allgemeinwohl zu dienen, hinlänglich im Grundgesetz und in den Landesverfassungen festgeschrieben ist.

Walter Becker, Wirtschaftshistoriker, einem breiteren Kreis bekannt geworden durch die DDR-Fernsehreihe „Das Verkehrsmagazin“, resümiert Lehre und Forschung am Institut für Wirtschaftsgeschichte. Hier waren vor allem Hans Mottek und seine Schüler prägend. Sie haben mit einer dreibändigen Wirtschaftsgeschichte Deutschlands ein Hochschullehrbuch vorgelegt, das die wirtschaftliche Entwicklung vom Neolithikum bis 1945 darstellte und zu einem Standardwerk in Ost und West wurde. Daneben haben zahlreiche Monographien aus diesem Institut weit über die eigene Disziplin und auch über die DDR hinaus gewirkt. Sie haben die wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Debatten jener Zeit angeregt.

Ekkehard Sachse, Arbeitsökonom mit vielfältigen Auslandserfahrungen, Spezialist für die japanische Wirtschaft, berichtet über die Ergebnisse arbeitswissenschaftlicher Untersuchungen an der HfÖ, d.h. über ein Forschungsfeld, in dem praktisch bei Null begonnen werden musste. Sachse gehörte in der DDR zu den ersten Wissenschaftlern, die auf die anstehende technische Revolution und auf veränderte Arbeitsanforderungen im Zuge der Automatisierung aufmerksam machten. Vor allem die Studien zum Wandel der Arbeit und der Reproduktion der Arbeitskraft waren richtungweisend für speziellere Untersuchungen zu Bildung und Qualifikation, Gesundheit, Freizeitverhalten usw., die auch außerhalb der Hochschule in Angriff genommen wurden.

Diethelm Hunstock, gelernter Bankkaufmann, studierter Finanzökonom, stellt dar, wie effektiv, aber auch wie defizitär die finanzökonomische Lehre und Forschung als eine Seite volkswirtschaftlichen Ausbildung waren. Die Rolle des Geldes und der Preise, Kreditpolitik und Valutabeziehungen gehörten zu den immer aufs Neue strittigen Fragen innerhalb der sozialistischen Planwirtschaft.

Paul-Dieter Kluge und ein Team von Mathematikern, Statistikern und Informatikern informieren über die Arbeit zu und mit quantitativen Methoden. Trotz zunehmender technischer Restriktionen hatten Forschung und Lehre auf diesen Gebieten einen Stand erreicht, der es Absolventen ermöglichte, nach dem Ende der DDR ihren beruflichen Werdegang unter gänzlich veränderten Bedingungen fortzusetzen.

Paul-Dieter Kluge und Gernot Zellmer, Wirtschaftsmathematiker bzw. –informatiker, leiten den zweiten Teil des Sammelbandes ein, in dem es nicht mehr um die Geschichte der Hochschule für Ökonomie geht, sondern um Erfahrungen nach deren Abwicklung. Beide Wissenschaftler waren viele Jahre gleichzeitig als Unternehmensberater und als Professoren an der Universität Zielona Góra tätig. Die Arbeit in der Wirtschaftspraxis sicherte den Lebensunterhalt, der vom Einkommen eines Hochschullehrers in Polen nicht bestritten werden konnte. Dafür ermöglichte die Lehrtätigkeit, weiterhin in die Forschung eingebunden zu sein und den Bologna-Prozess, d.h. die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulbetriebes als Akteure kritisch zu begleiten.

Heinz-Dieter Haustein, in den 60er und 70er Jahren an der HfÖ Lehrstuhlinhaber mit dem Fachgebiet Prognose und Planung von Wissenschaft und Technik, anschließend in der Forschung zum Innovationsmanagement tätig, geht in einem perspektivisch orientierten Beitrag auf die neuen globalen Herausforderungen ein. Anstehen würden Friedenssicherung, Reform der gesellschaftlichen Arbeit, Armutsbekämpfung, Umweltschutz und Erhaltung der überlieferten Kultur. Für viele dieser Aufgaben habe der gescheiterte Staatssozialismus Vorleistungen erbracht bzw. Modelle entwickelt. Es lohne, jene Erfahrungen aufzuarbeiten und bei der Suche nach einem tragfähigen gesellschaftlichen Entwicklungspfad einzubeziehen.

Christa Luft, Außenwirtschaftsökonomin, 1988-1990 Rektorin der HfÖ, Wirtschaftsministerin und Stellvertretende Ministerpräsidentin in der Modrow-Regierung, Abgeordnete der Volkskammer und des Bundestages, beschließt den Sammelband mit einem Überblick über die gegenwärtigen Wirtschaftstheorien. Im Grunde sei eine Situation entstanden, die der in der DDR verblüffend ähnlich sei: Während in den meisten sozialistischen Ländern der Marxismus als eine Art Katechismus gehandhabt worden sei, der andere Denkansätze nicht zuließ, beherrschten nun die neoklassische Schule sowie der sich darauf stützende Neoliberalismus das Feld. Aus dem Scheitern des Projekts Sozialismus sei der Schluss zu ziehen, dass die Zeit der „reinen“ Lehren vorüber sei, die sich am Ende zunehmend von der Realität abkoppelten und zu bloßem Legitimations- und Herrschaftswissen verkamen. Stattdessen habe man sich einzusetzen für Theoriepluralismus, ganzheitliches Denken und Bodenhaftung, für Nähe zu den Vorgängen der Realwirtschaft, um der Verantwortung in der Gesellschaft gerecht zu werden. Dem nach Verwertung strebenden Kapital seien aus dem Gemeinwohl abgeleitete soziale und ökologische Grenzen zu setzen. Unternehmerischer Tätigkeit seien ethische Maßstäbe abzufordern. Die Chancen für solch einen Paradigmenwechsel werden von Christa Luft allerdings skeptisch beurteilt. In der akademischen Landschaft seien Anzeichen dafür nicht erkennbar.

Offenbar gilt das „Reinheitsgebot“, das sonst nur für deutsche Biere bekannt ist, auch für deutsche Gedankengebäude und für die Gemeinschaft der Denker selbst. Die wissenschaftliche community ist eine geschlossene Gesellschaft. Das hat Tradition wegen der ständigen Selbstrekrutierung aus dem akademischen Milieu, vor allem aber seit der Ausgrenzung jüdischer, sozialdemokratischer, kommunistischer, „bürgerlicher“, nichtmarxistischer, „extremistischer“ und nun eben ostdeutscher Wissenschaftler. Letzteres dürfte vor allem eine soziale Ausgrenzung sein. Christa Luft beschreibt, wie ihr allein schon auf Grund ihrer Sprache der Zutritt zu bestimmten Diskussionen verwehrt wurde. Dennoch – sie hätte das Vokabular des ökonomischen Mainstreams verinnerlichen können, sich in Körpersprache, Kleidung, Stil, Verhalten völlig anpassen können – jede ihrer Lebensäußerungen wäre als befremdlich, nicht zugehörig, irgendwie „plebejisch“ angesehen worden. Schließlich war bekannt, dass sich die ersten beiden Generationen ostdeutscher Funktionseliten zu großen Teilen aus den im Westen so genannten Unterschichten rekrutierten und deren Interessen verpflichtet blieben. Solchen „Kadern“ konnte man bescheinigen, dass sie „nicht die größten Knallköpfe“ waren. An Universitäten und Hochschulen, in Spitzenpositionen von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien usw. hatten sie auf Grund ihrer Zielvorstellungen und ihrer ethischen Maßstäbe nichts zu suchen.

Dem Sammelband wäre eine größere Verbreitung zu wünschen. Nur wird das nicht geschehen, weil die Publikation nicht über den Buchhandel erhältlich ist. Ein Druck der Beiträge kam nur zustande dank der Unterstützung polnischer Kollegen an der Universität Zielona Góra, wo die abgewickelte HfÖ zeitweilig quasi eine Außenstelle unterhielt. Ein bescheidener Vertrieb wird privat über die Herausgeber organisiert. Interessenten finden den Titel aber in der Bibliothek der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin-Karlshorst.