KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2012
über :
Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben - Siedler Verlag, München 2012, 320 S. ISBN 3886809749, Euro 21,99
Volker Gransow
Erfolg ohne Wirkung? Kurt Tucholsky und seine Zeit
1951. Mitten im Kalten Krieg wird die Ost-Berliner Artilleriestraße in Tucholskystraße umbenannt. Ein Verdienst der SED-Kulturpolitik. Denn Kurt Tucholsky (1890-1935) war vielerlei, aber unter anderem ein Antimilitarist von Rang und ein preußischer Kritiker des Preußentums. Außerdem war der brillante Schriftsteller promovierter Jurist und pointensicherer Journalist, Erotomane voller Liebessehnsucht und Satiriker mit einem Hang zur Melancholie. Pseudonyme wie „Peter Panter“, „Theobald Tiger“ „Ignaz Wrobel“ oder „Kaspar Hauser“ dienten ihm genauso zum Spiel mit Identitäten wie die briefliche Anrede seiner Geliebten mit einem geradezu fritzischen „Er“.

All dies und mehr wird in der kürzlich erschienenen Biografie von Rolf Hosfeld genüsslich ausgebreitet. Das Buch beginnt nicht mit Geburt oder Elternhaus, sondern mit „Pimbusch“ - der „Claire“ aus Tucholskys 1912 publiziertem Capriccio „Rheinsberg“. Diese heitere Geschichte von Menschen im Sommer war ein Buch der Jugend ohne jenen bündischen Aufbruchswillen, der zwei Jahre später ziemlich viele junge Deutsche begeistert beim ersten Weltkrieg mittun ließ. Die reale „Claire Pimbusch“ hieß Else Weil, der Name war aus Heinrich Manns „Im Schlaraffenland“ entlehnt. Ein erster großer Bucherfolg für den dicklichen Berliner Jurastudenten von 22 Jahren.

Der Knabe aus gutbürgerlich–jüdischem Haus hatte die Schulzeit im wilhelminischen Berlin nur mühsam durchgestanden. Ohne Hilfe und Unterkunft in der Pension des Dr. Krassmöller in der Pariser Strasse hätte der talentierte junge Mann wahrscheinlich das Abitur nicht geschafft. Trotzdem oder deshalb erteilte stud. jur. Tucholsky selbst strengen Nachhilfeunterricht. Er „hasste das Preußentum“, zitiert Hosfeld Heinz Ullstein, „aber er war einer der preußischsten Preußen, die mir je begegnet sind“ (S.34). Ihm war Kadavergehorsam genauso zuwider wie Nichtskönnertum. Kein Wunder, dass der meist elegant gekleidete talentierte junge Mann 1913 Mitarbeiter von Siegfried Jacobsohns „Schaubühne“ wurde, die später als „Weltbühne“ die Quintessenz dessen darstellte, was Peter Gay „Weimar Culture“ genannt hat – also die Berliner Kultur der „roaring twenties“, die Kultur der Weimarer Republik, nicht die der Weimarer Klassik.

Nach der Zeit als Soldat im ersten Weltkrieg kamen (unterbrochen von einem kurzen schizophrenen patriotischen Zwischenspiel) die pazifistischen und antimilitaristischen Züge Tucholskys erst so richtig zum Vorschein. Das wurde noch deutlicher durch das Wüten der Freikorps. In der Erzählung des damals weithin unbekannten Franz Kafka über eine „Strafkolonie“ erkannte Tucholsky das Modell eines denkbaren Menschentyps der Zukunft (S.135). Am 13. März 1919 erschien in der „Weltbühne“ sein Grundsatzartikel „Wir Negativen“. Die zwanziger Jahre zeigen nicht nur den produktiven Journalisten, sondern desgleichen den Lyriker und den Chanson-Autor, übrigens auch den eifrigen Rezensenten. Räumlich wie politisch war der Dichter nicht festgelegt. Der gebürtige Berliner lebte zeitweilig in Paris und manchmal in der schwedischen Provinz. Er verstand sich als links, war dennoch von der Praxis sowohl der Sozialdemokraten wie der Kommunisten gelegentlich angewidert und trat keiner Partei bei. Trotzdem verfasste er Kampftexte für die Arbeiterbewegung und publizierte 1929 zusammen mit dem kommunistischen Mitbegründer der Fotomontage John Heartfield den sehr erfolgreichen Bildband „Deutschland, Deutschland über alles“.

Seine Beziehungen zu Frauen waren ebenfalls von Widersprüchen geprägt. Er konnte ziemlich verliebt sein und hat mit „Rheinsberg“ und später „Schloß Gripsholm“ zwei populäre Liebesgeschichten geschrieben. In der Realität war er so unentschlossen wie in einem seiner Lieder („Wir Männer aus Berlin und aus Neukölln / Wissen oft nicht so genau, was wir wölln“). Verhältnisse , Ehe und Affairen überschnitten sich. Seine Frauen wussten nicht immer voneinander. „Wirkliche Nähe kann er, in der Polyphonie seiner verschiedenen Charaktermasken gefangen, ohnehin nicht herstellen“ (S.207).

Die Niederlage der deutschen Demokratie ab Anfang der 30er Jahre nahm er persönlich, zumal er gesundheitlich angegriffen war. Er bemühte sich zwar aktiv um Unterstützung für seinen im Konzentrationslager befindlichen Freund und Weltbühnen-Herausgeber Carl von Ossietzky, schloss sich aber keiner Exilgruppe an und veröffentlichte nichts mehr. Er starb am 21. Dezember 1935 im schwedischen Exil. Todesursache war ein Mix aus Veronal und Alkohol. Es könnte Selbstmord gewesen sein. Die Tragik Tucholskys war, dass er nach eigener Einschätzung zwar ein Erfolgsschriftsteller war, aber offensichtlich nichts bewirken konnte. Im Klappentext heißt es: „Autoren wie er hätten Erfolg, aber keine Wirkung, schon gar nicht über den Tag hinaus, meinte Tucholsky – widerlegte diese These jedoch aufs Glänzendste durch sein Werk, das bis heute geliebt und gelesen wird.“

Die Lebensgeschichte des Kurt Tucholsky wird von Rolf Hosfeld opulent beschrieben – im ausführlich dargelegten zeitgeschichtlichen Kontext. Der Text zeugt von gründlicher Recherche und ist (wie heute bei Biografien üblich) mit zahlreichen Illustrationen versehen. Das Werk wird abgerundet durch eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis, und ein (leicht unvollständiges) Personenregister. Ein Sachregister fehlt. Leserin und Leser können sich über viele kluge Bemerkungen und schöne Anekdoten freuen. Der Rezensent fand allerdings seine Tucholsky-Lieblingssentenz hier nicht. Es geht um einen Satz zur unübertroffenen Buchgestaltung John Heartfields für den Malik-Verlag. Tucholsky schrieb: „Wenn ich nicht Peter Panter wäre, möchte ich Buchumschlag im Malik-Verlag sein. Dieser John Heartfield ist wirklich ein kleines Weltwunder“ (zitiert nach: Ulrich Faure, Im Knotenpunkt des Weltverkehrs. Herzfelde, Heartfield, Grosz und der Malik-Verlag 1916–1947, Berlin/Weimar 1992, S.306). Biograf Rolf Hosfeld ist ein Stilist sondergleichen. Er hat bereits für seine Karl-Marx-Biografie „Die Geister, die er rief“ den Preis „Das politische Buch des Jahres“ von der Friedrich–Ebert–Stiftung bekommen. Man darf gespannt sein, was er demnächst vorlegen wird.

Zitiervorschlag:
Volker Gransow, Rezension vom 03. 08. 2012 zu: Rolf Hosfeld, Tucholsky. Ein deutsches Leben, Siedler Verlag, München 2012, 320 Seiten. ISBN 978-3-88680-974-5. In: kulturation/Kritik; ISSN 1610-8329, http://www.kulturation.de/kulturation.php, Datum des Zugriffs 00.00.2000.