KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2012
über Martin Tröndle, Julia Warmers (Hg.):
Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, transcript Verlag Bielefeld, Dezember 2011, 392 Seiten, kart., zahlr. farb. Abb., 33,80 €, ISBN 978-3-8376-1688-0
Norbert Krenzlin
Was und wie und wann denn nun Artistic Research sein sollte
Das Buch enthält – nach „Vorwort“ und „Einleitung“ der beiden Herausgeber – vor allem Vorträge, die auf einer Arbeitstagung zum Thema „Artistic Research als ästhetische Wissenschaft?“ gehalten worden sind. Die Veranstaltung fand am 24. und 25. September 2010 in der Akademie Schloss Solitude (Stuttgart) statt. Die Akademie hat, wie ein Blick auf ihre jüngste Geschichte zeigt, nicht nur den Tagungsort gestellt, sondern auch das Programm der Tagung beeinflusst. Bereits im November 2004 stellte eine Evaluationskommission der Akademie fest:„Die Vernetzung zwischen den drei großen gesellschaftlichen Subsystemen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft ist eines der wichtigen Avantgarde-Themen der Gegenwart.“ Das daraus abgeleitete „Programm art, science & business verfolgt das Ziel, den Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern. Sie werden nicht als getrennte, sondern als komplementäre Aktivitäten verstanden, die dynamisch aufeinander einwirken und sich gegenseitig befruchten.“

Das vorliegende Buch engt das Thema auf das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft ein; aber nicht in dem Sinne, dass gefragt wird, was Wissenschaft zum Verständnis des Ensembles der Künste wie des einzelnen Kunstwerks beitragen kann, sondern umgekehrt: was Kunst, genauer gesagt, was ein einzelnes Kunstwerk beiläufig zur Entwicklung diverser Wissenschaften leistet. Die Crux: es könnte dies immer nur ein Fachwissenschaftlern zugängliches Wissen sein.

Das besprochene Buch engt das Thema nicht nur ein, sondern verdunkelt es: aus der Frage nach der Vernetzung von „Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft“ ist „Kunstforschung“ geworden – international etabliert als „artistic research“; aus der Kooperation von Kunst und Wissenschaft die „transdisziplinäre Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst“; ein Teil des Titels, der - wohl nicht zufällig - auf den Kopf gestellt worden ist.

 Kunstforschung 
„Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft“ – der Titel will als Programm verstanden werden: er unterstellt eine Situation, in der spezifisches „Wissen“ von Künstlern für nicht-künstlerische Zwecke genutzt werden kann; was, wenn man l´art pour l´art einmal ausnimmt, selbstverständlich ist. Alle Kunst wendet sich „nach außen“. Wem an dieser Stelle die Marseillaise einfällt, irrt. „Kunstforschung“ geht es nicht um die Wirkung von Kunst und schon gar nicht auf Massen, gar den Plebs! Hier ist die elitäre, nur Wissenschaftlern zugängliche Seite von Kunst gefragt. Und das hört sich dann so an: „Als Physikerin und Performerin untersucht … Lydia Schulze Heuling die Rolle des eigenen Körpers in Bezug auf die Wahrnehmung und damit auch künstlerische und wissenschaftliche Erkenntnispraktiken.“ Von den künstlerischen „Fertigkeiten“ - betreffend Auge, Ohr, Hand - ist keine Rede. Einem Ästhetiker könnte an dieser Stelle ein derbes vom Dramatiker Friedrich Wolf stammendes weiland geflügeltes Wort einfallen: „Kunst ist Waffe“. Aber das ist natürlich nicht gemeint. Bei Martin Tröndle geht’s friedlicher zu: künstlerische Arbeitsweisen werden mit wissenschaftlichen Kompetenzen „verwunden, um problemorientiert neues Wissen zu generieren“.

„Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft“, so der Titel des Buches. Was heißt das? Es heißt nicht: Erforschung, Untersuchung z.B. der Bildenden Kunst durch Kunstgeschichte und Ästhetik. Es unterstellt vielmehr der „Kunst“ – gewöhnlich ist damit die bildende Kunst (Malerei, Plastik, Grafik) gemeint und besser wäre es, wenn man alle im Auge hätte, vom System der Künste zu sprechen – Forschungscharakter, also Produktion von neuem Wissen. Das ist ein nobler Gedanke, der u. a. verständlich macht, weshalb Künstler nicht nur gefeiert werden, sondern mit ihren kritischen, anklägerischen Deutungen der Realität öfter noch angeeckt sind. Aber genau darum geht es bei Martin Tröndle nicht! Er hat die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch „Kunstforschung“ im Sinn! Und das ist, so es denn um Kunst geht, schlicht und ergreifend langweilig! En passant: wer von „Kunstforschung“ redet, sollte klar stellen, welche Sachen bzw. Sachverhalte der Begriff „Kunst“ bei ihm abdeckt.

Das Buch endet versöhnlich. Lesern, die partout nicht begreifen, was es mit „Artistic Research“ auf sich hat, springt ein Autor zur Seite.
Hagen Betzwieser, der bekennt (S.357):

„Nach langem Brüten über die aktuelle Debatte –
Was und wie und wann denn nun Artistic Research sein sollte,
oder wie am besten und wann und wie und von wem gemacht wird,
und was Erkenntnisgewinn ist und so weiter -,
und nachdem ich jetzt das x-te Buch dazu studiert und fast genauso viele
Vorträge dazu gehört habe, ist mir, glaube ich,
eine Sache klar geworden:

IM POST ARTISTIC
RESEARCH WIRD
ALLES BESSER."

Dem ist, vor allem wenn die Betonung auf „post“ liegt, der Spuk also vorbei ist, zuzustimmen. Ergänzt werden sollte es durch zwei weitere Überlegungen.

1.
Dieses Buch, das sich die Erläuterung der „transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst“ zur Aufgabe gemacht hat, ist zwangsläufig auf Methodologie fixiert. Das ist, insofern immer nur die Lippen gespitzt, selten gepfiffen wird, auf die Dauer (365 Seiten!) schwer erträglich. Die Herausgeber müssen es geahnt haben: anders sind ihre Spielereien mit Design und Satz kaum zu erklären: der Leser soll wenn es um Titel und Überschriften geht, ein bisschen aufatmen.

2.
Der zweite Einwand ist gravierender. Kunst auf ihre Eignung untersucht, Handlanger von Wissenschaft zu sein – in dem hier verhandelten engen Rahmen – ruft Widerwillen hervor. Zu sehr erinnert es an Kunst und Kunstpolitik totalitärer Staaten. Es ging und geht hier wie da nie um Kunst in ihrer ganzen Komplexität und Einmaligkeit, sondern um Kunst als Instrument: geistiger Indoktrination und – wenn möglich - Steigerung der Arbeitsproduktivität.


Text vom Rücktitel des Buches:

Kunstforschung, künstlerische Forschung oder kunstbasierte Forschung sind derzeit populäre Begriffe – spekuliert werden darf jedoch, was mit ihnen gemeint sei. Der Band konzipiert Kunstforschung als »ästhetische Wissenschaft«, als einen Prozess, der das spezifische Wissen und die Kompetenzen von Künstlern nutzt, um sie in anderen Kontexten als dem Kunstsystem zur Anwendung zu bringen: Künstlerische Kompetenzen und Arbeitsweisen werden mit wissenschaftlichen verwunden, um problemorientiert neues Wissen zu generieren.