KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2012
über Lars Bluma, Karsten Uhl (Hg.):

Kontrollierte Arbeit – disziplinierte Körper? Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Industriearbeit im 19. und 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript 2012, 431 S.
Isolde Dietrich
Die Geschichte der Arbeit noch einmal neu denken?
Der Sammelband enthält Beiträge einer Tagung, die unter dem Titel „Arbeit – Körper – Rationalisierung. Neue Perspektiven auf den Wandel industrieller Arbeitsplätze“ am 24. und 25. Februar 2011 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand.

Einleitend geben die Herausgeber einen Überblick über die Forschungssituation. Nach der Konjunktur der Arbeiter- und Industriegeschichte in den 1970er und 1980er Jahren, die seinerzeit die gesamte Geschichtswissenschaft belebte, habe das Thema offenbar an Reiz verloren. Die Innovationen von damals, etwa der Übergang von der Struktur- zur Alltagsgeschichte, würden von der jüngeren Wissenschaftlergeneration inzwischen als zum selbstverständlichen Inventar der historischen Disziplinen zugehörig begriffen. Damit werde operiert, und das habe in der Arbeits-, Technik-, Arbeiter- und Unternehmensgeschichte, in der Geschlechter- und Körpergeschichte zu erhellenden Studien geführt. Nun sei der Zeitpunkt gekommen, deren neue Fragestellungen und deren Anregungen zu integrieren, in einer konzeptionellen Klammer zusammenzubinden. Die erwähnte Tagung und der vorliegende Band verstanden sich als Schritt in diese Richtung, als „Versuch, die Geschichte der Arbeit noch einmal neu zu denken“, wie es in der Verlagsankündigung heißt.

Ein verbindendes Konzept könne noch nicht vorgelegt werden, doch hätten alle Beiträge der Veranstaltung im Werk von Michel Faucoult, vor allem in dessen „Geschichte der Gouvermentalität“ einen gemeinsamen Bezugspunkt gehabt. Inhaltlich habe man sich auf die historische Analyse des industriellen Arbeitsplatzes konzentriert, der gefasst werde als „komplexes Ensemble von Körpern, Maschinen und Arbeitsprozessen, welches neue Körper-, Raum- und Wissensordnungen produzierte“. Die Tagungsteilnehmer hätten diskutiert, wie innerhalb des industriellen Arbeitsregimes die soziale Kontrolle der Arbeiter und ihrer Körper organisiert wurde und welche Subjektivierungsmechanismen dabei in Gang gesetzt wurden.

Der Sammelband gliedert sich in vier Abschnitte. Der erste umfasst unter der Überschrift „Subjektivierung und Disziplinierung“ drei Beiträge. Lars Bluma und Dagmar Kift beziehen sich auf den Ruhrbergbau. Während Bluma versucht, das Foucaultsche Modell der „Biopolitik“ in eine Körpergeschichte der Bergarbeit(er) zwischen 1890 und 1980 umzusetzen, geht es Kift um die Heranbildung des Bergarbeiternachwuchses. Um die hohen Personalkosten zu senken („Die schaffende Menschenkraft bewirtschaften“), sei seit den 20er Jahren verstärkt in die industrielle Berufserziehung investiert worden. Dies sei gleichzeitig ein Programm der Disziplinierung, der Fürsorge und der Formung gewesen, das die Familienangehörigen einschloss und die Werksgemeinschaft als neues „Dispositiv“ der Arbeit zum Ziel hatte. Peter-Paul Bänziger schließlich weist nach, dass der Übergang zur Konsumgesellschaft in der Nachkriegszeit arbeitsorientierte Identifikationsangebote nicht aufgehoben, sondern nur ergänzt habe. In der Arbeit selbst wären an die Stelle repressiver Disziplinierungsmethoden zunehmend weichere Formen getreten.

Der zweite Abschnitt enthält vier Beiträge zum Thema „Risikoregulierung und Gesundheit“. Judith Rainhorn, Nina Kleinöder, Manuel Schramm und Beat Bächi untersuchen verschiedene Aspekte der industriellen Pathologie. Generell wird festgestellt, dass – von der französischen Farbenindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum west- und ostdeutschen Uranbergbau quer durch alle Industrien - das tatsächliche Arbeitsverhalten in der Regel nicht den Arbeitsschutzbestimmungen entsprach, wie die Statistik der Berufskrankheiten und Arbeitsunfälle ausweist. Die Vorschriften seien für Arbeiter lästig gewesen und darum umgangen worden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe sich im Zuge der Rationalisierung und Humanisierung der Arbeitswelt ein komplexeres Verständnis von Arbeitssicherheit durchgesetzt und dazu beigetragen, dass der gesunde Körper zunehmend als „elementares Kapital mit individuell existenzsichernder Funktion“ und als Reichtum begriffen wurde, wofür jeder auch selbst Verantwortung trage. Das entbinde Staat und Unternehmen nicht von der Pflicht, die Risiken durch entsprechende Prävention zu minimieren.

Ein dritter Abschnitt widmet sich Fragen der Arbeitsorganisation und der industriellen Ordnung. Dabei wird eine Verschiebung weg von der bloßen Disziplinierung hin zu einer Subjektivierung ausgemacht. Timo Luks untersucht das Ordnungs- und Kontrolldenken, das dem Industriebetrieb zugrunde lag und sich in einer bestimmten Raumordnung niederschlug. Die Anordnung und Verteilung im Raum schrieb die Bewegungsspielräume innerhalb der betrieblichen Umwelt vor und definierte den Rahmen, in dem ein Zugriff auf die arbeitenden Subjekte möglich war. Willemijne Linssen geht auf die Rolle der Ingenieure und deren Verständnis vom arbeitenden Menschen als einer „Maschine aus Fleisch und Blut“ ein – dargestellt am Beispiel des belgischen Bergbaus 1791-1865. Christine Schnaithmann befasst sich mit der amerikanischen Büroorganisation um 1920. Nur scheinbar sei das Büro nicht mit der Arbeitswelt Fabrik vergleichbar. Schnaithmann stellt zahlreiche Analogien fest und sieht in der taylorisierten Schreibtischarbeit einen Weg, durch Disziplinierung die Effizienz zu steigern. Sie lässt offen, in welche Richtung die weitere Entwicklung ging, welche Formen der Machtausübung sich durchsetzten bis zu dem Punkt, an dem jedermann sein Büro in der Jackentasche mit sich umherträgt oder in den eigenen vier Wänden installiert.

Der letzte Abschnitt steht unter der Überschrift: Rationalisierung abseits der Produktion: Die Betriebskantine. Karsten Uhl analysiert, welches Gewicht betrieblichen Kantinen und Speiseräumen im deutschen Rationalisierungsdiskurs zwischen 1880 und 1945 eingeräumt wurde. Der lange Zeit in der deutschen Industrie übliche zweigeteilte Arbeitstag, unterbrochen durch eine zweistündige Mittagspause, in der Arbeiter zu Hause aßen, wird nicht thematisiert. Erst die Einführung der durchgehenden „englischen“ Arbeitszeit rückte das Thema Kantinen auf die Tagesordnung, denn nur ausreichend genährte Arbeiter konnten die nötige Kraft und Leistungsbereitschaft aufbringen. Gleichzeitig wurden Kantinen als Kontroll- und Identifikationsräume gesehen, als Orte, auch das Pausenverhalten zu regulieren und zugleich das Gefühl zu vermitteln, innerhalb der Fabrik nicht nur als Arbeitskraft, sondern zugleich als Mensch zu gelten. Der abschließende Beitrag von Mark B. Cole unter dem Titel „Fort mit der Stullenwirtschaft“ widmet sich den nationalsozialistischen Bestrebungen, das warme Essen in der Betriebskantine als Norm durchzusetzen. 1938 begann das Amt „Schönheit der Arbeit“ eine entsprechende Kampagne. Arbeitern wurde direkt vorgerechnet, dass mitgebrachte Brote sie teurer zu stehen kommen als das subventionierte Mittagessen im Betrieb, das als Bestandteil des Lohnes anzusehen sei. Überdies seien „Stullen“ aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ungeeignet, die Arbeitsfähigkeit dauerhaft zu erhalten. Diese Kampagne war nicht nur ein Instrument der Machtausübung. Zugleich diente sie dazu, die Nachfrage nach begehrten, aber raren Nahrungsgütern umzulenken auf gerade verfügbare. Und sie bereitete vor auf die Kriegswirtschaft, in der Gemeinschaftsverpflegung auch aus anderen Gründen zwingend notwendig wurde. Während des Krieges hatten große Abteilungen der Industriearbeiterschaft – etwa Frauen und Zwangsarbeiter – kein familiäres Hinterland, in dem sich Angehörige um das leibliche Wohl der Beschäftigten kümmerten.

Die Lektüre des Bandes hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zuzustimmen ist sicher der These, die Geschichte der Arbeit stelle weiterhin ein „vitales, interdisziplinäres Forschungsfeld“ dar, „welches inhaltliche und methodische Impulse für die Sozial- und Kulturgeschichte geben kann. Dazu muss die Geschichte der Arbeit als historische Subdisziplin aber selbst die Bereitschaft aufbringen, sich von mancher kanonischer Gewissheit und methodischer Orthodoxie zu lösen.“ (S. 28) Die durchgängige Berufung aller Autoren auf Michel Foucault ist sicher geeignet, die schön geordnete Historikerzunft mit ihren möglicherweise starren Denklinien zu durchlüften und aufzumischen. Aber was bringt das ein? Worin liegt er Erkenntnisgewinn? Dass das „wissenschaftliche System zur Schweißauspressung“ (Lenin) auch progressive Seiten hat, viele historische Stadien durchläuft und zunehmend die Selbstoptimierung der Arbeitenden einschließt, wissen wir nicht erst seit Foucault. Und dass der Trend zur Subjektivierung sich nicht nur in Selbstbehauptung und Eigensinn (Alf Lüdtke), sondern vor allem in Selbstausbeutung zeigt, spürt jeder Arbeitende am eigenen Leibe.

Der Rezensentin als einer bekennenden Orthodoxen, die Wert legt auf eine stringente Begrifflichkeit, erschien das Jonglieren mit Foucaultschen Termini wie Regierung (im hier gemeinten Sinne von Gouvernementalität – einem durch Übersetzung entstandenen Wortungetüm, das beschreiben soll, wie die Lenkung der Individuen durch andere mit der Selbstführung verbunden wird), Dispositiv, Bio-Politik/Bio-Macht, Technologien des Selbs usw. gewollt und überflüssig. Man kann sicher lange über den „alten“ und „neuen“ Machtbegriff bei Foucault disputieren in Texten, in denen wirkliche Machtfragen gar nicht gestellt werden. Es mag eine Versuchung darin liegen, endlich ein Vokabular, ein Instrumentarium zu haben, das sich nicht nur auf psychiatrische Anstalten und Gefängnisse, sondern auch auf Fabriken anwenden lässt.

Foucault hat breite Resonanz in den Geistes- und Sozialwissenschaften gefunden. Das sagt vielleicht eher etwas aus über die gegenwärtige Situation in der Community als über die Leistungsfähigkeit seines Konzepts. Ob sich damit die Geschichte der Arbeit noch einmal neu denken lässt, wie die Autoren des vorliegenden Bandes meinen, bleibt offen. Über 400 Seiten im Gehäuse Foucaults erzeugten bei der Lektüre vor allem eines: Eine große Sehnsucht nach Max Weber und dessen ebenso schlichter wie weit gespannter Frage: Was für Menschen prägt die moderne Großindustrie… und welches berufliche (… und außerberufliche Schicksal bereitet sie ihnen? Mit solch einem Denkhorizont wäre nicht ausgespart geblieben, was sich hier als blinder Fleck der Veranstalter bzw. Herausgeber zeigt: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierten in Europa zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme. Es wäre für den Historiker aufschlussreich, die Länder des RGW mit immerhin 300 Millionen Einwohnern in die Untersuchung einzubeziehen. Gerade die Fragestellung der Tagung nach den Programmen und Strategien, die Arbeitenden zu einem bestimmten Handeln aufzufordern, zu bewegen, zu motivieren oder zu zwingen, drängt sich hier geradezu auf. Details sind bekannt, etwa welch seltsame Blüten der „Eigensinn“ der Werktätigen trieb, wie machtlos Disziplinar- und Kontrollinstanzen waren, aber auch welche Freiräume für Kreativität existierten. Eine Zusammenschau der Befunde steht noch aus, wäre aber ein unverzichtbarer Baustein einer Geschichte der Industriearbeit. Und eine zweite Leerstelle fällt auf. Die kulturellen Implikationen und Folgen industrieller Arbeit werden kaum thematisiert bzw. nur in einem sehr eingeschränkten Sinne. Auch in dieser Hinsicht bieten nach wie vor die „orthodoxen“ Herangehensweisen wesentlich sinnfälligere Anknüpfungspunkte.