KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2012
über Thomas Schaufuß:

Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR. Sozialtourismus im SED-Staat

(Zeitgeschichtliche Forschungen, Bd. 43), Duncker & Humblot, Berlin 2011, 469 S. ISBN 978-3-428-13621-6, 38,00 €
Gerlinde Irmscher
Zeitzeuge und Zeithistoriker? Doppelt hält nicht immer besser
Anzuzeigen ist eine Arbeit des „Gastronomiemanagers“ Thomas Schaufuß, Jahrgang 1949, der bereits als Endzwanziger gastronomischer Direktor eines prominenten FDGB-Erholungsheimes wurde und in dieser Eigenschaft in Fachkommissionen beim FDGB-Bundesvorstand mitarbeitete. Zehn Jahre später verließ er die DDR.

Dem Buch vorangestellt sind zwei Geleitworte, das eine aus der Feder der Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die kürzlich auch eine Lesung mit dem Autor veranstaltet hat, das andere von Klaus Schroeder. Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen. Lengsfeld unterliegt offensichtlich der Vorstellung, über die „politische Rolle des FDGB-Feriendienstes“ müsse auch politisch geredet werden. Das wirft die Frage auf, ob das vorliegende Buch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll oder eine Art Kampfschrift gegen die „ewiggestrigen Liebhaber“ der DDR (so Lengsfeld) darstellt. Schroeder zielt in eine ähnliche Richtung: „Die beispielhafte Darstellung der widersprüchlichen DDR-Urlaubswelt, geschrieben von einem Zeitzeugen und Zeithistoriker in Personalunion, deckt sich in vielen Aspekten nicht mit den Erinnerungen ostdeutscher Urlauber. Insofern ist die Studie von Schaufuß ein wichtiger Beitrag gegen pauschale nostalgische Verklärungen des SED-Staates.“ (S. XII)

Über das Verhältnis von Zeitzeugen und Historikern ist bekanntlich viel gewitzelt worden. Wenn sie zusammentreffen, fühlen sich auf der einen Seite die Zeitzeugen oft unverstanden, auf der anderen entgehen auch Wissenschaftler, die es eigentlich besser wissen müssten, nicht immer der Gefahr, Zeitzeugen jegliche Kompetenz zur Beurteilung des Selbsterlebten abzusprechen. Zeitzeuge und Zeithistoriker in Personalunion – das muss also nicht glücklich enden. Im Gegenteil besteht die Gefahr, mit sich selbst in einen Clinch zu geraten, so ist jedenfalls der allgemeine Eindruck nach der Lektüre des vorliegenden Buches.

Sieht Schroeder seine Vorzüge gerade in dieser Konstellation, in der Darstellung eines Mannes, der im untersuchten Feld selbst gearbeitet hat, ist es Lengsfeld darum zu tun, die „wissenschaftliche Gründlichkeit“ hervorzuheben, mit der Schaufuß vorgegangen sei (im Gegensatz etwa zum „Kopiermeister“ zu Guttenberg). Diese Beschwörung sollte einen Autor stutzig machen. Geradezu peinlich wird sie aber, wenn das Lob einer Untersuchung erteilt wird, die ein gründliches und fast enzyklopädisches Werk mit Schweigen übergeht, in dem längst dargelegt wurde, womit sich Schaufuß auseinandersetzt – Heike Wolters Dissertation zur Geschichte des Tourismus in der DDR. [Wolter, Heike: „Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd“: die Geschichte des Tourismus in der DDR, Frankfurt a. M./New York 2009 Im Übrigen hat geht Lengsfeld mit Fakten großzügig um, so wird bei ihr das Kreuzfahrtschiff „Arkona“ zur „Aurora“. (S. X) ]

Doch nicht nur das. Die in der Einleitung vorgenommene Darstellung des Forschungsstandes ist derartig einseitig, dass eine Erklärung schwer fällt. Nun, mag für Schaufuß auch der Forschungsverbund SED-Staat die „wichtigste Forschungseinrichtung zur DDR-Geschichte“ sein (der Name seines Wissenschaftlichen Leiters Klaus Schroeder ist mit „Schröder“ wiedergeben), so hätte doch das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam wenigstens eine Erwähnung verdient (S. 18). Ähnlich lückenhaft ist der Überblick über Untersuchungen zur „historischen Tourismusforschung“ und zum DDR-Tourismus. Der geadelte Hasso Spode (S. 19) wird zwar richtig erwähnt, jedoch nicht die inzwischen doch stattliche Zahl größerer und kleinerer Arbeiten zum Urlaubstourismus im Osten. [Neben Wolter und um nur die umfänglichsten zu nennen: Bähre, Heike: Tourismuspolitik in der Systemtransformation. Eine Untersuchung zum Reisen in der DDR und zum ostdeutschen Tourismus im Zeitraum 1980 bis 2000, Berlin 2003 (identisch mit dem Band I ihrer zweibändigen Dissertation) und Andreas Stirn: Traumschiffe des Sozialismus. Die Geschichte der DDR-Urlauberschiffe 1953-1990, Berlin 2010. Darüber hinaus sind in den einzelnen Jahrbüchern von „Voyage“ Aufsätze nahezu aller Doktoranden mit dem Thema DDR-Tourismus erschienen. ] Die Reflexion der Quellenlage verschweigt die Forschungsergebnisse des Instituts für Marktforschung Leipzig (IfM) und jugendsoziologische Arbeiten zum Tourismus. Das ist umso verwunderlicher, als im Folgenden aus Untersuchungen des IfM zitiert wird.

Die bisher angestellten Überlegungen begründen indirekt die etwas unübliche Form der Rezension. Statt Schritt für Schritt den Ergebnissen des Autors kritisch kommentierend nachzugehen, stellt sich im vorliegenden Fall die Frage nach dem Sinn einer solchen Vorgehensweise. Insgesamt sind drei große Abschnitte auszumachen. Im ersten bemüht sich Schaufuß um eine „Geschichte des FDGB-Feriendienstes“. Die bietet angesichts bereits vorliegender Arbeiten wenig neue Einblicke, auch nicht im Hinblick auf gesichtete Primärquellen, mit denen etwa Stirn fast im Übermaß gearbeitet hat. Das gilt auch für das etwas beliebig mit „Politik, Freizeit und Urlaub in der DDR“ überschriebene Kapitel. Einiges, wie etwa die Reisemöglichkeiten, wurde von Schaufuß selbst schon vorher angesprochen und ist redundant. Andere Themen wie das Freizeitverhalten der DDR-Bürger und soziale Distinktion im Urlaubsverhalten haben keine sinnvolle Funktion im Gesamtkonzept. Der Eindruck eines Nummernprogramms überwiegt.

Obwohl quantitativ nicht besonders hervorgehoben, ist der Autor als Zeitzeuge vor allem an zwei Aspekten interessiert: am Verhältnis von FDGB-Feriendienst und „KdF“ sowie am Einfluss der Staatssicherheit in den Ferienheimen. Der „KdF“ soll, so die Ankündigung, „heimliches Vorbild“ gewesen sein. Das klingt konspirativ, als habe man im FDGB bewusst, aber unausgesprochen, den Sozialtourismus des „KdF“ kopiert. Dafür gibt es jedoch keine Nachweise. Die Gegenüberstellung nach teilweise redundanten und nicht eingeführten Kriterien auf den Seiten 67-72 bietet weniger als das entsprechende Kapitel bei Stirn und belegt weniger die Potenzen als die Schwachstellen des Diktatur-Vergleichs.[Das gilt auch für die ungleich genauere Darstellung von Stirn. Sie ist nur möglich, wenn das historische Umfeld der Entwicklung von Freizeit und Tourismus im Europa der Zwischenkriegszeit wie auch die zeitgenössischen Diskurse in Westdeutschland völlig ausgeblendet werden. ]

Im abschließenden Kapitel, das dem „Fallbeispiel“ des FDGB-Ferienheimes „Am Fichtelberg“ gewidmet ist, in dem Schaufuß seinerzeit leitend tätig war, werden nicht nur die Erläuterungen aus dem Abschnitt „Überwachung und Kooperation mit der SED und Staatssicherheit“ konkretisiert. Hier ist dem Autor die persönliche Betroffenheit anzumerken. Wer jedoch insgesamt einen lebendigen Augenzeugenbericht erwartet hat, wird enttäuscht, auch wenn dieses Kapitel das zweifellos lesenswerteste des ganzen Buches ist. Die Diktion der Beschreibung ist „objektiv“, das heißt, der Zeitzeuge (fast) daraus verschwunden. Dabei wäre es durchaus legitim gewesen, sich als solcher einzuführen. Ohnehin wird in der ganzen Arbeit unterschwellig verdeutlicht, was den Autor außer den politischen Restriktionen besonders an der DDR genervt hat: die Ökonomie. Warum darüber nicht aus eigener Anschauung berichten? Oder einfach das Geschehen in einem FDGB-Ferienheim aus der Innenperspektive schildern, denn dazu gibt es, wie vor allem die dem Buch beigefügten Dokumente belegen, interessantes Material. [Der Anhang umfasst nahezu die Hälfte des Buches. ]

An dieser Stelle wäre auf das problematische Verhältnis von Historiker und Zeitzeuge zurückzukommen. Der Autor hat, um Wissenschaftlichkeit zu inszenieren, eine große Zahl von Sekundär- und Primärquellen genutzt, die jedoch letztlich nicht in ein einheitliches Konzept eingearbeitet wurden. So kommentiert er mal diesen, mal jenen Argumentationsstrang, durchsetzt von Fehlern, Widersprüchen und ideologischen Statements. Wird auf S. 25 behauptet, sozialdemokratische und Gewerkschaftstraditionen der Weimarer Republik und die sowjetische Vorbildwirkung hätten dazu geführt, dem FDGB die Verantwortung für den Sozialtourismus zu übertragen, so heißt es auf S. 27, der FDGB-Feriendienst habe „an sozialtouristische Konzepte der Vorkriegszeit, vor allem der Zeit des Dritten Reichs“ angeknüpft. Eine weitere für den Stil vorliegender Publikation bezeichnende Ungereimtheit findet sich auf S. 72. Dort heißt es, „Herr Stirn behauptet in seinen Ausführungen, dass die Idee der Nutzung von FDGB-Urlauberschiffen vom damaligen FDGB-Chef Warnke stammt, was ich meinerseits anzweifle.“ Im Abschnitt über die „Urlauberschiffe“ steht dagegen, ohne Bezug auf den Autor dieser Idee: „Der Chef des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes hatte 1953 eine erste Ideenskizze vorgelegt, die den Bau und Betrieb eines Kreuzfahrtschiffes für die Arbeiterklasse der DDR beinhaltete.“ (S. 142)

Das muss wohl als Zeichen von Überforderung angesichts des wissenschaftlichen Anspruchs gedeutet werden. [Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Hasso Spode in seiner Rezension in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 60 (2012), 2, S. 197-199. Ähnlich wie Spode habe ich auch mir sehr vertraut vorkommenden Textabschnitten nachgespürt, die Schaufuß in einigen Worten, aber in der Diktion unverändert übernommen hat, mit Hinweis auf die Autorin zwar, aber ohne Zitierung. ]

Thomas Schaufuß hat sich, so der Eindruck, bemüht zum Zeithistoriker zu werden, um sich kritisch mit dem Land auseinanderzusetzen, in dem er viele Jahre gelebt hat und von dem er bis heute nicht losgekommen ist. Sein Ziel der Selbstverständigung als Zeitzeuge mag er erreicht haben, eine wissenschaftlich überzeugende Arbeit ist ihm nicht gelungen.