KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2011
über Carola S. Rudnick:

Die andere Hälfte der Erinnerung.
Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989,
transcript Verlag Bielefeld 2011, 766 S.
Gerd Dietrich
War es eine "Revolution von oben"?
Natürlich steigen alle Rezensionen zu diesem Buch sofort auf die steile Schlussthese ein, dass die „friedliche Revolution“ in der DDR eigentlich die Merkmale einer „Revolution von oben“ erfülle. Dabei geht leider unter, dass es sich hier um die erste detaillierte und profunde, umfangreiche und quellenkritische Studie zur Analyse der erinnerungs- und geschichtspolitischen Diskurse und Entscheidungen zur SBZ/DDR-Vergangenheit handelt. Die Arbeit von Carola S. Rudnick entstand als Dissertation an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie konzentriert sich auf die politischen Auseinandersetzungen, auf das Regierungshandeln und auf die zivilgesellschaftliche Erinnerungsarbeit von 1989 bis 2009. Dabei werden die lokal- wie die bundespolitische Ebene betrachtet und das Hauptgewicht auf die Gedenkstättenpolitik gelegt.

Auf Bundesebene sind die beiden Enquetekommissionen, die Gedenkstättenförderung und der Versuch, einen Geschichtsverbund SED-Diktatur zu etablieren von zentraler Bedeutung. Für die jeweiligen Erinnerungsorte werden die historisch konkreten Bedingungen ihrer Entstehung, die politischen Zusammenhänge und die Auseinandersetzungen um die inhaltlichen , finanziellen, personellen und organisationspolitischen Ausrichtungen skizziert. Die materialreiche Darstellung der erinnerungspolitischen Diskurse beginnt mit der Gedenkstätte Bautzen, Erinnerungsort an die NS-Vergangenheit von 1933 bis 1945 und Haftanstalt in der SBZ/DDR von 1945 bis 1989. Es folgen die Gedenkstätte in Berlin- Hohenschönhausen, die „Runde Ecke“ Leipzig, die Normannenstraße in Berlin und die Orte der deutschen Teilung Marienborn und Berliner Mauer. Anhand zahlreicher Aktenfunde, Protokollmitschriften, Zeitzeugenaussagen, Dokumenten von Opferverbänden, wissenschaftlichen Publikationen und Dokumentationen werden die Entstehungsbedingungen dieser Gedenkstätten analysiert. Immer um Objektivität bemüht, zeichnet Carola S. Rudnik die Erinnerungs- und Gedenkstättenpolitik als einen widersprüchlichen und lang andauernden Prozess nach.

Während in den Jahren von 1990 bis 1992 vor allem Sofortmaßnahmen vor Ort die Vergangenheitspolitik dominierten, kam es zwischen 1992 und 1997 zu einem regelrechten Boom der Auseinandersetzung um das Erbe der DDR. Carola S. Rudnick stellt zum einen heraus, dass sich in diesem Rahmen die Bundesregierung erstmals überhaupt um die Gedenkstätten zur NS-Vergangenheit in den alten Bundesländern kümmerte. Hinsichtlich der Interpretation der DDR-Geschichte war zum anderen eine eher konservative und traditionell antikommunistische Sichtweise dominierend. Erst mit dem sich anbahnenden Regierungswechsel nach 1997 kam es zu einer differenzierteren Geschichtsbetrachtung und zu einem verstärkten staatlichen Engagement. Die konservative Delegitimierungsstrategie, die noch bis in die zweite Enquetekommission vorherrschend war, wurde durch einen „pluralistischen, integrativen und multiperspektivischen Blick auf die Geschichte entschärft.“ (S. 104) Als Ausdruck dieser Wandlung werden die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Gedenkstättenkonzeption von 1999 hervorgehoben. Womit auch die erinnerungskulturellen und bürgerschaftlichen Aufarbeitungsinitiativen anerkannt wurden. Allerdings kehrten mit der Regierungsbildung von 2005 und der ständigen Rede von den „beiden“ deutsche Diktaturen wieder undifferenzierte wie totalitarismustheoretische Auffassungen und Geschichtsbilder in den erinnerungspolitischen Diskurs zurück.

In drei Hauptkapiteln untersucht Carola S. Rudnick die geschichtspolitischen Maßgaben, die Widerstände und Konflikte sowie die Durchsetzung von bundespolitischen Grundsätzen für die genannten Erinnerungsorte nach einem klar strukturierten methodischen Konzept. Das betrifft erstens die Umwandlung von Haftanstalten in Gedenkstätten: Gezeigt wird, dass sich zunächst die im Westen lebenden ehemaligen Häftlinge in Bautzen auf Spurensuche nach Kameraden begaben, also vor allem Betroffene und Opfer tätig wurden. Damit kam es in der ersten Aufarbeitungsphase zu einer Vermischung von nationalsozialistischen, stalinistischen und staatssozialistischen Verbrechen. Carola S. Rudnick stellt Bezüge zum Historikerstreit her, in dem es ja auch um eine Vergleichgültigung von Unrecht im Holocaust und im Gulag gab. Erst mit Hilfe fachwissenschaftlicher und berufsständischer Kompetenz konnte ein tragfähiges und differenziertes Gedenkstättenkonzept entwickelt werden.

Es geht zweitens um den Streit über das Erbe des MfS: Die Umwandlung von einer Repressionsstätte in eine Gedenkstätte in Hohenschönhausen wird als besonders konfliktreich geschildert. Ausgehend von der Forderung des Kurt-Schumacher-Kreises, in Hohenschönhausen eine Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus zu errichten, hielt sich bei den Opferverbänden und vor allem auch bei dem Leiter der Gedenkstätte die Engführung der Erinnerung auf das Konzept einer „Topographie der zweiten deutschen Diktatur“ als Pendant zur NS-Gedenkstätte „Topographie des Terrors“. Es sei bisher nicht gelungen, schlussfolgert Carola S. Rudnick, in Hohenschönhausen eine parteipolitisch unabhängige und differenzierte Geschichtsaufarbeitung durchzusetzen. Mit der detaillierten Darstellung des Streites um das Erbe des MfS verfestigt sich bei der Autorin die Meinung, dass die Auflösung des MfS kein Akt der Selbstbefreiung durch die Bürgerbewegungen war, sondern eine staatlich gelenkte und geordnete Selbstauflösung. Dagegen und im Unterschied dazu würden die „Stasi-Auflöser“ in Leipzig und Berlin nach wie vor eine Deutungshoheit über diese Orte als Gedenkstätten der „friedlichen Revolution“ behaupten. Das von ihnen dominierte Geschichtsnarrativ bestimme auch die Sichtweise des gedenkstättenpolitischen Regierungshandeln.

Drittens behandelt Carola S. Rudnick die Konflikte bei der Einrichtung von Gedenkstätten zur deutschen Teilung. Anders als an den Orten der Geschichte des MfS und der Bürgerinitiativen dachten zur Zeit des Durch- und Abbruchs der Berliner Mauer nur das Deutsche Historische Museum, die Versöhnungskirchengemeinde und die Berliner Magistratsverwaltung an deren museale und dokumentarische Konservierung. Nachgewiesen wird am Beispiel der Bernauer Straße der Interessenskonflikt zwischen der Sophiengemeinde und den Vertretern einer Mauergedenkstätte, die die Mauer auch für spätere Generationen erfahrbar machen wollten. Schließlich habe sich das wissenschaftlich wohlbegründete Gesamtkonzept Berliner Mauer durchgesetzt. Wesentlich schwieriger war die Erhaltung von Erinnerungszeichen der deutschen Teilung außerhalb Berlins. Vor allem den Denkmalschützern war es zu verdanken, dass das Grenzdenkmal Hötensleben und der ehemalige Grenzübergang Marienborn auf die politische Agenda gesetzt wurden. Insgesamt setzt der dokumentarische und gründlich recherchierte Gehalt dieser Studie für die Aufarbeitung der deutschen Erinnerungs- und Geschichtspolitik seit 1989 Maßstäbe und sollte zur Pflichtlektüre werden. Was allerdings beim Umfang des Werkes, schwer zu erreichen ist.

Kommen wir auf die steile These zurück: Natürlich muss man konstatieren, dass der Begriff der „friedlichen Revolution“ eine Art Konsens- und Allgemeinbegriff geworden ist, der nichts, aber auch gar nichts über den Charakter der Revolution aussagt und hinter dem sich ganz unterschiedliche Auffassungen verbergen können. Carola S. Rudnicks Blick ist auf die Auflösung des MfS konzentriert und insofern einseitig. Dass es sich hierbei eher um eine Selbstauflösung „von oben“ als um eine Überwindung „von unten“ gehandelt haben könnte, ist durchaus diskussionswürdig, bedarf aber der weiteren quellenmäßigen Erforschung. Daraus nun aber für den friedlichen und historischen Gesamtprozess in der DDR 1989/90 eine Revolution „von oben“ machen zu wollen, ist beträchtlich überzogen und fällt letztlich auf die eigentlich abgelehnte Totalitarismusthese zurück. Damit fügt Carola S. Rudnick den Kennzeichnungen der „Wende“ in der DDR nur eine weitere hinzu. Da haben wir schließlich einiges im Angebot und jeder kann sich sein kleines Modell zusammen basteln aus dem großen Modellbaukasten der Theorien: eine demokratische und nachholende Revolution, eine Bürgerrevolution, dagegen eine missglückte, abgebrochene, gestohlene, abgetriebene, gescheiterte, verratene und gar Konter-Revolution, aber auch eine gewaltlose, unvollendete, protestantische und nun noch eine „von oben“. Doch eigentlich wollten die unten nicht mehr und vor allem die oben konnten nicht mehr (Lenin). Wie sollen sie dann eine Revolution gekonnt haben?



dietrichg@geschichte.hu-berlin.de