KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 20 • 2017 • Jg. 40 [15] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2003
über Hannes Siegrist, Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka (Hg.):
Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums, 18. bis 20. Jahrhundert
Harald Dehne
Konsumgeschichte in europäischer Dimension
Ist die Geschichte des Konsums insgesamt alles andere als gut erforscht, so fehlte sie uns bisher auch in dem Sinne, dass sie wesentlich über kameralistische Bestandsaufnahmen, nationalökonomische Beschreibungen von Handelssystemen oder Auswertungen privater Haushaltsrechnungen hinausging. Dieses Buch entwirft nun mutig eine Gesamtschau, die drei Jahrhunderte im Zeitraum und ein Dutzend Länder, die teilweise im Vergleich in ihren Gemeinsamkeiten wie auch Differenzierungen bewertet werden, beinhaltet. Den entscheidenden weitergehenden Schritt muß man aber darin sehen, dass auch die subjektive Seite der Konsumtion ernstgenommen wird: Wandlungen in Konsumstilen, Kulturmustern, Konsumgütern, symbolischen Bedeutungen usw. seien einige Stichwörter, um die Profilierung des Forschungsgegenstandes in Richtung Gesellschafts- und Kulturgeschichte anzudeuten.

Als Ertrag zweier internationaler Tagungen sind hier 31 Beiträge veröffentlicht, die zu sechs Themenbereichen zusammengefaßt werden: Typisierungen und Diskurse, Demokratisierung, Ungleichheit, Konsumleitbilder und Marketing, Distributionsformen, Kritik der Konsumgesellschaft. Eine besondere Würdigung verdient hier die konzeptbildende Einleitung von Hannes Siegrist, die in sehr konziser Weise sowohl eine systematisierende Klammer für die unterschiedlichen Themen skizziert als auch zugleich Forschungsperspektiven einer kultur- und gesellschaftsgeschichtlich orientierten Konsumgeschichte eröffnet. Dabei werden Konsum und Konsumieren als durchaus „eigenständige geschichtsbildende Faktoren der Moderne“ (S. 13 f.) angesehen.

Konsumgesellschaft und Konsumkultur, beide Begriffe widerspiegeln im Grunde lediglich Idealtypen und Konzepte, werden in diesem Band als eine Resultante bürgerlicher Entwicklung verstanden. Zu ihren Kennzeichen gehören die standardisierte Massenproduktion ebenso wie der sich wandelnde Konsumententyp, ein wachsendes Kaufkraftpotenzial und Strukturveränderungen in den Ausgaben privater Haushalte, ein ausgeklügeltes Marketing und angepaßte Handelsnetze sowie im Hinblick auf die Demokratisierung des Konsums nicht zuletzt das Potenzial eines „gemeinsamen“ erreichbaren Lebensstandards und eine Tendenz zur Abschleifung von sozialen Hierarchien im Konsum (vgl. de Grazia, S. 115-118 bzw. Kaelble, S. 173-177).

Die einzelnen Beiträge präsentieren zahlreiche Belege dafür, wie der Konsum ständische und andere soziale Konventionen erfolgreich unterlaufen und so zum Gewinn bürgerlicher Freiheiten beigetragen hat. Dass Konsum als Ausdruck individueller Freiheit ausgiebig gefeiert werden kann, wird an verschiedenen Themen vorgeführt: vom nicht mehr einzuschränkenden Alkoholtrinken der freien Franzosen als eine der vielen Errungenschaften ihrer bürgerlichen Revolution über das Selbsthilfemuster Konsumverein oder das folgenschwere Herüberschwappen amerikanischer Konsumstile bis hin zum markenhörigen Verbraucherverhalten der unterschiedlichsten Konsumentengruppen.

Bekanntlich kam die moderne Konsumgesellschaft zum Durchbruch, indem soziale Unterschichten Konsumstile privilegierter Schichten aufgriffen und nachahmten. Einstmalige Luxusartikel „verfielen“ zum allgemeinen Massengebrauchsgut. Rauchwaren beispielsweise, die im Anschluß an Bürgerliche bald nicht nur von Arbeitern, sondern schließlich „sogar“ von Arbeiterinnen mit größter Selbstverständlichkeit konsumiert wurden. Sei es der elektrische Kühlschrank oder das Telefon, seien es Beispiele aus den Bereichen Ernährung, Kleidung oder Körperhygiene, stets konnten ursprünglich unerschwingliche Konsumgüter sich immer breiter durchsetzen. Meist war damit dann auch eine Übernahme der Gebrauchsweisen und symbolischen Bedeutungen der Konsumgüter verbunden. Man konnte sie nunmehr für die eigene soziale Abgrenzung instrumentalisieren, wobei sich auch die Mittel der Distinktion bis heute immer mehr verfeinerten.

Neben den Begehrlichkeiten, die sich üblicherweise auf die wohlhabenden Schichten richten, sollte man allerdings auch solche Milieusymbole wahrnehmen, die wie etwa die Pizza, das Fußballspiel, das Schmalz oder der Branntwein ursprünglich Symbole einer Unterschichtenkultur waren, indessen jedoch Massenkonsumgut geworden sind und demzufolge heute auch in den höheren Schichten konsumiert werden. (S. 175)

Bei allen Angleichungserscheinungen im Konsumverhalten sollte aber der Blick für nationale Besonderheiten erhalten bleiben. So haben etwa Umfrageergebnisse in den achtziger Jahren gezeigt, dass bei gleichem Einkommen Waschmaschinen, die von oben gefüllt werden, in Frankreich beliebter sind, in England dagegen solche, die ihre Öffnungstür an der Vorderseite haben, oder dass die Deutschen Waschmaschinen mit hohen Schleuderzahlen mögen, während die Italiener solche mit langsameren Drehzahlen bevorzugen. (de Grazia, S. 136)

Präzise Beschreibungen, differenzierenzierende Vielfalt und historische wie nationale Vergleiche sind die Stärken dieses anspruchsvollen Bandes, aber es fehlt die „vierte Dimension“. Dürfen wir uns heute begnügen mit der Darstellung einer Erfolgsgeschichte, mit einer heiteren Ankunft in der Konsummoderne? Wo bleibt das kritische Hinterfragen, die Konsumkritik - nicht aus kulturpessimistischer Optik, auch nicht aus einer moralischen Ecke, aber aus der Sicht von Vernunft, Verantwortung und historischer Aufklärung? Die Frage nach dem Maß, nach den sozialen Kosten und globalen Folgen eines Konsumismus - sie taucht, wenn überhaupt, nur passim auf. Selbst die wenigen Ausführungen am Schluß des Bandes über den globalen Kontext von Konsumgesellschaft und Konsumgeschichte sind zu schwach. Zwar wird hier endlich der europäisch-amerikanische Horizont durchbrochen, werden die kolonialherrschaftlichen Quellen unserer „aufsaugenden“ Konsumgesellschaft und ihres Reichtums benannt und wird lapidar darauf hingewiesen, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht die Perspektive hat, in Zukunft in die Konsumgesellschaft einbezogen zu werden (S. 799). Aber in seiner vorsichtigen Diktion ist auch dieser Beitrag wenig geeignet, die Grenzen und Widersprüche der modernen Konsumgesellschaft mit allem gebotenen Nachdruck sichtbar zu machen. Die Alarmglocke tönt nicht.

Leider dominiert das positive Bild - als ob jeder Konsumakt die Menschheit wieder ein Stück weitergebracht hätte. So lesen wir wohl vom „Füllhorn der Warenwelt“ (S. 79), aber nichts von den Konsumzwängen, nichts vom Warenfetischismus und der Flüchtigkeit des Konsums, nichts von der innervierenden und aggressiven Werbung. Hat sich der Konsum nicht etwa längst verselbständigt? Leben wir inzwischen, um zu konsumieren? Leuchtet da am Horizont nicht schon das neue ultimative Glücksgefühl des Idealtypus eines Konsumenten auf: Ich und mein Magnum?

Es ist ein Manko des Buches, dass solche Gesichtspunkte wie Moralempfinden, Herrschaft, historische Alternativen ausgeklammert bzw. auf frühere historische Zeiträume beschränkt bleiben. Einer sich solchen notwendigen Weiterungen verschließenden Konsumgeschichtsschreibung bleibt die Warnung vor einer neuen Art einer modernisierungsgläubigen Aspektgeschichte nicht erspart.

Der Band ist mit 800 Seiten Umfang für 300 Jahre europäischer Konsumgeschichte nicht exorbitant, aber er ist konsumfeindlich teuer; eine gesonderte Bibliographie hätte der Preis hergeben müssen. Insgesamt ist es ein Buch, das nützlich ist, schon weil es nachdenklich macht und in jeglicher Hinsicht Fragen provoziert. Denn immerhin ist es doch ein außerordentlich geschichtsträchtiges Thema, das so oder so die gesamte Menschheit betrifft: Welche Perspektiven sind denn einer Konsumgesellschaft, die sich längst angeschickt hat, weltweit Maßstäbe zu setzen, mit ebendieser Geschichte zuzutrauen?