KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2011
über Jennifer Kunstreich:
Siegfried R. Krebs
Zwischen den Welten - Über das HexeSein im 21. Jahrhundert
Jennifer Kunstreich: "Zwischen den Welten wandern..." - HexeSein im 21. Jahrhundert, Paperback. 222 S. mit DVD-Beilage. Tectum-Verlag. Marburg 2011. 24,90 €. ISBN 978-3-8288-2484-3
Das "Neue Hexentum" sei die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung der westlichen Welt und stehe für das sich rapide wandelnde Religionsverständnis vieler Menschen in Europa und Nordamerika. Diesen Thesen geht Jennifer Kunstreich in einem Buch/ kulturwissenschaftlichen Dokumentarfilm nach. Dabei interessiert die Autorin das "Neue Hexentum" vor allem als kulturelle Äußerungsform in der Jetzt-Zeit. In ihrer Untersuchung ordnet sie das "Neue Hexentum" in die Szene des "Neuen Heidentums" ein und widmet sich dabei vor allem der größten und bekanntesten Gruppierung, der Wicca-Bewegung. Mit Fragebögen, Interviews und der Teilnahme an Zusammenkünften nähert sich Jennifer Kunstreich ihrem Forschungsgegenstand.




Breiten Raum nehmen dabei die Entstehung von Wicca in den 1950er Jahren und das Erscheinungsbild des neuheidnischen Hexentums ein. Dazu stellt sie fest: "So glauben die 'Neuen Hexen' zwar, dass ihre Religion prähistorischen Ursprungs ist, aber von der ahistorischen Vorstellung unmittelbar an die Tradition einer 'Urreligion' anzuknüpfen (...) haben sich alle Hexen, mit denen ich darüber sprach, distanziert. Dennoch spielt die 'Alte Religion' bzw. das Wiederbeleben 'alten Wissens' in den Erzählungen meiner InterviewpartnerInnen eine große Rolle." (S.33)

Unter Bezugnahme auf Ina Merkel ("Außerhalb von Mittendrin", Münster 2002) schreibt Kunstreich: "HexeSein ist nach meiner Lesart (...) eine mögliche 'Lebensweise', die Individuen für sich entwerfen können und die in dem Gesamtsystem der modernen Gesellschaft steht." (S.14)

Ausführlich geht die Autorin in Kapitel 3 auf ihre Feldforschung, die erhaltenen Einblicke und die gesammelten eigenen Erfahrungen ein. Zusammenfassend schreibt sie bezüglich des Verhältnisses zum Christentum: "...standen die meisten Hexen dem instutionalisierten Christentum zum Teil auf Grund schmerzlicher biographischer Erfahrungen, kritisch gegenüber. Die Hauptkritikpunkte richteten sich gegen das als unmenschlich empfundene, Moral- und Regelsystem der Kirchen, ebenso gegen die vermeintlich unhinterfragten, erstarrten und sinnleer gewordene Formen christlicher Glaubenspraxis." (S.87) Die meisten der von ihr Befragten seien zuvor christlich erzogen worden auf aufgewachsen.

Der Leser/Zuschauer bekommt darüber hinaus in Kapitel 5 fundierte Einblicke in die den Hexen so wichtige Naturmagie/Magie der Natur sowie in die ihr Leben bestimmenden Zyklen ("Reise durch den Jahreskreis") und dazugehörige Rituale.

Spannend und aussagekräftig wird es in Kapitel 6 "Die Weltanschauung der heidnischen Hexen im Kontext der Modernisierung". U.a. schreibt sie hier: "Auch die Position und Struktur von Religion in unserer Gesellschaft muss neu betrachtet werden. Zunächst einmal ist Religion heute nicht (mehr) für alles zuständig. Bis ins Spätmittelalter konnte [christliche, SRK] Religion ihren Absolutheitsanspruch auf die Deutung der Welt und die Regelung von Lebensführung gesellschaftsuniversell behaupten. Nach und nach wirkte sie aber nicht mehr in allen Lebensbereichen sinnstiftend (...) Religion ist in einer säkularisierten Welt nur noch ein gesellschaftlicher Teilbereich, während in den anderen Teilbereichen andere Logiken vorherrschen, die der religiösen Weltdeutung zuwiderlaufen oder sie ignorieren. (...) ...so teilt sich auch die Religion in unserer Gesellschaft auf in kirchliche Organisation und private Religiosität." (S. 122/123)

Feststellungen, die die Kirchenfürsten von katholischer und evangelischer Amts-Kirche und deren "Sektenbeauftragten", nicht gerne hören.

Lt. Kunstreich ist die Zivilisationskritik der neuheidnischen Hexen primär eine Reaktion auf das "Unbehagen in der Moderne". Hexen (sowohl die weiblichen als auch die männlichen) suchten angesichts neoliberaler Verhältnisse das "Eingebundensein in einer mit anderen Menschen sowie mit der Natur". Dieses Eingebundensein werde zum verlorenen Idealzustand einer Gesellschaft erklärt.

Die Autorin geht in ihrer Arbeit auch auf den Zustand der Forschung über das Thema "Neue Religiosität" ein und setzt sich überaus kritisch mit Veröffentlichungen z.B. der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sogenannte Sekten und Psychogruppen", der Behörde für Inneres der Freien und Hansestadt Hamburg sowie der bereits 1921 gegründeten Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) auseinander: Nicht nur kirchliche, sondern auch viele (amts-)kirchenfreundliche politische Stellen würden neue religiöse Gruppen nur stigmatisieren und absichtsvoll in die Nähe des Gefährlichen und Spektakulären rücken.

Zun "Anliegen" dieser Stellen schreibt sie: "Es galt ein Gesellschaftsbild zu erhalten, in dem abweichende Phänomene über kurz oder lang der jeweiligen Vorstellung eines Normalzustandes zu weichen hatten. Religiöser Pluralismus ist in Deutschland schon länger Realität als er wahrgenommen bzw. akzeptiert wird." (S.146)

Hinzuzufügen sollte man, daß z.B. die o.g. Evangelische Zentralstelle auch für die Beobachtung des Atheismus, von humanistischen und freigeistigen Organisationen zuständig ist...

Und wer sind nun die "Neuen Hexen"? Dazu heißt es bei Jennifer Kunstreich: "Ein deutliches Merkmal beider Formen von Bewegungen [neue soziale und neue religiöse, SRK] ist, dass das größte Mobilisierungspotential in der gebildeten Mittelschicht steckt. (...) Wichtig scheint mir dabei, dass es tatsächlich viele NeueidInnen mit hohen Schul- und auch Hochschulabschlüssen gibt." (S.148/149)

Lt. EZW soll es in Deutschland 20.000 bis 30.000 praktizierende Hexen geben. Die Wissenschaftlerin Kunstreich kommt dagegen zu einem ganz anderen Ergebnis: die Zahl der organisierten Wicca belaufe sich auf maximal 400 (!) in ganz Deutschland. Die Zahl von nichtorganisierten Hexen ("Freifliegenden") dürfte aber mitnichten die Lücke beider Größen füllen...

Abschließend heißt es: "...gehören die 'Neuen Hexen' nicht zu den neureligiösen Erscheinungsformen, die sich in weltabgewandter Weise aus der Gesellschaft ausgliedern. (...) Auch praktizieren viele Hexen eine sehr individualisierte Form von Religiosität, die auf dem Freiraum basiert, den der oft beklagte Verlust der normgebenden, kollektiven Strukturen erst geschaffen hat. (...) Zwischen den Welten zu wandern, bedeutet für die Hexen (...) nicht, die eine Welt gegen die andere Welt abzugrenzen, sondern (...) beides zu verknüpfen." (S.182)

Feststellungen und eine Frage, die sich beim Lesen dieses Forschungsberichtes auftun, sollen nicht verschwiegen werden:

- neuheidnische Bewegungen entstanden/entstehen bevorzugt in hochentwickelten, neoliberal orientierten kapitalistischen Gesellschaften;

- und in Gesellschaften, in denen die christlichen Kirchen trotz aller Säkularisierung nach wie über einen dominanten Einfluß auf Staat und Gesellschaft verfügen;

- auch Kunstreich konstatiert ein neues Interesse an Religiosität – aber anders als es Amtskirchen, Amtsstuben und kirchenfreundliche Medien sehen wollen und es weismachen;

- neuheidnische Bewegungen suchen Alternativen zur Gesellschaft (der westlichen) und sehen diese in gleichberechtigten Gemeinschaften mit anderen Menschen, in Kollektiven mit gemeinsamen Überzeugungen und auf freiwilliger Grundlage sowie und in Harmonie mit der Natur.

- Interessant ist daher die Frage, ob sich solche neuheidnischen Bewegungen auch in stark religionsfreien und sozialistisch orrientierten industriellen Gesellschaften, wie der weiland DDR oder CSSR, hätten entwickeln können. Zumal die Forschungsergebnisse nachweisen, daß die "Neuen Hexen" hierzulande fast ausschließlich im westdeutschen Milieu wurzeln...

Jennifer Kunstreichs umfangreiche und sehr empfehlenswerte Arbeit sollte nicht nur in die Hände derjenigen gelangen, die sich für Wicca, Esoterik etc. interessieren, sondern noch mehr in die Hände von Menschen, deren Interesse der Religions- und Kirchenkritik gilt.