KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2011
über Claire Denis
:
Ich kann nicht schlafen<br>
Volker Gransow
Schwarz, Schwul und Schlaflos in Paris

Claire Denis: J'ai pas sommeil / Ich kann nicht schlafen. DVD, Edition Salzgeber, Berlin 2011, 110 min., PAL, deutsche Synchronfassung; französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, Euro 11,95.




Seit fast 20 Jahren produziert die Berliner “Edition Salzgeber” Videos und DVDs , auch für den häuslichen Gebrauch. Diese Filme sind durchweg von hoher Qualität und zählen oft - aber keineswegs immer - zur Gattung des anspruchsvollen Schwulen- und Lesbenfilms. Salzgeber brachte Dokumentarfilme wie "Before Stonewall", "Blue Note - A Story of Modern Jazz" und "Paris was a Woman" heraus, Spielfilme von Regisseurinnen wie Ulrike Ottinger und Monika Treut oder von Regisseuren wie Derek Jarman und Gus van Sant. 2004 war die Firma Mitinitiator von CinemaNet Europa, einem Netzwerk zur Einführung des digitalen Kinos. 2006 begann eine neue Reihe "Classica im Kino" mit Opern- und Ballett-Inszenierungen. Traditionell wird der Nachwuchs gefördert. Dazu gehören Hochschul-Abschlußfilme und Kurzfilme. Ein Beispiel für die gute Kooperation von Produzenten und Künstlern ist wohl, dass Volker Koepp seit "Herr Zwilling und Frau" seine professionelle Heimat bei Salzgeber hat.


Mit "J'ai pas sommeil / Ich kann nicht schlafen" wird nun ein bereits 1994 entstandenes Werk von Claire Denis wieder zugänglich. Denis ist Regisseurin und Autorin zugleich. Sie wurde zwar in Paris geboren, wuchs aber in Afrika auf. Ihr Handwerk lernte sie bei Jim Jarmusch, Jacques Rivette und und Wim Wenders. Sie selbst führte erstmals Regie in "Chocolat (Verbotene Sehnsucht, 1987)” . Weitere Spiel- und Dokumentarfilme folgten, darunter "Nénette et Boni" (1996), "Beau Travail"(1999) und "White Material"(2009. 2011 erhielt sie den Grossen Berliner Kunstpreis. "Ihre Filme erzählen mit Kraft und Eleganz jenseits erzählerischer Standards von der Grenze zwischem Eigenem und Fremdem in einer postkolonialen Welt", heißt es in der Jurybegründung der Berliner Akademie der Künste.


Formell ist "Ich kann nicht schlafen" eine Art Krimi. Es geht um drei Menschen, die sich in Paris treffen . Am Anfang fährt die junge Post- Sowjetbürgerin Daiga (gespielt von Katerina Golubeva) mit ihrem alten Wolga in die Stadt und den Film hinein. Sie ist hereingelegt worden. Ihr Festivalflirtpartner aus Vilnius gibt ihr keineswegs in Paris den versprochenen Job als Schauspielerin. Eine slawische Schicksalsgemeinschaft fängt sie erst einmal auf. Sie trifft dann Mona ( Béatrice Dalle), die Freundin von Théo (Alex Descas), einem afrofranzösichen Musiker aus Martinique, den es in seine (eigentlich bloß imaginierte) Heimat zurückzieht. Théos Bruder Camille (Richard Courcet), arbeitet als Transvestit, kann aber seinen aufwendigen Lebensstil nicht finanzieren und wird so allmählich zum Verbrecher. Diese Figur ist Thierry Paulin nachempfunden, einem schönen schwarzen schwulen Serienkiller, der noch vor seinem Prozess starb. In der Großstadt begegnen sich diese drei Außenseiter. Hier verschachteln sich ihre geheimnisvollen Geschichten in nur sechs Tagen und Nächten (daher der Filmtitel). Die Perspektiven verschieben sich ständig - auch optisch. Nicht nur die Hauptfigur Camille strahlt androgyne Sinnlichkeit aus, Rassismus und Mysoginie sind ominipräsent. "Schöne" Paris-Szenen mit touristischem flair (“Eiffelturm”, “Seine” usw. usf.) fehlen. Fremd wie am Anfang fährt Daiga aus dem Film hinaus.


Filmische Höhepunkte sind nach Meinung des Rezensenten die Tanz- und Musikszenen. Zu "A Whiter Shade of Pale" von Procol Harum tanzen eine alte und eine junge Frau miteinander und finden erotisch zusammen, während sich zur gleichen Musik zwei Männer trennen. Wie eine Sexszene inszeniert ist Camilles “Lip Singing” (Karaoke) zu "Le Lien Defait" ("Die gelöste Verbindung) von Jean-Louis Murat. Die Songtexte werden gleichsam getanzt, die Zerbrechlickeit der Figur (immerhin ein Serienmörder) wird geradezu körperlich fühlbar.


Liebhaber gutgemachter Thriller (z.B. Hitchcock-Fans) werden vermutlich enttäuscht sein. Zu unkonventionell ist die Erzähltechnik, zu lapidar die Präsentation der aus Geldgier begangenen grauslichen Morde an alten Damen. Auch konzentriert sich Claire Denis trotz des Filmtitels keineswegs auf Schlaflosigkeit, wie es etwa der bekannte Hollywood - Film "Insomnia" mit Al Pacino tut. Dennoch oder vielleicht deswegen handelt es sich bei "J'ai pas sommeil" zweifellos um ein frühes Meisterstück. Dazu tragen nicht zuletzt die Kamera (Agnés Godard) und der Tonschnitt (Anne-Marie L'Hote) bei. Untertitel (von Synchronisation ganz zu schweigen) sind oft Glückssache. Nicht in diesem Fall. “Untertitler” (und Denis-Fan) Jan Künemund hat hier hervorragende Arbeit geleistet.