KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2011
über :
Der Bildermaler Ulrich Pietzsch
Isolde Dietrich
Kummerlose Kunst
Manfred Fortmann (Hrsg.): Der Bildermaler Ulrich Pietzsch. Edition Limosa GmbH, Clenze 2011, 160 S., 29,90 €
Pünktlich zum 74. Geburtstag von Ulrich Pietzsch ist ein prächtiger Band erschienen, der Einblicke gibt in Leben und Werk dieses Malers. Er enthält mit 176 Öl- und Acrylbildern eine Auswahl aus mehr als 3000 Arbeiten, dazu Notizen des Künstlers über seinen Werdegang und über sein Selbstverständnis sowie Äußerungen von Kennern seines Schaffens.

Schlägt man das Buch auf, so taucht man ein in ein fantastisches Reich. Das kommt ganz unbekümmert daher – farbenfroh, heiter, poetisch, detailfreudig, mitunter komisch bis skurril: Menschen, Tiere, Blumen, Bäume, Häuser, Landschaften zu allen Tages- und Jahreszeiten. Erzählt werden vor allem Geschichten vom Leben kleiner Leute auf dem Lande, wahre und ausgedachte, vergnügte Schnurren und wundersame Legenden. All die häuslichen und Kneipenszenen, die Bilder von Hochzeiten, Ausflügen, Kutschfahrten, Laternenumzügen, Karnevalsgaudi, von Märkten und Rummelplätzen, von Zirkus- und Theateraufführungen wärmen das Herz und zaubern ein Lächeln ins Gesicht.


Junge Leute in der Grünnatur (1995)

Von der Machart und von den Motiven her fühlt man sich sofort an naive Malerei erinnert. Und tatsächlich ist Pietzsch Autodidakt. Aber er ist kein Sonntagsmaler, keiner, der die Malerei als Freizeit- oder Ruhestandsbeschäftigung betreibt. Seit Jahrzehnten ist er ein ausgemachter Profi, einer, der auf 60 Einzelausstellungen zurückblicken kann und der gut im Geschäft ist. Ulrich Pietzsch ist auch kein Heimatmaler, der seiner Wahlheimat, dem niedersächsischen Wendland, ein Denkmal setzen möchte. Sein Blick auf die Natur, auf das freie Land und seine Bewohner ist der Blick des Städters. Er hat die Großstadt im Rücken, nicht nur in dem Sinne, daß er ihr den Rücken gekehrt hat, sondern vor allem in dem, daß sie der immerwährende Bezugspunkt und Hintergrund bleibt, vor dem er sein dörfliches, ländliches Panorama entrollt.


Bäume an den Häusern (2004)

Anfang der 80er Jahre ist Ulrich Pietzsch mit seinen Heile-Welt-Bildern ein „Rückzug in die Idylle“ bescheinigt worden. Man mag darüber streiten, ob dies nicht vielmehr ein Aufbruch ins Freie war. Inzwischen wird sein Werk gelegentlich als „Wohlfühlkunst“ bezeichnet – wahrscheinlich in Unkenntnis der Tatsache, daß dies seit Jahrzehnten der Slogan einer Firma für Dessous und Nachtwäsche ist. Den Maler wird solch unverhoffte Nähe eher amüsieren als kränken. Manch Kunstbeflissenem dagegen dürften die Haare zu Berge stehen. „Wohlfühlkunst“ ist hierzulande geradezu ein Schimpfwort, ein Antibegriff zu wahrer Kunst, die doch auf Sinnsuche, Läuterung, geistige Anstrengung, auf Protest oder zumindest Provokation aus sein müsse.


Freilichtmaler (2009)

Ulrich Pietzsch selbst rechnet seine Bilder zugehörig einer „kummerlosen Kunst“. Wer hierin ebenfalls einen Verrat an den hehren Zielen der Kunst sieht, dem sei die Lektüre von Hegels „Vorlesungen über die Ästhetik“ empfohlen. Dort werden die kummerlose Seligkeit und Heiterkeit, die gänzliche Unbekümmertheit und Sorglosigkeit, das volle Gefühl von Gesundheit und Lebenslust, der stete Ton von Freude, Schönheit und Glück, Fülle und Wärme, Wohlsein und Milde, der Reichtum an glänzenden und prächtigen Bildern einer einfach angelegten Natur in der bildenden Kunst verschiedener Völker und Zeiten gepriesen. „Kummerlos“ ist in Hegels Kunstbetrachtungen ein Gütesiegel, das er in mehreren Zusammenhängen vergibt, kein Attribut, das Oberflächlichkeit signalisiert.

Ulrich Pietzsch bezieht sich nicht ausdrücklich auf Hegel, aber seine Wortwahl dürfte nicht zufällig sein. Es liegt auf der Hand, daß er nach fünfjährigem Philosophiestudium und fast zehnjähriger Tätigkeit an einer universitären „Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften“ seinen Hegel kannte und daß dieser auch im Untergrund noch fortlebt. Wer Näheres zur Kunstauffassung des Malers wissen will, der lese in dem Bildband nach. Dort ist auch Erhellendes über sein Selbstverständnis als „Bildermaler“ zu erfahren. Mit dieser Bezeichnung möchte er seine Unabhängigkeit demonstrieren, sich abgrenzen einerseits von „naiven“ Malern, andererseits von den etablierten Repräsentanten des offiziellen Kulturbetriebes. Ob dies nötig oder möglich ist, sei dahingestellt. Denn selbstverständlich gehört auch ein Autodidakt wie er mit seinem Atelier, seinen Bildern und Büchern, seinen Ausstellungen und Lesungen, seinen Sammlern im In- und Ausland zum allgemeinen Kunstmarkt, ist dessen Gesetzen unterworfen.


Zweier auf der Kuh (2007)

Es ist hier nicht der Ort für kunstwissenschaftliche Betrachtungen. Aufmerksam gemacht werden soll nur auf eine wunderbare Neuerscheinung. Die Bilder selbst bedürfen keiner Interpretation. An ihnen kann man sich ohne jede Erklärung erfreuen und sich seinen eigenen Reim darauf machen. Aufmerksam gemacht werden soll zugleich auf einen kreativen Kopf, dessen grenzenlose Fantasie sich nicht nur in seinen Arbeiten zeigt, sondern auch in der eigenen Vita niederschlägt. Hier hat ein Mensch sich in der Mitte seines Lebens quasi neu erfunden – und mit ihm seine Ehefrau Lydia Wolgina. Der ehemalige Philosoph und Theaterkritiker und die einstige Primaballerina an der Deutschen Staatsoper Berlin leben zurückgezogen auf dem Land, in Gesellschaft von rassigen Katzen und edlen Hunden. Sie haben ihr erstes Leben hinter sich gelassen, aber der Horizont ist weit geblieben. Die ganze Welt der Wissenschaft und Kunst, der Politik- und Kulturbetrieb, das großstädtische Leben sind noch immer sehr präsent. Nur so läßt sich ein Gegenbild entwerfen in Gestalt eines paradiesischen Zustandes. Ulrich Pietzsch nennt es so: Die Kunst macht den Alltag neu. Durch sie sehen wir die Wirklichkeit anders.

Meine Empfehlung: unbedingt kaufen, ein schönes Buch zum Verschenken.


Die Familie (1984)