KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2011
über Edith Broszinsky-Schwabe:
Interkulturelle Kommunikation</b><br>Missverständnisse – Verständigung
Frank Thomas Koch
Verständigung unter Fremden
VS Verlag für Sozialwissenschaften/ Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011. 249 S.,


Edith Broszinsky-Schwabe ist Kulturwissenschaftlerin mit dem Arbeits- und Forschungsgebiet interkulturelle Studien. Sie verfügt über langjährige Erfahrungen als Autorin, Hochschullehrerin, UNESCO-Expertin und wissenschaftliche Beraterin für die Ausländer- und Integrationsarbeit in Deutschland. Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit führten sie Forschungsaufenthalte in viele Länder Afrikas, nach Frankreich und in die USA.

In den letzten Jahren und zurückliegenden Jahrzehnten ist über interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Kompetenzen sehr viel publiziert worden. Wie ordnet sich das jüngste Buch der Autorin in diesen Kontext ein und worin besteht seine Spezifik?

Zunächst einmal teilt die Autorin mit vielen anderen die Gewissheit, dass kaum jemand in seiner Lebenswelt unbeeinflusst ist von Kontakten mit Menschen aus anderen Kulturen und solche Begegnungen in der Welt wie im eigenen Land viele Fallstricke bergen. Zudem teilt Edith Broszinsky-Schwabe mit anderen Autoren die Überzeugung, interkulturelle Kommunikation ist erlernbar.

cover

Als Kulturwissenschaftlerin interessiert die Autorin, welche kulturellen Faktoren Kommunikation beeinflussen. Dabei konzentriert sich Broszinsky-Schwabe auf personale, auf Face-to-Face-Kommunikation, verstanden als Aktion zwischen Menschen, in der Sprache, Körpersprache und kulturelle Verhaltensmuster ineinander greifen. Missverständnisse können dabei auf allen drei Ebenen entstehen. E ist das Anliegen der Autorin, Ursachen von Missverständnisse zu identifizieren und Handreichungen zu bieten, wie sie vermieden werden können.

Das Buch ist kulturübergreifend angelegt, d.h. es zielt auf eine allgemeine Sensibilisierung für die Wahrnehmung fremder Kulturen und die Kommunikation mit ihnen, nicht auf den Umgang mit einer bestimmten Kultur. Es bezieht sich auf interkulturelle Kommunikation in der Welt wie im eigenen Land. Schließlich werden Konstellationen und Situationen verschiedener Handlungs- und Tätigkeitsfelder in den Blick gerückt (Umgang mit Geschäftspartnern, Managementprobleme in Konzernen mit national gemischten Belegschaften, Kulturkontakte im Ausland, Auslandsaufenthalte und -tätigkeiten, interkulturelles Zusammenleben in der deutschen Gesellschaft…).

Die Erörterung von interkulturellen Missverständnissen und Erfahrungen mit anderen Lebenswelten erfolgt vor dem Hintergrund theoretischer Modelle. Der Brückenschlag scheint dem Rezensenten recht gelungen. Die Autorin diskutiert Missverständnisse, die aus unterschiedlichen Wortbedeutungen und Symbolen erwachsen, aus Gesten und gegensätzlichen Verhaltensmustern. Thematisiert werden Unterschiede im Zeitverhalten, im Verständnis sozialer Rollen, Hierarchien, Höflichkeitsregeln, Tabus. Zahlreiche erhellende Fotos unterstützen die Botschaften des Textes. Das Buch möchte auch jene erreichen, „die für ihre eigenen komplizierten interkulturellen Erfahrungen nach Erklärungen suchen…“ (10).

Das Buch gliedert sich in 10 Kapitel.
Das erste Kapitel stellt interkulturelle Kommunikation als Sonderfall sozialer Kommunikation dar (19-42). Alles, was sich über Bedingungen, Elemente und Abläufe von Kommunikationen sagen lässt, gilt auch für interkulturelle Verständigungen. Nur kommen in diesem Falle Einflüsse fremder Kulturmuster hinzu. Die Kommunikationspartner müssen mithin eine gemeinsame Sprache finden, nonverbale Botschaften entschlüsseln können, wobei beide Seiten all das, was sie nicht verstehen, durch Interpretation und Annahmen ausfüllen. Schließlich besteht noch eine gewisse Unsicherheit darüber, ob das, was der Andere sagt und wie er sich verhält, kulturell verankert ist, eher gruppenbedingt oder Ausdruck seiner aktuellen Situation oder Individualität ist. Nicht immer hilft die Technik des Nachfragens weiter, da es Kulturen gibt, in denen es nicht üblich ist, zuzugeben, dass man etwas nicht verstanden hat. Die Autorin führt hier das Beispiel Vietnam an (39).

Doch in jeder interkulturellen Begegnung treffen nicht nur Personen aufeinander, sondern unterschiedliche kulturelle Lebenswelten. Wie letztere in die Kommunikation eingehen, erläutern die Kapitel 2 „Interkulturalität und Identität – die Kommunikationspartner“ (43-64) und 3 „Kultur in der Kommunikation“ (65-92).

Der Leser erfährt, dass jede Kultur von ihren Trägern erlernt wurde (in der Regel bis zum Alter von sieben bis zehn Jahren) und also auch erlernbar ist. Die Autorin führt verschiedene Modell vor, Kulturen zu unterscheiden und diskutiert sie (so von Edward T. Hall, Geert Hofstede, ferner Frans Trompenaars, Kluckhohn und Strodtbeck). Für Hofsteede unterscheiden sich beispielsweise Kulturen darin, inwieweit „Machtdistanz“ akzeptiert wird, Macht, Hierarchien, Autorität zum Leben dazu gehören ,sodann nach dem Grad ihrer Orientierung im Spannungsfeld von Individualismus und Kollektivismus, Maskulinität bzw. Feminität sowie in der Bedeutung, die dem Vermeiden von Unsicherheit zukommt. Nach Schätzungen leben etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung in „kollektivistischen Gesellschaften“.

Nur am Rande sei vermerkt, dass bei der Besichtigung kultureller Differenzierungen und Identitätsformationen innerhalb der deutschen Gesellschaft die Ostdeutschen so gut wie keine Rolle spielen. Es ist dem Rezensenten nicht ganz klar, ob die Autorin Scheidelinien zwischen Ost- und Westdeutschen unter dem Aspekt der Interkulturalität für irrelevant hält oder sie nur deshalb unterbelichtet hat, weil dies den Rahmen ihrer Publikation sprengen würde.

Kapitel 4 ist Kommunikationsunterschieden und kulturellen Missverständnissen auf der Spur (93-116). Missverständnisse können auf allen Ebenen der Kommunikation auftreten – beim Wahrnehmen (was gilt als räumlich weite oder nahe Distanz, was als laute oder in der Lautstärke als „normale“, angemessene Kommunikation?), im Denken, in der verbalen wie nonverbalen Kommunikation und schließlich im Handeln. Der Leser erfährt, dass das gleiche Wort (etwa Familie oder Freund) in verschiedenen Sprachen und Kulturen sich auf Unterscheidbares bezieht. Kulturenspezifisch ist das Verhältnis von Reden und Schweigen. Für Deutsche, Amerikaner, Südeuropäer und Araber ist es peinlich, wenn ein Gespräch längere Pausen hat; in Japan, Ostasien oder Finnland nimmt Schweigen dagegen einen hohen Stellenwert ein und wird als Teil des Gespräches akzeptiert. Während es Kulturen gibt, in denen es völlig normal ist, simultan zu sprechen, gilt für andere eher der Grundsatz einer nach dem anderen. Deutsche tendieren zu direkten Kommunikationsstilen, Japaner, Chinesen und Koreaner zu indirekten. Ferner gibt es in vielen Ländern kulturelle Tabus, Themen, über die man mit Fremden nicht spricht (vgl. 110).

Das weite Feld der nonverbalen Kommunikation wird im Kapitel 5 ausgeschritten (117-140). Es ist aus der Sicht des Rezensenten eines der interessantesten Kapitel. In allen Kulturen läuft ein Großteil der Kommunikation nonverbal ab, etwa 70 Prozent. Im Anschluss an Gudykunst werden fünf nonverbale Bereiche thematisiert, die den Eindruck von fremden prägen: die physische Erscheinung des Anderen, die Art der Nutzung des Raumes, die Art, wie die Stimme benutzt wird, der Grad, wieweit wir den Fremden berühren oder Berührungen zulassen.

Über das Körperbild hinaus vermitteln Körperhaltung und die Art der Bewegung wichtige Auskünfte über die soziale Position. Die Autorin führt ferner aus, dass Europäer und US-Amerikaner sich durch Hinsetzen entspannen, hingegen Mexikaner in die Hocke gehen. Dieser Unterschied wird bei der Überwachung der US-Südgrenze ausgenutzt, um Immigranten im Vorfeld erkennen zu können (vgl. S. 123). Ebenfalls sind Respektbekundungen kulturenspezifisch. Die Autorin führt auf S. 123 ein aussagekräftiges persönliches Beispiel an, wie man sich in einer Kultur verhält, deren Code, Respekt zu zeigen, man nicht kennt und zudem gleichfalls sich nicht am dem Verhalten der Einheimischen orientieren kann.

Der Leser erfährt, dass es in vielen Kulturen unüblich ist, sich zu unterhalten, während man geht und was jeweils das Berühren des Ohrläppchens in Italien, in Portugal, auf Malta oder in Schottland bedeutet! (126) Gilt es in unserer Kultur als höflich, Blickkontakt im Gespräch zu halten, so ist das in anderen Kulturen nicht gelitten.

Recht konfliktträchtig können Hand- und Fingergesten sein (132). So bedeutet das Kreiszeichen (Kreis aus Daumen und Zeigefinger) in den USA und auch in Deutschland „o.k.“; in Japan steht es für Geld; in Frankreich für Null, in Lateinamerika für Homosexualität; in manchen Mittelmeerländen wird es als beleidigende Geste quittiert. Irritationen lösen auch die drei verschiedenen nonverbalen Codes aus, ja oder nein zu bekunden. Am meisten verbreitet ist der Nick-Schüttel-Code. In Bulgarien, Indien und Pakistan wird indes der entgegengesetzte „Roll-Werf-Code“ verwendet. Schließlich gib es noch den „Senk-Wurf-Code“ in Griechenland, der Türkei und Süditalien (134).

Den „Begegnungen in Raum und Zeit“ ist das 6. Kapitel gewidmet (141-160). Über das rechte Maß von räumlicher Distanz und Nähe bei der Kommunikation, das unterschiedliche Kulturen fordern und gebieten, informiert der erste Abschnitt. Er stützt sich vor allem auf Befunde von Hall sowie Morris und Colett. Dem schließen sich Passagen zum Territorialverhalten und zur Nutzung des Raumes an, die auch auf unterschiedlichen Konzepten von Privatheit basieren. Sehr informativ sind auch die Ausführungen zur Bewertung von Zeit, zum Zeitverständnis und Zeitverhalten. Herausgearbeitet werden die Unterschiede zwischen Ereigniszeit und modernem Zeitverständnis, zwischen Kulturen mit linearem und zyklischem Zeitverständnis sowie Kulturen, die eher auf die Gegenwart und solchen, die stärker auf die Vergangenheit bzw. die Zukunft fixiert sind. Über das Tempo des Lebens präsentiert die Autorin interessante Befunde des amerikanischen Psychologen Robert Levine. Er hat 31 Länder nach drei Zeitindikatoren untersucht: Gehgeschwindigkeit (wie viel Zeit benötigt ein Fußgänger um 20m in der City zurückzulegen?); Arbeitsgeschwindigkeit (wie lange braucht ein Postangestellter, um eine Briefmarkte zu verkaufen?); 3. Genauigkeit öffentlicher Uhren. (154). Das Kapitel über Raum und Zeit schließt mit Ausführungen über Kalendersysteme, die jeweils über wichtige Feste und Feiertage informieren.

Von Interaktionsritualen handelt Kapitel 7 (161-176). Begrüßungsformen sind teils von Machtfaktoren, Standesunterschieden, teils von einem „Solidaritätsfaktor“ (Sympathie) bestimmt. Sehr unterschiedlich sind auch Rituale von Abschied und Trauer. Die Autorin zitiert hier Beispiele aus der Studie von Dursun Tan „Das fremde Sterben“. Es folgen Ausführungen zu Ritualen der Gastfreundschaft und über Gastfreundschaft als kultureller Wert. Die Farbsymbolik verschiedener Gesellschaften, Tiere und Pflanzen sowie Zahlen als kulturelle Symbole und ihre Bedeutung für die interkulturelle Kommunikation erläutert die Autorin am Schluss des Kapitels.

Die Bedeutung von Wertvorstellungen in der Kommunikation rückt Kapitel 8 in den Blick (177-190). Der Leser erfährt, wie die Lehre des Konfuzius die Kommunikation mit Koreanern beeinflusst und am Beispiel der türkischen Kultur, etwas über andere Ehrvorstellungen. Während die Autorin häufig Verhaltensempfehlungen gibt, fehlen sie im Hinblick auf die dem Hinduismus eingeschriebene Kastenordnung (187-188).

Das Fremde in der interkulturellen Kommunikation beleuchtet Kapitel 9 (191-214). In der interkulturellen Kommunikation sind die Partner immer einander fremd, „freilich gibt es Unterschiede auf der Skala von vertraut bis fremd“ (195).Es lassen sich fünf verschiedene Möglichkeiten unterscheiden, Fremde und Fremdes wahrzunehmen (vgl. 196). Im Alltag ließen sich häufig zwei individuelle Verhaltensstrategien gegenüber dem Fremden erkennen: Xenophobie und Exotismus. Der Xenophobe meidet das Fremde, um das Eigene nicht in Frage zustellen; wer zum Exotismus neigt, den zieht es in die Fremde und zu Fremden. Er kann so zu Hause alles beim Alten lassen.
„In der Interkulturellen Kommunikation gibt es kein `Ich-Du`, sondern immer ein `Wir-Sie´.“(201). Wir agieren jeweils mit Bildern im Kopf, die teils als Stereotype, Fremdbilder, teils als Vorurteile oder gar Feindbilder zu Buche schlagen. Meines Erachtens trifft es aber in Vergangenheit und Gegenwart nicht zu, wie die Autorin behauptet (204), dass es von der je eigenen Gruppe nur positive Stereotype gäbe. Es kommt auf die Gruppe und ihre Position an, wie Elias und Scotson exemplarisch mit ihrer „Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen“ dargelegt haben. Ferner betont Edith Broszinsky-Schwabe, dass Stereotype eine gesellschaftliche Funktion haben (205). Sie benennt aber nur negative bzw. problematische Komponenten dieser Funktion. Bieten aber Stereotype nicht auch eine gewisse Orientierung und Entlastung für das Alltagsverhalten?

Die Autorin legt am Beispiel Deutschland-Frankreich dar, wie historisch tradierte Feindbilder sich in positiv getönte Fremdbilder verwandeln können. Abschließend geht die Autorin auf das auf Kalvero Oberg entwickelte Modell des Kulturschocks ein und den von Gary Ferraro thematisierten Re-Entry-Shock, den Rückkehrer erleben (211-214). Ferraro nimmt an, dass Kulturschocks bei Aufenthalte von über 6 Monaten normal sind. Die Autorin präsentiert vier Rezepte, die die psychische Krise „Kulturschock“ bewältigen helfen und lindern.

Das 10. Kapitel (215-238) zieht die Quintessenz des Buches und bietet Handreichungen zur „Verbesserung interkultureller Handlungskompetenz“. Interkulturelle Kompetenz wird definiert als „Fähigkeit, mit Menschen aus an deren Kulturen konfliktfrei zu kommunizieren und sie auf der Grundlage ihres Wertsystems zu verstehen“ (216).Dieses Vermögen ist gebunden an ein bestimmtes Maß an Wissen über und Einstellungen gegenüber anderen Kulturen sowie an die Entwicklung von Fähigkeiten, insbesondere den Abbau von Angst und Unsicherheit. Von zentraler Bedeutung sei es dabei, seine eigenen Kultur und seine eigene Identität zu erkennen. Die Autorin geht auf praktizierte Trainingsprogramme, kulturspezifische Geschäftspraktiken, Kulturkontakte im Ausland ein. „Tourismus ist nur bedingt mit einem besseren Verständnis fremder Kulturen verbunden“ (230).

Unter 10.3. werden Fragen interkultureller Kommunikation der Bundesrepublik verhandelt. In den Blick rücken Wellen der Zuwanderung nach Deutschland und Zahlen und Fakten zur „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“. Seit den 1980er Jahren gibt es in Deutschland Diskussionen über die Integration von Zuwanderern, die im Spannungsfeld von Forderungen nach Assimilation und Akkulturation zu verorten sind. Als eine Art Grundkonsens beschreibt die Autorin Forderungen, die sich auf die Achtung des Grundgesetzes, die Anerkennung der Gesetze und das Beherrschen der deutschen Sprache beziehen (vgl. 233).

Mit Blick auf die Bevölkerung mit Migrationshintergrund lassen sich verschiedene Zielgruppen für Integrationsmaßnahmen unterscheiden (Politische Flüchtlinge und Asylsuchende; Gastarbeiter der 1. Generation; die aus der Türkei nachgezogenen Ehefrauen; die Kinder und Jugendlichen von Zuwanderern). Die Autorin stellt ebenso heraus, welche Berufsgruppen in der Bundesrepublik interkulturelle Kompetenzen erwerben sollen: Führungskräfte in Unternehmen mit multikultureller Belegschaft, Richter und Polizisten, Mitarbeiter der Job Center, Akteure im Bildungswesen aller Stufen, Mitarbeiter im Freizeitbereich sowie im Öffentlichen Dienst, Fachkräfte im Gesundheitswesen und in der Seniorenbetreuung. Die Betreuung von Kranken und Älteren aus anderen Kulturen wird als ein sehr sensibler Bereich beschrieben (236).

Der Rezensent hat das vorliegende Buch mit großem Gewinn gelesen und kann es allen an interkultureller Kommunikation Interessierten wärmstens empfehlen.