KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2011
über Sigrun Casper:
Männergeschichten
Volker Gransow
Männer auf der Suche
Männergeschichten, Tübingen, Konkursbuchverlag 2010, 256 S., br., ISBN 978-3-88769-732-7, € 9,90.

Sie ist zur gleichen Zeit Fotomodell und Fotografin. Sie kreiert kleine Kunstwerke aus Küchenstühlen. Sie verliess die DDR nach dem Mauerbau auf abenteuerlichen Wegen. Danach Jahre und Jahrzehnte Lehrerin an einer West-Berliner Schule für Lernbehinderte. Vor allem aber war und ist Sigrun Casper Schriftstellerin. Ihr beeindruckendes Oeuvre umfasst u.a. Jugendbücher, Lyrikbände, Romane, Hörbücher, viel Erotik. Nun kommen ihre “Männergeschichten” hinzu.

Oder “MännerGeschichten”? Es finden sich beide Schreibweisen. Zu Recht - je nachdem, wie das grosse G und der kleine Unterschied gedeutet wird. Es handelt sich sowohl um Geschichten über Männer als auch mit Männern. In insgesamt zwölf Texten werden Männer porträtiert. Oder Knaben. Das Buch beginnt mit einer Erzählung über einen Jungen, der Zweifel an der Existenz Gottes durch einen illegalen Hühnertransport ausräumen will. Weiter geht es um Erfahrungen mit der schwangeren Freundin, das erste Mal mit einem Mädchen, die Nacht vor der Hochzeit. Oder einen Vater, der nur eine Art Mutter ist. Um die Frage, ob der Göttergatte der Nachbarin nicht vielleicht ein Fiesling ist. Ein Friseur, der Männer mag, hat eine seltsame Begegnung auf der Straße. Die letzte Geschichte ist die Liebeserklärung eines Mannes an seine Frau, deren Tod er noch nicht bemerkt hat. Für den Rezensenten der berührendste Text des Buches.

Vielfältig ist ebenfalls die Form. Sie reicht von der Fast-Novelle bis zur an Hemingway geschulten “short story” mit prägnanter Pointe. Mal wird in der Ich-Form aus weiblicher, mal aus männlicher Perspektive berichtet, mal wird “einfach so” erzählt. Die Sprache orientiert sich am jeweiligen Gegenstand. Manchmal ist sie eher hölzern, manchmal filigran. Die Erzählweise ist gelegentlich engagiert, an anderen Stellen distanziert. Neben vorsichtigen Umschreibungen finden wir auch recht deutliche Darstellungen: “Es machte mich auf interessante Weise geil, Ellen beim Masturbieren zu beobachten. Wir pflegten uns gegenseitig vorzuwichsen, hoch über den Dächern von Charlottenburg” (S. 107). Der Ort der Handlung ist meist ersichtlich Berlin, auch wenn gelegentlich von einem fiktiven U-Bahnhof “Sparkstrasse” auf der Linie nach “Kranow” (S. 119) die Rede ist.

So pluralistisch das Buch aufgebaut ist, so klar wird durchweg die Empathie der Autorin mit (den?) Männern. Diese Männer sind auf der Suche. Nach Hühnern und nach Gott, nach Frauen und nach Männern, nach dem Privatleben der Nachbarn im Neuköllner Hinterhof. Nach etwas Liebe, nach dem kleinen oder großen Glück. Auch nach sich selbst. Peter Hacks hat dies Phänomen erheblich pathethischer einmal so formuliert: “Nicht mag ich fürderhin als Mann mich zeigen / mit jedem Keulenschlag mein Ich erschlagen / Wie angestrengt: ein Mann. Wie wenig ihm / Was ich nicht bin, will ich zu werden wagen (Omphale / Opernfassung, übermittelt u.a. von dem 1990 früh verstorbenen Männerspezialisten Ronald M. Schernikau ) ”.

Weitgehend fehlen Männer in “typischen” Männerwelten: Bergbau, Darkroom, Hochfinanz, Mafia, Militär usw. Vielleicht deshalb, weil sie im so erfahrenen Leben der Verfasserin nicht auftauchten?

Casper


Der Band ist offenbar sorgfältig lektoriert, was heutzutage nicht selbstverständlich ist. Stichproben ergaben nur wenige Korrekturfehler, wie z.B. “Gudula” statt “Gundula”(S.75). Zum Buch gehören ein Anfangs-Zitat und ein Abschluß-Gedicht von Mario Wirz sowie Fotos der Autorin. Das Cover hat sie desgleichen entworfen. Man kann es allerdings nur voll würdigen, wenn man sich auf den Kopf stellt. Last but not least sollte der Preis nicht unerwähnt bleiben. Er bleibt unter 10 Euro und scheint damit sehr angemessen für ein nicht nur ausgesprochen ordentlich hergestelltes, sondern auch sehr lesbares und anregendes Buch.