KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2006
Harald Dehne
Erfolgreiche ostdeutsche Forscherinnen und Forscher nicht erneut abwickeln: Kolloquium an der Humboldt-Universität zu Berlin
Ein wissenschaftspolitisches Kolloquium in der Humboldt-Universität zu Berlin berät am 14.2.2006 im Senatssaal unter der Überschrift „Innovation durch Integration. Wege zu einer zukunftsfähigen Hochschul- und Forschungsförderung“.

Das Thema Bildung und Wissenschaft haben sich gegenwärtig alle deutschen Politiker auf ihre Fahnen geschrieben. Seit einiger Zeit macht das Wort von der „nachhaltigen Wissensgesellschaft“ die Runde. Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober 2005 eine Prognose der Studentenzahlen vorgelegt. Sie werden bis 2012 um etwa 20 Prozent auf über 2,5 Millionen anwachsen. Sicher ist, dass damit die Anforderungen deutlich zunehmen werden, die an Lehre und Forschung an den deutschen Hochschulen gestellt werden. Diese sind jedoch jetzt schon überfordert. Eine schrumpfende Personaldecke und permanente Sparzwänge erschweren ihre Arbeit empfindlich.

Wissenschaftliche Förderprogramme tragen in Deutschland ganz wesentlich dazu bei, die Forschung ebenso wie die Ausbildung in den akademischen Berufen zu sichern. Eines von ihnen nennt sich Hochschul-Wissenschafts-Programm (HWP), das vor sechs Jahren gemeinsam von Bund und Ländern aufgelegt wurde. Ein Teil davon, das HWP 3, dient der Förderung innovativer Forschungsstrukturen in den neuen Ländern. In Berlin profitieren davon seit dem Jahre 2004 sowohl die Hochschulen als auch über fünfzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die einstmals an der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeiteten.

Es sind Akademiker mit außerordentlichen wissenschaftlichen Erfahrungen. Alle sind Doktoren, viele habilitiert, einige sind sogar Professoren. Sie halten Vorlesungen und Seminare, nehmen Prüfungen ab und betreuen zahlreiche Qualifikationsarbeiten der Studierenden in natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern. Auf Konferenzen und in wissenschaftlichen Gremien reden sie ein gewichtiges Wort mit, und über ihre Drittmittelprojekte werben sie eine halbe Million Euro und mehr ein. Sie sind für die laufende Forschung, aber nicht minder für die Aufrechterhaltung des Studienbetriebs unverzichtbar. Sie sind längst ein leistungsfähiger Bestandteil der deutschen Hochschullandschaft geworden – aber eben immer nur auf Zeit. Denn auch dieses Sonderprogramm für Wissenschaft und Forschung läuft am Jahresende aus. Wie soll es weitergehen?

Am 14. Februar 2006 wird ein Kolloquium in der Berliner Humboldt-Universität auf die Suche nach Antworten gehen. Unter dem Motto „Innovation durch Integration. Wege zu einer zukunftsfähigen Hochschul- und Forschungsförderung“ werden die promovierten und habilitierten Beschäftigten des ehemaligen Wissenschaftler-Integrationsprogramms (WIP) eine positive Bilanz ihrer Hochschularbeit in Forschung und Ausbildung ziehen können und zugleich nach Wegen für die Fortsetzung ihrer Finanzierung durch Bund und Länder suchen. Veranstaltet wird die Konferenz vom WIP-Rat Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Dabei wird an das ursprüngliche Ziel des WIP zu erinnern sein, ostdeutsches qualifiziertes Forschungspersonal in die deutsche Forschungslandschaft zu integrieren. Die aktuell etwa fünfzig Geförderten sind übrig geblieben von mehreren hundert akademischen Forschern, die noch vor zehn Jahren eine Anstellung hatten. Nach der „Abwicklung“ der Akademie der Wissenschaften der DDR am Ende des Jahres 1990 konnten diejenigen von ihnen, die durch ihre westdeutschen Wissenschaftskollegen positiv evaluiert worden waren, für eine befristete Zeit an den Universitäten arbeiten. Dafür erfand die Politik das WIP, das bis Ende 1996 lief und in Berlin 542 Wissenschaftler in Brot hielt. Danach schafften es noch 200 Personen dank eines neuerlichen Hochschul-Sonder-Programms (HSP III), ihre Hochschularbeit fortzusetzen, während andere auf Drittmittelbasis oder nur noch mit Hilfe von Arbeitsförderungsmaßnahmen ihre Projekte fortsetzen konnten. Nicht wenige wurden arbeitslos. Seit dem Jahre 2001 hält das Hochschul-Wissenschafts-Programm 3 noch etwa vier Dutzend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Berliner Hochschulen.

Das Ziel des wissenschaftspolitischen Kolloquiums an der Humboldt-Universität besteht darin, das aus dem WIP kommende wissenschaftliche Potential zu erhalten und für die betreffenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler langfristige Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen. Deren Erfahrungen sollten auch künftig der Hochschulbildung zugute kommen und darüber hinaus genutzt werden können, um die heute notwendigen internationalen Anpassungsprozesse in Lehre und Forschung zu leisten. Dies betrifft etwa die in Bologna beschlossene Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen, die auch an den deutschen Hochschulen in vollem Gange ist. Ein weiteres Beispiel bildet die von den Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union in Lissabon beschlossene Strategie, die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas durch eine wissensbasierte Ökonomie zu verbessern. Dafür werden nach Auffassung der Europäischen Union 700.000 forschungsqualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Die WIP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können auch hier ohne lange Vorbereitungszeit eingesetzt werden.

Mit der Botschaft des Solidarpaktes will die Große Koalition, insbesondere im Bereich von Bildung und Wissenschaft, Akzente setzen und die regionale Strukturpolitik fördern. Auch dafür ist der Praxis-, Regional- und Forschungsbezug des WIP-geförderten Forschungspersonals sinnvoll einsetzbar. In Berlin und Brandenburg kommen dafür etwa 100 Personen in Frage, die von den Ländern, aber gleichermaßen auch vom Bund finanziert werden müssten.

Dass diese „WIPianer“ eine hervorragende fachliche Arbeit leisten, wurde vielfach von den Hochschulen und auch von der Hochschulrektorenkonferenz ausdrücklich festgestellt. Sie sind ein unschätzbarer Gewinn für unsere Hochschulen. Daher sollten auch die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg ein Interesse daran haben, dieses Potential am Leben zu erhalten. Unser Land kann sich keine weiteren arbeitslosen Hochschuldozenten leisten – angesichts eines wachsenden Bedarfs an Lehrenden für den Wissenserwerb der jungen Generation, ohne die das Wort von der nachhaltigen Wissensgesellschaft Schall und Rauch bleiben könnte.

Kontakt:
Dr. Harald Dehne
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Europäische Ethnologie
Mohrenstr. 40/41
10117 Berlin
Email: harald.dehne@staff.hu-berlin.de