KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2005
Simin Falsafi
Zwischen Eigensinn und Kunstbetrieb
Bericht über eine Debatte zur wirtschaftlichen Lage von Kulturschaffenden
Sind Künstler und Künstlerinnen in dieser Zeit "arm dran", auch wenn sie vielleicht nicht so laut jammern wie direkt von Hartz IV Betroffene? Darüber debattierten in einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladenen Runde im Januar Mitglieder der Enquete-Kommision „Kultur in Deutschland“, Siegmund Ehrmann, Susanne Binas-Preisendörfer und Olaf Zimmerman. Dazu gesellten sich der freie Theaterproduzent Klaus Dörr, die Hörfunkjournalistin Annette Wilms und der Galerist Sven Herrmann.

Kulturschaffende gelten schon länger als selbstständige Unternehmer und heute mehr als früher als ein Muster beruflicher Professionalität. In ihrer Studie „Wie entsteht Erfolg bei Künstlerinnen?“ vergleicht Susanne Binas die historische und gegenwärtige Struktur und stellt fest: „Während vor dreißig Jahren Kulturschaffende noch angestellt waren und damit sozial abgesichert, sind sie heute Unternehmer in eigener Sache mit hohem sozialen Risiko.“

Gefragt wurde, inwieweit sich für Künstler angesichts des rasanten Strukturwandels seit Beginn der 90er Jahre neue Muster von Arbeits- und Lebensformen entwickeln. Olaf Zimmermann vom deutschen Kulturrat zitierte die aktuelle „Shell-Jugendstudie“, wonach der Beruf des „Künstlers“ als Traumberuf an erster Stelle fungiert. Die Zahlen der Künstlersozialkasse für Kulturschaffende seien jedoch erbärmlich. Danach haben die dort Versicherten einen Jahresumsatz von durchschnittlich elftausend Euro, sagte Zimmermann.

Allein-Selbständige machen mit 1,82 Mio. bereits mehr als die Hälfte der Selbständigkeit in Deutschland insgesamt aus. Viele Medien- und Kulturschaffende werden mit der Hartz-Gesetzgebung in die Selbstständigkeit gedrängt. Hohe Qualifikation mit relativ niedrigem Einkommen ist für die meisten von ihnen charakteristisch. Dieses neue Muster von Beruflichkeit ist hochgradig individualisiert, weist risikoreiche Erwerbsbedingungen und eine geringe institutionelle Rahmung auf.

So berichtete Klaus Dörr, ein studierter Wirtschaftswissenschaftler und Theaterproduzent über die Off-Theaterszene, die sich sehr professionell präsentiere (wie das im letzten Jahr ausgezeichnete Hebbel-Theater oder Kampnagel in Hamburg), jedoch für Künstler völlig unabgesicherte Konditionen böte. Dort gelten „freie“ Vertragsverhandlungen. Dörr verwies darauf, dass mit der Hartz-Gesetzgebung ab 2006 es vielen darstellenden Künstlern nicht mehr möglich sein wird, die geforderten Anwartschaftszeiten von 365 Tagen Beschäftigung zu erfüllen. Die Folge sei eine „Marktbereinigung“, sowie der Gang in die Altersarmut, prognostizierte Dörr.

Mit der Wettbewerbssituation müssen Künstler offensiv und professionell umgehen, so Sven Herrmann, Jurist aus Leipzig und Geschäftsführer der „Galerie sphn“ in Berlin-Mitte. Er vertritt junge Künstler und Künstlerinnen (Potentials, wie er sich ausdrückte), die er mehr unterstützt sehen will. Als Galerist betreut er ihren Karriereaufbau. Deutsche Hochschulen, so kritisierte Herrmann, lassen ihre Kunststudenten damit allein. Er verwies auf Finnland, wo es besser laufe und empfahl einen Blick auf die anderen europäischen Nachbarstaaten. Angehende Künstler müssten sich mehr als „Selfmademan“ verstehen und sich Gedanken machen, wie sie ihre Kunst vermitteln können, plädierte er. Das künstlerische Leben in Berlin-Mitte erlebe er als einen wirtschaftlichen Standortvorteil, der Großunternehmen wie SAP ansiedeln lässt, die das zu schätzen wüssten.

Die Runde war sich einig, dass es trotz leerer Staatskassen keine Kürzungen bei der Finanzierung der Künstlersozialkasse geben dürfe. Vielmehr gelte es die KSK zu konsolidieren und zu sichern. Ob die KSK sich dabei für Berufsgruppen der Neuen Medien, wie die von Binas erwähnten Web-Designer, neu öffnen solle und in welchen Größenordnungen, konnten die Teilnehmer abschließend nicht bewerten.

Laut Siegmund Ehrmann, gibt es eine Monitoring-Verabredung der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ in diesem Jahr und eine Wirkungsanalyse zur sozialen Absicherung von Künstlern. Susanne Binas sieht die wirtschaftliche und soziale Absicherung von Kreativen, die beileibe durch die KSK allein noch nicht geleistet wird, am ehesten durch die Erweiterung des bestehenden Sicherungssystems in Form der „Bürgerversicherung“ gegeben.

Im Publikum waren diejenigen, um die sich die Debatte drehte, nämlich Künstler und Künstlerinnen, kaum vertreten. Es gab nur zwei, drei mitunter sarkastische Wortmeldungen.