KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2005
Simin Falsafi
"Europa eine Seele geben" - auf der Suche nach kultureller Identität
Bericht von einer "Berliner Konferenz" zur europäischen Kulturpolitik
Unter dem Motto von Jacques Delors „Europa eine Seele geben“ lud die Kulturstiftung des Bundes zur Berliner Konferenz Ende November 2004 an den Pariser Platz ein. Internationale Politiker und Kulturschaffende kamen, wie einige Außenminister, der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, die lettische Kulturministerin Heléna Demakova und der rumänische Rektor des New Europe College, Andrei Plesu. Das Ziel der Initiatoren: "Einen Impuls setzen, um der Kultur in der europäischen Politik mehr Gewicht zu verleihen".

Zum Auftakt der Konferenz, die von der Bundeskulturstiftung finanziell unterstützt wurde, forderte Kultur-Staatsministerin Christa Weiß einen Mentalitätswandel. Europa sei nicht allein als Wirtschaftsunion über den Euro zu definieren, sondern über seine kulturellen Bezüge. Wie Weiß hob auch der frisch ernannte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hervor, dass "In der Hierarchie unserer Werte kulturelle Werte höher einzustufen sind als ökonomische“. Der Kern der europäischen Identität sei die Vielfalt der Kulturen. Europa dürfe sich jetzt keine Vernachlässigung der Kultur leisten, so Barroso und plädierte für die Herstellung einer europäischen Öffentlichkeit mittels eines gemeinsamen TV-Senders.

Bundeskanzler Schröder sagte zur Eröffnung, zur kulturellen Identität der einzelnen Menschen käme das europäische Element mit der Zeit von ganz allein hinzu, wenn Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik gemeinsam vorangetrieben würden. Wie Schröder nannte auch Außenminister Fischer die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, sowie eine gemeinsame europäische Verfassung als vordringliche Aufgabe und forderte den baldigen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Die Seele Europas sei, so Fischer “die Konsequenz, die es aus den Jahrhunderten des Totalitarismus gezogen“ habe. „Nationalismus ist Krieg“ zitierte er Mitterand. Europa stehe für eine liberale Demokratie und die Idee der Integration, was „ein paralleles Stehenlassen und nicht den Clash of Civilisation“ bedeute. Dieser Transformationsprozeß stehe auf Seiten Europas und nicht der USA. „Unser Problem ist“, beklagte Fischer, „wir Europäer sind von größerer Bedeutung, als wir es uns zutrauen. Wir sind nicht alt – wir kommen von weit her.“

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker forderte eingehend gegenseitigen Respekt der Völker. "Nichts trennt die Völker mehr als Hochmut und Arroganz", sagte von Weizsäcker. Staat und Religion seien strikt zu trennen. Unser elementares Interesse sei es, einen „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) zu verhindern – "Kreuzzüge werden wir nicht dulden" – und ein Zusammenleben in Freiheit zu gewährleisten.

Europas Akteure zeigten sich in den Konferenzbeiträgen enttäuscht über das Desinteresse der Öffentlichkeit an der Bedeutung ihrer Arbeit. Viele wünschen sich mehr Identifikation mit den europäischen Institutionen. Denn Europa, so hob der ehemalige Außenminister Genscher hervor, sei mehr als eine Straßenverkehrsordnung.

Die lettische Kulturministerin Heléna Demakova kritisierte das bürokratische Förderungswesen der EU, dass der Erinnerung an die uralte lettische Bauernkultur nicht gerecht werde und die nationale kulturelle Identität -beinahe wie noch unter der Zugehörigkeit zur SU - ungern unterstütze. „Was haben die Bürger von Talinn und Lissabon gemein?“ fragte der Europaabgeordnete Jo Leinen die Teilnehmer der Konferenz. Europa muss ein Bürgerprojekt werden und vorankommen, forderte er und dazu gehöre die Schaffung einer gelebten Identifikation. Das europäische Parlament mit seinen Parteien vertrete zwar die Interessen seiner Bürger, doch stellte Leinen wie vorher Barrosso fest: "Identity does not appear in the European constitution“. Dies sei jedoch, sagte Leinen, eine Aufgabe der Verfassung.

Für den Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani ist Europa eine Idee, ein sekulares Projekt und kein Land. „Sie alle, die Sie hier sitzen, haben Europa doch gar nicht nötig", sagte er zu den Teilnehmern der Konferenz. Es ist eine bequeme Ausgangsposition, wenn die private und politische Existenz nicht von etwas abhängt. Deshalb riefe Europas Einigung wenig Enthusiasmus bei Politikern und Bürgern hervor. Es fehle, so Kermani, der europäischen Idee an Verzweiflungsdruck. "Falls es mit Europa nichts werden sollte, dann sind Sie immer noch erfolgreiche Holländer, Engländer oder Franzosen." Er fühle sich als Europäer, aber er, wo gehöre er hin, fragte Kermani. „Für mich ist die EU eine Verheißung“, sagte er. Als Deutscher bleibe er jedoch Deutsch-Iraner, so wie die Eingewanderten in Deutschland immer Türken, Libanesen, Iraker blieben, und verwies auf die zunehmend verschärfte Diskussion zur Einwanderung. In dem Augenblick, in dem Europa die Identität als Frage kultureller Zugehörigkeit begreifen soll, als etwas, das veränderbar ist, definiert die Politik Identität als gegeben und ordnet sie innerhalb offizieller, geographischer Grenzen ein.

Kermani beklagte, dass es an Universitäten einen Austausch zwischen Orient und Christentum nicht gebe und forderte eine jüdisch-islamische Akademie für Europa. Denn, so wörtlich, der „ Ausgleich mit dem Orient und Islam wie auch mit dem Judentum braucht Räume – keine Hinterhöfe“. Nach der Wende spüren jedoch viele Kulturschaffende eine nachlassende Aufmerksamkeit für Kultur.

Andrei Plesu, der rumänische Kunsthistoriker, Philosoph und Ex-Außenminister, sagte, es sei Illusion zu glauben, die kulturelle Einheit Europas sei bereits gegeben. Vielmehr sei die europäische Integration, eine organische Entwicklung und kein "Fünfjahresplan“. Der Begriff Kultur habe sich fast aufgelöst. Kultur scheine nicht recht ernst genommen zu werden und tauge offenbar nur noch für Festivals. Je mehr sich der Körper der EU im Zuge der Erweiterung in der Horizontalen aufblähe, umso mehr verliere er in der Vertikalen, nach unten in die Tiefe der Geschichte und nach oben in den Himmel der Ideale - so Andrei Plesu. Um sich „der Seele Europas“ etwas zu nähern empfahl Plesu den Beamten aus Brüssel einen Besuch in Bulgarien, südlich der Donau. Dort läge, die von byzantinischen Mauern umgebene Stadt Plowdiw, die er ein "Wunder an Diversität" nannte.

Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer fragte in ihrem Vortrag nach der Rolle der großen Städte und erinnerte an die Stadt als Vorbild. Sie sei ein gutes Beispiel für die Einbindung kultureller Macht. Die Stadt zeige die Form, wie sich Gemeinschaft zu erkennen gibt. Europas Kultur, so Vollmer, mache die kulturelle und religiöse Toleranz ihrer Städte aus. Wörtlich sagte sie, „Religionen gehören innerhalb der Städte zur Kultur, um zu zeigen, ihr seid Teil der Städte. Das Ausfransen ins Gesichtslose, wie die Gettoisierung, gilt es zu verhindern“. Frau Vollmer sprach sich für die Einbindung des Berliner Schlosses in Bibliotheken und Theater aus. Das gute Zusammenleben fand in den Theatern statt, meinte Vollmer. Diese Art von Stadtbild sei wieder zu erarbeiten.