KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2004
Christine Wagner
"Verlorne Kinder" -
Ist der Ostrock tot wie die DDR?
Kurze Zeit flammte der alte Ostrock neu auf. In den von meist Westdeutschen produzierten Shows zeigten sich die alten Stars noch einmal wie früher. Da Wessis in Zeiten des Kalten Krieges selten ostwärts schauten, entdeckten sie verspätet das alte Erbe des untergegangenen Landes wie ein Weltereignis. Und staunten mehr als es kritisch zu hinterfragen. „Pionierlieder – die mussten wir doch alle singen“, sagte da der DDR-Schlagerstar Nr.1, der es nebenberuflich zum Vizepräsidenten des Komitees für Unterhaltungskunst schaffte. Und machte sich so zum zweiten Mal zum Opfer. Dabei hatte er doch früher selbst der Stasi frech mit der Lampe ins Gesicht leuchten können. Eisprinzessin Kati Witt band sich das Pioniertuch so freiwillig und begeistert um, als wäre sie früher gern zum Fahnenappell angetreten. Kann ja sein. Zweifellost blieb sie ihrem Ruf, das schönste Gesicht des Sozialismus zu sein, so zumindest treu.

Doch – einem Sänger liefen einige Tränen übers Gesicht. „Nichts ist unendlich, so sieh es doch ein, ich weiß du willst unendlich sein“ verkündete er seine seit der Wende oft wiederholte Botschaft. Wollte die aber einer wirklich hören in den Shows der Spaßgesellschaft?

Bei aller Ostalgie, der noch einmal kräftig das Portemonnaie aller Beteiligten füllte, bleibt ein bitterer Geschmack zurück. Die Welle ist inzwischen verebbt. Spuren aber hat sie nicht wirklich hinterlassen.

Ist der Ostrock tot wie die DDR? Vielleicht. Eine tiefere Auseinandersetzung um seine Vergangenheit hat bis heute nicht stattgefunden. Und jene, die nach der Wende die ausgelatschten Spuren verließen, um auf die Suche nach sich selbst zu gehen, sind größtenteils aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und die Rebellischsten von ihnen gescheitert – auch am eigenen Leben mit den zusammengebrochenen Idealen? War die Trauer so unüberbrückbar groß, dass sie die Sehnsucht nach Zukunft erstickte? Warum starben Gerhard Gundermann und Tamara Danz mit 43 - und Gerulf Pannach wenig älter?

Der Schock über den plötzlichen Tod des singenden Baggerfahrers aus der Lausitz trieb vor sechs Jahren mehr als 3000 Menschen der einst bunten DDR-Musikszene zum Waldfriedhof Hoyerswerda. Die meisten Trauernden waren nicht viel jünger oder älter als Gundermann. Er hatte die 30- bis 45jährigen eine „übersprungene Generation“ genannt - und meinte vor allem die kulturell-künstlerische Intelligenz. Eine in der DDR geborene Generation, deren Erfahrungen weder in der Ära Honecker noch in der erweiterten Bundesrepublik unter Kohl von Interesse scheinen. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder - aber nicht wieder bei so einem traurigen Anlass“, sagte ein junger Grauhaariger zu einem Bekannten aus alten Zeiten. Doch während er den Wunsch vieler aussprach, ahnte er schon: Da ist keiner, der die mit dem Ende der DDR verlorengegangenen Fäden einer Gemeinschaft neu knüpfen wird. Was bleibt, ist eine Vertrautheit wie aus Kindertagen. Mit Gundermann, der sich mit Liedern oft voller Todessehnsucht als „Tankstelle für Verlierer“ verstand, hat sich die wichtigste Oststimme der 90er Jahre davongemacht.

Nur wenige Wochen vorher im Mai siegte der Krebs über Gerulf Pannach. Mit seinen Texten für die legendäre Klaus-Renft-Combo prägte er die lustvollen Anfangsjahre des DDR-Rock entscheidend mit. Zu Beginn der 70er Jahre schossen Bands wie Pilze aus dem Boden, die mit eigenen romantisch-lyrischen Songs um Profil und Publikum rangen. Langhaarige im Saal und auf der Bühne hörten aufmerksam einander zu, lebten in Parties lang unterdrückte Gefühle aus und glaubten mit Honecker an einen toleranten Sozialismus. Schließlich förderte er nun die Bands, die Ulbricht verboten hatte. Zehn Jahre später waren die Illusionen erloschen und die Rockmusik unter fördernder staatlicher Kontrolle.

Die Band Silly fing die düstere Stimmung im Land, Wut und Ohnmacht über die Lügen der erstarrten alten Machtmänner ein. Sie beherrschte die Kunst perfekt, Wahrheiten schwungvoll gedrechselt zwischen den Zeilen zu verstecken. Mit dem Krebs-Tod ihrer Sängerin Tamara Danz (43) wurde schon 1996 ein wichtiger Teil jener frustgeladenen 80er Jahre endgültig Geschichte.

Hinter Pannach, Danz und Gundermann stand keine Industrie, die aus den Toten wirklich Kapital schlagen konnte. Die Übriggebliebenen haben weder ausreichend Kraft, noch Lobby und Geld, sich mit neuen Songs auf dem riesigen Musikmarkt Achtung zu verschaffen - trotz hervorragender musikalischer Qualitäten. Aber war nicht das Ende des teilnationalen Ostrock mit dem Untergang der DDR beschlossene Sache?

Auf den ersten Blick scheint die drei toten Rebellen wenig miteinander zu verbinden. Der intellektuelle Einzelgänger Pannach fiel mit seinem roten Schal, Baskenmütze, schwarzem Mantel und zusammengebundenem Pferdeschwanz auf. Er war ein kleiner, zäher Typ, der mit seiner unverblümt-sarkastischen Sprache einen zutraulichen Eindruck erweckte. Er konnte sentimental sein, immer aber unberechenbar, oft aggressionsgeladen, streitsüchtig und störrisch.

Die distanziert-kühle Rocklady mit dem Sexappeal dagegen schob mit ihrer schnoddrigen Art Konflikte an - um dann von ihnen davon zu laufen. Die blonde Löwenmähne und die schicken Lederklamotten machten die charismatische Tamara Danz zu einer Kunstfigur. Ihre rauchige, aggressive Stimme schützte wie ein Panzer ihre weichen, verletzlichen Seiten.

Der ökologisch denkende Vegetarier Gerhard Gundermann passte mit Fleischerhemd, roten Hosenträgern und Hornbrille nicht ins Showbusiness. Seine Stimme krächzte mehr als sie schwang. Aber er hatte Mut , sich auf eine Bühne zu stellen. Er redete wie ein Wasserfall und fuchtelte er mit den Armen, als müsse er einen schützenden Graben zwischen sich und seinem Gegenüber schaffen. Konzentriert und verbissen füllte er als Baggerfahrer und Rockpoet zwei Berufe. Arbeit - das war sein höchster Lebensgenuss.

Die drei trieb der Drang nach Freiheit in dem von Mauern umgebenen Land zur Musik. Als Idole bekundeten sie stellvertretend für ihre Generation „Stinkwut über diesen DDR-Scheinsozialismus“, ohne sich von der Idee des Sozialismus zu trennen. Gefangen von den autoritären DDR-Strukturen stellten sie sich nicht mutig genug ihren persönlichen Konflikten zwischen Anpassung und Protest. Die DDR hielt sie fester, als ihnen lieb und bewusst war.

Die Widersprüche, an denen sie scheiterten, reichen zurück in die Kindheit. Gerhard Gundermanns Eltern ließen sich scheiden. Der Vater, ein Werkzeugmacher, brach den Kontakt zum Sohn ab und gab ihm die Schuld für „sein versautes Leben“. Auch die Mutter, eine Sachbearbeiterin und Gewerkschaftsfunktionärin, kam aus „einer Generation, die um so vieles betrogen wurde“. Mit ihren Kindern zog sie von der Naturidylle Weimar in die Betonstadt Hoyerswerda. Als „Gundi“ in einem Schulaufsatz schrieb, dass sich hier der „Abschaum der Menschheit“ träfe, macht ihm die Lehrerin klar, dass er dazugehört. Es mangelte nicht nur drei Tage vorm Lohntag an Geld, sondern wohl vor allem an Liebe. Die Schwester landete im Jugendwerkhof. Und der Junge mit den Segelohren und der hässlichen Brille hatte nie einen Schulfreund. Dabei sehnte Gundermann sich danach, „einer unter anderen zu sein“. Der Außenseiter musste andere Wege finden, um auf sich aufmerksam zu machen.

Wie Tamara Danz, die verwöhnte Diplomatentochter. Der Vater, ein glühender Kommunist, impfte ihr mit dem Namen seinen von der Partei geprägten Willen in die Seele: Tamara hieß die Tochter des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck mit dem zweiten Vornamen. Die kleine Danz wuchs wohlbehütet in Sofia und Bukarest auf und besuchte die privilegierte Botschaftsschule in der Sowjetunion. Doch sie lebte nicht gern in der Fremde. Sie hatte Sehnsucht nach Berlin, wo sie nur in den Ferien sein durfte. Die „angesagtesten Klamotten“, die sie trug, waren ein Stück Ersatz dafür, dass die Karriere des spießigen Vaters ihr Leben bestimmte.

Wer in der politisierten DDR lebte, hatte zwangsläufig einen dritten Elternteil: Vater Staat. Spätestens in der Schule hämmerte er den Kindern heroische Ideale in die Köpfe. Ihnen sollte es einmal besser gehen. Deshalb mussten sie wie die Mächtigen Verantwortung für die ganze Welt übernehmen, damit diese sich zum Guten entwickle. So wie die sozialistische DDR. Vertrauen in die Kinder, den eigenen Weg zu suchen und zu finden, hatte der strenge Vater Staat ebenso wenig wie die Masse der leibhaftigen Eltern. Statt den Aufwachsenden Halt zu geben, ließen die Erwachsenen sie fallen, wenn sie sich in eine ungewünschte Richtung bewegten. Die mutigsten Kinder rebellierten gegen das aus den 30erJahren stammende Erbe der Altkommunisten. Sie maßen hohle Phrasen am Alltag, um ein Stück vom eigenen Ich zu bewahren. Außerdem machte es Spaß, die Verbote der Alten auszutricksen. Der Kreislauf aus Mitmachen und Verweigerung dominierte auch den Lebensweg von Pannach, Danz und Gundermann.

Gerulf Pannach fiel schon in der Schule als „überheblicher Oberschüler, der mehr gelesen hatte als andere“ auf. Das Jurastudium brach er ab. In der Theaterhochschule lief er auf, weil er die Sowjetunion „beleidigte“ und sich nicht treu zu den starren Prinzipien des sozialistischen Realismus bekannte. Warnungen linientreuer Kulturfunktionäre vor Anarchisten und Abweichlern erzeugten in den 60er Jahren bei dem Mitarbeiter des staatlichen Bezirkskabinetts für Kulturarbeit das Gegenteil: Er ließ sich provokativ Haare und Bart wachsen, wollte die verbotenen Jeans und politischen Beat.

Tamara Danz brach gegen den Willen des Vaters das Sprachstudium zu Gunsten einer unsicheren Musikerkarriere ab. Die Scheue lernte zunächst geschützt und angepasst im Background von Chören, was sie eigentlich nicht wollte: Im Oktoberclub mitzusingen für die Partei, die immer recht hatte, und in der Horst-Krüger-Combo Schlager trällern auf Betriebsfesten.

Gundermann scheiterte an der Offiziershochschule. Ein „Soldat der Revolution“ wie Ché wollte er sein, aber keine Lobeshymnen auf den DDR-Verteidigungsminister singen. Wenig später fand er sich als Hilfsarbeiter im Tagebau wieder. Und wurde trotzdem Mitglied der SED. Die schloss den Träumer später wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus. Als IM Grigori bespitzelte er Kollegen und beklagte sich über korrupte Kader. Dann verweigerte er den Dienst , und die „Firma“ nahm ihn ins Visier.

In der DDR-Rockmusik tobte sich das immense Bedürfnis nach Unabhängigkeit aus. Musiker und ihr gleichaltriges Publikum verbündeten sich in heruntergekommenen Kulturhäusern. Die da oben auf der Bühne und die da unten im Saal genossen bedingungsloses Vertrauen und grenzenlose Nähe zueinander - so, wie sie es sich von ihren Eltern erhofft hatten. Ihr gemeinsames Schicksal widerspiegelte sich in einem diffusen Wir-Gefühl, das das Ich nicht wertschätzte. Der Staat der sowjetischen Besatzungsmacht bot sich hervorragend an als Projektionsfläche für Auseinandersetzungen, die kaum in den Familien stattfanden.

Richtig schocken konnte der romantische Weltverbesserer Gerulf Pannach mit trotzig-aufrührerischen Zeilen wie denen „Zwischen Liebe und Zorn“. Er forderte den „Geist der Kommune“ gegen „die am Hintern zu schwer und im Kopfe zu bequem sind“. Selbst dämpften der wütende Pannach und die plebejischen Renft-Brüder ihren unbändigen Lebensdrang mit reichlich Alkohol und nächtelangen Diskussionen.

In der kunstvollen Silly-Musik erschien die DDR voller Widersprüche, was sie offiziell nicht sein durfte. Die Band übte Kritik an den machtgierigen Männern.„lass sie ruhn die Väter dieser Stadt/die sind so tot seit Deutschlands Himmelfahrt/ die Mütter dieser Stadt hab’n den Berg zusamm’gekarrt“ heißt es in.dem Song über Berlins berühmtesten Trümmerberg Mont Klamott. Selbstkritisch erkannten sie: „ich schleppe die falschen Freunde mit/weil ich zu feige bin für den Tritt“. Und gaben 89 resignierend erste Zeichen des eigenen Untergangs. „Die verlornen Kinder in den Straßen von Berlin“, die sich nach den warmen Ländern sehnten, spürten illusionslos die Kälte um sich herum - die in ihnen nahmen sie nicht wahr. „Erfroren zwischen den Menschen“ war die Selbstmörderin in „Unter ihr taute das Eis“.

Bei Gundermann fanden Intellektuelle, Arbeiter, Obdach- und Arbeitslose wieder die bedingungslose Gemeinschaft, die sie nach der Wende vermissten. Seine Lieder erzählten mal spöttisch, mal subtil und oft in einem heiteren Grundton Geschichten - von korrumpierten Vor- und Nachwendepolitikern, der grünen Armee, untergehenden Industrielandschaften, arbeitslosen Menschen mit viel Zeit und der ewigen Suche nach den Vätern. Der Baggerfahrer sang an gegen „amerikanische Plastikträume“, auch gegen die DDR-Nostalgiefraktion. Trotz und Heimatgefühl mischten sich in die unter dem Schock der deutschen Vereinigung entstandenen Lieder. Mit Zeilen wie „überlebe wenigstens bis morgen/denn morgen kommt es wieder andersrum“ wollte er Mut machen. Dabei hatte sich längst die Todessehnsucht in seine Lieder geschlichen. Es klingt wie ein Eingeständnis des eigenen Scheiterns, wenn Gundermann auf der letzten CD „Engel überm Revier“ über seine Kumpel singt: „die haben harte hände und ein hartes herz/die streiten ohne ende und die sterben früh/die suchen ein vergnügen/ und finden nur den schmerz/die können lügen aber leben können die nie“.

DDR-Staat und Musiker spielten Katz und Maus. Pannach und Renft verloren das Spiel. Die „Glaubensfragen“ und die „Rockballade vom kleinen Otto“ mochte die Katze nicht verdauen. „DDR-Leben ist wie Lotto. Doch die Kreuze macht ein Funktionär“ waren zu gewürzt. Und der kleine Otto, den es in den Selbstmord treibt, weil er nicht zu seinem Bruder in den Westen darf, brach gleich zwei Tabus: Selbstmord passte nicht zum Bild einer optimistischen DDR-Jugend und der Gedanke an eine deutsche Wiedervereinigung nicht in die Zeit der Abgrenzung zwischen Ost und West. Dass Renft sich zuvor mit Förderverträgen, Preisen und guten Honorare ködern ließ, gehört zu den normalen DDR-Widersprüchen. Die staatlichen Stellen erklärten die Band im September 1975 für „nicht mehr existent“. Pannach fand sich im Knast wieder - und ein Jahr später in der Bundesrepublik.

Tamara Danz rebellierte in ihren Songs - und genoss wie andere Musiker Privilegien. Westautos, Wohnungen, Telefon u.a. erhielten in dem Staat der Gleichen nur Auserwählte. Auch auf Bildern mit Erich Honecker tauchte die Rebellin, die von allen geliebt sein wollte, auf. Unter Androhung, das Land zu verlassen, erzwang sie für Silly die Erlaubnis, ab Mitte der 80er Jahre im Westen zu touren.

Gundermann ließ sich nicht durch materielle Dinge kaufen. Obwohl der populäre Musiker von Kunst hätte leben können, blieb er Baggerfahrer. Er wollte sich nicht „verbiegen, um überleben zu können mit Kultur“. Die Genossen hatten auf dem Bitterfelder Weg Ende der 50er Jahre die Arbeiter in den Betrieben aufgefordert, mit eigener Kunst die „Höhen der Kultur“ zu stürmen. Gundermann tat es wie ein Vorzeigeprolet, der er nicht sein wollte. Konsequent starb er wenige Monate, nachdem er arbeitslos den geliebten Bagger im für immer geschlossenen Tagebau Scheibe verlassen musste.

Nur einmal, im September 89, schien es, als könnten sich die Ostrockmusiker mit ihrer Resolution von der vereinnahmenden DDR lösen. Plötzlich sprachen sie über eigene Fehler und kündigten den Funktionären die Freundschaft. Doch als die Bundesrepublik sich als gnadenloser Sieger gebärdete, siegten alte Ängste: Wer in der DDR Fehler zugab, musste mit nochmaliger Bestrafung rechnen. Das kratzte am Selbstvertrauen. Die kommerzielle Musikindustrie, die anspruchsvolle Rockmusik wenig schätzt, übernahm ungewollt die Rolle der DDR-Funktionäre. Schadenfreude, dass die inzwischen auch an dünnbrüstigen Superstars gescheitert ist, mag nicht so recht aufkommen. Verloren haben beide Seiten.

Tamara Danz stand in Wendezeiten wütend in der ersten Reihe. Als das Publikum die Band ignorierte, deren Alben jahrelang die Nummer 1 waren, verschaffte sie sich als Mitglied des Komitees für Gerechtigkeit und in Talk Shows Aufmerksamkeit. Grund zur Wut hatte sie: Der Music-Major BMG Ariola, der sich vor der Wende um die Band mit ihrem Exotenstatus gerissen hatte, wollte Silly in eine Art Münchner Freiheit verwandeln. Ihren Wunsch, „daß man uns etwas Zeit lässt, unsere Angelegenheiten zu bereinigen, statt bereinigt zu werden“, erfüllte sie sich nicht. Lautlos verlies das Vorstandsmitglied den Verein der DDR-Musiker, statt mit Kollegen die Vergangenheit in ihren widersprüchlichen Facetten zu verdauen. Mit früheren Stasispitzeln mochte sie nicht reden, um ihnen „keine Absolution zu erteilen“. Die Frau, die keine Kinder in die „schlechte“ Welt setzen wollte, meinte, alles mit sich selbst ausmachen zu können. Und so richtete sie wohl die Wut ihrer Lieder, die an der neuen Gesellschaft wie an einer Gummiwand abprallten, gegen sich selbst.

Gundermann spielte nach ‘89 ohne Pause. Der ehemalige IM bedauerte seine „ekligen Petzberichte“, ohne ganz an sich heranzulassen, dass er das Vertrauen von Freunden und Kollegen missbraucht hatte. Dafür glaubte er sich „ vor der Sache des Sozialismus“ schuldig gemacht zu haben. Pannach hatte die Erfahrung, dass den Westdeutschen die DDR nur mäßig interessiert, längst gemacht. Während seine LP „Fluche Seele Fluche“ heimlich nach seiner Ausreise in der DDR kursierte, blieb sie wie Pannach im Westen ein Geheimtipp. Nach ‘89. schrieb er belanglose Texte für die einst verachteten Puhdys. Auch mit der Nostalgiefraktion Renft stand er noch einmal vereint auf der Bühne.

Die schrille Medienwelt der Spaßgesellschaft überhört die leisen Hilferufe Einsamer. Wer bemerkte schon, dass die Danz auf der zwei Jahre vor ihrem Tod veröffentlichten CD „Hurensöhne“ auf dem CD-Booklet - fotografiert hinter einer Milchglasscheibe - wie ein toter Engel starrt. Aber fühlte sie die selbstaufgebaute Distanz, wenn sie sang „Wie kann ich leben in der dünnen Luft/die ihr verbraucht für euer Marktgeschrei/ ihr hört nicht mal wenn einer Hilfe schreit“? Den Text für das Lied vom „Fliegenden Fisch“ hatte ihr Gundermann geschrieben. Er liebte es so, dass er es ein Dreivierteljahr vor seinem Tod neu produzierte.

Vielleicht sollten wir wieder hören – einander zuhören - lernen? Der Tod ist ein schleichender Begleiter, wartet auch in Festivals des politischen Liedes und anderen Jubelsängen auf die Vergangenheit. Über den spürbaren Tod zurück zum Leben zu finden – das wäre doch mal was. Wer aber wagt es, sein persönlicher Schutzmäntelchen ganz fallen zu lassen? IC Falkenberg, Dirk Zöllner, André Herzberg, OSTEN.de., Dirk Michaelis, City, Ines Paulke, die drei Highligen – oder wer? Schaun wir mal.