KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2004
Torsten Harmsen
Die Königskinder von Bärenburg. Ein deutsch-deutsches Märchen
Reihe: Autoren im Netz
Interview: Petra Schwarz
Petra Schwarz
Wir sind einfache Rezensionen leid, wir wollen mit den Autoren über ihre Bücher diskutieren, streiten, und so wirklich erfahren, was an den Büchern dran ist. Das haben wir uns vorgenommen. Zu Gast: Torsten Harmsen, Journalistenkollege bei der Berliner Zeitung. Im Auftrag der Redaktion unseres Online-Journals befrage ich Thorsten Harmsen zu seinem jüngsten Buch "Die Königskinder von Bärenburg. Ein deutsch-deutsches Märchen".

Das Märchen erzählt die Geschichte zweier Könige. Könige sind ja klassisch für Märchen. Die Könige heißen Dederow und Bundislaus, und auch klassisch: zwei Königskinder natürlich, die gehören dazu, das sage ich Euch jetzt, weil Ihr kennt ja das Buch nicht, Daniel und Beatrice, die ein wunderschönes Paar sein könnten, wenn, ja wenn sie nicht die Kinder zweier verfeindeter Reiche wären. Zweier großer Reiche im Sinne zweier Welten, natürlich auch der Titel suggeriert das ja schon ganz klar. Warum, Thorsten, hast Du die Form des Märchens benutzt?

Torsten Harmsen
Ja, das frage ich mich auch. Es sollte eigentlich nicht als Märchen entstehen, sondern ein Sachbuch werden, eher etwas Journalistisches. Ich habe es auch so begonnen. Meine Tochter ist ja am 9. November 1989 geboren, und interessierte sich, je älter sie wurde, auch immer mehr für diese Geschichte. Sie wurde jedes Jahr eingeladen zum Feiern mit den anderen Kindern, die in Berlin am 9. November 1989 geboren sind. Bis zum Alter von 5/6 Jahren war da noch nicht viel, aber irgendwann kamen die Fragen: Papa, was ist da eigentlich passiert, warum ist da die Mauer umgefallen an meinem Geburtstag, was ist das überhaupt für eine Mauer gewesen? Dann habe ich ihr mal einen Film gezeigt zum 9. November, am Abend ihres Geburtstages, da sah sie die Leute, die durch die Mauer rannten über eine fremde Straße, den Kudamm, wie sie heulten und andauernd Wahnsinn schrieen. Das hat sie emotional mitgenommen. Sie hat sich gesagt, da muss ja irgendwas passiert sein, wenn Erwachsene so umherrennen und weinen.

Ich hatte schon mal ein Buch beim Eichborn-Verlag gemacht: "Papa allein zu Haus". Da ging es um meinen Erziehungsurlaub und die Entwicklung meiner Kinder. Der Lektor, der mich damals betreute, lebt in einer Ost-West-Ehe. Er kommt aus dem Westen, seine Frau ist eine Ostberlinerin. Und der überlegte schon lange, wie man einmal seinem eigenen Kind erzählen soll, wie Mama und Papa eigentlich zusammengekommen sind, dass es da ja eine Mauer gab, die undurchdringlich, unüberwindbar war, und plötzlich kamen sie dann doch zusammen. Wie soll ich das meinem Kind erzählen? Und da kamen wir drüber ins Gespräch, und da habe gesagt, na ist doch super, da kann ich doch was machen, so ein Zwiegespräch. Ich bin im Jahr 1961 geboren, im Jahr des Mauerbaus, meine Tochter am Tag des Mauerfalls, und da machen wir einfach so ein Papa-Tochter-Gespräch. Und da habe ich mich hingesetzt, Material gesammelt, wie ein Journalist halt, aus dem Internet und sonst wo, und fing an zu erzählen.

Also, es war einmal die Mauer. Es war noch nicht "Es war einmal" als Märchen, sondern es kam immer diese Frage und man hat gemerkt, dass ich einfach ..., ich habe den Faden aufgenommen, und habe gezogen und gezogen und gezogen, kam einfach nicht zu Ende. Bis zum Mauerbau waren schon ewig viele Seiten vergangen, weil ich ja, wenn ich es richtig machen will, bestimmte Dinge einfach erklären muss. Ich muss z.B. erklären, was ist "Kalter Krieg". Ich muss erklären, was ist Kommunismus. Nun erkläre mal einem Kind in 20 Zeilen, was ist Kommunismus! Ja, ein westdeutscher Autor würde sich das vielleicht ganz leicht erklären. Der würde sagen, da sind ein paar böse Menschen, die wollten andere Menschen versklaven und haben allen alles weggenommen und alles zusammengeschmissen. So, weg, tot, aus, wie eine böse Gesellschaft. Aber ich wollte dieses Gut und Böse gar nicht haben, sondern eine sehr ausgewogene Darstellung. Deshalb bin ich dann bis zu meiner Tante z.B. gekommen, die im KZ gesessen hat 8 Jahre und dass sie mit ihren Idealen in die DDR gegangen ist, und dass der Mauerbau auch von ihr sanktioniert wurde als Barriere gegen Revanchismus und gegen die Faschisten, also gegen das Wiedererstarken des Faschismus usw.

Das habe ich da alles reingeschrieben. Das ist dann einfach irgendwie ausgeufert, und ich kam nicht weiter. Ich habe das Zeug in die Ecke geworfen und ein halbes Jahr gewartet, wollte damit gar nichts mehr zu tun haben, und dann hatte ich zufällig ein Gespräch mit einer Kollegin aus dem Haus, die gerade ein Buch las mit ihrer Tochter, auch so was historisches. Und die sagte: Mensch, nimm das doch vom Kommunismus und so alles weg, Kalter Krieg und so. Erklär es auf der Ebene von zwei Königen. Und sie hatte sich vorgestellt, ich schreibe ein Sachbuch mit zwei Königen und zwei Reichen, kann man ja machen. Das habe dann versucht, und unter der Hand ist mir das zur Geschichte geworden. Was also dieses Sachbuch werden sollte, wurde dann ein richtiges Märchen, also ein modernes Märchen. Mir war es einfach zu wenig, nur die sachliche Ebene zwischen den Königen zu erzählen, sondern wollte das wirklich für die Kinder irgendwie beleben, aber auch für Erwachsene. Und durch die Liebesgeschichte - aus einer ganz persönlichen Gefühlslage heraus geschrieben - kam auch eine romantische Note mit rein.

Petra Schwarz
Dann erklärt sich ja vielleicht, dass die Beziehung der beiden Königskinder, die nicht oder nur schwer zueinander kommen können, später einen sehr, sehr breiten Raum einnimmt und sehr, sehr ausgeklügelt ist, mit ganz tollen Ideen, wie die zueinander kommen können, weil es dem jungen Mann ja verboten ist, jegliche Informationen vom anderen Königsreich aufzunehmen. Er dringt dann aber doch in die Informationszentrale seines eigenen Vaters und des Mannes, der das Ganze betreibt, nämlich Intimus Stasius, ein. Und da sieht er einen Film, eben diese junge Frau, ein Mädchen sogar noch, die die Tochter des Königs auf der anderen Seite ist. Von Bundislaus nämlich, dem Menschen, der mit der Butter groß geworden ist. Und das schmückt Harmsen alles aus und wird da sehr einfallsreich, was er alles macht, das glaubt ihr gar nicht. Jetzt verstehe ich das, weil: er war selbst betroffen, der Autor. Oder?

Torsten Harmsen
Ja ja, so ungefähr war es. Aber so entstehen die Dinge doch. Man muss ja dankbar sein für solche Sachen, wenn die sich in solchen Dingen ausdrücken können.

Petra Schwarz
Weil Du sagst, mit dem Märchen habe sich das erst langsam so entwickelt. Im Nachhinein, wenn ich das lese, denke ich, bist Du blöd, warum hast Du nie ein Märchen darüber geschrieben. Weil: das ist so logisch mit diesen beiden Königreichen. Und dadurch wird es ja auch so sinnlich und so greifbar.

Torsten Harmsen
Ja, aber es ist auch eine Gefahr, dass man das macht, was man am Anfang mit dem Sachbuch nicht wollte, nämlich schablonisiert. Indem man diese ganze widersprüchliche Charakteristik eines Systems in eine oder in wenige Figuren legt, wird es schon wieder Karikatur. Ich hatte auch Angst, dass man mir das irgendwie entgegenhält. Bei Bundislaus zum Beispiel hatte ich ein bisschen Kohl vor Augen. Manchmal beim Lesen mache ich den Kohl auch bisschen nach, man sollte es halt nicht übertreiben. Er vertritt die hundertjährige Tradition bürgerlichen Lebens und Strebens. Aber es sind dann eben in dieser einen Figur die verschiedenen Facetten des anderen Systems nicht drin, die Person Willy Brandts etwa. Und in Dederow ist vielleicht ein bisschen Ulbricht drin. Aber die Widersprüchlichkeit des Systems DDR - trotz aller Diktatur - kann man eben in so einem Märchen auch nicht darstellen.

Petra Schwarz
Das stimmt, ja.

Torsten Harmsen
Aber, na ja, da gibt's ja noch einige andere Figuren. Ich finde dieses System im Osten sogar noch viel widersprüchlicher dargestellt als das andere.

Petra Schwarz
Vielleicht, weil Du es besser kennst und besser weißt, oder?

Torsten Harmsen
Ja, sicher. Weil mich emotional diese Entwicklung des Westens nicht mitgenommen hat. Die Beatrice im Westen zieht aus ihrem Elternhaus aus, hat offensichtlich Kontakt aufgenommen mit Ökofreaks, will endlich mal ans Meer fahren und da mal ohne lauernde Fotografen rumliegen, mal auf dem Bauernhof arbeiten. Also so eine Sehnsucht nach etwas ganz normalem, weil sie eben in dieser relativ abgeschlossenen Welt aufwächst als Königstochter. Was man ja heute auch sehen kann, das stimmt natürlich, das sieht man im englischen Königshaus ja auch, dass die Leute da nicht so besonders viel Freiheiten haben und gebunden sind. Wenn mal jemand ausbricht, dann muss er auch dafür bezahlen, zumindest mit öffentlichen Dingen. Aber diese ganze widersprüchliche Entwicklung, wie doch auch im Westen die Dinge hervorbrachen und die Vergangenheit aufgearbeitet wurde, das kann man in einem Märchen nicht erklären.

So ist es für mich ein Kompromiss, denn ich wollte einfach Folgendes leisten: Ich wollte ein Märchen, das erstens lesbar ist für Erwachsene und Kinder, das zweitens ein Koordinatensystem gibt, eine Grundvorstellung, wie diese deutsch-deutsche Teilung begann, wie sie war und wie es zu ihrem Ende kam. Auf Grundlage dieser Vorstellung sollen Kinder auch Fragen stellen können. Also ich erlebte bei meiner eigenen Tochter, dass zum Beispiel im Fernsehen Stalin zu sehen war, und ich dann sagte: Guck mal, das ist der rote Marschall. Das ist er zwar nicht eins zu eins, aber den hatte ich als Vorbild. Aha! Da wusste sie zumindest, wo sie ihn in der Geschichte einordnen soll. Und mal ganz ehrlich, wenn Kinder in der Schule Geschichte haben, und dann diese ganzen Bilder sehen und diese ganzen Sachen hören, es setzt sich im Kopf ohnehin als allgemein bildhafte Vorstellung fest.

Petra Schwarz
Im günstigsten Falle, sage ich mal ...

Torsten Harmsen
Ja ja, genau. Meine Tochter hat auch, nachdem sie es gelesen hat, gesagt, jetzt weiß ich erst, dass eine Seite die Mauer gebaut hat, nicht beide. Sie hatte vorher gedacht, beide hätten diese Mauer gebaut, weil sie miteinander nicht leben konnten.

Petra Schwarz
Weil Du unterscheidest: Erwachsene und Kinder. Abgesehen von Deiner Tochter, die ja der schöne Anlass dafür ist, dass dieses Buch hier auf dem Tisch liegt, hast Du Erfahrungen, ob Kinder dieses Buch wirklich verstehen?

Torsten Harmsen
Ja. Aber natürlich nicht Acht- oder Neunjährige. Obwohl, die Berliner Abendschau hat kurz vor meiner Lesung am 9. November meine kleine Tochter gefragt, und die ist 8 Jahre alt, worum geht es denn in dem Buch? Und sie hat mit wenigen Worten, wenigen Sätzen das hingekriegt, das erklärt.

Petra Schwarz
Was hat sie gesagt?

Torsten Harmsen
Da sind zwei Könige, und die können nicht miteinander, also baut der eine eine Mauer. Die beiden Königskinder, die lernen sich irgendwie kennen, und dann versucht der Prinz zu der Prinzessin zu kommen, aber die Mauer hindert daran. Also in dieser Ebene, ungefähr so, hat sie das gesagt. Also die Grundkoordinaten hat sie schon verstanden. Es ging mir auch darum – und das ist vielleicht der Vorteil dieses Märchens vor all den Generationenbüchern, die immer in ihrer eigenen Generation wühlen, selbst "Helden wie wir" ist ein Generationenbuch oder "Zonenkinder", ist immer für die eigene Generation – also es ging mir darum, mich davon abzuheben und zu sagen, worum ging es denn da eigentlich. DDR und Bundesrepublik ist ja ein historischer Zufall. Aber die Prinzipien, die dahinter sind, die gibt's ja immer wieder. Es gibt Systeme, die nicht miteinander können, überall auf der Welt. Es gibt Streit und Unvereinbares überall. Es gibt auch Mauern anderswo. Und es gibt auch solche und solche Könige, und solche und solche Charaktere. Das ist einfach das, was dahinter steht. Das ist einfach ein deutsch-deutsches Märchen. Das ist jetzt doch ein Zufall, aber das Prinzip, dass da ein Krieg war, dass da Leute sind, die völlig unterschiedliche Dingen wollen in demselben Land und eben dann nicht miteinander können und die sich abgrenzen und was für Probleme das mit sich bringt und wie am Ende dann doch eine Liebe siegt, das ist eigentlich so ein Ding.

Petra Schwarz
Wobei, die siegt ja nur, weil die Mauer fällt.

Torsten Harmsen
Ja, stimmt.

Petra Schwarz
Denn sonst war das ja sehr offen zwischen den beiden, zu guter Letzt. Man hatte unter großen Mühen versucht sich zu treffen. Beatrice wird dann natürlich Friedrichstraße im Tränenpalast festgehalten.

Torsten Harmsen
Im Tränenpalast nicht, das ist assoziiert.

Petra Schwarz
Aber sie wird irgendwo an der Grenze festgehalten als unerwünschte Person, kann nicht rüber, kommt also nicht zum vereinbarten Treffpunkt usw. Nichtsdestotrotz treffen sie sich. Für mich war es ein interessanter Aspekt als die beiden darüber sprachen, wo sie denn leben wollen, auf welcher Seite, wenn diese Mauer da ist. Daniel sagt, ich kann mir nicht vorstellen, bei Dir zu leben. Für mich absolut verständlich, da habe ich mich wiedergefunden, ich konnte mir auch nicht vorstellen, auf der anderen Seite, sprich im Westen zu leben. Nur weil die Mauer fiel konnten die beiden zusammenkommen.

Torsten Harmsen
Das ist interessant, das stimmt. Aber das kann vielleicht auch zeigen, dass da so eine verkorkste Situation existiert und etwas so Unnatürliches trotzdem bewirkt es, dass jeder in seinem System verhaftet ist.

Petra Schwarz
Absolut.

Torsten Harmsen
Daniel ist ja so, ich wäre ja unehrlich gewesen, ich sehe mich ja da selber eher in ihm, der dann erst, als etwas in Bewegung kommt in seinem Land, er hat auch sein Elternhaus verlassen und zieht dann in eine normale Wohnung, die baut er sich mit Freunden, der Freund ist in einer Gruppe, der Gruppe der Gerechten, und die wollen so ein bisschen Bürgerbewegung betreiben, und er bringt sich dann da mit ein, obwohl die ihn nicht lassen wollen als Königssohn, weil er ja beschattet wird usw. Aber er denkt gar nicht daran, jetzt rüberzufahren, so sehr er diese Beatrice auch liebt. Man hat mir übrigens vorgeworfen, dass ich so an der Realität bleibe und nicht mit den Möglichkeiten des Märchens spiele, kein großes Wunder geschehen lasse.

Petra Schwarz
So einen Vorschlag zu machen, verstehe ich überhaupt nicht, weil Du bist ja letztlich dann doch viel zu sehr an deutscher Geschichte, an realer Geschichte dran. Das sieht man im Bild, und wenn man das Buch gelesen hat, sowieso. Es kommen ja immer wieder Aspekte, wenn man ein bisschen deutsch-deutsche Geschichte kennt, eben dieser sehr realen Geschichte raus. Wieso sollten da irgendwelche überirdischen Kräfte die Mauer, also das könnte ich mir gar nicht vorstellen. Es waren ja keine überirdischen Mächte am Werke, aber Mächte, die deutlich höher rangierten als die beiden Könige.

Torsten Harmsen
Ja gut, die spielen ja auch eine Rolle, die Großmächtigen.

Petra Schwarz
Ach so, die Großmächtigen, klar. Aber Feen oder so was, wenn man sich das in diese Richtung märchenhaft wünscht, stelle ich mir komisch vor. Ich habe mal ein bisschen so in Texten gelesen, die über dieses Märchen veröffentlicht worden sind, z.B. Eichborn selber schreibt: "Gerade durch die von ihm gewählte Form des Märchens vermittelt er einen plastischen Einblick in das eigentlich Unerklärliche der deutschen Teilung." Das habe ich nicht verstanden, inwiefern unerklärlich? Ich hatte versucht, das ein wenig hin und her zu wenden, vielleicht hatte ich zu wenig Zeit, aber wir haben ja den Autor da, der kann uns das ja erklären.

Torsten Harmsen
Ich soll jetzt erklären, was mein Verlag über das Buch schreibt?

Petra Schwarz
Ja schon, was meint der Verlag, wenn er schreibt: "... durch die von ihm gewählte Form des Märchens gibt er einen plastischen Einblick in das eigentlich Unerklärliche der deutschen Teilung."

Torsten Harmsen
Damit meinen die wahrscheinlich, dass man sich heute nicht mehr erklären kann, dass es diese Mauer gegeben hat. Also mehr so eine optische Geschichte, auch so vom Gefühl her. Also wenn ich durch Berlin fahre und meiner Tochter sage, hier war die Mauer, hier kamst Du nicht weiter, unvorstellbar!

Petra Schwarz
Zu erklären ist das ja ausgesprochen gut. Wobei Du vorhin auch von Zufall gesprochen hast, vom historischen Zufall.

Torsten Harmsen
Ja, das es so war. Historie ist immer Zufall. Man hat natürlich grundlegende Gesetzmäßigkeiten, die da auch eine Rolle spielen, aber die ganz konkrete Ausprägung, das und das und dass der da gerade geboren wird, der da mal Kanzler wird, und das und das noch persönlich mit einbringt, das ist sicher ein Zufall.

Petra Schwarz
Das Buch hat mich wirklich interessiert, weil Du es schaffst, den Leser einzufangen, auch mit der für mich wunderbaren Sprache, die einerseits sehr klar ist, in sehr einfachen Worte, und dann aber eben in dieser Märchenform auch immer wieder, also das finde ich eine sehr, sehr reizvolle Form. Da hätte ich nicht gedacht, als ich hörte, ich solle hier dieses Gespräch mit dir machen. Also das hat mich schon eingefangen. Ich weiß eben bloß nicht, und du merkst, es bewegt mich, ob Kinder dann wirklich über diese märchenhafte Dimension hinauskommen, wenn sie es denn lesen, wie Du es beschrieben hast: Da sind zwei Könige, und die bekämpfen sich usw., oder muss vielmehr gar nicht sein?

Torsten Harmsen
Wir stehen ja vor der Alternative: gar nicht oder etwas. Ich glaube nicht, dass wir irgendwie einer Generation, die jetzt heranwächst, die die Mauer nicht kennt, mal ein richtiges tiefes Verständnis über diese Zeit vermitteln können. Ich interessiere mich für die Zeit meiner Eltern, die Kriegskinder waren. Ich habe die dann auch irgendwann richtig befragt, wie war das denn damals mit der Flucht, und erst aus diesem Interesse heraus hatte ich mir ein Bild davon gemacht. Aber ich glaube, es wird kaum etwas geben, außer einzelne Filme, wie "Good bye, Lenin" oder so, das sind aber auch so Ausschnitte, finde ich, die man auch nur begreift, wenn man diese Zeit, den 9. November, den Oktober/November 1989 erlebt hat, dieses Umbruchsgefühl, dieses Niemandsland usw. Ich glaube, das können sie nicht nachfühlen und deshalb denke ich, dass jeder Blick in diese Richtung, jedes irgendwie Interessieren für solche Stoffe schon mal ein wichtiger Schritt ist. Ich habe gar nicht damit bezweckt, eine absolute Erklärung zu geben. Das kann man nicht.

Petra Schwarz
Das ist logisch. Weil Du sagst, sich überhaupt dafür interessieren - in den letzten Monaten, im Moment ein bisschen abgeflaut, zeigten solch Interesse etliche Fernsehsendungen und Sender, vor allem Shows ohne Ende - Ostalgie, Nostalgie. Der RBB hat eine lange Nacht im Palast der Republik gemacht, es gab davon schon eine ganze Menge seit dem letzten Herbst. Ist das dazu angetan, Verständnis zu wecken?

Torsten Harmsen
Einige Dinge schon. Ich habe mir mal eine Pionierlieder-CD gekauft, vor Jahren schon, und habe die gespielt, und meine Kinder waren begeistert. Meine kleine Tochter hat dann die Pionierlieder gesungen. Die beiden waren einfach mitgerissen von einer ganz gewissen Art von Fröhlichkeit und Lockerheit, und dann habe ich erzählt, das haben wir als Kinder gesungen. Was? Es soll doch so dreckig gewesen sein bei euch. Ja, so einfach ist es eben nicht! Ich war genau so wie ihr, steckte in einem Leben drin, hatte Freunde und so und habe mich verliebt.

Aber das Problem dieser Shows ist ja, dass sie nur auf so Marken setzen. Das habe ich vor zehn Jahren hinter mich gebracht. Dazu gehörte Brussigs, ich bin mit Brussig in die Schweiz gefahren, und wir haben da gelesen in der deutschen Botschaft. Da habe ich ihm gesagt, Dein Buch war für mich ein Türöffner, weil es das aller erste war: "Helden wie wir". Endlich hatte jemand so ein Wiedererkennungsbuch geschrieben, das man lesen konnte. Wie war es im Ferienlager, und wie war es dort, und in der Schule und so, aber eben mal literarisch verarbeitet. Aber was ich Dir vorwerfe, ist dass Dein Held sich aus allem raushält. Zwar irgendwie alles beobachtet, aber sich selbst nicht in Verantwortung bringt. Und diese ganze Marken-Geschichte, also die heutigen Shows, da macht das Fernsehen nichts weiter als Marken aufzugreifen, eine sehr oberflächliche Welt zu bauen. Was Buntes, vielleicht nur was Beschönigendes, das kann man ihnen vielleicht auch vorwerfen, aber dieses ganze Diffizile, was da eigentlich wirklich passiert ist, lassen sie draußen.

Petra Schwarz
Du sagst, durch die Märchenform konntest auch Du von einer differenzierten Sicht auf die Dinge nicht so wahnsinnig viel reinbringen.

Torsten Harmsen
Ja, aber ich nehme ja nichts, was eine irgendeine Marke an diesem System ist. Es ist keine Konsumebene, es ist überhaupt nichts Konkretes aus DDR da, wo jemand sagen kann, ach! Ich versuche es ja auf eine Struktur zu begrenzen, auf eine Person, versuche es dann auf das Eigentliche zu begrenzen. Auf das, was eigentlich die Leute kennen. Wo man als Kind überlegt, aha, dieser Dederow-König, der wollte eine neue, eine gerechte Welt schaffen. Das war sein Ideal. Das kann man ja begreifen. So, nun kommt er aber ins Trudeln, weil er das nicht schafft, sowohl auf der anderen Seite weil der General Jenny dem anderen König besser und mehr helfen kann, wird die andere Seite einfach reicher, kriegt schlagkräftigeres Geld usw.

Petra Schwarz
Er kann mit der entsprechenden Knete einfach mehr machen …

Torsten Harmsen
Ja, genau. Und Dederow kommt einfach nicht zu Potte da. Und dann hat er noch diesen Intimus Stasius, der dann auch noch intrigiert und sonst wie was macht und ihm noch was einflüstert und die Leute noch unter Druck setzt. Und das kann man vielleicht begreifen, so eine Konstellation. Mich fragen sie dann immer, ist denn Königin Gertrud denn auch Lotte Ulbricht? Ich sage dann, es ist schwierig. Ich sehe sie ein bisschen so, dieses graue Mäuschen, andererseits sehe ich da was Mütterliches, so was Zupackendes. Sie hatte das Prinzip der neuen Welt als das Prinzip begriffen, zu helfen, anderen Leuten zu helfen, für ein besseres Leben zu sorgen. Und das zieht sie einfach auf ihrer Ebene durch. Das kann man vielleicht auch verstehen. Meine eigene Tante war halt so, und die habe ich dabei auch gesehen. Trotz allem immer lebenslustig, bei allem, was sie erlebt hat. Ich glaube, an solchen Dingen begreift man einiges ohne das als Geschichtsstunde nehmen zu müssen.

Petra Schwarz
Es gibt ja inzwischen so etwas wie eine neue DDR-Literatur. Es sind nicht sehr viele, die da publizieren, aber es sind vor allem die jüngeren Jahrgänge, also ab 1961 vielleicht. Was die Älteren machen, das ist halbwegs klar, das ist meist Memoirenliteratur oder Aufarbeitung von großen Themen. Erstaunlich: Memoiren gibt's jetzt auch schon von den Jüngsten. Aber einerlei, ob sie sich mit dem auseinandersetzen, was einmal war, egal ob sie die Gesellschaft der DDR zum Gegenstand machen oder als den Erfahrungshintergrund nutzen, aus dem heraus sie schreiben – den spezifischen Blick auf die Wirklichkeit verdanken sie ihrer Ost-Sozialisation. Die Zahl dieser Autoren ist nicht groß und sie sind recht verschieden, dennoch bilden sie eine deutlich erkennbare "Fraktion". Wenn man sich als Literaturproduzent selbst irgendwie einordnet, würde man ja nicht nach seiner Position auf dem gigantischen Büchermarkt suchen. Also etwa: ich bin jetzt auf Rang 175.000. Da schaut man doch auf die zehn, zwanzig anderen, die da ähnlich umtriebig sind. Da würde mich interessieren, wie Du Dich selbst einordnest in diese neue DDR-Literatur, von der die Literaturwissenschaftlerinnen schreiben. Hast Du eine Beziehung dazu?

Torsten Harmsen
Ich habe Brussig gelesen, ich habe auch einige der anderen Sachen gelesen, und ich bin ganz bewusst ein bisschen weg von diesem Generationenbuch. Ich ordne mich da schon in einer ganz eigenen Stelle ein. Denn ich habe geschrieben, was in dieser Form eben noch keiner gemacht hat. Schade, dass das Feuilleton auf so etwas selten anspringt. Wenn ich mich längerfristig einordnen müsste, sollte und dürfte - weil ich ja auch weiter schreiben will, so Kraft und Zeit bleiben - dann würde ich mich mehr zu den Erzählern rechnen. Aber nicht auf der Ebene von Familiengeschichten, mehr so von der ideologischen Seite, mehr so von der geistigen Seite her. Das wird man vielleicht sehen, wenn ich ein Buch schreibe, das ich schon länger vorhabe. Da will ich erklären, wie man in solch eine Welt hineingeboren werden konnte, wie man sie mittragen konnte.

Petra Schwarz
Das finde ich hochinteressant. Wir haben, so wir Ostdeutsche sind, immer das Problem, genau das erklären zu müssen. Ich sage immer, ich habe 33 Jahre in der DDR gelebt, und alles, was ich kann und bin, habe ich in der DDR gelernt. Alle Entwicklungsmöglichkeiten hatte ich dort. Und dann gucken die anderen, so sie Westdeutsche sind, mich immer an und glauben es einfach nicht. Das muss man wirklich mal versuchen, zu erklären.

Torsten Harmsen
Also muss man die Leute auf die Ursprünge zurückführen. Brussig hat es auch gemacht. Er wird geboren, und es fährt ein Panzer vorbei, rrrtttt, ein russischer Panzer. Auf einmal guckt da ein Soldat rein. Aber von Anfang an siehst Du bei Brussig den Draufblick.

Petra Schwarz
Ja, Du, der ist noch zu jung...

Torsten Harmsen
Nein, aber es ist bei ihm gar nicht so, dass die Leute das Gefühl haben, sie könnten es auch sein. Aber nicht, dass Du sofort weißt, ach der schreibt es aus seinem jetzigen Blick. Der schreibt einfach so, wie er es jetzt einschätzt.

Petra Schwarz
Sollte er noch mal reinschlüpfen in die Zeit?

Torsten Harmsen
Ja, aber man muss bestimmte Dinge natürlich ausschließen, die jetzt im Nachhinein erkennbar sind. Man kann, darf gar nicht erzählen an einem bestimmten Punkt, was man heute weiß. Das muss sich langsam herstellen, das ist doch ein Entwicklungsroman.

Petra Schwarz
Hast Du eigentlich auch an Romeo und Julia gedacht?

Torsten Harmsen
Sicher, klar. Das wir immer wieder zitiert. Dann wird mir gesagt, aber das ging doch so böse aus damals. Die Form aber erinnert mich auch daran. Dass man sich erst mal so ein bisschen annähert, auf diese höfliche Art, so richtig formvollendet. Das geht in der Geschichte dann hin und her mit „Ihr“ und „Euch“. Das „Du“ kommt erst später, wenn man sich schon näher kennt. Solche Muster hat man wahrscheinlich im Hinterkopf. Ich glaube aber nicht, dass mir das bewusst war. Ich lasse mich davon auch nicht leiten und würde ansonsten auch nicht abgucken wollen.


Petra Schwarz interwievte Torsten Harmsen am 26. November 2003 in der Veranstaltung "Autoren im Netz",
im Kulturhaus Mitte von Berlin.