KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2004
Ina Merkel
Labor Ostdeutschland
Kristina Bauer-Volke und Ina Dietzsch (Hg.): Labor Ostdeutschland. Kulturelle Praxis im gesellschaftlichen Wandel, Kulturstiftung des Bundes 2003, 368 Seiten und 1 CD-Rom.

Die Kulturstiftung des Bundes hat im Rahmen ihrer Unternehmungen zur deutschen Einheit eine Bestandsaufnahme zur Situation von Kultur und Kunst in den neuen Bundesländern in Auftrag gegeben. Es galt herauszufinden, was von der Substanz der Kultureinrichtungen der DDR 13 Jahre nach der Wende noch geblieben ist, was davon unter den neuen Bedingungen weiter oder anders funktioniert, wo sich neue Entwicklungen beobachten lassen, was es an Defiziten und potentiellen Handlungsfeldern gibt. Der nunmehr vorliegende Kulturbericht gibt einen pointierten Einblick in die Gesamtsituation und versucht anhand exemplarischer Fälle die Situation von Kunst und Kulturarbeit in Ostdeutschland zu skizzieren. Dabei werden die kulturellen Praxen stets an gesellschaftliche Entwicklungen rückgebunden.

Das hat viel mit dem Kulturbegriff zu tun, der die Beiträge in diesem Band konzeptionell leitet: Kultur als ganze Lebensweise, als Handlungs- und Deutungspraxis, die nicht zu trennen ist von ihren sozialen, politischen und materiellen Voraussetzungen. Kultur ist nicht nur Staatsauftrag, nicht nur vor dem Untergang zu schützendes humanistisches Erbe, sie ist vor allem das, was die Menschen aus ihrem Leben machen. Und das ist höchst verschieden, wie der Band auf wohltuende Weise zeigt. Das Buch lebt von den unterschiedlichen Standpunkten und Perspektiven der Autor/innen. Herausgekommen ist ein Lesebuch im besten Sinne, zum Blättern, zum Informieren, zum intellektuellen Vergnügen. Es ist mit viel Witz geschrieben, mit Selbstironie auf westlicher wie östlicher Seite, von Leuten, die immer noch über die DDR stolpern, für die sie nicht einfach eine Fußnote in der Geschichte ist, sondern gelebtes Leben, das nicht einfach aufhört, nur weil der Staat aufgehört hat zu existieren.

Das Buch bietet auch eine Bestandsaufnahme, sicher – aber das klingt ein wenig buchhalterisch und das ist dieses Buch auf gar keinen Fall. 43 Autor/innen beschreiben in 39 Beiträgen kulturelle Praxen im weitesten Sinne, den Kunstbetrieb wie die regionale Kulturarbeit, jugendkulturelle Entwicklungen wie den Wertewandel in den arbeiterlich geprägten Eltern- und Großelterngenerationen, das Leben in schrumpfenden Städten wie in deindustrialisierten Regionen, kurz: ostdeutschen Alltag im vereinigten Deutschland, der auf überraschende Weise vital, lebendig und innovativ erscheint. Es hält gegen die derzeitige seichte Welle einer kommerzialisierten Ostalgie mit Professionalität und analytischer Schärfe und bietet so eine Reflexionsfolie für das eigene Leben.

Der Band verschafft den Leser/innen lakonische Einblicke von Insidern, selbstironische Reflexionen von Kulturmachern, warmherzige Analysen, melancholische Bilder und Berichte über utopische Projekte. Man wird als Leser hineingezogen, beteiligt, angesprochen. Ein Buch, das einem gefehlt hat, ohne dass man es wusste.

„Worauf warten wir?“, ist der Prolog überschrieben, und eröffnet den Band mit einem Stimmungsbild des Nicht-mehr und Noch-nicht. Ein Land im Übergang, das nicht weiß, wo es ankommen wird. Nach dem witzigen Einstieg von Norbert Zähriger wirft Detlev Lücke essentielle Fragen der ost-westdeutschen Vereinigungsdebatte auf: Wir oder Ihr? Gibt es ein einigendes Band oder regiert der Kulturdarwinismus? Lücke polemisiert gegen das „selektive Sehen“, das aus westdeutscher Perspektive geübt wird und in dem zu vieles ausgeblendet wird, was für Ostdeutsche wichtig ist. In einer Situation, da die Identität in Frage gestellt ist, wird jeder Unterschied „von Menschen, die dazu gehören wollen, als Abwertung, als Kränkung erlebt und abgewehrt.“, zitiert er Wolf Wagner und plädiert mit ihm für eine gegenseitige Deutung der unterschiedlichen Sinnkonstruktionen, die die Biographien der Ost- wie der Westdeutschen geprägt haben. Dagegen setzt Ulrich Wüst mit seinen Fotos von menschleeren, im frühen Morgenlicht fotografierten, ostdeutschen Stadtlandschaften ein fatalistisches Stimmungsbild. Sie scheinen die Entvölkerung im Bild vorwegzunehmen: Ein Land wie im Untergang begriffen, verlassene Industriegebäude, leere Wartehäuschen in einer brachgefallenen Landschaft, kerzengerade ausgerichtete Fahnen vor Gewerbegebieten, die niemand zu betreten scheint. Die „Aura der Abwesenheit“ war schon zu DDR-Zeiten sein Thema, wie Matthias Flügge kommentiert: „Hier war das Warten sinnlos geworden, die Erwartung hatte ein Höchstmaß der Leere erreicht.“ Und heute, möchte man fragen? Wiederholung der „Kategorie des Verlustes“, des „melancholischen Lebensgefühls“ mit anderen Mitteln? Der Prolog entlässt die Lesenden in fragwürdiger Stimmung.

Die folgenden fünf Kapitel über den ostdeutschen Kulturbetrieb zwischen öffentlicher Hand und freier Wirtschaft, den Wandel der Arbeitsgesellschaft als kultureller Herausforderung, die Bedeutung von Kultur für die Gestaltung „schrumpfender“ Städte bzw. für glokale Identitäten und schließlich die Perspektiven der Jugend werden von den beiden Herausgeberinnen mit einer anregenden Einleitung von Kristina Bauer-Volke und einem klugen Epilog von Ina Dietzsch konzeptionell eingerahmt.

Kristina Bauer-Volke resümiert die Entwicklung der Kunst- und Kulturszene seit 1989 und zeigt die Verluste auf. Geschlossen wurden zahlreiche Bühnen und Orchester, Bibliotheken, Museen und Kulturhäuser. Trotzdem gibt es eine Vielzahl temporärer Projekte, Ausstellungen und Performances, die von kultureller Vielfalt zeugen und unglaubliche Besucherrekorde verzeichnen. „Man könnte meinen, der Mangel befördere die künstlerische Kreativität. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass im Schatten der erfolgreichen Events das stetige Kulturangebot verloren geht.“ (38) Die Kürzungen gehen mittlerweile an die kulturelle Substanz. Die ursprünglich flächendeckende kulturelle Infrastruktur, die auch kleinste Ortschaften erreichte und jedem unabhängig von Einkommen und sozialem Stand die aktive Teilnahme ermöglichte, sei radikal dezimiert worden. Motiviert war das Streichkonzert nicht allein von der chronischen Finanzkrise der Länder und Kommunen. Der politische Streit um Wert oder Unwert der unter DDR-Verhältnissen entstandenen Kunst, der paradigmatisch an der bildenden Kunst ausgetragen wurde, bestimmte die Entscheidungen über Erhaltung und Schließung kultureller Institutionen nachhaltig. Über dem „Bilderstreit“ wurde systematisch die Förderung des Neuen vernachlässigt. Retrospektive Ausstellungen bestimmen das Bild, der Blick auf die neue Kultur Ostdeutschlands droht verloren zu gehen. Kunst und Kultur aber sind im Verbund mit der Wissenschaft oft das einzige, „was zu einer Vision für den Ort/die Region zu taugen scheint, seit die Hoffnung auf ökonomische Stabilisierung aus eigener Kraft immer häufiger als Illusion enttarnt werden.“ (54) Kunst und Kultur schaffen „die so dringend benötigten Gesprächsräume für den radikalen Wandel in Ostdeutschland“, die in Zeiten der Deindustrialisierung „nicht nur Plattformen für Verständigung“ bieten, sondern selbst „Modelle für alternative (Lebens-)Konzepte“ sind. (55) Kristina Bauer-Volke geht mit solch starken Thesen weit über das ostdeutsche Problem hinaus: Die Rolle von Kunst und Kultur kann nur gesamtdeutsch neu diskutiert und bestimmt werden. Das Ostdeutsche wird so zum exemplarischen Fall, an dem uns alle betreffende Fragen aufgeworfen werden.

Das macht Ina Dietzsch in ihrem Epilog noch einmal direkt zum Thema: inwiefern mit dem in Ostdeutschland stattfindenden kulturellen Wandel grundlegende Denkmuster der Industriemoderne herausgefordert sind. Sie diskutiert das vorrangig an der Erosion industriegesellschaftlicher wie arbeiterlicher Normen: Da es keine Hoffnung auf die Wiederkehr der Vollerwerbsgesellschaft, des ungebrochenen Erwerbsverlaufs, der festen Einkommen und geregelten Arbeitsverhältnisse gibt, stellt sich neben „der ökonomischen Dimension der Existenzsicherung ... auch die Frage nach Alternativen zu Systemen sozialer Anerkennung, die bisher eng an Erwerbsarbeit gebunden waren und es in der Regel auch noch sind.“ (359) Deinstrialisierungsprozesse sind oft von Ausgrenzung und Abwertung begleitet, unter den ostdeutschen Bedingungen plötzlicher massenhafter Arbeitslosigkeit greifen solche Marginalisierungstendenzen jedoch nicht zwangsläufig, sondern bringen im Gegenzug widerständige Strategien und Kompetenzen hervor. Diese aus der Unsichtbarkeit herauszuholen und aufzuwerten, sie in den öffentlichen Raum hineinzutragen, darin sieht Dietzsch eine wichtige politische Aufgabe.

Der Wandel der ostdeutschen Lebenswelt zeigt sich besonders deutlich am Phänomen der schrumpfenden Städte, der Abwanderung der Jugend und der demographischen Umkehrung des Verhältnisses von jung und alt. Unter diesen Bedingungen lässt sich ostdeutsche Identität kaum als etwas Zukunftsbestimmtes herstellen, sie bleibt notgedrungen retrospektiv. „’Ostdeutsch’ ist dabei zu einer Kategorie kultureller Zuschreibung wie Selbstzuschreibung mit ambivalentem Charakter geworden. Der Bezug darauf ermöglicht einerseits das Einfordern von politischer Unterstützung und ökonomischen Transferleistungen, wird andererseits aber zur identitätspolitischen Falle, weil in den Gegensatz ‚ostdeutsch’ und ‚westdeutsch’ ein symbolisches Ungleichheitsverhältnis eingeschrieben ist.“ (362) Sie empfiehlt am Ende „Mut zum offenen Ausgang“ (365). Im reaktiven Krisenmanagement lägen auch wichtige Potenziale für die Zukunft. Die augenblickliche Situation deute nicht so sehr auf die verspätete Ankunft der Ostdeutschen in einer westdeutsch vorgestellten Zielgesellschaft, sondern eher darauf, dass dieser Wandel „eine Normalität aller spätmodernen Gesellschaften“ werden wird. (366) Die Metapher vom Labor Ostdeutschland zielt vor allem auf das Erkennen von Handlungspotentialen der Akteure vor Ort, auf Produktivität in extremen Situationen, auf Durchhalten, selbst „wenn alles zunächst gegen einen Erfolg spricht“ (366, Zitat Peter Nausner).
Damit wird die ostdeutsche Entwicklung in übergreifende Modernisierungsprozesse eingeordnet. Das ist sicher sinnvoll, zugleich provoziert es die Frage, ob es sich nicht doch um eine besonders prekäre und vor allem unumkehrbare Situation handelt. Läuft nicht alles auf eine weitere Vertiefung der ungleichen Verhältnisse zwischen Ost und West hinaus? Die Deutung der Krise als Chance stimmt zwar optimistisch aber ist sie auch realistisch?

Die Metapher vom Labor Ostdeutschland bindet die folgenden, sehr unterschiedlichen Beiträge zusammen: Es geht um Experimente mit glücklichem, traurigem oder ungewissem Ausgang, um bemerkenswerte Versuche, sich in diffusen Situationen zurechtzufinden, etwas daraus zu machen, sich gegen den Mainstream zu stellen oder mit ihm zu schwimmen. Sie zeugen von Engagement, Veränderungswillen und Kreativität und zeichnen so ein Gegenbild zum landläufigen Stereotyp des Jammerossis. In dem Bemühen, die Keime des Neuen, die Kraft des Überlebens, die Produktivität in der Krise zu zeigen, kommen die gescheiterten Projekte, die untergegangenen Kultureinrichtungen allerdings ein wenig zu kurz.


Am Ende des Kulturstaats?

Im ersten Kapitel geht es um den Zusammenhang von Kultur und Wirtschaft, also die Frage, welche ökonomischen Effekte Kunst und Kultur für die Städte und Regionen haben, wie sich Künstler und kleine Kulturunternehmen über Wasser halten und welchen Beitrag Länder und Kommunen dabei zu leisten bereit sind.
Im Interview mit dem Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft, Oliver Scheytt, wird das Problem der Verpflichtung des Staates für eine kulturelle Grundversorgung diskutiert. Es reiche nicht aus, Kultur weitgehend in die Verantwortung der Bürgerschaft zu legen, der Staat müsse vielmehr die Grundfinanzierung für wichtige Einrichtungen übernehmen, um eine bestimmte Qualität zu garantieren. Die Länder und Kommunen sind aufgrund ihrer prekären Finanzlage weitgehend überfordert. Wie sie trotzdem versuchen, mit geringen Mitteln größtmögliche Effekte zu erzielen, berichten Götz Bachmann und Hermann Voesgen am Beispiel der Kampagne Kulturland Brandenburg, die einen „interessanten Mix aus dezentral angelegter Projektförderung und Vorhaben von landesweiter Bedeutung“ darstelle (63). Wie Michael Söndermann in seinem abschließenden Beitrag zeigt, benötigen auch die privatwirtschaftlichen Kulturbetriebe zu ihrer Entwicklung einen „funktionierenden Markt, auf dem sie sich als Nischenbranche“ einrichten können. Susanne Binas verdeutlicht dieses Problem in ihrer Analyse der Situation der Musikproduzenten. Für sie stellt sich die Frage, „warum es nur so wenigen Künstlern aus dem Osten gelungen ist, sich erfolgreich auf dem nationalen oder globalen Markt zu behaupten.“ (133)

Wie es unter diesen problematischen wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen kulturellen Institutionen bzw. Kulturschaffenden dennoch gelingt, nicht nur zu überleben, sondern sogar noch etwas Neues aufbauen, wird in den folgenden Beiträgen beispielhaft vorgeführt.

Das Interview mit Annegret Laabs, der Leiterin des Magdeburger Kunstmuseums Kloster Unter Lieben Frauen, das eine einmalige Skulpturensammlung beherbergt und der Beitrag von Inga Rensch über das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop berichten von der Schwierigkeit, unter extrem eingeschränkten finanziellen Bedingungen dennoch moderne Kunstentwicklungen im Osten zu etablieren. „In dem angestrengten Versuch, ihre historischen Wurzeln zu begreifen“, kommen viele Regionen in der Entwicklung der Gegenwart nicht voran. (78) Das Klammern an die Hoffnung auf touristische Beachtung, die Angst vor Aufregung und Streit um Kunstauffassungen führen geradewegs in die Provinzialität.

Fast entgegengesetzt lesen sich die beiden Beispiele aus dem Provinztheater. Dietrich Mühlberg erhebt die Erfolgsgeschichte der Uckermärkischen Bühnen Schwedt zum amüsant zu lesenden Lehrstück, wie man Theatern eine Zukunft geben kann, wenn man sich den Bedürfnissen der Bevölkerung öffnet. Um das Schauspieltheater herum, das keine Probleme damit hat, die gerade in der Schule behandelten Klassiker aufzuführen, werden viele andere Genres darstellender Kunst auf die Bühne gebracht: Kabarett, Artistik, Revue, Konzerte, Lesungen, Foren, festliche Ehrungen, Videocollagen, Bälle und Feste usw. In dem Verzicht auf bildungsbürgerliche Distinktion werden die Hemmschwellen gesenkt, für die Jugend der Umgebung sei es mittlerweile „ganz normal geworden, ins Theater zu gehen“. Das Publikum erwarte vom Theater, „dass es auf seine ‚ostdeutschen Angelegenheiten’ eingeht. Darin liegt erneut eine Chance des Theaters als lokaler Kommunikationsform.“ (94) Die Stadtpolitiker haben das Theater als kulturelles Kapital erkannt und finanzieren es kräftig weiter, „weil nur so die Kommune vital bleibt“.(96)

Nah an den Bedürfnissen seiner Zuschauer agiert auch das 2-Mann-„Theater am Rand“ in einem privaten Wohnzimmer in Zollbrücke, wie Tom Mustroph beschreibt. Die beiden Schauspieler treibt weniger ein kommunalpolitischer Impetus als vielmehr das Bedürfnis, neben dem Broterwerb in einer Fernsehserie, zu spielen was und wie man Lust hat, „die Augen der anderen zum Leuchten bringen“. (100) Das ganz andere Theater als ein Stück gelebter Utopie. Oder wieder nur eine der berühmt-berüchtigten Nischen?

Ihren Traum von einer ganz anderen Schule haben sich auch Otto Kummert und Michael Waßermann erfüllt, indem sie die Grafik+Design-Schule Anklam gründeten. Eine Erfolgsgeschichte, über die Andreas Wessel berichtet. Die Designschule vermittelt nicht nur 90% ihrer Absolventen in den ersten Arbeitsmarkt, sie fungiert auch mittlerweile als ernstzunehmender Wirtschafts- und Entwicklungsfaktor für die strukturschwache Region. Mit Ausnahme von 200.000 Mark Zuschuss von Seiten der Denkmalpflege hat sich dieses Projekt selbst finanziert, über das Schulgeld und die Werkstätten, die der Schule angegliedert sind. Designausbildung für die Kinder der Besserverdienenden?

Vom persönlichen Engagement und dem Improvisationstalent der Veranstalter Jörg Ackermann und Roland Rust lebt auch das Cottbuser Festivals des osteuropäischen Films. Auch ihnen gibt der Besucheransturm Recht: die ostdeutschen Zuschauer können sich in den Problemlagen und Handlungsmustern der östlichen Nachbarn wieder erkennen.

Insgesamt wird in diesem Kapitel deutlich, dass auf staatliche Förderung nicht verzichtet werden kann, dass angesichts einer veränderten Kulturlandschaft die Kriterien neu ausgehandelt werden müssen, dass das Argument der Bewahrung und des Schutzes des kulturellen Erbes allein nicht ausschlaggebend sein darf. Dass sich die kulturellen Institutionen und Unternehmungen auf veränderte Bedürfnisse einstellen müssen, dass sie ein Publikum zu gewinnen oder auch zu verlieren haben. Und das ist im Übrigen bei all diesen Projekten das Problem: Geld zu bekommen, zu verdienen oder marktwirtschaftlich einzuspielen, ohne Ansprüche aufzugeben. Dabei müssen kulturelle Projekte dauernd unter Beweis stellen, dass sie positive wirtschaftliche Folgen für die Region haben. Kultur aber, das hat vor allem Söndermann deutlich gemacht, folgt einer anderen Logik als die Wirtschaft.


Erwerbsgesellschaft ohne Arbeit?

Im zweiten Kapitel wird ein Perspektivenwechsel auf die kulturellen Dimensionen von massenhafter Arbeitslosigkeit und Deökonomisierung vollzogen. Die plötzliche, kollektive und langdauernde Erfahrung von Erwerbslosigkeit hat Ostdeutschland in den letzten zehn Jahren nachhaltig geprägt.

Michael Hofmann beschreibt übergreifend die Veränderungen in den sozialen Milieus. Neben der Pflege sozialer Traditionen und der Tradierung von Gleichheitsmustern interessieren ihn vor allem die wachsenden ostdeutschen Mittelschichtmilieus und die in der Transformation entstandenen „postmodernen“ Lebenswelten des Ostens, weil sie mit ihren politischen und kulturellen Grundorientierungen in (West-)Deutschland angekommen sind, kaum noch als ostdeutsch wahrgenommen werden und auch ihrerseits keiner eigenen kulturellen Deutungsmuster bedürfen. Hofmann beobachtet eine verstärkte Fortsetzung von Tendenzen der „Verbürgerlichung“, womit vor allem die zunehmende Orientierung der Lebensstile an Konsum- und Freizeitkulturen des Westens gemeint ist. Das wichtigste Ergebnis des Milieuwandels stellt für ihn die Herausbildung einer „modernen Mitte“ dar. Diese sei der westdeutschen Mitte in Struktur und Größe durchaus vergleichbar, umfasse über 40% der Bevölkerung und bestimme den modernen Mainstream. In dieser Mitte versammelten sich vor allem Gewinner der Wende. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, des Elitenaustauschs und der massenhaften Abwanderung eben derjenigen Schichten, die potentiell die neue Mitte hätten bilden können, erscheint mir diese These problematisch. Sind die anpassungswilligen, aufstiegsorientierten und an Partizipation interessierten Milieus in Ostdeutschland nicht eher dem modernen Kleinbürgertum zuzuordnen? Und sind nicht trotz alltagsästhetischer Annäherung nach wie vor große habituelle Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Milieus erkennbar (Verhältnis zum Eigentum, zum Geld, zur politischen Partizipation, bürgerschaftlichen Engagement usw.)?

Thomas Strittmatter interpretiert die Wende- und Vereinigungserfahrungen als umfassenden Kulturschock, in deren Zentrum die hereinbrechende Erwerbslosigkeit steht. Der Wandel der Arbeitsgesellschaft, von dem auch die Bundesrepublik betroffen ist, stellt sich in Ostdeutschland ungleich schärfer dar. Es ist so unfreiwillig zu einem „Testgelände für eine Zukunft jenseits der herkömmlichen Erwerbsarbeit“ (168, Zitat Wolfgang Kil) geworden. Von den Individuen werden völlig neue Strategien der Lebensbewältigung, der Entwicklung eigener Berufskarrieren, der Selbstgestaltung usw. erwartet. Künstler und Kulturarbeiter könnten – aufgrund ihrer Erfahrungen mit prekären Lebensformen – Gegenmodelle zur (klein)bürgerlichen Existenz ausbilden, wo andere Maßstäbe für gelungenes Leben, Glück, gesellschaftliche Anerkennung oder Befriedigung gelten. „Kunst und Kultur sind gesellschaftliche Arbeitsfelder, die seismographisch bestehende Strukturen durch Kritik und Antizipation neuer Werte- und Sinnkonstruktionen immer wieder in Frage stellten und stellen, denn Wert- und Sinnfragen sind ihr Arbeitsgegenstand und ihr Wirkungsfeld.“ (175)

Dieses Problem stellt sich für arbeitslose Künstler und Kulturarbeiter auf besondere Weise, wie Konstanze Kriese in ihrem Bericht über die Beschäftigungsgesellschaft ProKultur in Ostberlin zeigt. Sie schildert den mühsamen Kampf gegen die Bürokratie, die die Bewilligung von Fördergeldern davon abhängig macht, ob die Kulturprojekte einen direkten sozialen Zweck erfüllen. „Kulturarbeit als sozialer Kitt, als Reparaturleistung, als Ersatz für fehlende kostengünstige Betätigungsmöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene…“ (161) und auf der anderen Seite Künstler in prekären Beschäftigungsverhältnissen, sich selbst ausbeutend und untertariflich bezahlt – eine bittere Bilanz.

Die Arbeitslosenoper von Hans-Joachim Schulze und Robert Linke untermalt das Szenario sinnfällig, führt die Misskommunikation zwischen Arbeitsamt und arbeitslosem Künstler als absurdes Theater vor. Aber ist Künstlersein nicht auch eine selbstbestimmte Lebensentscheidung? Und damit zwar eine Entscheidung gegen entfremdete Arbeitsverhältnisse, aber dann konsequenterweise auch gegen die Art kapitalistischer Entlohnung? Der verteidigte Anspruch der Künstler auf Arbeitslosengeld statt auf Sozialhilfe wirkt wie eine moderne Don Quichotterie.

Die Dresdner „Reinigungsgesellschaft“ setzt diesem Fatalismus ein marktwirtschaftliches Konzept entgegen. Wie Karl-Otto Sattler beschreibt, versuchen zwei Künstler die Tugenden des künstlerischen Daseins wie assoziatives Denken, Intuition, Erfindungsreichtum und Kreativität an die Industrie zu verkaufen: „Eine wirtschaftliche Kooperation mit Künstlern bietet Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, vom kreativen Potential zu profitieren.“ (178)

Auf die Kulturalisierung der Industrie, hier konkret einer ehemaligen Industrielandschaft, läuft auch das Konzept der Renaturierung von Tagebaurestlöchern – der IBA Fürst-Pückler-Land hinaus. Gleich drei Beiträge sind diesem Thema gewidmet, allerdings in unterschiedlicher Diktion. Der Geschäftsführer Rolf Kuhn schwärmt im Gespräch von seinem ehrgeizigen Projekt (größte zusammenhängende von Menschen geschaffene Seenlandschaft Deutschlands). Dabei schleichen sich immer wieder paternalistische Untertöne über die dort ansässige Bevölkerung ein, die man „an die Hand nehmen“ müsse, „und zwar so, dass sie es möglichst nicht merken, sonst gefällt ihnen das ja auch nicht.“ – „Dazu gehören so scheinbar einfache Dinge wie die Frage, wie man mit Gästen umgeht, wie man Führungen macht, was man kocht.“ (195) Für wen, so fragt man sich, soll diese unbewohnbare Industrierestelandschaft eigentlich so aufwändig kulturalisiert werden, wenn die Jungen abwandern und die zurückbleibenden Alten gar keinen Sinn für das Ästhetische entwickelt haben? Die Wiedernutzbarmachung und die Zuweisung neuer Aufgaben und Funktionen können eigentlich nur im Bereich von Tourismus liegen. Ein See für Segler, ein See für Aktiv-Wassersportler, ein See für schwimmende Häuser usw. und das ganze als große Ausstellung einer vergangenen Industriekultur: mittendrin eine riesige Förderbrücke. Musealisierung am eigenen Leibe, die Bergarbeiter, die noch vor kurzem hier gearbeitet haben, leben schließlich noch, auch wenn sie keine Arbeit mehr haben. Dass sie sie in den Kultur- und Dienstleistungsinstitutionen finden werden – mal vorausgesetzt, dass sie dort überhaupt arbeiten wollen, vom Bergbau in die Gastronomie ist ein enormer mentaler Bruch – setzt voraus, dass es einmal zahlungskräftige Touristen gibt und dass sie auch hierher finden. Denn von solchen Erholungsgebieten gibt es in Ostdeutschland mehr als genug. Selbst die traditionellen Seenlandschaften Mecklenburgs oder der Uckermark, die infrastrukturell seit Jahrzehnten ausgebaut sind, können nicht vom Tourismus leben. Wo sollen die Touristen auch alle herkommen?

Rudolf Woderich vollzieht leider etwas unkritisch das Selbstdarstellungskonzept der IBA nach, für ihn ein regionaler Hoffnungsträger. Erst Wolfgang Kil erlaubt sich in seinem Beitrag einige skeptische Bemerkungen über die geplante „Erlebnislandschaft“, die „Gutverdiener“ aus Dresden und Berlin anlocken soll. (224) Keine Frage, es ist schwer, „in peripheren ‚Verlierer-Regionen’… Fragen nach der Zukunft (zu) stellen“ (200), aber muss man deshalb jede Antwort akzeptieren? Überall schwillt einem die Hoffnung auf Tourismus, auf die Polen, auf irgendwelche imaginären Investoren entgegen. Aber können sie den Deindustrialisierungsprozess umkehren oder auch nur aufhalten? Wolfgang Kil ist da ein gnadenloser Realist: „Keine rettenden Besserverdiener, nirgends.“ (222)


Szenario Schrumpfstadt

Am Thema Abwanderung, Schrumpfung, Deindustrialisierung, das dezidiert im dritten Kapitel verhandelt wird, wird die lebensweltliche Bedeutung des ablaufenden Transformationsprozesses sinnfällig. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wende zeigen sich besonders in der tiefgreifenden Veränderung der Städte und Regionen Ostdeutschlands, wie Christine Hannemann schreibt. Der Niedergang traditioneller Industrieregionen ist schon länger zu beobachten, auch im Westen Deutschlands und Europas, bisher sind sie aber immer als Strukturprobleme und damit vorübergehende Krisensymptome gedeutet worden. Das ist mit dem Problem der schrumpfenden Städte Ostdeutschlands nicht mehr möglich, wir haben es im Gegenteil sogar mit einem „neuen Normalfall“ zu tun für den es keine „bewährten und belastbaren Problemlösungsstrategien“ gibt (216). „Letztlich offenbart sich bei der Auseinandersetzung mit den Schrumpfungsprozessen in Ostdeutschland das Dilemma eines Modells von Ökonomie und Gesellschaftsentwicklung, das nur auf Wachstum basiert.“ (217) Ein grundsätzliches Umdenken und vor allem ein Bruch des Tabus sind nötig, argumentiert Hannemann eindrücklich.

Wolfgang Kil zeigt anhand von exemplarischen Fällen, dass der Osten mit diesem Problem wieder „vornehmlich unter sich“ ist. Die Aufbauhelfer haben sich nach der Boomphase wieder in den Westen zurückgezogen oder stehen den Entwicklungen hilflos gegenüber. Es käme aber darauf an, sich zunächst zu erlauben, das Wenigerwerden auch zu denken und zuzulassen, um dann auch das Andere, das in dem Weniger steckt, zu thematisieren. (222) Wie kann man eine Wendung ins Positive finden, wo lassen sich tragfähige Visionen erkennen, inwiefern ist der Einsatz von Staat gefragt – das sind Fragen, an denen dringlich weitergedacht werden muss.

Mitreißend geschrieben auch der folgende Aufsatz von Simone Hain über das Beispiel Hoyerswerda, einer immer wieder mit negativen Schlagzeilen bedachten Stadt. Sie nähert sich aus einer kulturhistorischen Perspektive dem Problem und macht damit auf die enorme Komplexität des Feldes aufmerksam. Es geht um Fragen des Prestiges oder Images der Stadt ebenso wie um Befindlichkeiten der Bewohner, um Stadtpolitik wie um die Partizipation und Emanzipation der Bürger. Sozial-, Kultur- und Bildungsarbeit könnten hier langfristig wirksamer sein als die milliardenschweren Stadtumbauprogramme. Das ist im übrigen eine grundsätzliche Frage, die von beiden Autoren aufgeworfen wird: wie können Gelder sinnvoll eingesetzt werden, wo sind staatliche Eingriffe nötig, welche Handlungsoptionen hat die Kommunalpolitik und wo ist bürgerschaftliches Engagement gefragt. Zwei bestechende Analysen, die sozial und historisch genau argumentieren.

Am Ende sind es wieder Künstler, die sich urbane Brachen und leere Räume kreativ aneignen. Jan Turowski beschreibt, wie der Leerstand in Berlin Mitte als Motor für die Herausbildung einer neuen Kunstszene fungierte, wie sich später Künstler mit dem Leerstand im Plattenbaugebiet Hellersdorf auseinandersetzten und wie auch in Leipzig und Halle aus der spontanen künstlerischen Aneignung offene und öffentliche Begegnungs- und Auseinandersetzungsorte wurden. Aber die Künstler müssen auch erst einmal da sein. In Großstädten mit Schrumpfungsgebieten kann Leerstand tatsächlich als Attraktion funktionieren und Entfaltungsmöglichkeiten bieten. In schrumpfenden Kleinstädten sieht die Sache schon etwas anders aus.

Mit den kulturellen Praxen und politischen Akteuren in einer Kleinstadt setzt sich Franziska Becker auseinander. Ihre anthropologischen Skizzen zu Görlitz, einer Stadt an der polnischen Grenze, konzentrieren sich auf die unterschiedlichen Deutungsmuster, die dort über den ökonomischen und sozialen Transformationsprozess kursieren. Kommunalpolitiker, hergezogene Jungunternehmer und ansässige Bevölkerung stehen in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis. „Während die lokalpolitischen Entscheidungsträger auf die Schrumpfung der Stadt aktiv reagieren und gleichzeitig auf grenzüberschreitende politische, ökonomische und kulturelle Verflechtungen setzen, werden diese Aktivitäten auf der lebensweltlichen... Ebene in Frage gestellt oder abgewehrt.“ (267) Beeindruckend zeigt Becker, wie die Unfähigkeit, miteinander zu reden, die Handlungsfähigkeit der Stadt geradezu lähmt. Schrumpfung bleibt, auch wenn das Redetabu gebrochen ist, ein fatalistisches Thema. Die Konsequenzen, die diese Prozesse haben werden, sind erst in Ansätzen zu erkennen und schon die sind dramatisch genug. Was aber wird, wenn Abwanderung und Deökonomisierung weiter anhalten?


Identität „ostdeutsch“?

Im vierten Kapitel werden Probleme der kulturellen Identität in Ostdeutschland diskutiert. Durch die Vereinigung entstand die Notwendigkeit, sich neu seiner Identität zu vergewissern: Ist man „ehemaliger“ DDR-Bürger, Deutscher, Europäer oder Brandenburger? In modernen Gesellschaften scheinen Ortsbezüge an Bedeutung zu verlieren, Grenzen werden überschreitbar, Entfernungen lassen sich leichter überwinden. Zugleich behalten Orte ihre Geltung als je konkrete Konstellation von Akteuren, Situationen und Handlungen. Ostdeutsche Identitätspolitik ist einerseits von dem Versuch getragen, sich neu in Deutschland, in Europa oder sogar in der Welt zu verorten und muss sich andererseits auf gewachsene, historische Strukturen zu beziehen. Bei der Suche nach vorteilhaften Prestige-Strategien wird die DDR-Vergangenheit oft als Zumutung empfunden.

Matthias Midell kommt zu der Feststellung, dass auf der lokal-lebensweltlichen Ebene Regionalisierungen zwar in starkem Maße die Identität bestimmen, es aber keine auf das gesamte Ostdeutschland bezogene Identitätspolitik gibt. Sehr viel deutlicher lassen sich Verbindungen mit nationalen und transnationalen Perspektiven erkennen. Hans-Joachim Schubert hat in einer brandenburgischen Kleinstadt untersucht, wie auf lokaler Ebene Identitätspolitik funktioniert. Er ist dabei der Frage nachgegangen, „welche Chancen die Akteure haben, durch demokratisches Handeln gesellschaftliche Strukturen und Identitäten zu konstruieren oder zu verändern.“ (279) Jens Bisky fragt nach der Rolle des Eisenhütter Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR. Zweifellos spielte es eine wichtige Rolle bei der Etablierung einer kulturgeschichtlichen Perspektive auf das Leben in der DDR. Auf Dauer gestellt aber könnte es seinen „Biss“ verlieren und zum Heimatmuseum mutieren. Bisky fordert deshalb die vergleichende Darstellung und Dokumentation des Alltags in beiden deutschen Staaten.

Ralf Schlüter beschreibt, wie sich die Stadt Weimar anlässlich ihrer Wahl zur Kulturhauptstadt Europas zur Auseinandersetzung mit unliebsamen Perioden der Geschichte (NS und DDR) gezwungen sah und das ganz offensichtlich als Zumutung empfand. Sein Beitrag liest sich wie eine Provinzposse, in der aus Angst vor Prestigeverlust viele Möglichkeiten und Chancen ausgeschlagen wurden. Ganz anders die offensive Leipziger Imagepolitik, die Sven Crefeld etwas unkritisch schildert. Die ehrgeizige Stadtpolitik nutzt alle sich bietenden Möglichkeiten, sich als Boomtown zu inszenieren. Ein Konzept, das vor allem atmosphärisch immer wieder aufzugehen scheint. Die Frage, inwiefern durch Großprojekte (so genannte Leuchttürme) letztlich nur die Hochkultur gefördert wird und dezentrale Kulturarbeit, alternative Projekte gezielt vernachlässigt werden, wird von ihm nicht aufgeworfen.

Der letzte Beitrag beschäftigt sich mit dem enormen Prestigeverlust, den die früher durch ihre Lungenklinik berühmte Kleinstadt Zschadraß erfuhr –– durch Abwicklung und durch den Hochstapler Postel, der sich als Oberarzt ausgegeben hatte. Um dem völligen Verfall entgegenzuwirken, setzt die Gemeinde auf die Neukonzeption der Anlagen mit Landschaftsgarten, Festsaal, rekonstruierter Kirche und Museum. Ziel ist es, neue Bereiche der Pflege von Alten und Behinderten zu erschließen und darüber hinaus eine Künstlerkolonie und alternative Heilbehandlungszentren anzusiedeln. Die Großstadt Leipzig und die Gemeinde Zschadraß – beide Orte investieren in Zeiten des Niedergangs in Kultur und Kunst und wagen riskante Unternehmungen, vielleicht tatsächlich die einzige Chance.


Der Jugend gehört die Zukunft

Mit den Perspektiven der Jugend unter den Bedingungen von Abwanderung und Deindustrialisierung befassen sich die Beiträge im letzten Kapitel. Bernd Lindner und Wilfried Schubert untersuchen das Verhältnis der Jugend zu Politik und Demokratie. Nach einer Phase starker Politisierung in der Wendezeit sei das Interesse an Politik ständig gesunken. Jugendliche fühlen sich in der heutigen Gesellschaft nicht gebraucht. Ost- und westdeutsche Jugendliche sehen sie gegenwärtig wieder weiter auseinanderdriften. Chancen zur problemorientierten Annäherung würden kaum genutzt. Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen in Berlin, hingegen betont, dass es kaum noch Ost-West-Unterschiede gebe, weil es auch keine originären ost- oder westdeutschen Jugendkulturen gibt. Sie entstünden heute nicht mehr in konkreten sozialen Milieus, sondern vermittelt über die Medien, die gleichzeitig an verschiedenen Orten präsent sind. Das heißt nicht, dass es nicht unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebenshaltungen gibt, nur, dass sie sich nicht alltagsästhetisch manifestieren.

Der Beitrag von Michael Klemm führt am Chemnitzer Beispiel vor, wie sinnvoll es sein kann, Jugendliche in die Imagebildung der Stadt einzubeziehen. In einem Projektseminar an der Universität wurden pfiffige Slogans und Werbeplakate kreiert, in denen ironisch mit dem „Nischel“, dem gigantischen Karl-Marx-Kopf, und dem Negativimage als „Ruß-Chemnitz“ gespielt wird. Tobias Knoblich hat die Entstaatlichung der Jugend- und Kulturarbeit untersucht und zeigt, dass eine sehr lebendige soziokulturelle Landschaft entstanden ist. Simone Tippach-Schneider schließlich erzählt die Geschichte eines abgetakelten Kühl- und Transportschiffs der ehemaligen Fischereiflotte der DDR. Von Künstlern gekauft, mit Hilfe des Arbeitsamtes renoviert und umgebaut, funktioniert es als alternatives Kultur-Raum-Schiff in freier Trägerschaft und bietet Raum für künstlerische Produktion, zum Wohnen, für Veranstaltungen und Begegnungen.

Dem Band beigegeben ist eine CD-Rom mit zwei Datenbanken, die einen schnellen Überblick über Veröffentlichungen zur Transformationsproblematik (Eva Hübner: Bibliographische Datenbank 1989-2001) bzw. über existierende Institutionen des Kulturbetriebes in Ostdeutschland, geordnet nach Bundesländern (Ilka Rössler: Kulturdatenbank der fünf neuen Bundesländer) ermöglicht. Ein Hilfsmittel, das in der mittlerweile unübersichtlich gewordenen Vielfalt von Projekten und Initiativen nicht hoch genug zu schätzen ist.


Resümee

Ostdeutschland wird in diesem Buch als eine eigenartige und vor allem lebendige Teilkultur beschrieben, deren Besonderheiten sich nicht nur aus der historischen Tatsache der 40jährigen Teilung und sozialistischen Gesellschaftskonstruktion erklären lassen, sondern eben auch aus dem seit 1989 sich vollziehenden abrupten und radikalen Wandel.

Gleichzeitig müssen ein Systemwechsel und die Globalisierung bewältigt werden. Manche Entwicklungen, die hier schon Auswirkungen zeigen, haben im Westen noch gar nicht richtig begonnen. Es entsteht so etwas wie eine Laborsituation, in der man Reaktionen beobachten kann, in der neue Strategien ausprobiert werden und die Versuchsanordnung permanent gewechselt wird. Eine offene Situation, in der es mehr Fragen als Antworten gibt.

Ob dies beispielhaft für zukünftige Entwicklungen ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Die Metapher vom Labor Ostdeutschland trägt zwar ein ganzes Stück, sie ist aber auch problematisch, weil sich die Situation kaum verallgemeinern lässt. Weder in Westdeutschland noch in Westeuropa stehen ganze Industrieregionen vor einem solchen desaströsen Zusammenbruch und auch die Lage in Osteuropa ist kaum mit der im sozial abgefederten Ostdeutschland vergleichbar.

In dem Buch geht es letztlich um die Frage, wie viel und vor allem welche Kultur sich moderne Gesellschaften in Zukunft leisten können und wollen. Dazu werden aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln die Alltagsverhältnisse und kulturellen Praxen im heutigen Ostdeutschland untersucht. Die Heterogenität der Beiträge, die sich nicht immer wohlfeil unter die jeweiligen Kapitelüberschriften einordnen lassen, ist Programm. Es wird damit jedem Versuch einer Homogenisierung der Ostdeutschen als quasiethnischer Gruppe entgegen gearbeitet. Dabei wird in den Beiträgen enttäuschend selten über den Tellerrand geblickt, nach Westdeutschland, Europa oder einfach auch nur über den eigenen Ort hinaus. Eines der wenigen Projekte: das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus. Aber hat sich das, was da oft als (autonome) ostdeutsche Teilkultur daherkommt, nicht längst vermischt: mindestens bei den Machern, vermutlich oft genug auch beim Publikum, das sich nicht rein ostdeutsch vergnügen kann? Und müsste nicht wenigstens ab und zu auch der Blick auf vergleichbare Situationen in Westdeutschland gerichtet werden?

In der Abwehr gängiger Stigmata haben sich die Herausgeberinnen darauf konzentriert, das Vorwärtsweisende, Neue und Kreative herauszustellen, das trotz alledem rundherum entsteht. Am Ende bleibt jedoch etwas unklar, an wen sich die Beiträge richten: an Kommunalpolitiker, an bundesdeutsche Kulturpolitik, an private Sponsoren? Sollen Förderstrukturen verändert werden, geht es um eine andere Verteilung der Mittel zwischen Hochkultur, kommerzieller Kultur und dezentraler Kulturarbeit? Der Zusammenhang von Kultur und Politik kommt in dem vorliegenden Band zu kurz. Allerdings bilden die hier versammelten Beiträge eine gute Grundlage für die anstehende kulturpolitische Diskussion.


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Ende Januar/Anfang Februar 2004 (Änderungen vorbehalten) erscheint bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb eine Lizenzausgabe der Publikation. Ihre Bestellung können Sie direkt an die Bundeszentrale für politische Bildung richten. Die Publikation wird unter der Bestellnummer 2.163 unter www.bpb.de gegen eine Bereitstellungspauschale von € 4 ,- plus Porto zu beziehen sein.