KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2003
Isolde Dietrich
Hammer, Zirkel, Gartenzaun
SED-Politik gegenüber den Kleingärtnern
Reihe Autoren im Netz
Interview: Dietrich Mühlberg
Du hast Dein Buch “Hammer, Zirkel, Gartenzaun” genannt. Suchmaschinen werden es vielleicht als Heimwerkerbuch für Gartenfreunde einordnen, denn sie lesen den Untertitel nicht: “Die Politik der SED gegenüber den Kleingärtnern”. Was muss man sich darunter vorstellen, wovon handelt das Buch, worum geht es, was ist daran heute interessant?

Zugegeben - der Titel klingt etwas nach Baumarkt. Und tatsächlich haben ihn manche Internetanbieter unter “Gartenbau” bzw. “Kochen-Lifestyle-Garten-Pflanzen...” eingereiht.
Ich hatte bei der Überschrift aber an das Staatswappen der DDR gedacht. Da hätte eigentlich auch ein Symbol des Kleingartens hineingehört, wenn man den gesellschaftlichen Rang bedenkt, der ihm beigemessen wurde. Denn aus der Sicht der Staatspartei war der ideale DDR-Bürger einer, der sich tagsüber voll in seinen Beruf hineinkniete und nach Feierabend mit gleichem Einsatz sein eigenes Obst und Gemüse anbaute, möglichst auch noch Kaninchen oder Hühner hielt.

Das Buch zeigt, wie und warum die SED-Führung entgegen früheren Vorstellungen schließlich zu so einer Auffassung kam und was sie unternahm, um dieses Ziel durchzusetzen. Es ist also kein Ratgeber für den Gartenfreund, keine Studie aus dem Kleingartenmilieu, keine Organisationsgeschichte des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK). Es handelt sich um ein politisches Sachbuch, das die Haltung der SED gegenüber der Kleingärtnerei aus nachgelassenen Dokumenten zu rekonstruieren und zu erklären versucht.

Mir ging es dabei weniger um “Vergangenheitsbewältigung”. Die kleinen Gärten sind weltweit wieder im Kommen. Von Tokio bis New York, von Nairobi bis Havanna müssen Stadtverwaltungen und Parlamente, Regierungen und Parteien auf diese Entwicklung antworten. Die Reaktion fällt unterschiedlich aus, reicht vom Niederwalzen über das stillschweigende Dulden bis zur umfassenden Förderung. Da fand ich es interessant, einmal am geschichtlichen Modell einer Partei dem Wandel in den Ansichten und in der praktischen Politik nachzugehen. Vor diesem Hintergrund verblassten die ideologischen Absichtserklärungen und politischen Sinnzuweisungen. Übrig blieb ein rechtlich und wirtschaftlich gesicherter Rahmen, in dem Hunderttausende eigene Ziele verfolgen konnten und lernten, sparsam mit nicht unbegrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen umzugehen.


Hast Du eine persönliche Beziehung zum untersuchten Gegenstand? Bist Du vielleicht selbst Kleingärtnerin?

Ja und nein. Ich kenne das Leben in der Laubenkolonie, habe selbst eine Parzelle, seit 35 Jahren. Von Kleingartenpolitik habe ich da allerdings kaum etwas gespürt, vielleicht weil ich nie zu einer Gartenversammlung gegangen bin und auch die Kleingärtnerzeitung nicht gelesen habe. Jedenfalls sind die unzähligen Beschlüsse und Direktiven, Instruktionen und Verordnungen, von denen mein Buch jetzt eine Auswahl enthält, irgendwie völlig unbemerkt in großer Ferne an mir vorbeigezogen. Eigentlich bin ich erst durch das Leipziger Kleingärtnermuseum darauf gestoßen. Von dort kam Mitte der 90er Jahre die Bitte, im Bundesarchiv nach Dokumenten zur Kleingartenpolitik der SED zu schauen. Ich habe leichtfertig zugesagt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass da viel zu finden ist. Ich dachte die Sache in zwei Wochen hinter mich zu bringen. Daraus sind - mit Unterbrechungen - fast sechs Jahre geworden.

Nun ist Archivarbeit ja wirkliche Kärrnerarbeit. Aber wer einmal Blut geleckt hat, kommt nicht mehr davon los. So habe ich dann 43 Jahre SED-Politik am Beispiel des Kleingartenwesens verfolgt und allmählich den Mechanismus begriffen, nach dem Partei, Staat und Gesellschaft funktionierten. Für mich war dies das eigentlich Aufregende am Thema. Als Insider der Kleingartenszene hatte ich zusätzlich meinen Spaß. Weil ich die Lage vor Ort kannte, habe ich die Dokumente nicht für bare Münze genommen, wusste, dass sie keine Tatsachen abbildeten, sondern nur Auffassungen darüber. Die komische Diskrepanz zwischen offiziellen Legitimationen und der realen Lebenswelt Kleingarten schien noch in der drögesten Parteiberichtsprosa durch. Bei aller Beklemmung gab es immer auch viel zu lachen.


Gibt es andere Arbeiten von Dir zu den beiden Themenkreisen “SED-Politik” und “Kleingarten”?

Beide Themenkreise gehörten nie zu meinen beruflichen Arbeitsfeldern. Deshalb habe ich dazu bis zur Wende auch nichts veröffentlicht - mit einer kleinen Ausnahme. Das war der Katalog zur Ausstellung Parzelle, Laube, Kolonie - Kleingärten zwischen 1880 und 1930”, die 1988/89 im Museum Berliner Arbeiterleben um 1900 lief. Diese Sache hatte ich aber nur notgedrungen übernommen, mich dabei auf Vorarbeiten anderer gestützt. Die Erfahrungen mit dieser Ausstellung habe ich im Sommer 1989 auf einer Fachtagung zur Diskussion gestellt (vgl. Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung Nr. 27, Berlin 1990, S. 89-100). Als Anfang der 90er Jahre das Projekt Arbeiterkultur an der Humboldt-Universität abgebrochen wurde, hatte ich mich gerade etwas für das Kleingartenthema erwärmt. Seit dem beruflichen Aus war kontinuierliches Arbeiten an einem Gegenstand nicht mehr möglich. Dennoch sind im Laufe der Jahre etwa zehn Beiträge für Zeitschriften und Sammelbände entstanden, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Kleingarten beschäftigten. Dazu gehörten u.a. Abschied von der Laubenkolonie? in Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung Nr. 37, Berlin 1996, S. 346-361, Mikrokosmos Kleingarten in Berliner Debatte INITIAL, 10 (1999), S. 63-73 sowie ‘Ne Laube, ‘n Zaun und ‘n Beet. Kleingärten und Kleingärtner in der DDR in: Evemarie Badstübner (Hrsg.), Befremdlich anders. Leben in der DDR. Berlin 2000, S. 374-414. Beim Kleingartenthema kann ich inzwischen etwas mitreden, zu den SED-Forschern rechne ich mich nicht.


Die marxistisch orientierte deutsche Arbeiterbewegung war doch ein Gegner der Kleingärtnerei. Friedrich Engels hat in seinem Aufsatz zur “Wohnungsfrage” ganz grundsätzlich die sog. Eigenheime und jede andere Art von Schollenbindung für das moderne Proletariat abgelehnt. 1930 schrieb Erich Weinert das satirische Gedicht “Ferientag eines Unpolitischen” (“Der Postbeamte Emil Pelle hat eine Laubenlandparzelle, wo er nach Feierabend gräbt und auch die Urlaubszeit verlebt”), darin zählt er minutiös alle Seiten der Laubenpieperei auf um die Illusion zu kritisieren, dass ein Leben ohne politisches Engagement möglich ist. War das nach 1945 plötzlich anders, hat Ulbricht denn die Kleingärtnerei gefördert?

Den unpolitischen Kleingärtner halte ich für eine bürgerliche Erfindung. Das haben sich Leute ausgedacht, die im 19. Jahrhundert Gartenkonzepte für städtische Unterschichten entwickelten und dafür Land brauchten. Heute würde so etwas wohl unter Projektantragslyrik fallen. Das Bild vom Kleingärtner, der sich in seiner Freizeit nur um seine Parzelle und um seine Familie kümmert, den Alkohol meidet und auch sonst nicht ausschweifend lebt, keine politischen Forderungen erhebt und sich von organisierten Aktionen fernhält, ist seinerzeit unter einem bestimmten Legitimationsdruck entstanden. Die Protagonisten des Kleingartengedankens hatten damit bei Kommunen, Unternehmern, Kirchen und anderen Grundeigentümern Erfolg. Die Aussicht auf handzahme, zufriedene, loyale und nicht zuletzt gesunde Staatsbürger und Arbeitskräfte überzeugte.

Damit hatte die Kleingartenbewegung von Beginn an eine antisozialistische Tendenz. Sie sollte der erstarkenden Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln nehmen. So gesehen waren Marxisten völlig im Recht, wenn sie auf Distanz gingen. Ob die Kleingärtnerei allerdings jemals die erhofften oder befürchteten Wirkungen hatte, ist nie untersucht worden. Vielleicht ist Erich Weinert in diesem Punkt nur der bürgerlichen Agitation auf den Leim gegangen.

Fest steht aber, dass die deutschen Kleingartenvereine, selbst ganze Verbände, zu Beginn der 30er Jahre Domänen der Sozialdemokratie geworden waren. Man müsste nun hier die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung aufrollen, die Flügelkämpfe um Grundfragen, das Verhältnis zu Reform und Revolution. Jedenfalls schieden sich zu dieser Zeit auch am scheinbar so beschaulichen Kleingartenthema die Geister ganz grundsätzlich.

Ulbricht war nie ein Freund von Kleingärten. Er hat sie auch nicht gefördert. Seine Ressentiments stammten alle aus der Zeit vor 1945, rührten vor allem aus den Querelen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten und aus seinen Erfahrungen in der Sowjetunion. Dort wurde der Sozialismus schließlich auch ohne Kleingärten aufgebaut. Dass Engels’ Schriften zur Lage der arbeitenden Klasse in England und zur Wohnungsfrage dabei eine größere Rolle spielten, glaube ich kaum. Die bezogen sich doch vor allem auf die ländliche Hausindustrie, auf kleinbürgerliche Lösungen, bei denen “Häuschen, Gärtchen und Feldchen” Mobilität wie Kommunikation behinderten und “Knechtsseelen” erzogen.

Ulbricht war in der Kleingartenfrage in einem wirklichen Dilemma. Aus ernährungspolitischen Gründen hätte das Kleingartenwesen gefördert werden müssen. Dagegen sprachen alle Vorstellungen von der künftigen sozialistischen Gesellschaft und vor allem sicherheitspolitische Bedenken. Er befürchtete, dass mit einem blühenden Kleingartenwesen in der SBZ bzw. DDR auch die alten politischen Orientierungen, sprich der “Sozialdemokratismus” wieder die Oberhand gewinnen würden. Heute erscheint die Sorge skurril, dass ausgerechnet die Zunft der Hobbygärtner und Kaninchenzüchter den Staat hätte aus den Angeln heben können. Das Bild vom unpolitischen Kleingärtner hat sich unter Ulbricht in das Klischee vom politisch unsicheren Kantonisten gewandelt, der besonderer Aufsicht und Kontrolle bedurfte. Dafür eine dauerhafte Form zu finden, war selbst für so einen alten Organisationsfuchs wie Ulbricht nicht einfach. Das gelang erst mit der Gründung des VKSK, vierzehn Jahre nach Kriegsende, im sechsten Anlauf. Noch länger dauerte es, bis Kleingärten und Kleingärtner von der SED wirklich akzeptiert und gefördert wurden. Genau genommen währte das Kleingärtnerparadies DDR nur von 1977 bis 1989. Heute wird manchmal vergessen, dass diese letzten zwölf Jahre der Honeckerära ja nur eine relativ kurze Zeitspanne in den 43 Jahren SED-Herrschaft ausmachten. Davor wurde das Kleingartenwesen immer politisch beargwöhnt und auf Sparflamme gehalten.


Bestätigen Deine Untersuchungen die These, dass der strategische Schwenk, den die kommunistischen Parteien sozialistischer Länder 1970/71 vollzogen haben, den Übergang von der Arbeitsgesellschaft in eine Freizeit- und Konsumgesellschaft nachvollzogen oder eingeleitet hat? Hast Du Wandlungen im Gesellschaftskonzept auf der Ebene der “Kleingartenpolitik” bemerkt?

Von diesem strategischen Schwenk war in der Kleingartenpolitik zunächst nichts zu spüren. Im Gegenteil, es herrschte große Verunsicherung, um nicht zu sagen Eiszeit. Sieben Jahre lang fand kein Verbandstag statt, weil nicht abzusehen war, wie es mit den Kleingärten in Zukunft weiter gehen würde. Erst nach dem IX. Parteitag 1976 begann sich abzuzeichnen, wie die neue Führung um Honecker über Kleingärten dachte. Tatsächlich fasste dann 1977 das Sekretariat des ZK der SED einen gesonderten Beschluss zur Förderung der Kleingärtner. Das bis dahin anhaltende Kleingartensterben hatte ein Ende. Kleingärten wurden in ihrem Freizeit- und Erholungswert gewürdigt und nicht mehr vordergründig als landwirtschaftliche Kleinstbetriebe zur Selbstversorgung behandelt.

Man kann darüber streiten, ob das ein Übergang von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft war. Ebenso gut könnte man das Gegenteil behaupten. Durch die Förderung des Kleingartenwesens sollten weit mehr Menschen als bislang veranlasst werden, in ihrer Freizeit zu arbeiten und einen Beitrag zu ihrer eigenen Ernährung zu leisten. Das wäre dann ein reiner Etikettenschwindel gewesen. In der Zeitbudgetforschung war das deutlich zu beobachten. Gartenarbeit war dort immer wie Hausarbeit und Kinderbetreuung zur notwendigen Reproduktionsarbeit gezählt worden. Nun erschien sie plötzlich unter den Freizeitbetätigungen. Weil sie bei allen Schichten der Bevölkerung kontinuierlich zunahm, ließ sich auf diese Weise statistisch ein Zuwachs an Freizeit ausweisen, der die realen Verluste kaschierte. Nun lässt sich bei Gartenarbeit ja wirklich schwer trennen, was aus Passion und was aus schlichter Notwendigkeit getan wird. Diesen ganzen Bereich aber einfach den Liebhabereien zuzuschlagen, den Freizeitvergnügungen und der aktiven Erholung ist wohl unredlich. In einem Land wie der DDR, wo Obst und Gemüse bis zuletzt Mangelware waren, mussten sich viele zur Selbstversorgung entschließen, wenn sie sich halbwegs vernünftig ernähren wollten. In den anderen sozialistischen Ländern war die Situation wohl ähnlich. Nur hielt man das dort nicht der Rede wert oder hat aus Scham geschwiegen. Jedenfalls hat sonst keine der herrschenden Parteien so ein gigantisches propagandistisches Brimborium über dem Kleingarten errichtet wie die SED.


Die Kleingärten waren ja mal angelegt worden, um die ergänzende Selbstversorgung der Vielen zu ermöglichen. Einst war das wohl normal, als Hegel Rektor der Berliner Universität wurde, gehörte zu diesem Amt auch ein Stück Gartenland für die eigene Versorgung. In der DDR – so sagt es die Statistik – hatte mehr als die Hälfte der Familien einen Garten. Nicht alle waren Nutzgärten, aber doch sehr viele. War das nicht tatsächlich eine beträchtliche volkswirtschaftliche Ressource?

Das läßt sich schwer einschätzen. Am Ende gab es in der DDR wesentlich mehr Freizeitgärtner als Beschäftigte in den Landwirtschafts- und Gartenbaubetrieben. Die haben auch allerhand an Obst und Gemüse erzeugt. Die hierzu veröffentlichten Zahlen dürften aber eher Fiktion als Realität gewesen sein. Jeder Kleingärtner weiß, wie sie zustande gekommen sind. Jährlich waren Ernteberichte abzuliefern, von der einzelnen Parzelle, der Sparte, dem Kreis- und Bezirksverband, dem VKSK insgesamt. Nur etwa die Hälfte der Kleingärtner hat irgendwelche Angaben gemacht. Kontrolliert wurde das nicht, man konnte schreiben, was man wollte. Der Rest wurde von den Vorständen geschätzt. Insofern ist da jede Statistik mit Vorsicht zu genießen. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Art der Kleinstproduktion die volkswirtschaftlich denkbar teuerste war, wenn man die Arbeitskraft und Zeit der Leute mit in Rechnung stellte.

Andererseits hätte es ohne Kleingärtner bei der Obst- und Gemüseversorgung noch wesentlich trüber ausgesehen. Besonders bei handarbeitsaufwendigen und empfindlichen Kulturen und beim Ausnutzen von Rest- und Splitterflächen konnte die Großproduktion in Genossenschaften und Staatsbetrieben nicht mithalten. Von dort kam eigentlich nur das Grobe und auch das nicht immer ausreichend: Kraut, Rüben, Zwiebeln und Äpfel, dazu je nach Saison vielleicht noch vier, fünf andere Arten.

Frische Erbsen, Bohnen, Rosenkohl, Spargel, Erdbeeren, Himbeeren, Kirschen usw. gehörten schon zu den Raritäten. Die konnte man nicht mal im Intershop für Westgeld kaufen. Wer darauf nicht verzichten wollte, musste so etwas selber anbauen. 1,2 Millionen organisierte Kleingärtner, dazu die Besitzer von Hausgärten und Wochenendgrundstücken machten zusammen mit ihren Familien wohl mehr als die Hälfte der DDR-Bevölkerung aus. Auch wenn sich damit nicht unbedingt die Anzahl der verärgerten Kunden in den Gemüsegeschäften halbierte - eine spürbare Entlastung für die staatliche Planwirtschaft und für die Devisenkasse war das schon. Das Fehlende hätte sonst importiert werden müssen. Auch die indirekten Einsparungen sind nicht zu unterschätzen. Gartenbesitzer waren die einzigen, die halbwegs die von Ernährungswissenschaftlern empfohlenen Richtwerte beim Obst- und Gemüseverbrauch erreichen konnten und so etwas für ihre Gesundheit taten. Sie moserten auch nicht über fehlende Urlaubsplätze oder Naherholungsangebote, blockierten keine Ausflugsgaststätten usw.


Der marxistischen Theorie wird vorgeworfen, dass sie alle reproduktiven Tätigkeiten – vor allem die Arbeit der Hausfrauen – gar nicht weiter berücksichtigt. Dazu gehört auch die Selbstversorgung aus dem Garten. Liegt in der hoch angesetzten Bewertung der Kleingärtnerei nicht eine theoretische Wende in der Arbeitsauffassung?

Eine theoretische Wende würde ich darin nicht sehen. Wie schon gesagt, seit Ende der 70er Jahre rangierte Gartenarbeit nur noch unter sinnvoller Freizeitgestaltung und aktiver Erholung. Der Arbeitsbegriff wurde also eher verengt als ausgeweitet. Hauswirtschaftliche Tätigkeiten, Eigenarbeit aller Art waren da ausgeschlossen. Dass sie in der Realität einen sehr hohen Stellenwert hatten, stand auf einem anderen Blatt. Viele Güter und Dienstleistungen waren käuflich ja gar nicht zu erwerben. Es fehlte den Leuten weniger an Geld dafür. Es gab einfach kein entsprechendes Angebot. Gartenarbeit war da nur eine Form der Selbsthilfe unter vielen anderen. In den Familien wurde auch massenhaft genäht und gestrickt, gebaut, gemalert und repariert. Do it yourself war in der DDR kein Weg, einen überteuerten Markt zu umgehen oder die eigenen Talente unter Beweis zu stellen, sondern lebensnotwendig. Als Arbeit ist das aber nicht gewürdigt worden. Hinsichtlich der täglichen Regelarbeitszeit, auch der Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit lag die DDR ohnehin mit an der Spitze in der Welt. Wäre die gesamte informelle Arbeit noch dazugeschlagen worden, hätte sich die Freizeit auf einen Bruchteil verkürzt. Insofern würde ich hier auch nicht von einer Freizeit- und Konsumgesellschaft sprechen. Der den Ostdeutschen oft nachgesagte Zeitwohlstand ist wohl ein Phantom gewesen.


Die SED hat versucht, die Kleingärtnerei stark zu verregeln und in bestimmte Richtungen zu lenken. Nun höre ich, dass die Regeln der Bundesrepublik, die über die Ostdeutschen gekommen sind – noch viel rigoroser sind? Kannst Du das bestätigen?

Ja. Die SED hatte nur wenige Möglichkeiten, zu regeln und zu lenken. Sie konnte das Kleingartenwesen mit einem dichten Geflecht von Anleitung und Kontrolle überziehen, sie konnte werben, moralisch appellieren, mit Geld locken. Aber sie hatte keine juristische Handhabe. Es gab in der DDR kein einheitliches Kleingartengesetz, nur einen Flickenteppich von Verordnungen und Rechtsvorschriften, die teilweise einander widersprachen und in denen sich kaum noch einer zurechtfand. Das schuf Raum für Willkür und Schlendrian, aber auch für allerlei Wildwuchs sowie quasi naturrechtliche Ansprüche und Gewohnheiten seitens der Pächter. Im Unterschied zur DDR sitzen Kleingärtner heute am kürzeren Hebel. Man lässt sie gewähren, ist aber nicht mehr auf sie angewiesen. Innerhalb des Grundstücksmarktes sind ihre Flächen eigentlich ein Anachronismus. Auch ostdeutsche Kleingärtner sind inzwischen von Eigentümern umzingelt, die mit Argusaugen über die Einhaltung eines ausgefinkelten Kleingartengesetzes wachen. Insofern sind die Regeln und Sanktionen heute tatsächlich wesentlich rigoroser. Verglichen mit den Freiheiten, die Kleingärtner besonders im letzten Jahrzehnt der DDR hatten, ist der Spielraum viel enger geworden.


Dein Buch ist illustriert, nicht nur mit einigen Fotos und Faksimiles von Rundschreiben und Protokollen, sondern vor allem mit zeitgenössischen Karikaturen. Die spitzen zu und sind großenteils kritisch. Zeichnen sie nicht ein falsches Bild von den ostdeutschen Kleingärtnern?

Ich weiß nicht, wie ein richtiges Bild hätte aussehen sollen und ob Karikaturen überhaupt zu diesem Zweck gemacht werden. Auf alle Fälle brachten sie andere Wahrheiten ans Licht als die schriftlichen Quellen. Kleingärtner wurden auf den Zeichnungen immer wieder als Arbeitsbummelanten, Langfinger, Schwarzbauer, Schluckspechte, Kulturbanausen und Umweltsünder vorgeführt.

Mit Sicherheit standen dahinter bestimmte Pressekampagnen. Karikatur wurde von der SED als Kampf- und Erziehungsmittel der Partei verstanden. Eine satirische Zeitschrift wie Frischer Wind oder Eulenspiegel unterstand wie alle anderen offiziellen Medien der Abteilung Agitation des ZK der SED, erhielt von dort die berühmte Anleitung und Kontrolle. Wenn Kleingärtner so wenig schmeichelhaft dargestellt wurden, muss es dazu eine Aufforderung oder zumindest grünes Licht von höchster Stelle gegeben haben.

Was die Zeichner dann allerdings aus solchen Vorgaben machten, war eine ganz andere Frage. Meines Erachtens stand der Kleingärtner in der Karikatur für den DDR-Bürger schlechthin. Den konnte man noch so sehr zum Helden der Arbeit und zum selbstlosen Kollektivmenschen hochstilisieren - er machte doch, was er wollte. An der ostdeutschen Kleingärtnerschaft ließ sich auch deshalb so viel Allgemeingültiges zeigen, weil sie sogar im soziologischen Sinne repräsentativ war. In ihren Reihen waren alle Berufs- und Altersgruppen, alle Bildungs- und Einkommensschichten sowie beide Geschlechter gebührend vertreten. Für Karikaturisten müssen Kleingärtner einfach ein gefundenes Fressen gewesen sein. Sie waren die einzigen, die viel von ihrem Privatleben in der Öffentlichkeit zeigten. Was sich sonst hinter ostdeutschen Wohnungstüren verbarg, wurde in den Laubenkolonien unbekümmert zur Schau gestellt. Ich glaube nicht, dass mit den Karikaturen speziell den Kleingärtnern alle möglichen Untugenden angehängt werden sollten. Vielmehr sehe ich darin ein Sittengemälde des Landes, ein Lehrstück in Sachen Privatleben, das im Schutze nahezu grenzenloser sozialer Sicherheit die sonderbarsten Blüten trieb.

In meinem Buch sollten die Zeichnungen die öden Kanzleitexte nicht auflockern oder illustrieren. Sie sollten einfach einen Gegenpol bilden, einen stillen Kommentar zu den markigen Worten und großen Parolen liefern, ohne lange Erklärungen die Wertewelt der schriftlichen Dokumente in Frage stellen.