KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2003
Dietrich Mühlberg
Wir amüsierten uns zu Tode?
Davor hatte uns Neil Postman gewarnt. Jetzt ist er selbst tot, er verstarb in der vorigen Woche. Hat ein ostdeutscher Kulturwissenschaftler darum Anlaß, sich zu erinnern? Kann er überhaupt eine Erinnerung daran haben?

Postman ist sehr wohl gleich nach dem Erscheinen seines Buches in den USA von den kulturell Interessierten in der DDR wahrgenommen worden. Er hatte seine Thesen ja medienwirksam zugespitzt – und so wußten viele schon lange bevor sie das Buch in der Hand hielten, von seiner kulturkritischen Provokation.

Er ist ja auch schnell von der mehr offiziellen Imperialismuskritik zitiert worden. Das verstand sich von selbst, denn er zeichnete ja ein recht schauriges Bild vom Kultur- und Geisteszustand der USA: eine unmündige Bevölkerung, kontrolliert durch das Werbe- und Unterhaltungsgeschäft der privaten Medienindustrie.

Allerdings wussten Ostler damals nicht so genau, wovon der Mann eigentlich sprach, welche Realität er kritisch beschrieb. Es war schwer, das für bare Münze zu nehmen, was da mehr nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ klang als nach Kulturanalyse. Aber es war ja als eindringliche Warnung vor drohenden Gefahren angelegt.

Und dann wirkte seine Argumentation – schließlich nachgelesen – recht holzschnittartig. Aber dadurch auch sehr einprägsam: Religion wird zur Unterhaltung - Unterhaltung wird zur Religion, Politik wird zur Werbung - Werbung wird zur Politik, so jedenfalls ist die Erinnerung. Doch für solch einen kulturellen Wandel fehlte den Ostdeutschen einfach die Anschauung, denn der deutsche Westen sah so nicht aus wie die von Postman geschilderten USA. Noch nicht.

Heute haben wir auch hier die Dominanz der privaten Medienindustrie und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, wann die hiesigen Politiker wie Schwarzenegger aussehen müssen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Dieter Bohlen für das Amt des Bundespräsidenten bewerben wird.

Postman ist noch immer eine anregende Lektüre zu kulturellen Grundsatzfragen und in manchem aktueller als damals. In der DDR war es ehr die „konservative“ Kulturfraktion, die sich für ihn erwärmte. Denn Postman war ja ein Verfechter der Wortkultur und dies auch noch in volkspädagogischer Absicht.

Die DDR-Kulturwissenschaftler dagegen fühlten sich als Verwandte der englischen Cultural Studies, die den alltäglichen Umgang mit den diversen kulturellen Medien zu erkunden suchten um herauszubekommen, wie die Kulturen der Gruppen und Milieus die medialen Außeneinflüsse verarbeiten und für sich zu nutzen vermögen.

Auch sahen wir weder in den neuen audiovisuellen Möglichkeiten noch in der schon erkennbaren revolutionären Veränderung der Informationssysteme einen kulturellen Niedergang - sondern Chancen, die es auch in der kleinen DDR schnell zu nutzen galt. Doch dafür fehlte nicht nur das Verständnis der politischen Elite, sondern auch die technische Basis war nicht danach.

Neil Postman traf Mitte der 80er vielleicht – und das ist nur aus der Kulturgeschichte der DDR heraus zu erklären – auf eine eigenartige Weise eine gemeinsame Grundstimmung in der Bildungsschicht, bei den Reformern und den Bürgerbewegten.

In den 1960ern waren vermehrt Stimmen zu hören, die mehr „Freude und Frohsinn“ forderten. Dies besonders mit dem Blick auf die junge Generation. Das Projekt Sozialismus sollte nicht nur anstrengende Arbeit nach dem Motto „saure Wochen, frohe Feste“ sein, sondern es sollte selbst Spaß machen. Das lockerte die eher asketisch Arbeits- und Pflichtorientierung ein wenig.

Nachdem 1970 in Moskau die bessere Bedürfnisbefriedigung zur politischen Maxime erklärt worden war, wurde 1971 in der DDR mit Honecker auch der Übergang in eine Freizeit- und Konsumgesellschaft eingeleitet. Hier hieß es programmatisch: die immer bessere Befriedigung der ständig wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung sei das politische Ziel. Damit war plötzlich auch das sog. „Unterhaltungsbedürfnis“ legitim. Das war von einigem Einfluß auf den Kultur- und Medienbetrieb der DDR.

In dem Maße nun, wie sich dann zeigte, dass diese Konsum- und Freizeitpolitik offensichtlich gleich zwei gesellschaftliche Ressourcen aufzehrte, vermehrten sich die Mahner, die dann Mitte der 80er in Postman einen Seelenverwandten erkannten.

Denn einmal (das war nicht Postmans Problem) wurden dadurch die materiellen Grundlagen wirtschaftlicher Entwicklung aufgezehrt – und zum andern verflüchtigten sich damit die Werte und Sinngebungen des Sozialismus-Projekts endgültig. Menschliche Sinngebung, Erhalt der tradierten Werte - das war ja Postmans Anliegen.

Nun war die „sozialistische Freizeitgesellschaft“ der DDR eine mehr und weniger lustige Veranstaltung. Augenblicklich wird unkorrekt überwiegend Frohsinn erinnert. Nimmt man das Amüsement in einem weiten Sinne (wie es bei Postman ja auch gemeint war), so kann der Titel „Wir amüsieren uns zu Tode“ durchaus als ein "Schicksalsmotiv" der verstorbenen DDR verstanden werden.