KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2003
Lutz Haucke
Filmliste für die Schulen - wessen Bildungskanon?
Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung
Einführungen in die Filmgeschichte und die Filmästhetik gibt es in den Lehrplänen der Schulen in der BRD nicht und wird es auch in absehbarer Zeit nicht geben obwohl die Filmgeschichte im Zeitalter der elektronischen Medien allen Anspruch hat, schulisches Bildungsgut zu sein wie die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Kürzlich legte das Unterrichtsministerium Bayerns ein Programm für ein Fach „Film“ vor. Es orientiert auf die praktische Gestaltung von Filmen. Im Zeitalter der elektronischen Medien heißt das Videogestaltung, denn 16mm- und 35mm-Filmproduktionen sind für den Schulunterricht zu kostspielig. Als sich Mitte der 70er Jahre die germanistischen Institute auch der Filmgeschichte und Filmanalyse annahmen (und die Romanisten und Anglisten folgten an der Schwelle der 80er Jahre), gingen auch Impulse an die Deutsch- und Fremdsprachenlehrer vorrangig der Gymnasien in der BRD aus. So findet man unter den „Arbeitstexten für den Unterricht“ des Reclam Verlages Stuttgart 1978 „Texte zur Poetik des Films“ (herausgegeben für die Sekundarstufe). Ebenfalls für die Sekundarstufe erschien 1984 „Der Trickfilm als didaktische Aufgabe. Semiotische Einführung und exemplarische Analysen“ (die Autoren waren Birgit Lermen und Matthias Loewen, Hollfeld: C.Bange Verlag). In der Gegenwart wartet die Bundeszentrale für politische Bildung im Internet mit medienpädagogischen Hilfen und Hinweisen für Lehrer (und Interessierte) auf. Man findet unter www.bpb.de die Filmhefte, einen (wenn auch etwas veralteten, wenn man an den Film „Filmsprache“ von Alexandrow,1984, denkt) AV-Medienkatalog für die außerschulische Bildungsarbeit, die Medienpädagogik- Online- Angebote und auch die Kinofenster-Online-Angebote mit dem Archiv zur Filmgeschichte.

Es verdient deshalb Aufmerksamkeit und Anerkennung, dass Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, im Juli Filmwissenschaftler und deutsche Regisseure wie Volker Schlöndorff, Dominik Graf, Tom Tykwer in Berlin zu einem Symposium einlud, um Filmempfehlungen für die Schule – vorerst für die Fächer Deutsch, Fremdsprachen und Sozialkunde – erarbeiten zu können. Man einigte sich auf einen Bildungskanon von 35 Filmen, der der Kultusministerkonferenz im Herbst zur Diskussion vorgelegt werden soll.

Zum Einsatz im Schulunterricht wurden vorerst empfohlen:
F.W.Murnau: NOSFERATU, 1922
Sergej M.Eisenstein: PANZERKREUZER POTEMKIN, 1925
Charles Chaplin: GOLDRAUSCH, 1926
Gerhard Lamprecht: EMIL UND DIE DETEKTIVE, 1930
Fritz Lang: M- EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER, 1931
John Ford: STAGECOACH, 1939
Victor Fleming: DER ZAUBERER VON OZ, 1939
Orson Welles: CITIZEN KANE, 1941
Ernst Lubitsch: SEIN ODER NICHTSEIN, 1942
Roberto Rosselini: DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL, 1948
Akira Kurosawa: RASHOMON, 1950
Federico Fellini: LA STRADA, 1954
Alain Resnais: NACHT UND NEBEL, 1955
Alfred Hitchcock: VERTIGO, 1958
Bernhard Wicki: DIE BRÜCKE, 1959
Jean-Luc Godard: AUSSER ATEM, 1959
Billy Wilder: DAS APARTMENT, 1960
Stanley Kubrick: DR.SELTSAM ODER WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN, 1964
Michelangelo Antonioni: BLOW UP, 1966
Wolfgang Reithermann: DAS DSCHUNGELBUCH, 1967
Konrad Wolf: ICH WAR NEUNZEHN, 1969
Francois Truffaut: DER WOLFSJUNGE, 1969
Wim Wenders: ALICE IN DEN STÄDTEN, 1973
Martin Scorsese: TAXI DRIVER, 1975
Rainer Werner Fassbinder: DIE EHE DER MARIA BRAUN, 1978
Andrej Tarkowski: STALKER, 1979
Ridley Scott: Blade Runner, 1981
Chris Marker: SANS SOLEIL, 1982
Claude Lanzmann: SHOAH, 1985
Kryszof Kieslowski : EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN, 1987
Abbas Kiarostami: WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES, 1988
Ange Lee: DER EISSTURM, 1997
Atom Egoyan: DAS SÜSSE JENSEITS, 1997
Pedro Almodovar: ALLES ÜBER MEINE MUTTER, 1999
Und ein Film der Serie LAUREL UND HARDY.

Eine Liste von 35 Dokumentar- und Spielfilmen, die verbindlich sein soll, birgt viele Probleme. Will man Näherungen an den Wandel der „Filmsprache“ ermöglichen? Soll ein Zugang zur Filmgeschichte (Weltfilmgeschichte, zur ost- und westeuropäischen und nationalen Filmgeschichte) geschaffen werden? Will man berühmte Regisseure nahe bringen? Solch eine Liste muss für viele Ansprüche herhalten. Deshalb sind mit Sorgfalt die Kriterien der Auswahl offen zu legen. Werden keine eindeutigen Kriterien erkennbar, beginnt der Streit um einzelne Filmnennungen.

Wäre statt des Lamprecht-Film von 1930 sinnvoller die Orientierung auf den französischen poetischen Realismus mit Jean Vigos BETRAGEN UNGENÜGEND (1930)? Warum ausgerechnet Billy Wilders Komödie DAS APARTMENT, 1960, für die schulische Bildungsarbeit? Warum der ausgewählte Truffaut-Film und nicht ein anderer des Regisseurs? SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN (1958/59)? Weshalb hat man Andrzej Wajda nicht bedacht (bedenkenswert wäre KANAL,1956, als Klassiker )? Warum kein Film der Tschechischen Neuen Welle der sechziger Jahre (z.B. Jiri Menzel SCHARF BEOBACHTETE ZÜGE, 1966)? Warum keinen Film der Ungarn (M.Janscó, I.Szabó)? Warum Wenders mit ALICE IN DEN STÄDTEN,1973, und nicht auch Alexander Kluge mit ABSCHIED VON GESTERN,1966, ein Schlüsselfilm des Neuen deutschen Films? Warum Fassbinders EHE DER MARIA BRAUN,1978, und nicht auch Margarete von Trottas BLEIERNE ZEIT,1981? Warum nicht eine Synthese von Tanz- und Kamerachoreographie z.B. LE BAL- DER TANZPALAST, 1983, von Ettore Scola? Man könnte solche Fragen fortsetzen und sich damit beruhigen, dass ein Drittel der vorgeschlagenen Filme vielleicht ersetzt wird von solchen Lehrern, die ein pädagogisches Gespür für Gegenentwürfe zum Cineasten- und mainstream - Kino der westeuropäischen Erlebnisgesellschaft besitzen.

Es muss also nach den Kriterien der vorliegenden Auswahl gefragt werden. Verlautbarungen seitens der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es darüber nicht. Ausgegangen werden muss von der vorliegenden Auswahl.

Zuerst lässt sich feststellen, dass die vorliegende Auswahl für die Schule viele Filme mit Kindern und Jugendlichen aufweist (9), was Zugänge seitens der Schüler erleichtern könnte. Über ein Drittel der 35 Filme folgt dem gängigen Genrekino (einschließlich der Dekonstruktionen eines Genres): Vampirfilm (1), Revolutionsfilm (1), Komödie (6), Western (1), Science Fiction (2), Kriminal-/Detektivfilm (2), Melodram (1). Nicht ausgewählt wurde ein Märchenfilm (z.B. aus den vielen DEFA-Märchenfilmen oder – anspruchsvoller- Jean Cocteau DIE SCHÖNE UND DAS TIER, 1946) und auch keine Satire (z.B. Wolfgang Staudte DER UNTERTAN, 1951, als Literaturverfilmung für den Deutschunterricht?). Alle Gattungen der Filmkunst sind auch vertreten: Spielfilm (31), Dokumentarfilm (2 plus 1 experimenteller Essayfilm) und Zeichentrickfilm (1). Eine Literaturverfilmung für den Deutschunterricht ist nicht zu entdecken. Die Liste nennt weiterhin 7 Klassiker, die Meilensteine in der Geschichte ungewöhnlicher Erzählweisen schufen (S.M. Eisenstein, Orson Welles, Akira Kurosawa, Federico Fellini, Jean Luc Godard, Michelangelo Antonioni, Chris Marker). Man entschied sich für bekannte Regienamen der neueren Filmgeschichte wie Almovodar, Fassbinder, Kieslowski, Tarkowski, Wenders - darunter auch ein Film der Dorf- bzw. Erdbebentrilogie des Iraners Abbas Kiarostami, Träger der Fellini-Medaille der UNESCO, und ein Film des Kanadiers Atom Egoyan. Auffallend ist, dass in jedem Jahrzehnt mindestens ein oder mehrere Hollywoodklassiker aufgestellt wurden. Dem Hollywoodfilm wird also im Bildungskanon Priorität eingeräumt. Nicht wenige Filme auf der Liste sind cineastische Kultfilme (z.B. der mystische BLADE RUNNER von Ridley Scott, 1981). Aus der osteuropäischen Filmgeschichte werden einzig die in Westeuropa sehr bekannten Eisenstein, Tarkowskij und Kieslowski genannt. So gesehen, scheint der angestrebte Bildungskanon für die Schulen der BRD vorrangig cineastischen Ansprüchen in der westeuropäischen Erlebnisgesellschaft Genüge leisten zu wollen. Wessen Bildungskanon ist das?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man fragen, welche wichtigen Tendenzen und Kristallisationspunkte der europäischen und internationalen Filmkunst in diesem Bildungskanon überhaupt nicht auftauchen.

br> Erstens: auffallend ist, dass der cineastische Kanon Klassiker des sozialkritisch-realistischen Filmschaffens ignoriert. Weder Vertreter der französischen noch klassische Werke der italienischen (der ausgewählte Rosselini-Film ist eher ein Sonderfall als ein typisches Beispiel des italienischen Neorealismus) oder der englischen Realisten (free cinema und Nachfolger) sind zu entdecken. Namen und Werke, die in der realistischen Tradition stehen – man denke an de Sicas SCHUHPUTZER, 1946, oder FAHRRADDIEBE, 1948, an Tony Richardsons BITTERER HONIG, 1961 oder DIE EINSAMKEIT DES LANGSTRECKEN-LÄUFERS, 1962, an Paolo und Vittorio Tavianis VATER UND HERR, 1977, an Filme von Ken Loach wie KES,1968 oder RAINING STONES, 1993. Dies sind Regisseure und Werke, die oftmals mit dokumentarer Authentizität ein Kino der sozialen Verantwortung einforderten. Es ist nicht nur die Tatsache bedenkenswert, dass in der BRD 2,8 Millionen Kinder in Armutsfamilien leben, die es in der schulischen Bildungsarbeit bedenkenswert macht, Maßstäbe für den sozialkritisch-realistischen Film in Europa zu vermitteln. Es geht um die Einheit von sozialethischer und ästhetischer schulischer Bildung. In diesem Zusammenhang ist es auch notwendig an Alberto Cavalcantis Kompilationsfilm FILM AND REALITY (1940, Britisches Filminstitut) zu erinnern, der einen ausgezeichneten Überblick über die Anfänge und die Entwicklung des realistischen Formprinzips in der Stummfilm- und frühen Tonfilmära versucht hat.

Zweitens: Wenn man dem populären Genrekino Beachtung bei der Auswahl schenkt und Hollywood in jedem Jahrzehnt mindestens einen Film einräumt, dann sollte man gerade in der schulischen Bildungsarbeit die außerhalb des main stream arbeitenden Regisseure, die formale Neuerungen mit Jahrhundertthemen verbanden, nicht generell ausklammern. Ich verweise auf die international preisgekrönten Filme von Theo Angelopoulos (z.B.: DIE WANDERSCHAUSPIELER, 1975, oder DER BLICK DES ODYSSEUS, 1995), die gerade für Gymnasiasten genug Stoff zur Diskussion bieten. Dazu würde ich auch die Faschismusauseinandersetzung durch Carlos Saura DIE JAGD, 1966, zählen und die Stalinismusauseinandersetzung durch Tengis Abuladse in REUE, 1984. Es ist doch bedenklich, dass die vorliegende Filmauswahl für die 80er und 90er Jahre außer dem Dokumentarfilm zur Holocaust-Problematik von Lanzmann SHOAH, 1985, nicht einen Spielfilm zu großen geschichtlichen Erschütterungen im 20.Jahrhundert berücksichtigte.

Drittens: Weshalb soll ein Bildungskanon für die Schule am Beginn des 21.Jahrhunderts Filmregisseure und Werke von Weltrang, die in der Dritten Welt und nicht nur dort die politisierte Öffentlichkeit (und nicht nur die Cineasten) aufwühlten, aussparen? Ich denke an den afrikanischen „Klassiker“ Ousmane Sembene aus dem Senegal (z.B. für die Schulen in der BRD empfehlenswert der in mehreren afrikanischen Staaten verbotene Film GUELWAR, 1991/92, der Zugänge zum Islam und zu Biographien in Afrika vermittelt). Bedenkenswert ist auch die Auswahl eines typischen Vertreters des lateinamerikanischen Films (z.B. Jorge Sanjines DER MUT DES VOLKES, 1971).

Die Aufzählung dieser vielen Filme macht deutlich, wie problematisch eine Filmliste mit nur 35 Filmen ist. Ergänzende Filmlisten könnten für die Lehrer von Nutzen sein. Wenn die Bundeszentrale folgende Filmlisten zugängig machen würde, könnte das eine Hilfe sein: - Die BBC hat aus Anlass der hundertjährigen Geschichte des Kinofilms eine Liste mit 100 Filmen der internationalen Filmgeschichte seit den 30ern ausgewählt, die ein gutes Arbeitsmaterial abgibt (vgl. The Guardian, Friday December 30 1994 /Beilage)
- Eine Liste der 100 besten deutschen Filme findet man auf der CD-Rom
Kinematheksverbund(Hg): Die deutschen Filme: Deutsche Filmografie 1895-1998 und die Top 100, Ffm, Berlin: Deutsches Filminstitut -DIF, Ffm; Filmmuseum Berlin- Deutsche Kinemathek 2000 /ISBN: 3-9805865-2-9.

Es spricht für die Bundeszentrale für politische Bildung, dass sie auf ihrer Internetseite seit August 2003 zu Wortmeldungen zur Liste der 35 Filme aufruft. Sie ist offen für die öffentliche Diskussion ihrer Empfehlungen. Jeder Interessierte, jeder Lehrer ist dazu aufgerufen, Kommentare und Änderungsvorschläge mitzuteilen.