KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2/2003
Institut für Europäische Ethnologie der HU
Fliessende Grenzen. Erkundungen in Pomerania
oder
Grenzerkundungen in Pomerania. Eine Region im Umbruch
Unter dieser Überschrift lief am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin von 2001 bis 2003 ein Studienprojekt. Prof. Wolfgang Kaschuba und Falko Blask haben mit deutschen und polnischen Studenten in der Euroregion Pomerania gearbeitet. Dabei entstanden Texte unterschiedlicher Genres. Wir geben hier aus Anlaß der Diskussionsreihe "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn - kulturelle Aspekte der neuen europäischen Situation" vier dieser Texte wieder, die sich speziell zu den polnischen Erfahrungen in Deutschland äußern. Zur Erläuterung wird die kurze Einleitung vorangestellt.

Alle Texte sind unter der Adresse des Instituts (www2.hu-berlin.de/ethno/) oder im Sonderheft 30/2003 der BERLINER BLÄTTER - Ethnographische und ethnologische Beiträge, „Europa an der Grenze Ost Odra West Oder“ (Berlin 2003) nachzulesen.


EINLEITUNG

Am Anfang stand ein Quiz. 23 deutsche und polnische Studenten und Studentinnen der Europäischen Ethnologie saßen in ihrem Institut in Berlin und versuchten, Antworten auf Fragen nach der Größe der Euroregion, nach der Anzahl ihrer Einwohner, nach Ereignissen aus der Geschichte der Gegend und auf vieles andere zu finden. Für die meisten von uns war es die erste Begegnung mit einer Region, die doch nur etwas mehr als hundert Kilometer von Berlin entfernt liegt. Über drei Semester hinweg haben wir versucht, uns aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus heranzutasten an dieses merkwürdige Wort: Euroregion. Einige von uns sind dabei über die Oder hinweg ins Nachbarland geraten, andere an die Strände der Ostsee. Und einige haben schon in Berlin Spuren aufgenommen, die vom deutsch-polnischen Miteinander erzählen. Das sind nun unsere Ergebnisse, kleine Berichte, Reportagen, Porträts der unterschiedlichsten Menschen. Vielleicht finden Sie sich in einer der Geschichten wieder, vielleicht begegnet Ihnen aber auch manches Neue und Unbekannte. Und vielleicht vermissen Sie auch das eine oder andere Thema und fragen sich: Sind die denn überhaupt richtig hier gewesen? Auch wir haben uns vor einigen Wochen diese Frage gestellt, als wir gemeinsam unsere Forschungsergebnisse durchgesehen haben. Dabei wurde uns klar, dass es unmöglich ist, eine Region erschöpfend beschreiben und in all ihren Facetten erfassen zu wollen. So verstehen wir diese Seiten nicht als Lexikon, sondern mehr als einen bunten Flickenteppich, genäht von 23 sehr verschiedenen Schneidern. Sollte dieser Flickenteppich Ihr Interesse wecken, Sie vielleicht sogar das eine oder andere Mal überraschen, wäre unser „Klassenziel“ erreicht. Denn darum geht es in der Europäischen Ethnologie: Durch Blicke von außen neue Antworten auf alte Fragen zu finden, sich durch die Brille des anderen auch selbst neu zu sehen.


Heimliche Existenzen. Im Schatten der Großstadt Berlin
Von Katja Grote


Sonntag Nacht: Quietschend fährt der Zug aus Warschau in den Berliner Ostbahnhof ein. Als er schließlich zum Stehen kommt, springen die ersten Passagiere behend aus ihren Waggons. Schnell bilden sich Gruppen, nur vereinzelt ziehen Leute alleine los. Dem aufmerksamen Zuhörer entgeht der fremde Klang ihrer Stimmen nicht. Es sind vor allem Polinnen und Polen, die zu so später Stunde den Ostbahnhof verlassen, um in ihre bescheidenen Berliner Quartiere zu ziehen. Mehr als neun Stunden Zugfahrt haben die meisten hinter sich. Viele arbeitsreiche Wochen liegen wieder vor ihnen, bevor sie dann in drei oder vier Wochen erneut den Zug in Richtung Heimat besteigen. Etwa ... (?) Polen pendeln regelmäßig zwischen Berlin und ihrer polnischen Heimatstadt hin und her. Sie reisen als Touristen ein und gelten als „illegal“, wenn sie einer Beschäftigung nachgehen.
Seit dem 8. April 1991 können polnische Staatsangehörige ohne Visum in die Bundesrepublik Deutschland einreisen und sich hier bis zu drei Monate als Touristen aufhalten. Die Arbeitsaufnahme ist verboten. Dennoch ist die Anzahl derjenigen groß, die in Polen leben und in Deutschland ihren Lebensunterhalt verdienen. Die ungleich höheren Löhne jenseits der Grenze lassen selbst jede noch so schlechte Arbeit als annehmbar erscheinen. Für die Männer und Frauen ist dieses Leben zwischen zwei Welten riskant. Als „Illegale“ tragen sie stets den Makel der Kriminalität, dabei ist ihr einziges Vergehen der Wunsch nach einem lebenswerten Leben. Weil die legalen Möglichkeiten der Arbeitsaufnahme begrenzt sind, müssen die Pendler schlechte Arbeitsbedingungen und außertarifliche Löhne in Kauf nehmen. Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen haben sie genau so wenig wie einen Arbeitsvertrag. Wer sind aber die Menschen, die diese Strapazen auf sich nehmen? Karol ist 43 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Familie lebt in der Nähe von Krakau. Als gelernter Autoschlosser fand er in Polen keine Arbeit. So fuhr er zunächst LKW, später Taxi. Der Verdienst hielt die Familie mehr schlecht als recht über Wasser. Daran konnten auch 12stündige Schichten nichts ändern. Vor allem seit die älteste Tochter studiert und seine Frau arbeitslos geworden ist, reicht das Geld zum Leben nicht mehr. „1000 Zloty sind einfach nicht genug für 5 Personen.“. Doch klagen will er nicht. Vor zwei Jahren vermittelte ihm eine seiner Schwestern, die in Berlin lebt, einen Job. Nun verlegt er im Auftrag einer Firma Fliesen und Parkett, setzt Fenster und Türen ein oder malert und tapeziert Wohnungen. Bei ca. 6 - 7 Euro pro Stunde kann er in sechs Wochen bis zu 3000 Euro verdienen. Dafür arbeitet Karol zumeist 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Freizeit gönnt er sich nicht. Ohne seine Familie fühlt er sich ohnehin allein. „Mein normales Leben ist in Polen. Hier? Das ist nicht normal.“. Nach sechs Wochen harter Arbeit fährt Karol für zwei Wochen zu seiner Familie. Doch die Zugfahrt ist teuer und anstrengend. Häufigere Besuche kann sich die Familie nicht leisten. Trotz der widrigen Umstände und der psychischen Belastung zeigt sich Karol zufrieden. Er weiß, dass er keine andere Möglichkeit hat, das notwendige Einkommen zu beschaffen. Die größte Angst hat er vor einem Arbeitsunfall. Als ein Kollege von einem Baugerüst stürzte, musste er zur Behandlung erst nach Polen in ein Krankenhaus gefahren werden. Als „Illegaler“ hat man keine Krankenversicherung in Deutschland. Karol zahlt seine polnische Krankenversicherung selbst. Für seinen Arbeitgeber ein komfortabler Zustand. Für einen regulären Arbeiter müsste er Sozialversicherungsbeiträge zahlen.
Bei der Polin Monika liegt das Leben als „Illegale“ in Berlin schon einige Jahre zurück. Heute kann sie sich normal auf der Straße bewegen, kann zu akzeptablen Bedingungen ihr Geld verdienen und so ihr Studium finanzieren. 1993 bekommt die gelernte Flugzeuggerätemechanikerin und diplomierte Kunsterzieherin die Gelegenheit, aus ihrem polnischen Dorf wegzugehen und nach Berlin zu ziehen. Sie überlegt nicht lange. „Ich war damals schon 25. Das war wirklich die letzte Möglichkeit abzuhauen.“ Mit Polen verbindet sie nicht viel. Sie fühlt sich eingeengt, versteht die Engstirnigkeit ihrer Landsleute nicht und hat vom Katholizismus die Nase voll. Zudem kann sie sich ihren Wunsch zu studieren nicht erfüllen. Da kommt das Angebot einer Freundin, sie während ihres Urlaubs zu vertreten, wie gerufen. Spontan besteigt sie im September 1993 mit einer kleinen Reisetasche den Nachtzug nach Berlin. Über das, was auf sie zukommt, macht sie sich keine großen Gedanken. Sie weiß, dass der erste Monat gesichert ist, und ist optimistisch, dass sie auch danach in Berlin bleiben kann. Eines steht für sie fest, nach Polen will sie nicht mehr zurück. In Berlin vertritt sie zunächst ihre Freundin, die in verschiedenen privaten Haushalten putzt. Über ein gut organisiertes Netzwerk bekommt sie weitere Jobs vermittelt und hat nach einem Monat ihre eigenen Klienten. Monika betont, wie wichtig solche Kontakte sind. Aus den Erzählungen anderer Osteuropäerinnen weiß sie, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution keine Seltenheit sind. Monika arbeitet in den nächsten zwei Jahren fast sieben Tage die Woche. Nach der Arbeit besucht sie einen Sprachkurs an einer privaten Schule. Sie weiß, wenn sie weiterkommen will, muss sie Deutsch lernen. Ihre Wohnsituation ist in den ersten Monaten katastrophal. Sie kann zunächst den Platz ihrer Freundin in einer „Putzfrauen-WG“ in Berlin-Schöneberg einnehmen. Dem deutschen Hauptmieter muss sie 350,- DM für einen Schlafplatz in einer Zweiraumwohnung zahlen, die sich insgesamt 6 Polinnen teilen. Für ihre nächste Unterkunft zahlt sie sogar 1000,- DM im Voraus für ein 8 m² Zimmer, das sie mit zwei anderen Frauen bewohnt. Gegen diesen Wucher ist sie machtlos. Ihr rechtloser Status macht es ihr weder möglich, offiziell eine eigene Wohnung anzumieten, noch sich gegen die Ausbeutung durch Dritte zu wehren. Davon profitieren die Vermieter.
Der Polnische Sozialrat beklagt diese Rechtlosigkeit seit langem. Die Selbstorganisation polnischer Zuwanderer in Berlin will einerseits eine öffentliche Sensibilisierung für die Probleme polnischer und anderer Migranten in Deutschland erreichen. Andererseits geht es um ganz konkrete Unterstützung der Pendler. In eigens geschaffenen Beratungsstellen wie der: ZAPO: (Zentrale Anlaufstelle für Pendlerinnen aus Osteuropa) sollen die illegalisierten Männer und Frauen über ihre Ansprüche und Rechte informiert werden. Täglich melden sich dort irreguläre Arbeiter aus Osteuropa, die um ihren Lohn gebracht wurden oder unter unmenschlichsten Bedingungen leben. Der Polnische Sozialrat macht in erster Linie die deutsche Zuwanderungspolitik für diese Missstände verantwortlich, die zahlreiche Menschen erst in die Illegalität drängt und sie damit ausbeutbar und erpressbar macht.
Monika kann ihre „Scheinlegalität“ 1995 endlich hinter sich lassen. Sie erhält die Erlaubnis, in Berlin zu studieren. Das Wichtigste für sie: Sie kann nun „legal“ arbeiten und eine Krankenversicherung abschließen. Über ihren Job sagt sie: „Als Putzfrau wollte ich nie Karriere machen. Es war eher zwangsläufig, dass ich geputzt habe. Und als ich gemerkt habe, dass ich das jetzt aufgeben kann, war das wirklich eine große Erleichterung. Ich habe den Job gehasst.“ Andere haben weniger Glück. Ein dauerhaftes Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis sind für Karol nicht in Aussicht. Daran wird auch die Osterweiterung der EU nicht so schnell etwas ändern. Denn obwohl Polen vollständiges Mitglied der Europäischen Union sein wird, sollen polnische Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft erst nach 7 Jahren auf dem EU-Markt verkaufen dürfen. Damit soll verhindert werden, dass die Arbeitslosigkeit in der Grenzregion weiter steigt. Die Sperrfrist wird aber auch in Zukunft verhindern, dass polnische Pendler ihren Aufenthalt legalisieren können. Traurig schüttelt Karol den Kopf. „Wir sind alle Menschen, die leben wollen.“


Berlin ist meine Stadt. Polnisches Leben in einer deutschen Metropole
Von Grit Staroste


Sind Sie schon mal einem Polen in Berlin begegnet? Wie Sie das wissen sollen? Zugegeben, etwas schwierig. Denn im öffentlichen Erscheinungsbild Berlins fallen die Menschen von der “anderen Seite” der Oder wahrlich nicht auf. Sie haben keine andere Hautfarbe, tragen keine andere Mode, betreiben keine “typisch polnischen” Restaurants oder Imbissbuden, und sie wohnen auf die ganz Stadt verteilt. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung ziemlich groß. Schließlich leben fast 30.000 polnische Staatsangehörige offiziell in Deutschlands Hauptstadt. Nur 70 Kilometer trennen Berlin von der deutsch-polnischen Grenze. Dort ist dann jeder Irrtum ausgeschlossen. Von “denen da drüben” glauben wir zu wissen, dass sie Autos klauen, gewiefte Händler sind und als Pendler den Deutschen auch noch ihre Arbeit wegnehmen.
Wer hat noch kein Polenwitz gehört und wer hat die immer gleichen Pointen nicht schon mal schwarz auf weiß in der Zeitung gelesen: Der Pole war’s! Der Graben der Klischees ist tief, ebenso wie der Glaube an fundamentale Wesensunterschiede zwischen Deutschen und Polen. Polen in Berlin? Die Zahlen der Statistik besagen, Polen sind die zweitgrößte ethnische Gruppe in der Stadt: Polnische Familien, die nach Ende des Krieges ihre Heimat verlassen mussten, und andere, die als so genannte Spätaussiedler folgten. Einen Großteil der hier Ansässigen bilden außerdem die “Solidarnocz-Emigranten”, die Anfang der 80er Jahre flüchteten, als in Polen das Kriegsrecht herrschte. Nicht mitgerechnet sind die schätzungsweise 100.000 PendlerInnen, die sich im Spannungsfeld zwischen legaler und “schwarzer” Arbeit in Berlin ihren Lebensunterhalt verdienen. Jede Zahl ein Lebenslauf. Miras ist Mitte zwanzig und kommt aus Warschau. Seine Entscheidung, in Deutschland zu studieren, beruht auf einer sehr genauen Vorstellung von seinem Leben. Freie Wirtschaft oder Politik – das soll es sein. Deutsch als zweite Fremdsprache erscheint ihm daher unerlässlich. Gleichzeitig schreibt er an seiner Doktorarbeit über Internetdynamik, deren vollständiger Titel jeden Laien ehrfürchtig erschauern lässt. Berlin – Warschau, die beiden Großstädte trennen nicht nur einige hundert Kilometer voneinander, sondern auch eine Staatsgrenze. Die markiert deutlich, wer wo hingehört. Miras erfährt diese Distanz nicht als einschneidendes Erlebnis. Nein, einsam fühle er sich nicht. Schließlich leben wir in Zeiten moderner Telekommunikation und die Besuche zu Hause sind zahlreich. Außerdem unterscheiden sich für ihn beide Großstädte nicht gravierend. Seinem selbstsicheren Auftreten merkt man sofort an, dass es ihm nicht schwer fällt, Leute kennen zu lernen. Probleme wegen seiner Herkunft? Kopfschüttelnd verneint er. Und dann kommt doch eine Einschränkung: Einen Grund zu klagen könne man immer finden. Doch über unangenehme Situationen scheint Miras bis zu einem gewissen Grad hinwegzusehen. Dazu gehört auch, behördlichen Schwerfälligkeiten mit Zurückhaltung und Höflichkeit zu begegnen. Miras’ Studentenvisum läuft zum Ende des Jahres aus. Für ihn kein Problem. Sein Kopf ist voller Pläne – auf jeden Fall will er irgendwann nach Hause zurück, um dort zu arbeiten. Schließlich ist Polen seine Heimat, daran denkt er die ganze Zeit. Sofia hat schon lange keine starken Bindungsgefühle mehr. Die 28-jährige lebt seit dreizehn Jahren in Berlin. Warum ihr Vater Anfang der Achtziger nach Deutschland ging, weiß sie nicht zu sagen. Damals versuchte sie sich mit kindlicher Raffinesse gegen den Umzug nach Deutschland zu wehren. Heute fährt sie nur noch selten nach Breslau, um ihre Verwandten zu besuchen. Spätestens nach zwei Wochen drängt es sie zurück nach Berlin, ihrer Stadt, wie sie sagt. Was sie an Berlin fasziniert, kann sie nicht eindeutig bestimmen. Es ist die Vertrautheit, die genaue Kenntnis ihrer Umgebung. Eine andere deutsche Großstadt wäre für sie als Wohnort undenkbar. Sofia schmiedet keine Karrierepläne. Nach dem Abbruch einer Berufsausbildung und der Geburt ihrer beiden Kinder arbeitete sie ein Jahr als Aushilfe in einem Imbiss. Als allein erziehende Mutter ist sie auf flexible Arbeitszeiten angewiesen. Die hat sie vorerst bei einem Berliner Frauen-Netzwerk gefunden, in dessen einladenden Räumen wir sitzen. Widersprüchlich oder einfach menschlich? Bis heute spricht Sofia mit ihren Kindern polnisch. Ihr Nachwuchs versteht sie zwar, ohne jedoch selbst ein polnisches Wort über die Lippen zu bringen. Die junge Mutter bleibt hartnäckig, wenn es darum geht, den Kleinen ihre polnische Herkunft zu vergegenwärtigen. Anfangs vermeidet sie es, sich als Polin zu “outen”. Schließlich kennt sie all die Vorurteile und Klischees zur Genüge. Heute sei sie viel selbstbewusster, sagt sie - dennoch etwas schüchtern. Deutsche Staatsbürgerin werden? Ja, wenn es die Möglichkeit gäbe. Ihr Leben wäre irgendwie runder, weniger zerrissen. Und dann noch eine feste Arbeit haben, das wäre ihr Traum. Wie unterschiedlich Polen in Berlin leben, bestätigt auch Tomasz, der sich besonders dem Prenzlauer Berg verbunden fühlt. Hier sieht er großstädtisches Kiez-Leben pulsieren. In dem Café, in dem wir uns kennen gelernt haben, verkehrt er als Stammgast mehrmals unter der Woche. Beim späteren Interview kommt er schnell darauf zu sprechen, dass er sich nicht als Fremder fühle. Mit 17 kam er als Spätaussiedler nach Deutschland und hat seit 26 Jahren einen deutschen Pass. Es sei vielmehr seine Umwelt, die ihn noch häufig an seine polnische Herkunft erinnere. Doch die ist ihm schon lange nicht mehr so wichtig. Vorrang vor seiner Nationalität und seiner Jugendzeit in Oberschlesien hat sein Alltagsleben. Vor sieben Jahren zog Tomasz von Düsseldorf nach Berlin, für das er schwärmt. Als Modellbauer kann er zwar keine großen Sprünge machen, doch hier zu leben ist ihm wichtiger. Immer noch interessiert an polnischer Kultur? Sofort sprudelt es aus ihm heraus. Er spricht vom Club der polnischen Versager, einer Plakatausstellung im polnischen Kulturinstitut und hält eine Lobrede auf den russisch-polnischen Maler Balthus. Polnische Literatur schätzt er ebenso sehr, auch wenn er sie mittlerweile auf Deutsch liest. Dann sprechen wir über polnische Zeitungen und Tagespolitik, über die er trotz Interesse in den deutschen Medien wenig erfährt. Skandalgeschichten, ja die höre man immer. Aber das Bild, das dadurch von den Polen entsteht, sei falsch und bedrückend. Ist seine polnische Herkunft für ihn tatsächlich nicht mehr so wesentlich? Nun ja, an manchen Tagen fühle er sich als Pole, an anderen als Deutscher. Meist aber spiele beides keine Rolle.


Mal ehrlich, ich bin fast 30!
Von Natalie Buschhorn und Ilka Lorenzen


Sonntag Morgen. Ich stehe auf dem Berliner Hauptbahnhof mit meinem Rucksack und dem Ticket in der Hand. Ich freue mich wahnsinnig auf „zu Hause“, male mir in Gedanken aus, wie schön es sein wird, die Familie, Freunde und Bekannte wieder zu treffen und schwelge in Träumereien. Beim Gedanken an Omas Piroggen läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Ich nehme den letzen Schluck aus meinem Take–Away Kaffeebecher und steige ein. Wir rollen über die Grenze und ich blicke aus dem staubigen Zugfenster hinaus auf karge Wiesen und Felder. Die Sonne scheint. Das macht die Landschaft farbig und heiter. Trotz schmutziger Scheiben kann ich sie erkennen, kann ich sie spüren – meine Heimat, Polen. Langsam rattert der Bummelzug in den Bahnhof ein. Ich bin angekommen. Großmutter erwartet mich bereits. Ihr rotes Kopftuch flattert im Wind als ihre rauhe Hand über meine Wange streicht. Der vertraute Duft von Milch und Zitronen steigt mir sofort in die Nase. Auf dem Weg nach Hause überschüttet sie mich mit Neuigkeiten, dem aktuellen Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft: Wer gestorben ist, dass neue Nachbarn hinzugezogen sind. Dann geht es aber vor allem darum, dass Frau Michalska ihr viertes Kind geboren, dass eine meiner früheren Spielkameradinnen vor kurzem geheiratet hat und dass Frau Pawlowska wieder in anderen Umständen ist. Es sind immer wieder dieselben Geschichten, die mir das Gefühl vermitteln, dass ich mich an einem Ort befinde, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Und der Wink mit dem Zaunpfahl ist mir natürlich auch nicht entgangen. Im Gegensatz zu den idyllischen Schilderungen meiner Großmutter habe ich allerdings schon unendlich viele andere Geschichten über Frauen in Polen gehört und gelesen, die mich sehr traurig stimmen und schockieren. Ich denke da immer wieder an das Beispiel einer Frau, bei der die Ärzte in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft einen Hirntumor diagnostizierten. Die Geburt zu überleben war folglich ausgeschlossen. Eine Abtreibung wurde allerdings strikt verboten. Ihr Mann klagt heute mit vor Gericht. Seine Frau hat er bereits verloren. Schrecklich! Doch bis in dieses verschlafene Nest scheinen die Debatten über die Frauenrechte noch nicht vorgedrungen zu sein. Die aktuellen Titelbilder von Zeitschriften wie „Zwierciadlo“ oder „Wysokie obcasy“, die ich selbst hier am Bahnhofskiosk gesehen habe, sind zwar von provokativen Überschriften übersät wie „Mein Bauch gehört mir!“ oder „3x Ja für das Recht auf Abtreibung, auf Verhütung und auf Sexualaufklärung“. Sie zeugen davon, dass ein Wandel im gesellschaftlichen Denken vollzogen wird, besonders im Denken und Handeln der Frauen. Doch hier ist alles beim Alten, zumindest äußerlich! Ich bin erschlagen von der Fahrt und den anstrengenden Arbeitstagen zuvor, beschließe aber dennoch zum See zu spazieren, um dort meinen Baum zu besuchen. Den Traumbaum. Ein alter Baum, der nicht wie die anderen im Park gerade und schlank gewachsen ist, sondern gekrümmt und eigensinnig zur Mitte des Sees rankt. Eine mystische Gestalt - verzaubert. Im Hintergrund höre ich das Läuten der Kirchenglocken. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich als kleines Mädchen fast jeden Samstag und Sonntag vor der Kirche stand und mit leuchtenden Augen die Hochzeiten verfolgte. Oft bin ich danach hierher zu meinem Traumbaum geflüchtet und habe mir vorgestellt, wie ich als Braut einmal heiraten würde. Wie eine Prinzessin wollte ich aussehen. Selbst als Teenager kam ich regelmäßig her. Die Beine im Wasser baumelnd habe ich in den blauen Himmel geträumt, von großen Gefühlen, dem großen Glück und konnte es nicht erwarten, endlich erwachsen zu sein. Jetzt lebe ich in Deutschland. Meinen Baum kann ich daher nur selten besuchen. Einen vergleichbaren Platz habe ich in Berlin bisher nicht gefunden und ehrlich gesagt auch nicht wirklich gesucht. Mein Leben ist schon anders geworden. Facettenreicher aber auch hektischer und lauter. Ich genieße deshalb diesen Bruch, den Augenblick der Einsamkeit, der Ruhe, der Erinnerung. Nun ja, wenn mich nicht meine innere Stimme aus dem Träumen reißen würde. Es ist meine alte Bekannte, mein geistiges Ich. Es begrüßt mich leise und linkisch mit einem: „Hallo Emanze! Die Verrückte ist also wieder im Lande!“ und überfällt mich mit einer Menge Fragen. Aber eigentlich möchte es nur wissen, ob ich endlich einen Mann habe und ob ich nicht langsam mal an Kinder denken würde. Natürlich muss ich verneinen und setze ein gequältes Lächeln auf. Bevor ich jedoch zu einer Rechtfertigung ansetzen kann, erzählt es mir ausführlich von Familienglück, einem erfüllten Leben als Mutter und Ehefrau und appelliert, wie so oft, eindringlich an mein Gewissen. Ich solle doch endlich auch mein Glück anpacken, bevor es zu spät sei. Ich habe keine Lust, mit ihm zu reden, verdränge es einfach. Doch es ist hartnäckig und krallt sich fest. Was will es denn? Welches Glück und wofür ist es noch nicht zu spät? Irgendwie fühle ich mich unwohl. Ertappt. Entblößt. Mist! Und schon sitze ich wieder in dieser Entweder-Oder-Falle. Mal ehrlich, ich bin fast 30. Ich habe einen Job, der mir Spaß macht, lebe in Berlin in einer soliden Zweizimmerwohnung mit Dielenboden. Ich bin viel unterwegs, auf Firmenreisen, auf Partys, im Theater oder in den neuesten Kunstausstellungen. Ich bekomme haufenweise SMS und werde ziemlich oft von netten Männern auf einen Kaffee zwischendurch eingeladen. Was will ich mehr? Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Mit einem Wort – ich bin unabhängig. Klar, hier in Polen gehöre ich mittlerweile zum alten Eisen. Sicher bin ich nicht einmal mehr dritte Wahl als mögliche Ehefrau. Aber das ist mir auch egal! Meistens zumindest. Zweifel an meiner Biographie, das Gefühl, Erwartungen und Wünsche nicht erfüllt zu haben, beschäftigen mich jetzt doch. Für manche meiner Familienmitglieder und Bekannten bin ich keine vollkommene Frau, sondern eine herbe Enttäuschung. Wenn ich wenigsten ein dickes Auto hätte, einen Pelzmantel oder Goldschmuck, würde man mir vielleicht diesen von der Tradition abweichenden Lebenswandel verzeihen. Aber so habe ich es eigentlich zu nichts gebracht. Ich halte meine Nase in die Sonne. Vor mir auf der Wiese spielen Mütter mit ihren Kindern. Väter sehe ich eigentlich keine. Typisch, denke ich mir. Ich beobachte hier tatsächlich nur junge Frauen. Ja, jung sind sie. Sehr jung sogar! Jünger als ich allemal! Und glücklicher? Plötzlich steht sie vor mir – die Angst! Habe ich den richtigen Moment schon verpasst? Vielleicht sollte ich mein Leben tatsächlich überdenken, mir einen Mann suchen und ein Kind gebären? Das wäre es doch. Alle würden zufrieden sein und ich hätte endlich meine Ruhe!!! Irgendwie könnte ich mich so sicherlich mit der Traditionellen arrangieren. Schmerzlicher und bedrückender ist jedoch die Einsicht, dass mein Mädchentraum, in Polen eine Familie zu gründen, langsam zerbricht. Der Gedanke daran, in ein Land zurückzukehren, wo beispielsweise allein der Zugang zur Verhütung schwierig ist und wo Frauen regelrecht dazu gezwungen werden, Kinder zu gebären, sogar dann, wenn sie es nicht möchten oder sie schwer krank sind, ist mir höchst unangenehm. Und Probleme dieser Art sind mir bewusst. Probleme, die zu lösen sind und Konflikte zwischen Kirche und dem Staat, der versucht, den Status der Frau möglichst niedrig zu halten. Das freudige Geschrei der spielenden Kinder dringt an mein Ohr. Diese bösen Gedanken scheinen sie zumindest noch nicht zu belasten. Ich frage mich, wie es ihren Mütter geht. Auf einmal bemerke ich das Surren der Frühjahrsmücken, es ist spät geworden. Die Sonne ist bereits untergegangen und ich stehe fast allein, verloren und einsam an meinem Traumbaum am See. Ich betrachte ihn lange und nachdenklich. Irgendwie erinnert er mich an mich selbst
an die Verrückte. Unangepasst. Unvollkommen, wie die anderen sagen. Aber was wissen die schon, die anderen? Eigentlich gefällt mir dieser Zustand, diese Suche und dieses Gefühl, die Wahl zu haben.


„Wichtig ist nicht, ob ich Pole oder Berliner bin. Ich bin Musiker!“
Von Sanna Schondelmayer


„Ich bin nie zufrieden“ sagt Piotr und seine Augen funkeln. „Nie zufrieden mit diesem Zustand, nur einfach arbeiten und leben“ fügt er hinzu „ Ich bin Musiker“. Und schon ist er wieder eingetaucht in die nächste Erzählung über Konzerte, Sänger und Partituren. Schon eine gute Stunde sitze ich mit Piotr in seiner Berliner Stube, bekomme Kaffee nachgeschenkt und erfahre viel über Musik. Aber Piotr ist nicht nur Musiker, er ist vor 20 Jahren aus Polen nach Berlin gekommen. Allerdings hatte er damals nicht gedacht, dass aus einem Auslandskonzert ein ganzes Leben werden würde. Polen in Berlin, das ist die zweitgrößte Minderheit nach den Türken, das sind ca. 80.000 Menschen: Aussiedler, Schwarzarbeiter, Pendler, Manager, Studenten, Künstler, Bäcker. Aber wie sehen die Menschen aus, die hinter diesen Zahlen und Berufsbezeichnungen stecken? Warum haben sie Berlin als ihre “neue Heimat“ gewählt? Sprechen sie polnisch oder deutsch? Oder dolnisch? Fragen, die man, solange man nach “den Polen“ im Allgemeinen fragt, nicht beantwortet bekommt. Ich wollte deshalb mit den Menschen persönlich sprechen. Einer meiner Gesprächspartner ist Piotr Kowalski. Piotr Kowalski wurde am 6. Dezember 1981 mit seinem Chor zu einem Konzertauftritt nach Berlin eingeladen. In diesen Tagen waren viele Polen auf Westberlins Straßen zu sehen. Aufgrund der stark gelockerten Ausreisebestimmungen, die in Polen seit 1980 in Zusammenhang mit der Solidarnoczbewegung verabschiedet worden waren, bot sich für viele der östlichen Nachbarn Deutschlands zum ersten Mal die Möglichkeit ein bisschen “Westen“ zu schnuppern. (Östliche Nachbarn ist ein Synonym für Polen). Am letzten Abend seines Berlinbesuches - die Rückreise war für den 13. Dezember geplant - feierte Kowalski noch gemeinsam mit seinen Berliner Musikerkollegen die gelungenen Konzerte der vergangenen Woche. Die Taschen standen bereits gepackt im Hotelzimmer und warteten auf die Heimreise. Umsonst, die politische Lage hatte sich in Polen so zugespitzt, - dass der damalige Ministerpräsident und Parteisekretär General Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht über Polen verhängte. Für Piotr Kowalski kam diese Entscheidung völlig unerwartet.
„Wir hatten schon alles eingepackt und dann kam der Sonntag. Wir haben noch bis um halb zwei in der Nacht gefeiert nach dem Konzert. Und dann als wir erfahren haben es ist Kriegszustand… Ich konnte es nicht glauben. Ich habe noch das Wörterbuch geholt und da hab ich noch mal gelesen: Kriegszustand. Das bedeutet die Grenzen waren zu - alles zu - die ganze Machtübernahmen wie ein Putsch. Das ist wie ein ganz normaler Kriegszustand: es geht nichts mehr, funktioniert nichts mehr!“ Doch nach dem ersten Schock, beschloss er, „nicht untätig auf das Ende des Kriegszustandes in Polen zu warten“, sondern die Zeit zu nutzen, und fing an Deutsch zu lernen. Die ersten Monate lebte er gemeinsam mit vier anderen Polen in einem Zimmer. Mit dem Geld, das er durch privaten Musikunterricht verdiente bezahlte er seinen Deutschkurs selbst. In seiner Dreizimmerwohnung auf dem Sofa sitzend, erinnert er sich sehr positiv an seine ersten Wochen in Deutschland und die Stimmung die damals gegenüber Polen herrschte. Die Menschen in Berlin seien sehr offen und freundlich gewesen, als “Solidaritätsflüchtling“ habe man viel Unterstützung bekommen. Der studierte Musiker wollte sich jedoch nicht auf der Unterstützung des deutschen Staates `ausruhen´, sondern versuchte mit seiner Musik soviel Geld zu verdienen, dass er seinen Unterhalt völlig unabhängig´ bezahlen konnte. Die ersten Jahre hatte er Privatschüler, später bekam er das Angebot, an einer Musikschule zu unterrichten. Heute kann er auf eine zwanzigjährige Geschichte in der Berliner Musikerlandschaft zurückblicken. Wenn es um Musik geht, scheint ihm kein unbezahltes Konzert zu viel, keine Reise zu weit, keine Chorprobe zu anstrengend gewesen zu sein. „Es geht nicht ums Geldverdienen, sondern um sich selbst zufrieden zu stellen. Ich habe mir immer neue Ziele gestellt. Selbst spielen, selbst machen nicht nur da Befehle geben, sondern selbst etwas probieren.“
Dass die Stimmung in Berlin gegenüber polnischen “Neuberlinern“ nicht immer so positiv war wie kurz nach der Ausrufung des Kriegsrechtes, sondern zeitweise sehr negativ, bezieht Piotr nicht auf eine Abneigung gegen Polen im Speziellen, sondern generell auf den Umgang mit „Fremden als Sündenböcken“.
„Ja, die Einstellung zu Polen hat sich so bisschen geändert. Nachher war sie bisschen negativer und dann noch negativer. Da waren viele Artikel in der Zeitung und dann in großen Buchstaben: DER POLE HAT GEKLAUT! Natürlich man als Pole… man fühlt sich betroffen. Aber das war so eine Phase. Dann kamen irgendwann die Türken dran und die aus Jugoslawien. Jede Woche mit großen Schlagzeilen. Aber das muss vielleicht so sein. Irgendwo muss ja ein Ventil sein, jemand muss schuldig sein, wenn es uns nicht so gut geht- in Berlin meine ich.“
Ist Piotr Kowalski ein typischer Pole? Wohl kaum. Aber ist er ein völlig untypischer Pole? Wahrscheinlich auch nicht. Macht es überhaupt Sinn in diesen Kategorien nach Menschen zu fragen? Piotr selbst hat sich darüber nicht den Kopf zerbrochen. Auf meine Frage ob er denn nun in Polen oder in Berlin Zuhause sei, antwortet er etwas gereizt: „Was soll das alles? Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, im Leben was zu machen, aktiv zu sein. Ich bin Musiker und möchte gute Musik machen.“