KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2003
Vera Thümmel
„TROTZALLEDEM ...“ - Gedanken zum 9. Africa Alive Festival
Und damit unser Traum wiedergeboren wird
Im Schweben des Windes und des Korns,
sind wir wieder hier,
wie die Spiegel
am Webstuhl unseres Daseins.


(Jao Armando Artur, geb. 28.12.1962 in Zambesi)


Lusitania – so nannten die Römer ihre potugiesischsprachigen Provinzen. Lusophon wird heute der Sprachraum bezeichnet, in dem die portugiesische Sprache gesprochen wird.

Das Africa Alive Festival 2003, das zum 9. Mal in Frankfurt am Main vom 21.1.-9.2.03. einschließlich Verlängerung der Ausstellungen bis zum 2.3.03 stattfand, öffnete auch in diesem Jahr seine Tore für afrikanische Kunst und Kultur. Für einige immer noch ein Grenzgänger, für sehr viele bereits eine feste Adresse, eine Instanz in Frankfurt, bietet dieses Festival eine stetig wachsende Plattform für afrikanische Kulturmacher (Künstler, Filmemacher, Musiker, Autoren) sowie Journalisten, Politikern und politisch Engagierten.

Das lusophone Afrika ist hierzulande immer noch wenig bekannt. Daher wandte sich Africa Alive mit dem diesjährigen thematischen Schwerpunkt in Film, Literatur, Kunst, Musik und Podiumsdiskussion jenen Ländern zu, die durch eine gemeinsame portugiesische Kolonisationserfahrung miteinander verbunden sind. Das sind Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, Kap Verden und São Tomé und Príncipe. Die Wahl dieser Region geschah auch aus aktuellem Anlass, da die politische Entwicklung der letzten Jahre diese Länder aus den Kriegswirren bzw. der Vergessenheit heraus und hinein ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Diese Länder haben historische Persönlichkeiten hervorgebracht, die unvergesslich für die revolutionären Befreiungsbewegungen Afrikas stehen und für das historische Bewusstsein in Afrika zu einem Markstein avancierten.

Den Startschuß und das Motto gaben Musiker aus Guinea Bissau, die zur ersten Liga der Weltmusiker gehören: Carlos Robalo und Mandjau Fati mit Ihrer 1984 gegründeten Band Dunyabélé, was „Für die ganze Welt“ bedeutet. Sie boten einen grandiosen musikalischen Einstieg in die faszinierende Klangwelt und ließen die zahlreichen musikalischen und sprachlichen Wurzeln und Wechselbeziehungen erahnen, die bis nach Brasilien, Amerika und Europa führen. Diese fanden ihre Entsprechung auf der Diskursebene in den weiteren Genreangeboten.

Das Festival, das außerdem ein in Deutschland einmaliges jährliches Forum für die aktuellsten afrikanischen Filmproduktionen darstellt, wurde eröffnet mit dem beeindruckenden Film NDEYSAAN - LE PRIX DE PARDON des jungen senegalesischen Regisseurs Mansour Sora Wade. Dieser Film - eine afrikanische Legende, erzählt in einer eigenwilligen Bildsprache und frappierenden Farbenpracht - besitzt eine Parabelfunktion und einen hohen Aktualitätswert: er ist ein Plädoyer für die Versöhnung zwischen den Generationen und politisch verfeindeten Gruppen in einer zunehmend zerrissenen Gesellschaft. Der Film wurde Hauptpreisträger des nordafrikanischen Filmfestivals Karthago 2002. Sora Wade begeisterte anschließend mit einer spannenden Diskussion über die erstaunliche Symbolik von Bild, Musik und Farbe in seinem Film. Sieben Jahre hatte er um finanzielle Unterstützung werben müssen. Afrikanische Filme und Regisseure haben es ungleich schwerer eine Lobby zu finden, ganz zu schweigen außerhalb Afrikas Eingang in die regulären Kinos zu finden. Da bedarf es in Deutschland immer noch eines Festivals, um sich für kurze Zeit ein Fenster durch unsere zunehmend feste US-amerikanisch-geprägte Kulturhülle zu reißen.

Auch dieses Mal war das Africa Alive Festival wieder sehr gut besucht. Obwohl in Zeiten der PISA-Studie manchen Journalisten der Begriff „lusophon“ zu kompliziert erschien und das Thema angeblich für den herkömmlichen Leser als „zu weit hergeholt“ angenommen wurde. – So wurde die Ankündigung im Frankfurter Journal mit einer kleinen Rätselrunden zu diesem Begriff „aufgefrischt“. Letztlich ließen sich die heutigen mündigen Leser und Besucher aber davon nicht beirren.

Neben den aktuellen Filmen standen im Fokus Filme aus dem portugiesischsprachigen Afrika, darunter eine Werkschau gewidmet dem Regisseur Flora Gomez (Guinea Bissau). Diese Länder verbinden eine ähnliche Geschichte und ähnliche Erfahrungen. Die filmische Arbeit in Mosambik und Angola hat ihre Wurzeln im Unabhängigkeitskampf und wurde später auch von staatlicher Seite unterstützt - auch wenn die Mittel sehr gering waren. Zunächst wurden eher Dokumentarfilme gedreht, die die soziale und politische Wirklichkeit der Länder zeigen. Einige davon, mit einem ethnographischen Anspruch, gaben einen tiefen Einblick in das Leben im Südosten Angolas: PRESENTE ANGOLANO / TEMPO MUMULIA (Angola).

Um die legendären Persönlichkeiten des Unabhängigkeitskampfes aus Angola, Agostinho Neto, und von den Kap Verden, Amilcár Cabral, die außerdem als Poeten bekannt wurden, ging es in den beiden Dokumentarfilmen AMILCÁR CABRAL (Kap Verden / Portugal) und NO CAMINHO DA ESTRELAS (Angola). Waren sie die letzten mythischen Gestalten Afrikas aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes, der auch in den Spielfilme MORTU NEGA (Guinea Bissau) und XIME (Guinea Bissau) thematisiert wurde?

Welche neuen Ansätze existieren im heutigen Afrika, die Probleme großer Teile der Bevölkerung, die ums Überleben kämpfen (Filmreihe 'Steps for the Future') zu lösen, den Kontinent in seiner Entwicklung zu stabilisieren und ihm in der internationalen Staatengemeinschaft eine neue starke Stimme zu verschaffen? Unter dem Thema „Afrikanische Renaissance – ein neuer Anfang für Afrika?“ diskutierten in einer Podiumsrunde der Journalist der Deutschen Welle, Abteilung Afrika, Antonio Rocha, der Journalist aus Angola Emanuel Matondo, der Fotograf Sérgio Santimano und die Autorin Lilia Momplé aus Mosambik Gedanken und Konzepte dazu. Die kontroverse Diskussion und die engagierten Fragestellungen und Kommentare des Publikums spiegelten einerseits die Hoffnung wieder, auf die wachsende Stärke der Zivilgesellschaft zu setzen. Dabei wird die Bedeutung der eigenen Kultur und der kreativen und motivierenden Funktion der Künstler im Entwicklungsprozeß immer bewusster. Andererseits konnte in der Diskussion auch die Wut und Enttäuschung nicht verborgen werden angesichts der Missachtung afrikanischer Eliten gegenüber ihren eigenen Bevölkerungen. Ihre Souffleure-Finanziers befinden sich, wie längst bekannt ist, in Europa und Amerika. Diese Komplizenschaft verhinderte auf Dauer, dass die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen tatsächlich Früchte tragen konnten.

Traumatisiert und z. T. fragmentiert durch die blutigen und jahrzehntelangen Kriege, die einst als Stellvertreterkriege begannen, aber mit großer Hoffnung und wachsendem Enthusiasmus, gehen die portugiesischsprachigen Länder daran - nach dem Tod des UNITA-Führers Savimbi nun auch Angola - die neu angebrochene Zeit zu gestalten. Der Anspruch auf Eigenständigkeit und Selbstbestimmung - die Idee der „Afrikanischen Renaissance“ – ist keine neue, vielmehr eine stetig wachsende Bewegung auf dem afrikanischen Kontinent, ungeachtet der vielen Rückschläge.

„TROTZALLEDEM …“ zieht sich somit als programmatischer Leitfaden durch dieses Festival und bildete auch den Titel der Ausstellung des mosambikanischen Fotografen Sérgio Santimano. In Mosambik entwickelte sich nach der Unabhängigkeit eine der bedeutendsten Schulen der Fotografie auf dem afrikanischen Kontinent, Sérgio Santimano ist einer ihrer prominenten Vertreter. Durch seine Fotoreportagen, seine internationalen Ausstellungen und Bildbände zu aktuellen und politisch brisanten Themen wurde er schon bald zu einem Fotografen mit internationalem Renommee. Er widmet seine Werke dem bewundernswerten Lebensmut der Menschen seiner Heimat, die nach den verheerenden Kriegsjahren wieder langsam Hoffnung fassen und ihr Land aufbauen. Er will mit seinen beeindruckenden Bildern gegen die gängigen Klischees, die Afrika nur als einen Kontinent der Kriege und Katastrophen darstellen, ein Zeichen setzen. Er lebt und arbeitet in Maputo und engagiert sich im traditionsreichen Fotografenverband Mosambiks, der derzeit wieder aufgebaut wird.

„Débloquer le coeur – um der Hoffnung willen“ – die zweite Ausstellung, die Werke des jungen Künstlers Braima Injai aus Guinea Bissau / Frankreich zeigte, sowie die Lesungen der Schriftstellerinnen Lilia Momlé aus Mosambik und Ana Paula Tavares aus Angola, setzen sich – jede/r in seiner / ihrer eigenen bemerkenswerten Sprache – mit Entwicklung, Kolonialismus, Situation der Frauen, Zerrissenheit zwischen den Kulturen und immer wieder mit der Hoffnung auseinander.

Neu war, dass das diesjährige Africa Alive Festival einen Musikfilmabend gestaltete und, bereits zum zweiten Mal, neben Schulprojekten auch ein Universitätsangebot auf die Beine stellte: und zwar mit den geladenen Künstlern und Schriftstellern zu Diskussionen und Workshops an die Schulen sowie an die Goethe-Universität Frankfurt ging. Diese direkten Kontakte ließen bereits weitere konkrete Ideen und Projekten entstehen.

Damit unterscheidet sich dieses Festival von jenen glamourösen Filmfestivals, die auf der Welle der Cineast-Mode und Massenkultur schwimmen, und gleichermaßen von jenem leicht-seichten Multikultimelange bzw. nicht wenigen afrikanischen Festivals, die sich überwiegend mit Musik, Kulinarischem und Kunstmarkt begnügen.

Africa Alive hält die Spannung aus zwischen jährlich aktuellen Diskursangeboten - in denen in erster Linie nicht Europäer über Afrika diskutieren, sondern Kulturschaffende aus Afrika ein Forum bekommen, ihre Denkansätze und Werke zur Diskussion anzubieten – und genügend Raum zu geben für das Miteinander, Kennenlernen, aber auch Wiedertreffen hier lebender Afrikaner und Afrika interessierter Deutscher / Europäer. Und das ganz selbstverständlich und unprätentiös – bereits seit 9 Jahren. Nicht zuletzt seien die vielen binationalen Paare und Familien erwähnt, für die das Kinderfest zum Africa Alive-Abschluß schon zu einem beliebten Muß geworden zu sein scheint.

Vielleicht wird dieses beliebte MUSS ja bald zu einem ganz alltäglichen Sein, zum ALLTAG in ganz Deutschland? Es wäre überflüssig zu sagen, dass das genau im Sinne der Africa Alive – Organisatoren wäre, die als eine ehrenamtliche Initiative arbeiten, selbst unterschiedlicher Herkunft sind, aus verschiedenen beruflicher Sparten kommen und projektbezogen mit verschiedenen Frankfurter Vereinen und Institutionen kooperieren.

Es bleibt nur noch zu wünschen, dass auch das nächste Festival – nunmehr das 10jährige Jubiläum – wieder spannend wird und seinen hohen Anspruch wahren kann: hoffentlich wieder Dank großzügiger Unterstützung von Sponsoren oder möglicherweise doch durch einen festen Haushalt seitens der Stadt?! Wenigstens einmalig… Das wäre doch ein wahres Geschenk zum 10jährigen!