KULTURATIONOnline Journal fŁr Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2003
G√ľnter Mayer
Nachruf auf Georg Knepler
Er hatte das gro√üe Gl√ľck, ohne nennenswerte Einschr√§nkungen seiner geistigen Kr√§fte sehr alt zu werden. Als ich ihn am 21. Dezember anrief, um ihm zum 96. Geburtstag zu gratulieren, nahm er den H√∂rer ab und sagte: “Ich habe jetzt gerade keine Zeit, ich arbeite”. Auf meine guten W√ľnsche, dass er noch bis zum Hundertsten so interessiert und anregend, vor allem so produktiv t√§tig sein m√∂ge, entgegnete er: “Nicht bis Hundert, bis Hundertzehn”. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte er an einen gr√∂√üeren Kreis von Freunden, Kollegen und Publizisten die ersten Kapitel und die Gesamtskizze eines Buches (insgesamt 102 Seiten) zugesandt, das er bis Ende 2003 abschlie√üen wollte. Es soll unter dem Titel “Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer M√∂glichkeit” sieben Kapitel enthalten: “Darwins Evolutionstheorie”; “Marx‘ Theorie von der Assoziation freier Produzenten”; “Menschwerdung”; “Die Herausbildung ethischer und √§sthetischer Wertkriterien”; “Die Herausbildung von Herrschaftsformen”; “Der Kapitalismus” und “Gleichberechtigung”, eine historisch-kritische Analyse der politischen Revolutionen seit 1789 bis in die j√ľngste Gegenwart, die m√ľndet in den Ausblick “Die Situation heute und die n√§chsten Schritte”. Noch am 4. Januar konnte ich ihm telefonisch mitteilen, wie sehr mich dieser Text beeindruckt hat. Er stellte ein ausf√ľhrliches Gespr√§ch dar√ľber “in vierzehn” Tagen in Aussicht. Zehn Tage sp√§ter war er tot: eine beginnende Lungenentz√ľndung hatte er bereits √ľberwunden, sollte schon bald aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden. Doch seine Lebensenergie war verbraucht, er starb abrupt an Schw√§che – ohne zu leiden.

Der Tod Georg Kneplers ist ein unermesslicher Verlust. Er war einer der ganz Gro√üen in der Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts und hat deren marxistisch orientierte Profilierung durch grunds√§tzliche Arbeiten zur Methodologie der Musikgeschichtsschreibung (1977), zur √§sthetischen Spezifik der Musik (1980/81) sowie durch seine beiden B√§nde √ľber die Musikkultur des 19. Jahrhunderts (1961) oder die biograpischen “Ann√§herungen” an Wolfgang Amad√© Mozart (1991) wie kaum ein Anderer vorangebracht: flexibel, streitbar, offen f√ľr neue Fragestellungen und f√ľr als notwendig erkannte Korrekturen und Differenzierungen. Dazu geh√∂rte f√ľr ihn die enorme Ausweitung sowohl der geschichtlichen als auch der theoretischen Dimensionen des Denkens. Georg Knepler hat in beeindruckender Einzelleistung vorgemacht, was interdisziplin√§res Arbeiten an neuen Anregungen und Ergebnissen f√ľr das disziplin√§re Selbstverst√§ndnis der Musikforschung bewirkt. Er hat sich in die je aktuellen Diskurse der Historiographie der Ur- und Fr√ľhgeschichte, der Soziologie, der Systemtheorie ebenso hineinbegeben wie in die je aktuellen Diskurse der Kommunikationstheorie, der Semiotik und Linguistik, der Bioakustik und Verhaltensforschung, der Entwicklungs-, Sprach- und Neuropsychologie. Hat er einerseits durch seine historisch pr√§zisen Analysen zur Entwicklung, zum Stellenwert und zur Notwendigkeit des Fortschrittsbegriffs im jeweiligen Kontext widerstreitender ideologischer Konzeptualisierungen neue Wege beschritten, um Musikwissenschaft als Gesellschaftswissenschaft historisch-materialistisch zu fundieren und auszuarbeiten, so hat er andererseits im Ergebnis seiner interdisziplin√§ren Studien zur historischen Grundlegung der Musikgeschichte und Musik√§sthetik neue Perspektiven f√ľr das systematische Begreifen der Musik er√∂ffnet: gegr√ľndet auf die als notwendig erkannte Synthese von gesellschafts- und naturwissen-schaftlichem Denken.

Er hat sich immer wieder f√ľr die innerdisziplin√§re und interdisziplin√§re Kommunikation und Kooperation eingesetzt, als jahrelanger Chefredakteur der “Beitr√§ge zur Musikwissenschaft” sowie, gemeinsam mit Harry Goldschmidt, in der Organisation und publizistischen Auswertung von nationalen und internationalen Kolloquien: “Musik√§sthetik in der Diskussion” (1981) und “Komponisten auf Werk und Leben befragt” (1985). Zu den Teilnehmern der auf Biographik zentrierten Klausurtagung geh√∂rten - neben den Kollegen aus der DDR - Michael Druskin (UdSSR), Carl Dahlhaus und Ludwig Finscher (Bundesrepublik), Pierluigi Petrobelli (Italien), Jaroslav Jiranek (Tschechoslowakei), Jozsef Ujfalussy (Ungarn), Jean und Brigitte Massin (Frankreich) sowie Maynard Solomon (USA).

Seit der Implosion des europ√§ischen Staatssozialismus, seit den neunziger Jahren also hat sich Georg Knepler fast ausschlie√ülich auf die Fragen nach den Ursachen, den Folgen dieser Umw√§lzung und nach den darin liegenden Zukunftsm√∂glichkeiten konzentriert. Im Gegensatz zu vielen Anderen war der Niedergang und Zusammenbruch der sozialistischen L√§nder in Europa f√ľr Georg Knepler nicht der Beweis daf√ľr, dass die Theorie und Methode von Marx damit historisch erledigt sei. Im Gegenteil: Er hat Marx und Lenin neu gelesen, die als Marxismus-Leninismus betriebenen Theorien kritisch besichtigt – weit √ľber sein Fach hinaus. Da er an der von Wolfgang Martin Stroh und mir 1999 organisierten internationalen Fachtagung zur Geschichte, Situation und Perspektive der marxistisch orientierten Musikforschung aus Altersgr√ľnden nicht teilnehmen konnte, bat er mich, den Teilnehmern zu sagen, dass er derzeit den gr√∂√üten Teil seiner Lebenszeit der Politik widme: im Sinne der politischen Vergangenheitsbew√§ltigung, der Gegenwartskritik und der Zukunftserkundung, denn: den gegenw√§rtigen Weltzustand und seine d√ľsteren Perspektiven k√∂nne man von der Musikwissenschaft her nicht begreifen. “Wir m√ľssen uns der Politik zuwenden. Wenn die theoretisch bef√§higten Musikwissenschaftler sich qualifiziert mit der Politik besch√§ftigen, werden sie auch ihr Fach besser begreifen, nicht zuletzt ihre Mitverantwortung f√ľr die Sicherung eines menschenw√ľrdigen Lebens auf diesem Planeten.” Aus diesem “Paradigmenwechel” ist der Torso seiner letzten gro√üen Arbeit “Macht ohne Herrschaft” hervorgegangen, auf die er in den letzten Jahren die ihm verbliebenen Kr√§fte konzentriert hatte – in st√§ndiger Diskussion mit Freunden und Kollegen, darunter vielen j√ľngeren.

Sein Grundanliegen hat er im ersten Absatz des Vorwortes so formuliert: “Menschen sind auf dem Planeten Erde die einzigen Lebewesen, die Verh√§ltnisse herbeigef√ľhrt haben, unter denen ein bis zwei Prozent der Gesamtpopulation die Macht haben, √ľber alle anderen zu verf√ľgen. Das Thema dieses Buches ist der Nachweis, dass diese barbarischen Verh√§ltnisse √ľberwindbar sind, die Methode des Buches ist es, der Entstehungsgeschichte der Barbarei und der der Menschlichkeit nachzugehen”.

Mit der Vielzahl von methodologischen und sachlichen Problemen, die sich mit der Hinwendung zu den allgemeinen Themen “Menschwerdung” (3. Kapitel) und “Die Herausbildung ethischer und √§sthetischer Wertkriterien” (4. Kapitel) ergeben, hatte sich Georg Knepler aus musikwissenschaftlicher Perspektive schon seit den siebziger Jahren intensiv besch√§ftigt (1977; 1988). Dem Thema “√Ąsthetik und Urgeschichte” war auch das von der Leibniz-Soziet√§t zu seinem 90. Geburtstag veranstaltete Kolloquium gewidmet, auf welchem er selbst referierte √ľber “Musik√§sthetik. Ansatz aus der Sicht ur- und fr√ľhgeschichtlicher Forschungsergebnisse”(1998).

Die Schriften von Karl Marx hat er, wie bereits bemerkt, mit einem durch die j√ľngere Widerspruchserfahrung gesch√§rften Blick neu gelesen und ist dabei zu erstaunlichen Einsichten gekommen. Er sieht dessen historische Leistung vor allem in der Begr√ľndung einer Theorie der Abl√∂sung von Ausbeutung durch eine Assoziation freier Produzenten. Dieses Kapitel (2) ist sozusagen, fertig.

F√ľr die folgenden hat Georg Knepler knapp gefa√üte Inhaltsangaben formuliert, in denen der Ansatz und die Argumentationslinien deutlich fixiert sind. F√ľr eine neuartige Analyse und Darstellung der Revolutionen der Neuzeit, der K√§mpfe, Schwierigkeiten und Erfolge bei der Realisierung von Gleichberechtigung liegen umfangreiche Vorarbeiten vor. Sie reichen bis in die Reflexion √ľber die gegenw√§rtigen globalen Kr√§fteverschiebungen in China, Ru√üland und Indien, aber auch in S√ľdamerika (wie in Venzuela). In seinen Analysen unterscheidet Knepler zwei wesentliche, geschichtlich wirksame Tendenzen der menschlichen Willensbildungen: die auf Kooperation und die auf Konfrontation gerichteten. Der abschlie√üende Komplex des Buches “Die Situation heute und die n√§chsten Schritte” ist ebenfalls fertig und bereits wenige Tage nach dem Tode ver√∂ffentlicht worden (Siehe Junge Welt vom 18./19. Januar 2003).

Seinen polemischen Ansatz hat Knepler im Schlu√üsatz der Einleitung deutlich artikuliert: “W√§hrend [...] die auf kriegerische Konfrontation gerichteten Willensbildungen in der Geschichtsschreibung breite ausf√ľhrliche Darstellungen finden, so dass im Allgemeinbewu√ütsein die Meinung vorherrscht, Kriege habe es immer gegeben, m√ľsse und werde es immer geben, werden die gro√üen auf Kooperation gerichteten Entwicklungsz√ľge wenig beachtet, wenn nicht verleumdet. Dieses Buch sucht durch Darstellung beider Entwicklungsz√ľge Einsicht zu gewinnen in die Notwendigkeit und M√∂glichkeit weiterer Schritte, innerhalb der Naturgegebenheiten friedliche menschliche Gesellschaften zu errichten”.

Die aktuelle Dimension dieses Ansatzes ist evident: Es ist nicht nur die von Knepler formulierte prinzipielle Kritik der us-amerikanischen Gro√übourgeoisie, die Entlarvung ihrer auf milit√§rische Mittel gest√ľtzten, global ausgerichteten Konfrontationspolitik und Herrschaftspraxis. Es ist die weit dar√ľber hinausgehende prinzipielle Kritik am kapitalistischen System und die Begr√ľndung daf√ľr, dass es notwendig und m√∂glich sei, es “endg√ľltig abzuschaffen”.

Georg Knepler hat mir in einer unserer letzten Begegnungen gesagt, dass dieses Buch, das nun zu seinem Vermächtnis geworden ist, sein Lebenswerk sei. Daher werden die engeren Freunde in allernächster Zeit aus dem bisher Vorliegenden ein Ganzes zusammenstellen und veröffentlichen.

In allem, was Georg Knepler tat, war bis in seine letzten Tage Bewegung, ein hellwaches, weltoffenes Interesse nicht nur an den großen, die Menschheit als Ganzes betreffenden Erfahrungen. Er fragte stets auch nach den individuellen Befindlichkeiten seiner vielen Besucher.

In allem, was Georg Knepler tat, war bis in seine letzten Tage lebendig der kritische Zweifel, stets verbunden mit der Suche nach Neuem. Es gab bei ihm trotz aller Widerspruchserfahrung und Entt√§uschungen nie Hoffnungslosigkeit, Resignation oder etwa Zynismus. Und zugleich gab es bei ihm, bei aller Bewegung und anregenden Unruhe, keine Hektik. Von ihm ging zielstrebige Gelassenheit aus. Er hatte die Grundhaltung der Freundlichkeit und der Behutsamkeit, die der Philosoph Lothar K√ľhne als das Wesentliche des kommunistischen Verh√§ltnisses der Menschen zur Natur, zur Welt ihrer Produkte und zu sich selbst erkannt hat. Er wird sehr fehlen, nicht nur denen, die das Gl√ľck hatten, ihm zu begegnen, ihn kennenzulernen, seine Sch√ľler gewesen zu sein und zu seinen Freunden geh√∂rt zu haben.

Literatur:
Knepler, Georg, Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, Bd. 1 und 2, Berlin 1961.
Ders Geschichte als Weg zum Musikverständnis. Zur Theorie, Methode und Geschichte der Musikgeschichtsschreibung, Leipzig 1977.
Ders. Versuch einer historischen Grundlegung der Musik√§sthetik, in: Gedanken √ľber Musik, Berlin 1980.
Ders. Die Rolle des √Ąsthetischen in der Menschwerdung, in: Weimarer Beitr√§ge 34 (1988), 3.
Ders. Wolfgang Amadé Mozart. Annäherungen. Berlin 1991.
Ders. Musik√§sthetik. Ansatz aus der Sicht ur- und fr√ľhgeschichtlicher Forschungsergebnisse, in: Sitzungsberichte der Leibnitz-Soziet√§t. √Ąsthetik und Urgeschichte. Kolloquium zum 90. Geburtstag von Georg Knepler, Bd. 25, Jahrgang 1998, Heft 6.
Ders. Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit. Teilveröffentlicht in: Junge Welt, 18./19. Januar 2003, Nr. 15, 10/11.
Goldschmidt/Knepler Musikästhetik in der Diskussion. Vorträge und Diskussionen, Leipzig 1981.
Dies./Niemann, Komponisten auf Werk und Leben befragt. Ein Kolloquium. Leipzig 1985.
Stroh/Mayer, Musikwissenschaftlicher Paradigmenwechsel? Zum Stellenwert marxistischer Ansätze in der Musikforschung, Oldenburg 2000, 16/17.
K√ľhne, Lothar, Gegenstand und Raum. √úber die Historizit√§t des √Ąsthetischen, Dresden 1981, 252.