KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Redaktion  Forum 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Suche 
ReportKulturation 1/2003
Günter Mayer
Nachruf auf Georg Knepler
Er hatte das große Glück, ohne nennenswerte Einschränkungen seiner geistigen Kräfte sehr alt zu werden. Als ich ihn am 21. Dezember anrief, um ihm zum 96. Geburtstag zu gratulieren, nahm er den Hörer ab und sagte: “Ich habe jetzt gerade keine Zeit, ich arbeite”. Auf meine guten Wünsche, dass er noch bis zum Hundertsten so interessiert und anregend, vor allem so produktiv tätig sein möge, entgegnete er: “Nicht bis Hundert, bis Hundertzehn”. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte er an einen größeren Kreis von Freunden, Kollegen und Publizisten die ersten Kapitel und die Gesamtskizze eines Buches (insgesamt 102 Seiten) zugesandt, das er bis Ende 2003 abschließen wollte. Es soll unter dem Titel “Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit” sieben Kapitel enthalten: “Darwins Evolutionstheorie”; “Marx‘ Theorie von der Assoziation freier Produzenten”; “Menschwerdung”; “Die Herausbildung ethischer und ästhetischer Wertkriterien”; “Die Herausbildung von Herrschaftsformen”; “Der Kapitalismus” und “Gleichberechtigung”, eine historisch-kritische Analyse der politischen Revolutionen seit 1789 bis in die jüngste Gegenwart, die mündet in den Ausblick “Die Situation heute und die nächsten Schritte”. Noch am 4. Januar konnte ich ihm telefonisch mitteilen, wie sehr mich dieser Text beeindruckt hat. Er stellte ein ausführliches Gespräch darüber “in vierzehn” Tagen in Aussicht. Zehn Tage später war er tot: eine beginnende Lungenentzündung hatte er bereits überwunden, sollte schon bald aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden. Doch seine Lebensenergie war verbraucht, er starb abrupt an Schwäche – ohne zu leiden.

Der Tod Georg Kneplers ist ein unermesslicher Verlust. Er war einer der ganz Großen in der Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts und hat deren marxistisch orientierte Profilierung durch grundsätzliche Arbeiten zur Methodologie der Musikgeschichtsschreibung (1977), zur ästhetischen Spezifik der Musik (1980/81) sowie durch seine beiden Bände über die Musikkultur des 19. Jahrhunderts (1961) oder die biograpischen “Annäherungen” an Wolfgang Amadé Mozart (1991) wie kaum ein Anderer vorangebracht: flexibel, streitbar, offen für neue Fragestellungen und für als notwendig erkannte Korrekturen und Differenzierungen. Dazu gehörte für ihn die enorme Ausweitung sowohl der geschichtlichen als auch der theoretischen Dimensionen des Denkens. Georg Knepler hat in beeindruckender Einzelleistung vorgemacht, was interdisziplinäres Arbeiten an neuen Anregungen und Ergebnissen für das disziplinäre Selbstverständnis der Musikforschung bewirkt. Er hat sich in die je aktuellen Diskurse der Historiographie der Ur- und Frühgeschichte, der Soziologie, der Systemtheorie ebenso hineinbegeben wie in die je aktuellen Diskurse der Kommunikationstheorie, der Semiotik und Linguistik, der Bioakustik und Verhaltensforschung, der Entwicklungs-, Sprach- und Neuropsychologie. Hat er einerseits durch seine historisch präzisen Analysen zur Entwicklung, zum Stellenwert und zur Notwendigkeit des Fortschrittsbegriffs im jeweiligen Kontext widerstreitender ideologischer Konzeptualisierungen neue Wege beschritten, um Musikwissenschaft als Gesellschaftswissenschaft historisch-materialistisch zu fundieren und auszuarbeiten, so hat er andererseits im Ergebnis seiner interdisziplinären Studien zur historischen Grundlegung der Musikgeschichte und Musikästhetik neue Perspektiven für das systematische Begreifen der Musik eröffnet: gegründet auf die als notwendig erkannte Synthese von gesellschafts- und naturwissen-schaftlichem Denken.

Er hat sich immer wieder für die innerdisziplinäre und interdisziplinäre Kommunikation und Kooperation eingesetzt, als jahrelanger Chefredakteur der “Beiträge zur Musikwissenschaft” sowie, gemeinsam mit Harry Goldschmidt, in der Organisation und publizistischen Auswertung von nationalen und internationalen Kolloquien: “Musikästhetik in der Diskussion” (1981) und “Komponisten auf Werk und Leben befragt” (1985). Zu den Teilnehmern der auf Biographik zentrierten Klausurtagung gehörten - neben den Kollegen aus der DDR - Michael Druskin (UdSSR), Carl Dahlhaus und Ludwig Finscher (Bundesrepublik), Pierluigi Petrobelli (Italien), Jaroslav Jiranek (Tschechoslowakei), Jozsef Ujfalussy (Ungarn), Jean und Brigitte Massin (Frankreich) sowie Maynard Solomon (USA).

Seit der Implosion des europäischen Staatssozialismus, seit den neunziger Jahren also hat sich Georg Knepler fast ausschließlich auf die Fragen nach den Ursachen, den Folgen dieser Umwälzung und nach den darin liegenden Zukunftsmöglichkeiten konzentriert. Im Gegensatz zu vielen Anderen war der Niedergang und Zusammenbruch der sozialistischen Länder in Europa für Georg Knepler nicht der Beweis dafür, dass die Theorie und Methode von Marx damit historisch erledigt sei. Im Gegenteil: Er hat Marx und Lenin neu gelesen, die als Marxismus-Leninismus betriebenen Theorien kritisch besichtigt – weit über sein Fach hinaus. Da er an der von Wolfgang Martin Stroh und mir 1999 organisierten internationalen Fachtagung zur Geschichte, Situation und Perspektive der marxistisch orientierten Musikforschung aus Altersgründen nicht teilnehmen konnte, bat er mich, den Teilnehmern zu sagen, dass er derzeit den größten Teil seiner Lebenszeit der Politik widme: im Sinne der politischen Vergangenheitsbewältigung, der Gegenwartskritik und der Zukunftserkundung, denn: den gegenwärtigen Weltzustand und seine düsteren Perspektiven könne man von der Musikwissenschaft her nicht begreifen. “Wir müssen uns der Politik zuwenden. Wenn die theoretisch befähigten Musikwissenschaftler sich qualifiziert mit der Politik beschäftigen, werden sie auch ihr Fach besser begreifen, nicht zuletzt ihre Mitverantwortung für die Sicherung eines menschenwürdigen Lebens auf diesem Planeten.” Aus diesem “Paradigmenwechel” ist der Torso seiner letzten großen Arbeit “Macht ohne Herrschaft” hervorgegangen, auf die er in den letzten Jahren die ihm verbliebenen Kräfte konzentriert hatte – in ständiger Diskussion mit Freunden und Kollegen, darunter vielen jüngeren.

Sein Grundanliegen hat er im ersten Absatz des Vorwortes so formuliert: “Menschen sind auf dem Planeten Erde die einzigen Lebewesen, die Verhältnisse herbeigeführt haben, unter denen ein bis zwei Prozent der Gesamtpopulation die Macht haben, über alle anderen zu verfügen. Das Thema dieses Buches ist der Nachweis, dass diese barbarischen Verhältnisse überwindbar sind, die Methode des Buches ist es, der Entstehungsgeschichte der Barbarei und der der Menschlichkeit nachzugehen”.

Mit der Vielzahl von methodologischen und sachlichen Problemen, die sich mit der Hinwendung zu den allgemeinen Themen “Menschwerdung” (3. Kapitel) und “Die Herausbildung ethischer und ästhetischer Wertkriterien” (4. Kapitel) ergeben, hatte sich Georg Knepler aus musikwissenschaftlicher Perspektive schon seit den siebziger Jahren intensiv beschäftigt (1977; 1988). Dem Thema “Ästhetik und Urgeschichte” war auch das von der Leibniz-Sozietät zu seinem 90. Geburtstag veranstaltete Kolloquium gewidmet, auf welchem er selbst referierte über “Musikästhetik. Ansatz aus der Sicht ur- und frühgeschichtlicher Forschungsergebnisse”(1998).

Die Schriften von Karl Marx hat er, wie bereits bemerkt, mit einem durch die jüngere Widerspruchserfahrung geschärften Blick neu gelesen und ist dabei zu erstaunlichen Einsichten gekommen. Er sieht dessen historische Leistung vor allem in der Begründung einer Theorie der Ablösung von Ausbeutung durch eine Assoziation freier Produzenten. Dieses Kapitel (2) ist sozusagen, fertig.

Für die folgenden hat Georg Knepler knapp gefaßte Inhaltsangaben formuliert, in denen der Ansatz und die Argumentationslinien deutlich fixiert sind. Für eine neuartige Analyse und Darstellung der Revolutionen der Neuzeit, der Kämpfe, Schwierigkeiten und Erfolge bei der Realisierung von Gleichberechtigung liegen umfangreiche Vorarbeiten vor. Sie reichen bis in die Reflexion über die gegenwärtigen globalen Kräfteverschiebungen in China, Rußland und Indien, aber auch in Südamerika (wie in Venzuela). In seinen Analysen unterscheidet Knepler zwei wesentliche, geschichtlich wirksame Tendenzen der menschlichen Willensbildungen: die auf Kooperation und die auf Konfrontation gerichteten. Der abschließende Komplex des Buches “Die Situation heute und die nächsten Schritte” ist ebenfalls fertig und bereits wenige Tage nach dem Tode veröffentlicht worden (Siehe Junge Welt vom 18./19. Januar 2003).

Seinen polemischen Ansatz hat Knepler im Schlußsatz der Einleitung deutlich artikuliert: “Während [...] die auf kriegerische Konfrontation gerichteten Willensbildungen in der Geschichtsschreibung breite ausführliche Darstellungen finden, so dass im Allgemeinbewußtsein die Meinung vorherrscht, Kriege habe es immer gegeben, müsse und werde es immer geben, werden die großen auf Kooperation gerichteten Entwicklungszüge wenig beachtet, wenn nicht verleumdet. Dieses Buch sucht durch Darstellung beider Entwicklungszüge Einsicht zu gewinnen in die Notwendigkeit und Möglichkeit weiterer Schritte, innerhalb der Naturgegebenheiten friedliche menschliche Gesellschaften zu errichten”.

Die aktuelle Dimension dieses Ansatzes ist evident: Es ist nicht nur die von Knepler formulierte prinzipielle Kritik der us-amerikanischen Großbourgeoisie, die Entlarvung ihrer auf militärische Mittel gestützten, global ausgerichteten Konfrontationspolitik und Herrschaftspraxis. Es ist die weit darüber hinausgehende prinzipielle Kritik am kapitalistischen System und die Begründung dafür, dass es notwendig und möglich sei, es “endgültig abzuschaffen”.

Georg Knepler hat mir in einer unserer letzten Begegnungen gesagt, dass dieses Buch, das nun zu seinem Vermächtnis geworden ist, sein Lebenswerk sei. Daher werden die engeren Freunde in allernächster Zeit aus dem bisher Vorliegenden ein Ganzes zusammenstellen und veröffentlichen.

In allem, was Georg Knepler tat, war bis in seine letzten Tage Bewegung, ein hellwaches, weltoffenes Interesse nicht nur an den großen, die Menschheit als Ganzes betreffenden Erfahrungen. Er fragte stets auch nach den individuellen Befindlichkeiten seiner vielen Besucher.

In allem, was Georg Knepler tat, war bis in seine letzten Tage lebendig der kritische Zweifel, stets verbunden mit der Suche nach Neuem. Es gab bei ihm trotz aller Widerspruchserfahrung und Enttäuschungen nie Hoffnungslosigkeit, Resignation oder etwa Zynismus. Und zugleich gab es bei ihm, bei aller Bewegung und anregenden Unruhe, keine Hektik. Von ihm ging zielstrebige Gelassenheit aus. Er hatte die Grundhaltung der Freundlichkeit und der Behutsamkeit, die der Philosoph Lothar Kühne als das Wesentliche des kommunistischen Verhältnisses der Menschen zur Natur, zur Welt ihrer Produkte und zu sich selbst erkannt hat. Er wird sehr fehlen, nicht nur denen, die das Glück hatten, ihm zu begegnen, ihn kennenzulernen, seine Schüler gewesen zu sein und zu seinen Freunden gehört zu haben.

Literatur:
Knepler, Georg, Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, Bd. 1 und 2, Berlin 1961.
Ders Geschichte als Weg zum Musikverständnis. Zur Theorie, Methode und Geschichte der Musikgeschichtsschreibung, Leipzig 1977.
Ders. Versuch einer historischen Grundlegung der Musikästhetik, in: Gedanken über Musik, Berlin 1980.
Ders. Die Rolle des Ästhetischen in der Menschwerdung, in: Weimarer Beiträge 34 (1988), 3.
Ders. Wolfgang Amadé Mozart. Annäherungen. Berlin 1991.
Ders. Musikästhetik. Ansatz aus der Sicht ur- und frühgeschichtlicher Forschungsergebnisse, in: Sitzungsberichte der Leibnitz-Sozietät. Ästhetik und Urgeschichte. Kolloquium zum 90. Geburtstag von Georg Knepler, Bd. 25, Jahrgang 1998, Heft 6.
Ders. Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit. Teilveröffentlicht in: Junge Welt, 18./19. Januar 2003, Nr. 15, 10/11.
Goldschmidt/Knepler Musikästhetik in der Diskussion. Vorträge und Diskussionen, Leipzig 1981.
Dies./Niemann, Komponisten auf Werk und Leben befragt. Ein Kolloquium. Leipzig 1985.
Stroh/Mayer, Musikwissenschaftlicher Paradigmenwechsel? Zum Stellenwert marxistischer Ansätze in der Musikforschung, Oldenburg 2000, 16/17.
Kühne, Lothar, Gegenstand und Raum. Über die Historizität des Ästhetischen, Dresden 1981, 252.