KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2003
Harald Dehne
Die "übersprungene Generation" der ostdeutschen Sozialwissenschaftler. Bericht über eine "Rettungskonferenz"
Ostdeutsche Sozialwissenschaftler tagten am 30. November 2002 im renommierten Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in eigener Sache. Allerdings saß hier kein Regionalverein beim Jahrestreffen, sondern es war eine unruhige Versammlung von beruflich Ausgegrenzten, die noch einmal den Aufstand probten – und eine anständige Anstellung in der bundesdeutschen Forschungslandschaft einforderten. Ein Thema, das noch lange nicht erledigt ist.

Es geht um ehemalige Mitarbeiter ostdeutscher Universitäten ebenso wie der Akademie der Wis-senschaften der DDR, deren Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP) Ende 1996 mit einem Scheitern endete. Viele sind derzeit arbeitslos, andere werden es in absehbarer Zeit sein, weil die letzten Förderungen auslaufen. Es geht um schätzungsweise 200 bis 220 Wissenschaft-lerInnen zwischen Ende Dreißig und Ende Fünfzig. Selbst die Ältesten sind zu jung für einen Vorruhestand und auch viel zu kraftvoll dafür – also müssen aufs Neue Ressourcen gefunden und Initiativen ergriffen werden.

Die Rebellen nennen sich Initiative Sozialwissenschaftler Ost (ISO), und sie gehen energisch an die Öffentlichkeit, um das Netz unter den Betroffenen wieder zu knüpfen, um den Sachstand und neue Chancen zu ermitteln und um bei den Politikern Gehör zu finden. Das Ziel der Konferenz bestand vor allem in einer Selbstvergewisserung unter den Betroffenen: wie groß ist eigentlich der Personenkreis, wie sieht die aktuelle Bestandsaufnahme aus, worin besteht das verfügbare wissenschaftliche Potenzial und wie lässt es sich vermarkten, welche Lösungsmöglichkeiten sind vorstellbar?

Initiator der Konferenz war eine Gruppe von hochqualifizierten Sozialwissenschaftlern: Stefan Bollinger, Ulrich van der Heyden und Mario Kessler. Sie sind habilitiert, waren einst „hoffnungsvoller wissenschaftlicher Nachwuchs“ und befinden sich immer noch im „mittleren Alter“. Normalerweise sollten sich diese Jahrgänge auf der Höhe des Karrierefluges befinden, in Wirklichkeit sind sie aber oft weniger als geduldet. Die Wende von 1989 hatte aus ihrem scheinbar so sicheren Weg eine Sackgasse gemacht. Und trotz positiver Evaluierungen durch westdeutsche Kollegen fanden sie keinen dauerhaften Eingang ins bundesdeutsche Wissenschaftssystem. Sie erlebten höchstens den berühmt-berüchtigten „Durchlauferhitzer“ auf Zeit. Und merkten dann, dass ihre Sozialisierungserfahrungen unter den neuen Bedingungen auf wenig Verständnis trafen und dass ihnen die Lobby fehlte, um das Problem der verweigerten Integration in die entsprechenden wissenschaftspolitischen Gremien zu tragen, die Erfüllung vollmundiger Versprechungen zu verlangen oder einfach weiterempfohlen zu werden.

So gesehen waren hier vor allem Verlierer im Beruf versammelt. Es fiel der Begriff der „übersprungenen Generation“, den der DDR-Liedermacher Gundi Gundermann, 1955 geboren, im Jahre 1995 prägte, als er selbst 40 Jahre alt war. Dieses spezifische Generationsproblem betrifft diejenigen, die zwischen 1950 und Anfang der sechziger Jahre in der DDR geboren wurden. Diese Generation hat selber lange Jahre gebraucht, um die Spielregeln der DDR-Gesellschaft zu begreifen. Als sie dann einigermaßen durchblickte, kam die Wende. Nunmehr, mit Dreißig oder Vierzig, mussten sie sich erst mal völlig neu orientieren und dabei feststellen, dass ihr Profil – ihre Qualifikation, ihr Alter und ihre persönliche Lebenserfahrung – nicht gefragt war. Die Hebel der Macht, die irgendwann vielleicht für sie einmal freigeworden wären, waren für immer hin-fort.

Neben diesen heute „übersprungenen“ Wissenschaftlerjahrgängen, die zwischen den „funktionstragenden“ und insofern erfolgreichen Generationen liegen, waren aber auch ältere Jahrgänge anwesend, die inzwischen (zu ihrem eigenen Glück) im Vorruhestand oder im Rentnerleben angekommen sind. Sie vertreten die Vorgängergeneration – in den Ämtern, nicht in der Geburtenfolge. Sie waren gerade nicht die Eltern der „übersprungenen Generation“, denn Sie waren nicht zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre älter, sondern nur zwischen fünf und fünfzehn Jahren. Aber diese Wissenschaftler können für die Jüngeren heute wenig tun – denn das, was die Schweizer seit eh und je auch in der Wissenschaft „Seilschaften“ nennen, bilden an allen Hochschulen heute einzig die Professoren westdeutscher Provenienz.

Groß also der Generationenfächer und gut unterscheidbar die Interessenlage auf dieser Konferenz – die einen brauchen Anerkennung, die anderen außerdem auch noch Jobs in der Wissen-schaft. Aber so unterschiedlich der aktuelle soziale Status bei diesen sich überschneidenden, früher vielleicht sogar teilweise konkurrierenden Generationen sich indessen auch darstellt – es einte sie der Wille, nach Ideen zu suchen, um der Misere abzuhelfen.

Eine solchermaßen konstruktive Herangehensweise erhoffte sich auch Prof. Jürgen Kocka, Präsident des WZB, der in seiner Eröffnungsrede die Situation in den Sozial- und Geisteswissen-schaften als besonders schwierig beschrieb. Als Folge der erzwungenen Überführung des DDR-Wissenschaftssystems in das westdeutsche Modell erkannte er drei Probleme: die Dominanz der West-Wissenschaftler, die Unerfahrenheit der Ostdeutschen mit dem System und in der unmittelbaren Konkurrenz, Fehler in den Integrationsprogrammen. Vor dem Hintergrund eines sich verschlechternden Arbeitsmarktes potenzierten sich diese Schwierigkeiten zusätzlich. Besonders betroffen davon sei die bereits genannte Altersgruppe.

In der Debatte kamen die Wortmeldungen zur Problembeschreibung ums An- und Beklagen nicht herum. Angeprangert wurden einige Evaluierer, vor allem jedoch die Wissenschaftspoliti-ker der neunziger Jahre und die von ihnen gemachten Fehler. Scharf kritisiert wurden die Zynismen westdeutscher Intellektuellen, die die ostdeutschen Eliten pauschalisierend als nicht lernfähig bezeichnet hatten. Schließlich wurde sogar Selbstkritik laut. Etwa daran, dass viele Zumutungen kampflos hingenommen worden sind oder dass den Betroffenen – ob selbstverschuldet oder nicht – Tugenden wie Beharrlichkeit und Selbstpräsentation leider abgegangen seien.

Eine gewisse Dramatik beanspruchte auch die Tagung selbst, die sich schon vom Titel her als „Rettungskonferenz“ für ostdeutsche Sozialwissenschaftler verstand und nach „Wegen der Re-Integration“ suchte. Zudem inszenierte schon das Thema gewissermaßen einen Rollentausch: Die (moralischen) Verlierer waren wenigstens an diesem Tag nicht die Anwesenden, sondern die Evaluierenden von 1990 und die unzähligen Westler, die kurz darauf die „freigepressten“ Stellen besetzten. Die meisten Teilnehmer machten aus ihrem Groll über die Folgen dieserart Anschluss an das seinerseits reformbedürftige Wissenschaftsmodell der alten Bundesländer keinen Hehl. Fakt ist, dass die ostdeutsche sozialwissenschaftliche Elite zu Gunsten der westdeutschen Konkurrenz geschasst worden ist. Man muss es eine Vertreibung nennen, auch Aderlass wäre das passende Wort.

Dementsprechend wurden auf dieser Konferenz historische Analogien gezogen. Etwa die Anschlüsse von Gebieten an andere Staatsgebilde als ein gar nicht so seltener Vereinigungstyp in der modernen Geschichte (Straßburgs Anschluss an das Deutsche Reich 1872, Südtirols Anschluss an Italien 1918 usw.). Zu diesem Thema konnte der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler auf Grund seiner vergleichenden Forschungen erhellende Einblicke vortragen. Und der Stuttgar-ter Agrarhistoriker Prof. Theodor Bergmann, Jahrgang 1916, verwies darauf, dass die Fehler von 1945 im Jahre 1990 mit deutscher Gründlichkeit wiederholt wurden. Zugleich erinnerte er daran, wie jüdische und sozialistische Intellektuelle in Deutschland nach 1933 aus ihren Positionen gedrängt wurden.

Eine Verbundenheit westlicher Wissenschaftler mit den Ostdeutschen wurde somit auch auf dieser Konferenz spürbar. Neben Bergmann war es beispielsweise der Emeritus der Freien Univer-sität Fritz Vilmar, der auf bisherige eigene Kooperationen mit ostdeutschen Wissenschaftlern verwies und ausführliche Anregungen zu weiteren gemeinsamen Forschungsprojekten gab. Und eine weitere Gruppe von Fürsprechern aus dem Westen hatte bereits einige Wochen zuvor von sich reden gemacht. In einer Annonce in der Frankfurter Rundschau hatten sie am 11. September 2002 mit allem öffentlichen Nachdruck die Unterstützung der ostdeutschen Sozialwissenschaftler eingefordert. Dieser Aufruf war unterzeichnet von Hochschullehrern wie Theodor Bergmann, Renate Bridenthal, Eric J. Hobsbawm, Wilma A. und Georg G. Iggers, Friedrich Katz, David Kettler, Mikulas Teich und Alice Teichová. Sie alle waren in den dreißiger Jahren aus Deutschland oder aus der Tschechoslowakei vertrieben worden, aber ihnen widerfuhr auch das Glück der Solidarität. Deshalb machten sich diese einstmals Vertriebenen heute aus Großbritannien und aus den USA für die ostdeutschen Sozialwissenschaftler der Gegenwart stark.

Der kreative Ansatz der Konferenz wurde dort am deutlichsten, wo nach dem vorhandenen Po-tenzial innerhalb der ostdeutschen Wissenschaftlergemeinde gefragt wurde. Wo liegt das „kulturelle Kapital“, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu genannt hat, der ostdeutschen Sozialwissenschaftler, und was kann man damit machen? Welche Projekte, Kooperationen, Konstruktionen, Finanzierungsquellen usw. kann man ansteuern? Denkbar sind neue Themen, bei denen dieses Klientel eine besondere Kompetenz und einen eigenen Erfahrungsschatz besitzt. Dafür wurden Vorschläge gemacht. Jetzt geht es darum, Anker für die Umsetzung zu finden: Themen zu bündeln, Forschergruppen zu bilden, Unterstützer und Geldquellen zu finden. Also: in eine praktische und dynamische Phase einzutreten.

Die Lage ist nicht hoffnungslos, aber ernst. In einer Zeit, wo Geld für Bildung trotz gegenläufiger Beteuerungen zurückgefahren wird, wo Forschungszentren ungesichert dastehen und seit der Änderung des Hochschulrahmengesetzes erneut eine Generation promovierter Assistenten aus den Hochschulen gedrängt wird, braucht es besondere Courage, den Anspruch der ostdeutschen Sozialwissenschaftler auf eine „Wiedereingliederung“ in den gesamtdeutschen Wissenschaftsbetrieb zu formulieren und in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Wissenschaftspolitik ist in erster Linie Ländersache, aber diese Probleme der ostdeutschen Wissenschaftler, die schon kaum noch thematisiert werden, können nur durch eine Bundesinitiative gelöst werden. Daher lautete der Appell dieser Tagung: Es ist eine dringliche Aufgabe, alle Kräfte zu mobilisieren und an die Öf-fentlichkeit zu gehen und damit der Situation der ostdeutschen Sozialwissenschaftler wieder eine größere Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Symbolhaft und provozierend zugleich mochte die Bedeutung der Tagungsstätte gewirkt haben: Während des Kaiserreichs befand sich im Gebäude des heutigen WZB die Reichsversicherungskammer. Hier hatte der deutsche Sozialstaat seinen Geburtsort. Heute wie damals geht es allerdings keineswegs um Almosen, sondern um Gemeinsinn und soziale Gerechtigkeit, um eine Ressourcenverteilung, durch die die Gleichstellung im Beruf tatsächlich gesellschaftliche Praxis werden kann.