KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Redaktion  Forum 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Suche 
ReportKulturation 1/2003
Ute Mohrmann
FrauenArbeit in Eisenhüttenstadt
Ein Blick auf den östlichsten deutschen Osten
Die Studie zur Frauenarbeit in Eisenhüttenstadt ist Mosaikstein für ein Bild von Geschichte und Gegenwart des Frauenalltags in Eisenhüttenstadt.[1] Hier interessieren die Veränderungen und Brüche von Frauenarbeit unter den Bedingungen der Transformation der staatssozialistischen Gesellschaft in eine marktwirtschaftlich organisierte. Dabei stehen berufstätige Frauen der Industrie, der Stadt um die „Eisenhütte“, im Zentrum der Betrachtung. Die verschiedenen Frauengenerationen leben heute mit unterschiedlichen Erfahrungen und subjektiven Deutungen ihrer vergangenen und gegenwärtigen Arbeitswelt sowie mit massenhafter Arbeitslosigkeit mit- bzw. nebeneinander in der Stadt. Mehrheitlich in der DDR sozialisiert, sehen sie sich seit der „Wende“ bei Verlust ihres bisherigen (Arbeits-) Wissens und seiner selbstverständlichen Anwendbarkeit grundsätzlich neuen Anforderungen gegenüber, die auf Anpassung und Assimilation zielen. Dieser kulturelle Prozeß ist in seiner Spezifik gleichzeitig Bestandteil eines allgemeinen strukturellen Wandels der Spätmoderne. Die Entstandardisierung der Erwerbsarbeit gehört mit allen ihren Fassetten in diesen „allmählichen Umwandlungsprozeß zu einer neuen postindustriellen und transnationalen Gesellschaft“[2].


Von Stalinstadt nach Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt, heute im östlichsten deutschen Bundesland, in Brandenburg, gelegen, feierte im Jahr 2000 sein fünfzigjähriges Stadtjubiläum.[3] Ein Jahr nach Gründung der DDR entstand auf SED-Beschluß in einer von Wäldern und Landwirtschaft geprägten Landschaft ein Industriegigant, das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO). Für die Erbauer und Erbauerinnen des Werkes wurde am Reißbrett eine Wohnstadt entworfen, die eine Zeit lang Stalinstadt hieß und 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt wurde. Die Hütte galt als „Schwerpunktaufgabe Nr. 1“ und die Wohnstadt als erste „sozialistische Stadt“ der DDR. Ihre Heroisierung verband sich mit einem bescheidenen Wohlstand und einem modellhaften soziokulturellen Klima. Von Kinderkrippen und Kindergärten, von Einkaufs- und Dienstleistungseinrichtungen wie von Kultur- und Sportstätten in unmittelbarer Wohnnähe profitierten nicht zuletzt Mädchen und Frauen sowie die jungen Familien. Die überdurchschnittlich guten Lebensumstände, unvergleichbar mit denen in der „übrigen“ DDR, minimierten die Überbelastung der mehrheitlich berufstätigen Frauen und prägten Identität. Der Stolz der Frauen auf Lebensbewältigung traf sich mit dem propagierten Mythos der Aufbaugeneration sowie mit dem Leitbild der Frau als „berufstätiger Frau und Mutter“. Bereits in den letzten zwei DDR-Jahrzehnten ließen die gesellschaftlichen Verhältnisse das einstige Pathos vom EKO-Industriegiganten und das Ideal der sozialistischen Musterstadt verblassen. Die Umstände schliffen den Eisenhüttenstädter Alltag DDR-typisch und steigerten seine Konflikthaftigkeit in Betrieb, Familie und Öffentlichkeit. Die Nachkommen der Aufbaugeneration pendelten zwischen Engagement, Arrangement, neuen Bedürfnissen und Resignation. Besonders die Jüngeren teilten weniger die „tugendhafte“ Bescheidenheit und disziplinierte Tüchtigkeit ihrer Mütter und Großmütter.

Das Leben in der Stadt blieb vom Werk bestimmt. Dabei wirkte sich das „Auf und Ab“ der wirtschaftlichen Lage des Betriebes deutlich aus. 1978/79 hatte die SED-Führung über den weiteren EKO-Ausbau entschieden. Durch die österreichische VOEST Alpine AG wurde von 1980 bis 1984 das Konverterstahlwerk errichtet. Das bedeutete eine erneute Aufwertung Eisenhüttenstadts. Schließlich beschloß der SED-Parteitag 1986 den Bau des Warmwalzwerkes. Ein Jahr danach lautete der letzte Beschluß aus DDR-Zeit zum EKO: Stopp den Bauarbeiten! Das Ende der DDR folgte.

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 geriet Eisenhüttenstadt - verstärkt durch die industrielle Monostruktur - in die Krise. Am 1. Januar 1990 hatten noch rund 12.000 Beschäftigte im EKO Arbeit, davon ca. 4.000 Frauen. Kurz darauf stand der Erhalt des Werkes in Frage. Von heute auf morgen mussten andere Betriebe der Stadt mit einem hohen Frauenanteil, wie die Wäscherei, der Konsum, die Handelsorganisation (HO), die Möbelwerke u.a. schließen. Selbstbewusst beteiligten sich die Frauen am Arbeitskampf für die Erhaltung der Arbeitsplätze. Im Zentrum stand die Rettung des Hüttenwerkes: „Stirbt das Werk, dann stirbt die Stadt“, „Eisenhüttenstadt muß leben - darum Stahl“. Der dramatische Arbeitsplatzabbau traf besonders die Frauen, allein ca. 3200 im EKO. Die Einwohnerzahl sank vor allem durch Arbeitsabwanderung von über 53.000 auf etwa 47.000.

Mit der Privatisierung der EKO Stahl AG 1994 und dem Schließen der technologischen Lücke durch den Bau des Warmwalzwerkes hatte sich die Lage zu stabilisieren begonnen. Das EKO wurde zum Symbol der Selbstbehauptung. Die heute rund 3000 Beschäftigten der EKO Stahl GmbH sind allerdings erneut in Sorge um die Zukunft des Unternehmens. Die anstehende „Elefantenhochzeit“ zwischen den Konzernen Unisor (Frankreich, Mutterhaus von EKO), Arbet (Luxemburg) und Aceralia (Spanien) zum weltgrößten Stahlkonzern und die ebenfalls ins Gerede gekommene Übernahme des Eisenhüttenstädter Werkes durch den Stahlgitter-Konzern wecken Unsicherheit, zugleich Entschlossenheit: „Wir wollen keine Panikstimmung erzeugen, aber wir haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, was wir können. Und wenn es notwendig ist, werden wir noch eine Schaufel zulegen.“[4]


Die Frauen der Aufbaugeneration

Die älteren Bürgerinnen der Stadt gehören in der Mehrzahl zu den in den frühen fünfziger Jahren zugewanderten jungen Arbeiterinnen. Sie leben heute mit den Erinnerungen an die Zeit des Anfangs. Die oft schwere, aber einträgliche Arbeit mit Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten auch für Frauen hatte eine starke Bindungskraft entwickelt. Viele der Älteren sind seit 1990 aus ihrem gewohnten Arbeitsumfeld gerissen worden: „Erst hieß es während der „Wende“, wir brauchen euch, dann musste ich am 2. Oktober 90 ganz unvorbereitet in den Vorruhestand. Plötzlich waren wir beide, mein Mann und ich, zu Hause und wurden nicht mehr gebraucht. Es war anfangs eine schwere Zeit, denn für uns brach eine Welt zusammen.“ Diese Erfahrung traf die in den fünfziger Jahren Zugezogenen besonders schmerzhaft. Sie waren seit ihrem Zuzug in der Regel durchgängig berufstätig und sind mit Werk, Stadt und Region am engsten verbunden. In deren Aufbau und Umgestaltung sehen sie ihre Lebensleistung: „Schauen Sie mal, ich hab ja die Stadt wachsen sehen hier, nich. Es ist ja vieles gebaut worden in der Zeit, wo ich hier wohne, und sie haben auch schöne Anlagen geschaffen. Ja, ich hab auch dabei mitgemacht. (...) Ja doch, mir gefällt unsre Stadt.“[5] Die Enttäuschung vieler über ihre gegenwärtige - oft prekäre finanzielle - Situation wird von Jüngeren geteilt: „ Also ich geh hier eine Frau besuchen, die ist schon über 90. Sie hat so ungefähr 900 DM Rente. Ohne Unterstützung der Kinder hätte sie ganz schön zu knabbern. Gerade die Generation, die die schweren Aufbaujahre mitgemacht hat, müsste eigentlich besser gestellt werden, weil die erst mal die Grundlagen geschaffen hat, auf denen andere aufbauen konnten“.

Der Bau des neuen Hüttenwerkes und einer Wohnstadt Anfang der fünfziger Jahre hatte „Goldgräberstimmung“ ausgelöst. Arbeit und Geld, Sonderversorgungen und die Aussicht auf eine Wohnung lockten. Von Anfang an waren Frauen meist als Ungelernte auf der Baustelle und im Werk tätig: „Am 22. August 1950, vier Tage nach dem ersten Spatenstich für das EKO, begann ich als 15jährige bei der Bau-Union Ost. Eingestellt wurde ich als Tiefbauarbeiterin, habe monatlich 180 Mark verdient. Die Arbeit für Mädchen war schwer, Bäume fällen, Feldloren beladen, Straßen bauen. Die Werkstraße bis hin zur Hochofenstraße habe ich mitgebaut. Darauf bin ich stolz!“ Eine ehemalige Baumaschinistin, die einen 500-Liter Beton-Mischer bediente, erinnert sich: „Wenn ich mir die Diehloer Straße so ansehe, denke ich daran, dass jedes benötigte Kilo Zement durch meine Hände gegangen ist. Beim Bau dieser Straße habe ich mitgemacht. Wir haben auch an der Werkstraße mitgebaut. Das war alles schwere körperliche Arbeit, aber ich habe das geschafft.“

Die Geschichten vom schweren Anfang - von der Knochenarbeit der Frauen, von ihrem Ringen um Akzeptanz durch die männlichen Arbeiter und vom konfliktreichen Leben in der Barackenstadt - werden aus der Perspektive der Überwindung von Schwierigkeiten erzählt. Doch erfahren auch die sechziger Jahre - im Gegensatz zu den Siebzigern und Achtzigern - bei dieser Generation eine durchweg positive Bewertung.

Für viele Eisenhüttenstädterinnen war die Berufsarbeit, nicht zuletzt die in den Männerdomänen Bauwirtschaft und Roheisenwerk, zu einer relativen Selbstverständlichkeit geworden. In der ersten Zeit arbeiteten auch Frauen an den Hochöfen: „Ich war jung, wollte was erleben, unbedingt einen Beruf erlernen. Dann ging es los. Man warb für Hochöfner und Apparatewärter. Ich bin zum Hochofen gegangen., als Anlernling. Ich habe dann in einem Jahr den Facharbeiter als Hochöfner gemacht, im Abendkurs, immer vor oder nach der Nachtschicht. Gearbeitet habe ich als Apparatewärter am Hochofen.“ Frauenarbeit an den Hochöfen wurde noch in den fünfziger Jahren aus gesundheitlichen Gründen verboten. Aber die Arbeiterinnen des EKO-Männerbetriebes erstritten ihre Einbindung in andere bislang von Männern besetzte Arbeitsbereiche, trotz männlicher Vorurteile. Vehement klagten die Frauen ihre gesetzlich verankerten Rechte, wie die Gewährleistung beruflicher Qualifizierungen, die bessere Vereinbarkeit von Schichtarbeit und Kinderbetreuung, die bevorzugte Wohnungszuweisung an alleinstehende und an kinderreiche arbeitende Mütter, ein. Die Umsetzung gesetzlicher Bestimmungen und politischer Proklamationen zur Gleichberechtigung der Frauen erwiesen sich jedoch als langwierig und widerspruchsvoll. Der beständige Arbeitskräftemangel bewirkte letztlich die permanente Integration der Frauen in den Arbeitsprozeß. Die generelle Einführung der Fünftage-Arbeitswoche 1967 hatte die Bereitschaft der verheirateten Frauen zur Erwerbsarbeit begünstigt. Die weiblichen Berufsbilder waren inzwischen differenziert. Die wachsende Stadt hatte Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Künstlerinnen, Ärztinnen, Krankenschwestern, Verkäuferinnen und Verwaltungsangestellte gebraucht. Die Großbäckerei, die Molkerei, das Fleischkombinat und das Dienstleistungskombinat waren weitgehend „Frauenbetriebe“.


Die Nachkommen der Aufbaugeneration

Während der siebziger/achtziger Jahre war die grundlegende Veränderung des Charakters der weiblichen Berufsarbeit von der angelernten zur qualifizierten Erwerbsarbeit vollzogen. 1971 hatte noch einmal eine Qualifizierungswelle eingesetzt. Sie betraf nun vorwiegend die Mitte Dreißig- bis Fünfzigjährigen. Die finanzielle Anerkennung der Qualifikation war das ausschlaggebende Motiv, eine aufwandreiche Weiterbildung auf sich zu nehmen. In Abendkursen und Sonderlehrgängen, im Frauensonderstudium und in anderen Weiterbildungsformen wurde die Berufsausbildung nachgeholt: „Die Betriebsleitung des EKO hat mich bekniet. Ich hatte ja noch kein Abitur, sondern Handelsabschluß. Sie haben mich gefragt, ob ich interessiert wäre, mich weiter zu entwickeln und im Rahmen der Volkshochschule noch die Fächer Mathe, Physik und Chemie nachzuholen. Dann habe ich angefangen und schließlich 1973 mein Diplom gemacht. Mit der Qualifikation änderte sich auch mein Job im EKO. Bin von der Betriebswirtschaft zur Kostenrechnung übergesiedelt und 1975 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hauptbuchhalter eingestiegen, wurde später Hauptbuchhalter.“

Letztlich waren Frauen statistisch gesehen gleichermaßen qualifiziert wie Männer. Im DDR-Durchschnitt erhielten sie jedoch ein Drittel weniger Lohn als ihre Kollegen.[6] Viele der nun technisch qualifizierten Frauen füllten mit Fließbandarbeit - wie beispielsweise in einigen Eisenhüttenstädter Betrieben der Lebensmittel- und Dienstleistungsbranche - Automatisierungslücken. Zudem gehörten Frauen immer wieder zur abrufbaren Ressource, so beim Ersatz für männliche Arbeitskräfte, wenn diese zu Schwerpunktaufgaben umgesetzt wurden oder wenn das EKO einen neuen Wachstumsschub erfuhr. Das war vor allem bei der Inbetriebnahme des Kaltwalzwerkes 1968 und des Konverterstahlwerkes 1984 der Fall. Die Technisierung weiblicher Berufsarbeit hatte unter der Losung „Frauen meistern die Technik“ bereits in den sechziger Jahren eingesetzt. Im EKO wurden Ende des Jahrzehnts verstärkt Frauen als Kranfahrerinnen tätig. Technikkompetenz war für Mädchen attraktiv geworden: „Die Liebe zum Kran wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Meine Eltern waren beide Kranfahrer und zogen von einer Großbaustelle zur anderen. Mit zehn Jahren durfte ich erstmals einen Kran bedienen, das war ein Riesenerlebnis. Als in der 9. Klasse dann jemand zu uns an die Schule kam und Werbung für das EKO machte, war meine erste Frage, ob man auch Kranfahrer werden könne.“ Viola Müller arbeitete bis 1989 in diesem Beruf. Auf einer Auszeichnungsreise in die österreichischen VOEST-Werke war ihr aufgefallen, „daß es in den Werkhallen keine Frauen gab, schon gar nicht auf einem Kran. Frauen sah ich nur in der Küche.“ 1990, nach Ablauf des Babyjahres, hatte die Eisenhüttenstädterin ihren Arbeitsplatz auf dem Kran verloren. Nach Weiterbildung, Umschulung und langer Arbeitslosigkeit ist sie heute in einem Otto-Bestellcenter tätig. Ihr Mann, ihr ehemaliger Lehrmeister, fährt noch immer einen Kran im EKO. „Manchmal, wenn er von seiner Arbeit erzählt, beneide ich ihn. Obwohl ich nicht mehr tauschen würde, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als noch einmal dort oben zu sein, wenn auch nur für einen Tag, um auszuprobieren, ob ich noch einen Kran bedienen kann“. [7] Gegenwärtig sind von den ca. 700 Frauen des Werkes nicht wenige als Kranfahrerinnen tätig. Sie arbeiten in Normal-, Spät- und Nachtschicht auf riesigen Kränen, die in knapp zwanzig Meter Höhe durch das Walzwerk gleiten und Stahlrollen durch die Halle hieven. Gegen wachgerufene männliche Vorurteile verteidigen die Frauen das Kranfahren als Frauenarbeit. Nach der „Wende“ wurde der Facharbeiterstatus aberkannt. Die Kranfahrerinnen - zu DDR-Zeiten oft als „Heldinnen der Arbeit“ gepriesen - sind derzeit als Ungelernte eingestellt und werden unterhalb des „Westtarifs“ entlohnt. Die Imageeinbuße wird subjektiv reflektiert. Doch sie war das kleinere Übel. Zunächst drohte allen Frauen der Arbeitsplatzverlust. Das in der alten BRD bestehende Nachtarbeitsverbot für Frauen sollte auch im EKO gelten. Im Ergebnis des Arbeitskampfes konnte vorerst eine Ausnahmeregelung und ab 1993 eine Gesetzesänderung erreicht werden. Die EKO-Frauen können selbst entscheiden, ob sie Nachtschicht arbeiten möchten oder nicht. Viele arbeiten, wie gewohnt, in Schicht. Als der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow bei einem Werkbesuch 1999 eine der Kranfahrerinnen poetisch „Göttin des Metalls“ nannte, wurde darin eine willkommene Aufwertung aller Kran-Frauen gesehen. Die Schriftstellerworte waren Stadtgespräch.[8]

Für die Frauen der mittleren Generation, nicht selten geschieden bzw. alleinerziehend, erwies sich bereits seit den siebziger Jahren Erwerbsarbeit zum Erhalt ihrer Lebensgrundlagen als notwendig. Zugleich war Berufstätigkeit im eigenen Lebensentwurf enthalten. 1969 waren 76 Prozent aller Frauen im arbeitsfähigen Alter berufstätig, davon 27 Prozent mit Hochschul- oder Fachschulabschluß. Jeder zweite in der DDR-Wirtschaft Tätige war eine Frau.[9] Mit dem Schritt in die ökonomische Unabhängigkeit war allerdings den Frauen die Last der unbezahlten Hausarbeit, die bis zu 80 Prozent von ihnen geleistet wurde, nicht genommen. Durch die ununterbrochene Berufstätigkeit der Frauen entstanden zudem Widersprüche und Probleme, von denen vor allem die Geburtenunfreudigkeit gesellschaftlich reflektiert wurde. Mit dem Zugang der DDR-Frauen zur Pille seit 1968 und dem Recht auf freie Abtreibung seit 1972 spitzten sich die offiziellen Debatten zu diesem Problem zu. Die sozialpolitischen Maßnahmen - wie die Erhöhung des Kindergeldes, der Kinderkrippen- und Kindergartenplätze, die Breitstellung zinsloser Kredite für junge Eheleute und von Geburtenbeihilfen sowie die Gewährung des Babyjahres und die Freistellung bei Krankheit der Kinder - hatten dann auch den gewollten Effekt: den Babyboom der siebziger Jahre. Verschob sich die Wahrnehmung berufstätiger Frauen auch in Richtung Mutterschaft und Privatleben, so nahm die Berufstätigkeit doch ständig zu. Dabei traten Konflikte besonders zwischen den Frauengenerationen auf, da die Ausfallzeiten der „Muttis“ kompensiert werden mussten und junge Frauen mit Kindern in ihrem beruflichen Fortkommen oft behindert wurden. Ende der achtziger Jahre betrug der Frauenbeschäftigungsgrad in Eisenhüttenstadt knapp über 90 Prozent. Darunter befand sich die gut ausgebildete „Generation der Enkelinnen“. Im EKO waren sie beispielsweise am Steuerpult der Verzinkungsanlage und in der Walzenschleiferei sowie als Elektronikfacharbeiterin, Ökonomin, Ingenieurin und Forscherin tätig. Allerdings unterlagen sie in der professionellen Hierarchie nicht selten männlicher Konkurrenz. Der offiziell erwartete Dank für Ausbildung und Arbeit der Jungen blieb weitgehend aus. Die Träume der historischen Arbeiterbewegung in ihrer „Dreifaltigkeit von Wohnen, Brot und Arbeit hatten mit den Zukunftsvorstellungen der in sozialistisch-paternalistischer Sicherheit herangewachsenen Jugend so gut wie nichts zu tun.“[10] Die junge Generation hatte neue Erwartungen an Lebensstil und Verhältnisse.


Ende und Anfang – Grundlegender Wandel

Gut zehn Jahre nach der deutsch-deutschen Vereinigung haben sich Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse sowie der Charakter der Arbeit für alle in Eisenhüttenstadt lebenden Generationen grundlegend verändert. Die Anforderungen der allgemeinen ökonomischen Transformation der spätmodernen kapitalistischen Gesellschaften wurden in Ostdeutschland durch die Spezifik der Deindustrialisierung und Dequalifizierung, nicht zuletzt durch den deutsch-deutschen Elitenwechsel potenziert. Die Umbrüche treffen besonders die an beständige Erwerbsarbeit gewohnten oder auf dieselbe fixierten Frauen. 1999 bestritten im Landkreis Oder-Spree, zu dem Eisenhüttenstadt gehört, nur 57,5 Prozent der erwerbsfähigen Frauen ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Erwerbstätigkeit.[11] In Eisenhüttenstadt hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen - laut Arbeitsamtangaben - von 1991 mit 12.207 bis 1999 auf 7.944 verringert. Für den gleichen Zeitraum sank die Beschäftigtenzahl der Frauen in der EKO Stahl GmbH von 3.819 (33,3 Prozent der Beschäftigten) auf 758 (26,6 Prozent). Bei den Angestellten sind Frauen hauptsächlich in kaufmännischen Berufen tätig. Die gewerblichen Arbeitnehmerinnen konzentrieren sich vorwiegend als Kran- und Anlagenfahrerinnen in den Bereichen Transport und Lagerung. Fünf Frauen arbeiten in leitenden Funktionen.[12]

Deutlich hat sich im Werk auch die Anzahl der Auszubildenden von 1990 mit insg.774 bis 1999 auf insg.161, darunter 28 Mädchen, verringert. Die weiblichen Azubis werden vor allem als Industriekauffrau ausgebildet. Bemerkenswert niedrig ist die Zahl der als Industriemechanikerin (4) und als Energieelektronikerin (2) auszubildenden Mädchen.[13] Die gewerblich-technischen Berufe befinden sich auch nicht auf der „Hitliste“ der weiblichen Schulabgängerinnen in Eisenhüttenstadt. Im Schuljahr 1999/2000 entschieden sie sich für Berufe in folgenden Bereichen: Sozial- und Gesundheitswesen, Verkauf, Büro und Hotel. Dagegen spielen neue Berufsfelder in den Medien/Technologien bei Mädchen gegenüber den Jungen eine deutlich geringere Rolle. Als Motive für die Berufswahl werden die Sicherheit des künftigen Arbeitsplatzes, „der Beruf soll Spaß machen“ und die Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit und Familie angegeben.[14] Hier reicht die kulturelle Bedeutung von Arbeit über die Versorgungsfunktion und disziplinierte Pflichterfüllung hinaus. Pragmatisch haben sich die Bewerberinnen damit dem aktuellen Markt und der Einstellungspraxis der Unternehmen angepasst. Ihr „Wahlverhalten“ unterliegt nicht zuletzt revitalisierten Traditionen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Übrigens sind - nach Angaben des Arbeitsamtes von 1999 - zwei Drittel der nicht in Arbeit vermittelten Jugendlichen weiblich.

Dem gegenwärtigen Anspruch der Frauen, „arbeiten zu wollen“ steht der weitere Arbeitsplatzabbau gegenüber. In einer von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Eisenhüttenstadt durchgeführten Frauenbefragung schätzten 99 Prozent der ca. 400 beteiligten Frauen die Berufstätigkeit als „sehr wichtig“ bzw. „wichtig“ ein[15]: „Wer möchte denn schon wirklich nur zu Hause sitzen?“[16] Die eigenen Lebensentwürfe der Frauen sind mit einer offiziellen Arbeitslosenquote in der Stadt von 18,3 Prozent und der Frauenarbeitslosigkeit von 25,7 Prozent unvereinbar.[17] Obwohl Qualifizierungs- und Arbeitsförderungsgesellschaften seit 1991 fast 2.000 Frauen und Mädchen zeitbefristet aufgefangen haben, sind gegenwärtig über 3.000 Eisenhüttenstädterinnen arbeitslos gemeldet. Viele der in der Stadt lebenden Ausländerinnen und Aussiedlerinnen sind - trotz Weiterbildungen und befristeter Projektarbeit - ohne Beschäftigung. Hinzu kommt eine unüberschaubare Anzahl von Frauen, die ohne Anspruchsberechtigung auf Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe in der „stillen Reserve“ verschwunden sind. Dazu gehören auch Frauen, die sich bewusst für Familienarbeit entschieden haben. Den meisten Eisenhüttenstädterinnen bedeutet die Rückkehr in Haushalt und Familie jedoch Status- und Identitätsverlust. Sie definierten sich bisher mit Selbstverständlichkeit über ihren Beruf, eine kulturelle „Ordnung“, die noch immer auch im gesellschaftlichen Ordnungssystem verankert ist.[18] Die Realität des komplexen (post-) industriellen Arbeitsmarktes läßt „Normalerwerbsbiographien“ in ihrer Abfolge von Ausbildung, Berufsausübung und Ruhestand, allerdings immer weniger zu. Die sozialen Lagen der ostdeutschen Mehrheiten sowie ihr sozialisiertes Sicherheitsdenken befördern Befremden gegenüber ungeradlinigen Erwerbsbiographien und ermöglichen nur in Ausnahmefällen moderne „Existenzgründungen“ und Unternehmertum. Frauen sind und fühlen sich besonders benachteiligt. Unter den Bedingungen der Konkurrenz um Arbeitsplätze wurde die immer latent vorhandene Geschlechterrollenzuweisung vom Mann als „Ernährer“ und der Frau als zuständig für Familien- und Erziehungsaufgaben aktiviert. Befragungen weisen aus, dass jede 10. Frau und jeder 10. Mann der Auffassung sind, Frauen würden die beruflichen Interessen familiären Belangen unterordnen, was zudem Arbeitslosigkeit befördere. Diese Meinungen haben sich zwischen 1996 und 1998 befestigt: Der Anteil von Frauen, die der Aussage voll zustimmten, stieg von 5 auf 11 Prozent, bei denen, die teilweise zustimmten, von 26 auf 33 Prozent.[19] Dabei spielen die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Unterbringung der Kinder durch die Schließung von Kitas und die Einschränkung des Rechtsanspruchs auf einen wohnortnahen Kitaplatz eine beachtliche Rolle. Zudem beeinflussen Arbeitsstreß und die von den berufstätigen Frauen beklagten Defizite an freier Zeit Meinungen und Verhalten.

Die Bewertung von Arbeit und Arbeitslosigkeit durch die Bevölkerung in Ostdeutschland beinhaltet Besonderheiten wie Allgemeingültiges. Infolge der unerwartet massiven Lebensveränderungen vor allem seit 1990/91 werden die Probleme vorrangig der Gestaltung des Einigungsprozesses zugeschrieben. Sie verbanden sich mit dem Abbau der in der DDR erreichten sozialen Leistungen und Rechte der Frauen und trafen zeitgleich alle sozialen Milieus. Die Politisierung korrespondiert mit der Tatsache, dass Arbeit/Erwerbsarbeit nach wie vor einen zentralen Platz im Leben der Menschen ausmacht. So kommt es geradezu einer Schutzbehauptung gleich, wenn formuliert wird: „Man darf nicht nur die Arbeit als Lebensniveau sehen. Dann geht man kaputt, wenn man keine hat.“ In letzter Zeit mehren sich durch stabilisierte Interessenkonflikte und Ungleichheitsstrukturen im Alltagsdiskurs Common-Sense-Annahmen über Arbeit und Arbeitslosigkeit.[20] Sie schließen - auf arbeitslose Frauen bezogen - die gängigen Stereotype von der Flucht ins Heim, vom bequemen Leben, von den faulen Jugendlichen und den Drückebergerinnen ein. Auf dieser Ebene wird schließlich Arbeit als Pflicht und Disziplinierung eingefordert. Praktische Hilfe und soziale Betreuung versuchen dagegen soziale Netzwerke zu leisten. Die gegenwärtig bestehenden Strukturen behindern jedoch entscheidend die Umsetzung ganzheitlicher Lebensentwürfe der Frauen, die die Verbindung von Arbeit, Familie, Kultur und Freizeit beinhalten.



Anmerkungen

[1] Unter dem Titel „Eisenhüttenstädter FrauenAlltag. - Spuren gelebter Utopie?“ gibt es eine Wanderausstellung, die anlässlich des 50jährigen Stadtjubiläums 2000 von Eisenhüttenstädterinnen im Rahmen eines ABM-Projektes erarbeitet und von der Autorin wissenschaftlich begleitet wurde.
Die im vorliegenden Artikel zitierten Zeitzeugenaussagen sind – wenn nicht anders vermerkt – den Unterlagen des Ausstellungsprojektes entnommen. Sie wurden 1998/99 aufgezeichnet.
[2] Vgl. dazu Peter Niedermüller, Der endlose Übergang des Postsozialismus. In: kuckuck 1 (2000), S. 12-17.
[3] Vgl. u.a. zur Stadtgeschichte: Einblicke – 50 Jahre EKO Stahl, hg. v. EKO Stahl GmbH, Eisenhüttenstadt 2000; Eisenhüttenstadt – „Erste sozialistische Stadt Deutschlands“, hg. v. Arbeitsgruppe Stadtgeschichte, Berlin-Brandenburg 1999; Jenny Richter, Heike Förster u. Ulrich Lakemann, Stalinstadt – Eisenhüttenstadt. Von der Utopie zur Gegenwart. Wandel industrieller, regionaler und sozialer Strukturen in Eisenhüttenstadt, Marburg 1997; Dagmar Semmelmann u.a., Eisenhüttenstädter Lesebuch, Berlin 2000.
[4] Märkische Oder Zeitung (MOZ) vom 12.09.2001.
[5] Dagmar Semmelmann, Neue Heimat Stalinstadt. Eine Collage aus Interviews. In: Evemarie Badstübner (Hrsg.), Befremdlich anders. Leben in der DDR, Berlin 2000, S. 135.
[6] Ina Merkel, Leitbilder und Lebensweisen von Frauen in der DDR. In: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka u. Hartmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 372.
[7] Einblicke (wie Anm.3), S. 214.
[8] Berliner Zeitung vom 06.11.1999.
[9] Neuer Tag vom 01.02.1969.
[10] Merkel (wie Anm. 6), S.374.
[11] Bericht zur sozialen Lage der Frauen im Landkreis Oder-Spree, Drucksache Nr.52/2001, hg. v. Landkreis Oder-Spree, Gleichstellungsbeauftragte, Beeskow 2001, S. 13.
[12] Angaben des Personalmanagements der EKO Stahl GmbH für das Ausstellungsprojekt, 1999.
[13] Ebd.
[14] Bericht (wie Anm. 11), S. 27/28.
[15] Befragung der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Eisenhüttenstadt von ca.900 Frauen zu ihrer beruflichen Entwicklung und Leistungsbereitschaft, zu kulturellen Wünschen und Bedürfnissen etc. im Jahr 1993.
[16] Jenny Richter, „Wer möchte denn schon wirklich nur zu Hause sitzen?“ Frauen in Stalinstadt/Eisenhüttenstadt zwischen Produktion und Haushalt, ergänzte Neufassung (unveröff.) eines veröff. Beitrages in: Rosemarie Beier (Hrg.), aufbau west – aufbau ost. Die Planstädte Wolfsburg und Eisenhüttenstadt in der Nachkriegszeit. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Ostfildern 1997, S. 219-224.
[17] MOZ vom 06.09.2001; Bericht (wie Anm. 11), S. 24.
[18] Alexandra Hessler, Was bin ich? Ungeordnete Erwerbsbiographien in der postindustriellen Arbeitswelt. (Abstracts) In: dgv Informationen, Sonderheft, Kiel 2001, S.26.
[19] Bericht (wie Anm. 11), S. 24.
[20] Vgl. Johannes Moser, Jeder, der will, kann arbeiten. Die kulturelle Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit, Wien – Zürich 1993.