KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 1/2003
Dietrich Mühlberg
Schlösser im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit - welch schöner Anlass für eine nationale Sammlungsbewegung
Kommentar zur Schlossplatz-Debatte des Deutschen Bundestages am 4. Juli 2002
Historiker waren - als professionell Arbeitende wie als historisch Gebildete - immer eine verschwindende, aber mitunter einflussreiche Minderheit in der deutschen Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert hatte dieses kleine Grüppchen sogar eine gewisse politische Deutungsmacht, obwohl sich schon hier abzeichnete, was sie im 20. Jahrhundert, dann auch in Ost und West auf verschiedene Weise, hauptsächlich zu leisten vermochte: die Legitimierung der eigenen und die Delegitimierung der anderen Mächtigen. Später stellten sie sich - scheinbar unpolitisch -sogar auf die Unterhaltungsbedürfnisse der modernen Medien ein. Über sie wäre also viel Schlechtes zu sagen, aber nicht, dass sie es tolerieren könnten, einen historischen Ort durch die maßstabgetreue Kopie einer seiner Bebauungen zu entweihen. Dies nicht nur, weil sie jedes Falsifikat ablehnen, sondern schon, weil Bebauungen gewöhnlich viele Stadien haben und jede Entscheidung für eine davon einen Historikerstreit auslösen könnte. Ein moderner Bau mit vorgehängten historisierenden Fassaden fiele nicht in ihre Zuständigkeit. Selbst wenn man aus gegebenem Anlass nur die (unter ihnen immer noch vorhandenen) Freunde des Hauses Hohenzollern zusammenzöge, dürfte es da zu keiner Einigung kommen. Allein ihr Eventmanager Christoph Stölzl sagte dpa: "Ich bin rundum glücklich". Zum Glück ist der Anteil historisch gebildeter Akademiker unter den Bundestagsabgeordneten verschwindend gering. Darum konnte der nationalbewusste und schlossentschiedene Kanzler getrost in die Abstimmung über die Bebauung des Schlossplatzes gehen. Hier würde er keine Niederlage hinnehmen müssen. Hier waren die gleich ihm national Gesonnenen in der Mehrheit, dazu ein paar naive Ästheten (gefühlsmäßig gegen die Moderne) und vor allem die Freunde von Donald Duck. Die schienen allerdings zu übersehen, dass der Hohenzollernklotz - selbst als sichtbar vorgehängte Fassade - keinem Vergleich mit Neuschwanstein standhalten kann. Er würde Disneyland einfach platt machen. Allerdings muss man zugute halten, dass es manchen Liebhaber alter Architektur geben wird, der sich von großdimensionierten Barockbauten faszinieren lässt. Wie trutzig das auf alt gemacht Neue aussehen kann, lässt sich an der Burg Hohenzollern besichtigen, die Friedrich Wilhelm IV. nach der Niederschlagung der 48er Revolution wiederherstellen ließ. Allerdings - das sei zugegeben - wimmelt es dort von japanischen und amerikanischen Touristen, denen es sichtlich egal ist, ob dieses Prachtstück tausend oder hundertfünfzig Jahre alt ist. Übrigens: Der Bekenntnisbayer Edmund Stoiber hielt sich aus der nationalen Debatte fein raus und konnte so nicht in den Geruch geraten, von sich aus für die Wiederherstellung der saupreußischen Zentrale votiert zu haben. Bayern hält seine Schlösser ja auch auf eigene Kosten beisammen und macht daraus keine nationale Entscheidungsfrage. Nach dem Mehrheitsbeschluss bekundete allerdings auch er seine Freude, wie glücklich die Berliner nun sein könnten, denn Berlin brauche "den Bezug zur Tradition". Die Mehrheit der Abgeordneten war sich einig, dass mit ihrer Entscheidung nicht nur die Missetat eines nationalen Bilderstürmers nur zu sühnen war, sie war zugleich in ihren baulichen Folgen aufzuheben. Alle Ikonoklasten werden von zeitbedingter ideologischer Konsequenz angetrieben. Dagegen sind die Freunde der Disneyländer eher harmlos. Sie wollen nur etwas, was hübsch alt aussieht und was - so Günter Rexrodt - "auch in 200 und 300 Jahren dem Geschmack der Menschen" entspricht. Während zu Honeckers Freude das Nicolaiviertel so schön historisch gebaut worden ist, ließ der Ideologe Ulbricht noch Schlösser und Kirchen sprengen. Grundsätzlich unverzeihlich, doch sollten wir uns auch seiner Ideologie erinnern. Der ursächsische Preußenhasser hielt das Berliner Schloss tatsächlich für ein Symbol nationaler Hybris. Für den ehemaligen Sozialdemokraten war es die feindliche Residenz in der Arbeiterstadt Berlin, die Zentrale der Reichsherrschaft über die deutschen Länder, Heimstatt der hochmütigen Arbeiterfeinde und der Antisemiten. Wäre er 1945 Stalins Berater gewesen, hätte er ihm sicher vorgeschlagen, das Siegesbanner seiner Soldaten auf dem Stadtschloss zu hissen; von der Reichstagsruine hätte der Abgeordnete Ulbricht abgeraten. Dass dieser Mann - wie andere in seiner Umgebung auch - nicht auf die Gegenstimmen zu hören vermochte und das Schloss dennoch sprengen ließ, spricht dauerhaft gegen ihn. In der Zeit, als die Entscheidung über die Neubebauung des Marx-Engels-Platzes fiel, wurde in der DDR auch über das Erbe Preußens gesprochen. Die moderne Palast-Lösung wurde von so gut wie allen Ost-Intellektuellen bekrittelt und konnte bei ihnen bestenfalls als Gegensatz zur Scheußlichkeit des Berliner Doms durchgehen. An einen Wiederaufbau des Schlosses wurde dabei auch gedacht. Allerdings hätte es die DDR schon materiell nicht vermocht, bereits der "Palast"-Bau überstieg eigentlich ihre Möglichkeiten. An diese Phase der Schlossgeschichte wird erinnert, weil alle Entscheidungen ihren historischen Kontext haben. Er wird von jenen plausiblen Argumenten nicht berührt, die für eine möglichst originalgetreue Schlossattrappe sprechen. Wolfgang Thierse hat sie in seinem Plädoyer eindrucksvoll zusammengefasst, mochte dabei aber nicht auf die Begründungen der CDU/FDP-Opposition eingehen. Neben anderen hatte Günter Rexrodt das Bedürfnis nach Identität in der Geschichte genannt und dazu aufgerufen, etwas vom "natürlichen Geschichtsverständnis" anderer Völker zu übernehmen. Er verwies auf den historischen Kontext der Entscheidung: "Wir haben es verdient und können es uns leisten, unsere Geschichte mit der Zukunft zu verbinden." Neuerdings werden solche Floskeln der Liberalen mit geschärfter Aufmerksamkeit dafür gelesen, welche Geschichte denn da "die unsere" sein soll. Ein Beschluss der SED über den Wiederaufbau anfangs der 70er Jahre wäre etwas anderes gewesen, als es das Votum der politischen Repräsentanten des neuen Deutschland im Jahre 2002 ist - angefeuert durch Leute, die ganz verschieden motiviert sind, dies für eine rein ästhetische, städtebauliche oder architektonische Entscheidung auszugeben. Es lässt aufmerken, wenn der Ästhetiker Thierse schon vor einem möglichen Architektenwettbewerb die barocke Fassade zur ästhetisch besten Lösung erklärt. Als der Kanzler aus wahltaktischen Erwägungen sich den Erpressern der Unternehmerfraktion beugte (sie drohten, nach München zu gehen) und ihnen mit der Adresse Schlossplatz Nr. 1 auch das Staatsratsgebäude vermachte, war das nur die Privatisierung exponierten öffentlichen Raums. Die Schlossentscheidung der Parlamentarier dagegen war eine ideologische Demonstration. Die Neudefinition des zentralen öffentlichen Areals der deutschen Hauptstadt bot dafür nur den Anlass. Denn denkwürdig war diese Bundestagssitzung nicht, weil mit ihrer Entscheidung tatsächlich der Neubau der Fassaden des Berliner Hohenzollernschlosses eingeleitet worden ist. Ob das tatsächlich geschehen wird, ist weiter offen. Ihr Gewicht hat diese Veranstaltung durch die Stimmungslage und die geistige Verfassung, die die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten zu ihrem Votum bewogen hat. Das war keine Pflichtübung vor der Sommerpause, sondern die Gelegenheit zu einem Bekenntnis, das man inzwischen für öffentlich möglich hält. Darüber wird anderswo und später sicher lange und ausführlich gesprochen werden. Verdächtig die vielen Entschuldigungen der Schlossbefürworter: hätte der böse Ulbricht es nicht gesprengt, hätten wir das Schloss eh, überdies haben da schon lange keine Kaiser mehr regiert und keine Hofprediger mehr gepredigt, es war ja längst ein Museum, auch die Polen haben ja ihr Warschauer Schloss in schwerer Zeit wieder aufgebaut usw. Was von solchen Beschwichtigungen wird noch zu hören sein, wenn jetzt eine nationale Sammlungsbewegung beginnt, um die Summe aufzubringen, die der Bau erfordert? Eine schöne Gelegenheit zur Sammlung aller deutschen Freunde von Auftragskunst und Architektur der in Europa so beliebten Hohenzollern. Sicher werden schon die Nationalliberalen - obwohl sie mehr könnten - darauf bestehen, genau 18 Prozent der Summe aufzubringen. Vielleicht hat Edmund Stoiber nicht nur deshalb die Bekenntnissitzung ignoriert, weil der gegenwärtige Kanzler ein so vehementer Schlossfreund ist?