KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2018
Wolfgang Kaschuba
Beheimatung in der Migrationsgesellschaft?
Vier Annäherungen an ein Heimatverständnis
Vorgetragen auf dem 2. Seminar des Arbeitskreises Kultur der Rosa-Luxemburg-Stiftung "Heimat in der regressiven Moderne" am 07. Dezember 2018.

Diskurshistorisch betrachtet ist dies hierzulande in der Tat ein fast schon ewiges und jedenfalls sehr „deutsches“ Thema: die Frage nach Heimatwelten unter den Bedingungen von Migration und Globalisierung. Und sie ist auch jetzt wieder hochaktuell, weil zum einen gegenwärtig ein politisch-medialer Diskurs dominiert, der die vergangenen drei Jahre als „Flüchtlingskrise“ charakterisiert und markiert. Und zum anderen und gleichzeitig beschreiben die Trumps, Gaulands und Seehofers die Globalisierung vor allem als eine dramatische nationale Kultur- und Identitätskrise, um ihre Strategie der politischen Re-Nationalisierung und der sozialen Desintegration begründen und betreiben zu können. Dies macht den Heimatstoff natürlich zum Dauerthema und zeitigt offenbar auch die entsprechenden Wirkungen: Der SPIEGEL meldete von der Meinungsforschungsfront am 7.11.2018, dass nur 5 % der Bevölkerung in Deutschland mit dem Begriff Heimat nichts anfangen könnten. Ob sich darin aktives Heimatsbewusstsein ausdrückt oder ein medial erzwungener Diskurseffekt blieb dabei allerdings offen.

Ich will hier nun nicht die lange Geschichte der Heimatbegriffe und der Beheimatungsstrategien in Deutschland rekapitulieren, in der es ja zunächst um Heimat als Rechtsinstitut ging, also um das jahrhundertelang gültige und ganz prosaische Heimatrecht der Ortsbürger und der feudalen Untertanen; dann um die emotionale und soziale Konstruktion einer Heimatidylle zwischen Aufklärung und Romantik; gefolgt von deren nationaler und ethnischer Aufladung im 19. und 20. Jahrhundert, also vom jenem Heimat- und Vaterland, das dann in der NS-Terror-Heimat von Volksgemeinschaft und Holocaust gipfelte; und schließlich um die unterschiedlichsten Heimatsdebatten in den Nachkriegsjahren und in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften. Vielmehr will ich hier nur vier knappe Annäherungen versuchen an ein Heimatsverständnis, aus und in der Perspektive der Migrationsgesellschaft – vier Annäherungen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen alle mit einem Fragezeichen versehen sind – jedenfalls aber auch aus dem gemeinsamen Grund, dass sie damit zur Diskussion auffordern wollen.


1. Migration als die Mutter all unserer Probleme?

Horst Seehofer, unser Mann aus Ingolstadt, hat kürzlich jenes zweifelhafte Bonmot produziert, Migration sei die Mutter all unserer Probleme. Ein Bonmot, das man eigentlich ein Malmot nennen muss: ein schlechtes Wort, ein Unwort und – zivilisationsgeschichtlich betrachtet - ein selten unhistorischer und törichter Satz, zumal in einem historischen Einwanderungsland wie Deutschland. Denn gerade das deutsche Beispiel zeigt, dass es sich genau umgekehrt verhält. Migration ist keineswegs die Mutter alle unsere Probleme. Migration ist vielmehr die Mutter von Gesellschaft!

So sind in der deutschen Geschichte der letzten drei- bis vierhundert Jahre Einwanderung und Auswanderung, Migration und Flucht nie das „Problem“ deutscher Geschichte und Gesellschaft gewesen, sondern stets Teil seiner „Lösung“. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick zurück auf die wichtigsten Stationen unserer Migrationsgeschichte:

--- auf das Ende des 17. Jahrhunderts etwa mit der massenhaften Einwanderung der französischen Hugenotten nach Preußen, die als protestantische Religionsflüchtlinge in Berlin zeitweise bis zu 30 % der Bevölkerung ausmachten,

--- auf das gesamte 19. Jahrhundert, in dem mehr als 7 Millionen Deutsche in die USA auswanderten, nach Seehofer´schem Sprachgebrauch fast alle „Wirtschaftsflüchtlinge“,

--- auf die Zeit um 1900, als mehr als 1 Million polnische Bergarbeiter sich Ruhrgebiet niederließen,

--- auf die Zeit um 1918, als fast eine halbe Million russische Revolutionsflüchtlinge vorzugsweise nach Berlin kamen, wo Charlottenburg vorübergehend zu Charlottengrad umfirmierte,

--- auf die Jahre zwischen 1933-1945, als viel zu wenigen die Flucht aus Deutschland vor dem Holocaust und der Verfolgung Andersdenkender gelang,

--- auf die unmittelbare Nachkriegszeit, als 14 Millionen Flüchtlinge, Heimatvertriebene und Displaced Persons, also KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter beiderlei Geschlechts, durch Deutschland irrten, trotz „Volkszugehörigkeit“ weder in der späteren BRD noch DDR willkommen,

--- auf die 1960er bis 1980er Jahre, als von 12 Millionen Gastarbeitern aus der Türkei, Italien, Spanien und anderen Ländern sich schließlich 4 Millionen nicht an das vereinbarte Rotationsprinzip hielten, sondern einfach im kalten Germanien blieben,

--- auf die Zeit seit 2000, in der fast unbemerkt mehr als eineinhalb Millionen Menschen aus Polen zu uns gekommen sind,

--- oder nun eben auf die Jahre seit 2015 mit rund 1 Million Geflüchteter vor allem aus Syrien, Afghanistan und aus afrikanischen Krisenstaaten.

In jedem dieser historischen Fälle bedeutete die massenhafte Einwanderung oder Auswanderung die Lösung oder jedenfalls die Milderung einer politischen oder ökonomischen Krise, weil dadurch stets Kriegs- wie Krisenfolgen abgemildert, weil Arbeitskräftemangel wie demographische Engpässe ausgeglichen werden konnten. All dies machte Deutschland längst zum Einwanderungsland und prägte eigentlich auch seine kollektiven Erfahrungen. Aber es machte Deutschland eben doch nicht zur Einwanderungsgesellschaft, die also bewusst und aktiv aus dieser langen Migrationsgeschichte gelernt hätte. Denn es gehört neben der langen Verdrängung des Holocaust auch zu den Lebenslügen der deutschen Nachkriegsgesellschaft, dass sie diese vielfältige Ein- und Auswanderungsgeschichte nie als ein ihr eigenes und krisenhaftes historisches Faktum akzeptieren wollte.

Deshalb also Horst Seehofer und anderen nochmals ins Stammbuch, dass gerade in Deutschland die Migration keineswegs die Mutter all unserer Probleme, sondern vielmehr die Mutter von Gesellschaft ist. Sonst wäre eben nicht nur die CSU, sondern während wir alle immer noch mit Steinzeitkonflikten zwischen bayerischen und fränkischen Horden beschäftigt. Oder etwas seriöser formuliert: Der Erkenntnisschritt vom Einwanderungsland zur Einwanderungsgesellschaft in Deutschland war und ist sowohl im Blick auf die nationalen wie globalen Migrations- und Fluchtbewegungen als auch auf die kulturellen wie politischen Entwicklungen in unseren gesellschaftlichen Gegenwarten längst überfällig. Doch wird auch dieser Schritt jetzt nur sehr zögerlich getan. Nicht umsonst reden wir gerade wieder einmal verklausuliert zunächst über ein „Fachkräftezuwanderungsgesetz“, das der Bundestag beschließen soll und das nun immerhin wohl „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ heißen wird, aber eben noch immer nicht klar und deutlich einfach „Einwanderungsgesetz“.

Und erst wenn dieser doppelte Schritt hin zu einem vollwertigen Einwanderungsgesetz wie zu einer seriösen Debatte um die Einwanderungsgesellschaft tatsächlich getan ist, können wir dann auch in neuer und vernünftiger Weise über Integrationspolitik in Deutschland sprechen. Über eine Politik nämlich – und das wäre meine kurze und knappe und zentrale These –, die in unserer späten Moderne die wichtigste gesellschaftspolitische Aufgabe verkörpert: Integrationspolitik konzipiert als gesamtgesellschaftliches Konzept! - Als ein Konzept, das Integration und Inklusion also keineswegs nur verengt auf Flucht und Migration, wie dies aktuell in vielen europäischen Ländern und auch in der deutschen Debatte zumeist geschieht, sondern vielmehr verstanden als die große gesamtgesellschaftliche, gesellschaftspolitische Aufgabe der Gegenwart, die angesichts der wachsenden Fliehkräfte in den nationalen Gesellschaften wie in den globalen wirtschaftlichen und kulturellen Prozessen ganz oben auf unserer Agenda stehen muss.


2. Die Stadt: Beheimatungsort der Minderheiten?

Ich beginne diese zweite Perspektive mit einem Blick zurück auf die Klassiker. Karl Marx und Friedrich Engels sprechen in den umstürzenden 1840er Jahren von einer systematischen Stadt-Land-Dichotomie, in der sich gleichsam noch Kapitalismus und Feudalismus frontal gegenüberstünden. Im Kommunistischen Manifest findet sich bekanntlich die berühmte Formulierung von der „Idiotie des Landlebens“, die dem bäuerlichen Dorf quasi genetisch eigen sei. Nicht etwa weil Bauern und Landbevölkerung dumm wären, sondern weil das traditionelle und feudale System statischer Besitzverhältnisse, repetitiver Wirtschaftsweisen, begrenzter Ressourcen und bäuerlich-hierarchischer Familienverhältnisse und Dorfkulturen zwangsläufig zur „Isolierung und Verdummung“ führe. Originalton im Kommunistischen Manifest: „Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen.“ Damit scheint historisch quasi ein koloniales Verhältnis geschaffen.

Max Weber entwirft dazu als das große Gegenüber das Bild der modernen städtischen Gesellschaft im Sinne wachsender Bevölkerungen, industriekapitalistischer Produktion und sich vermischen der sozialer Milieus. Und die Städte der Neuzeit entstehen in der Tat durch die fast ungehinderte Zuwanderung von Menschen, von Ideen und von Waren, also ganz wesentlich durch Migration und Markt. Deshalb bezeichnet Weber die moderne Stadt auch explizit als „den Ort der Zusammengesiedelten“, eben nicht mehr nur der Hineingeborenen und der Einheimischen. Wegen dieser immer neuen Mischung, dieser permanenten Prozessualität städtischer Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur sieht Weber die Stadt als den zentralen gesellschaftlichen „Raum des Aufstiegs aus der Unfreiheit in die Freiheit“. Denn erst dort, in der Stadt, kann sich tatsächlich „Weltfreude“ – wie er es nennt – als kognitive wie emotionale Fähigkeit tatsächlich entwickeln, also „urbane“ Mentalität, Offenheit und Toleranz. Und Georg Simmel nimmt diesen Gedanken wiederum kreativ auf, wenn er in diesem Prozess der Urbanisierung die besonders wichtige und innovative Rolle des „Fremden“ hervorhebt, der in der Stadt bleiben darf, weil dort eben auch „Bedarf“ an Neuen und Neuem besteht.

All diese Bilder von Marx über Weber bis Simmel zeichnen in die Stadträume und in die Stadtkulturen vor allem auch deren spezifische Eigenschaft ein als Fluchtpunkt und Heimat der Minderheiten. Denn zivilisationsgeschichtlich betrachtet, verkörpert die Stadt und vor allem die große Stadt jenen Ort, an dem sich soziale Minderheiten überhaupt erst finden, formieren und organisieren können. Nur hier erreichen sie jene Größe der „kritischen Masse“, die es ihnen ermöglicht, eigene und abweichende Lebensstile öffentlich zu demonstrieren und zu etablieren. Nur hier können sie eigene kulturelle Ausdrucksformen entwickeln, in denen sie sich dann nicht nur identitär wieder finden, sondern sich auch politisch emanzipieren und ganz praktisch ihre Rechts- und Lebenssituation verbessern können. Insofern gilt, dass die moderne Stadt ebenso der Geburtsort minoritärer Gruppen und Kulturen ist, wie umgekehrt die Minderheiten seit Generationen die Stadtkultur ganz entscheidend mit prägen.

Dies gilt in unterschiedlichen Zeiten und in verschiedensten Kontexten: für Arbeiterkulturen wie Migrantengruppen, für jüdische Gemeinden wie Freidenker, für die Frauenbewegungen wie politische Protestbewegungen, für Schwulenbewegungen wie künstlerische Subkulturen, für ökologische Initiativen wie vegetarische Milieus. Ihre Werte und Ideen, ihre Praktiken und Rituale, ihrer literarischen und musikalischen Manifestationen, ihre körperpolitischen wie partnerschaftlichen Performanzen prägen die Stadtkultur heute längst mehr und nachhaltiger mit als viele einheimische Traditionen à la „Mir san mir“ oder „America first“. Gerade die urbanen Lebensstile der Moderne verkörpern in hohem Maße minoritäre soziale und kulturelle Traditionen.

Dabei stehen die Minderheiten auch in den Augen der Mehrheitsgesellschaft vielfach für das Außergewöhnliche, das Exotische, eben wie eine Art Indie-Kultur, die sich die Mainstream entgegen stellt. Denn prominent vertreten sind darin eben auch Vorstellungen von persönlicher Autonomie und Freiheit, wie sie heutigen Jugendkulturen und Stadtkulturen als Vision vorschweben. Und dies erklärt letztlich auch den Erfolg vieler urbaner Stilelemente in Gestalt etwa von Clubs wie Stadtstränden, von Word-Musik wie CSD-Paraden, von Food-Festivals wie Boccia-Bahnen, von karnevalistischen wie subkulturellen Veranstaltungsformaten, also von einem spezifischen Typus von kulturellen Locations und Events, wie wir sie heute in fast allen großen europäischen wie außereuropäischen Städten vorfinden.

Und weil sich diese kulturellen Orte, Szenen und Praktiken der Minderheiten oft nur sehr langsam und mühsam etablieren ließen, werden sie stets auch in besonderer Weise fortgeführt und gepflegt. Denn in der hoch kompetitiven Stadtkultur müssen erobertes Terrain und besetzter Raum immer aktiv verteidigt werden. Davon hängt gerade für die Minderheiten existenziell ab, ob und wie sie öffentlich auftreten und wie sie privat leben können. Auch deshalb ist ihr kultureller Einfluss in den Städten so groß, so nachhaltig und so wichtig.

Gerade deshalb wird an ihnen aber auch die Kehrseite dieses neuen Urban Hype besonders gut sichtbar. Was wir nämlich als neue Diversität der Stadtgesellschaft loben und als kosmopolitische Stadtkultur feiern, also die Stadt als Ort der gegenseitigen Akzeptanz und Toleranz von Mehrheiten und Minderheiten, von alten und neuen Einheimischen wie von alten und neuen Migranten – das scheint für andere ganz im Gegenteil ein rotes (oder regenbogenfarbiges) Tuch zu sein. Dies meint auch Alexander Gaulands jüngste Formulierung etwa von den „globalen Klassen“ und den „heimatlosen Eliten“, die unsere großen Städte angeblich bevölkern und beherrschen. Und er meint damit natürlich uns!

Denn die Politik der Rechten ist systematisch auf die Bekämpfung dieser besonderen Beheimatungsqualität der großen Städte ausgerichtet. Es ist in der Tat unsere Vielfalt und Freiheit, die von ihnen ganz aktuell bedroht und angegriffen wird, wenn in zahllosen Stadträten und in den Landesparlamenten wie im Bundestag etwa jene Politik der „Kleinen Anfrage“ eingesetzt wird, die nun überall zu beobachten ist. Wie etwa im Falle des Kinder- und Jugendtheaters Rostock, wo die AfD im Stadtrat um detaillierte Auskunft darüber bat, welchem Konzept dieses Theater folge, wie seine Finanzierung aussehe und ob es überhaupt benötigt werde. Damit geraten Kultureinrichtungen wie städtische Gruppen wie migrantische Minderheiten automatisch in eine defensive Position. Weil sich Politik und Öffentlichkeit oft nicht gleich vor sie stellen und auch weil Stadt- oder Länderverwaltungen dann oft ungehaltener gegenüber solchen Kultureinrichtungen reagieren - wegen der damit verbundenen Mehrarbeit - als gegenüber den Fragestellern. Wie schnell diese defensive Position denn auch zu politischem Fehlverhalten und zu Feigheit führen kann, haben wir leider erst kürzlich im Beispiele des Dessauer Bauhauses im Umgang mit dem Konzert der Band „Feine Sahne Fischfilet“ beobachten müssen.


3. Einheimisch- statt Heimisch-Sein - oder: Die Rache der Dörfer?

Denn die sich gegenwärtig vertiefende soziale Spaltung in den westlichen Gesellschaften wird von den Rechtspopulisten ganz unmittelbar mit diesem Aufstieg der Minderheiten in den Städten und nach 1968 verbunden und mit der dadurch verursachten Auflösung der autoritären Nachkriegsgesellschaften. Sie argumentieren, dass diese „völkische Spaltung“ wesentlich erst durch jenen Sündenfall entstanden sei, also durch den Anti-Nationalismus und den Pluralismus der 68er Generation: als Folge einerseits der sozialen und politischen Etablierung von Protest- und Ökoinitiativen, von Frauen- und Schwulenbewegungen, wie als Folge andererseits der Zuwanderung von „Gastarbeitern“, Migranten und Flüchtlingen. All dies zusammen habe zu einer schleichenden kulturellen und mentalen „Überfremdung“ unserer Gesellschaften geführt. Deshalb suggerieren sie vor allem den Angehörigen der älteren Generationen und der eher ländlich-kleinstädtischen sozialen Milieus, dass ihre eigenen Lebensstile und ihre Zukunft dadurch bedroht seien, dass sie von Fremden überrannt würden, dass sie nicht mehr Herr im eigenen Hause seien, sondern zu den Vergessenen und Vernachlässigten gehörten.

So hat sich vor wenigen Wochen die Jugendorganisation der FPÖ, die Jungen Freiheitlichen, in einem Jahreskalender an die bio-österreichischen Jugendlichen gewandt mit der Warnung, dass die vielen Fremden im Alpenland die Traditionen und die Lebensentwürfe der einheimischen Jugendlichen beschneiden und verdrängen würden. In grotesker Umkehrung der Realität, in der die Jugendlichen vor ländlicher Konvention und familiärer Hierarchie in die Städte als die Orte beruflicher, lebensstilbezogener, beziehungsmäßiger und sexueller Freiheit fliehen, wird diese Flucht in Verdrängung umgedeutet. Und es wird in hysterischem Grundton und provokativer Absicht die Furcht geschürt, dass all diese Anderen und Fremden nun die lokale Gesellschaft übernehmen. So wird Bedrohung insinuiert und Besorgnis geschürt, um sich dann selbst als Retter der Unterdrückten inszenieren zu können. Als Ausweg wird ein Cultural Backlash vorgeschlagen, der wie eine gesellschaftliche Reset-Taste wieder die sozialen Kulissen und die kulturellen Werte der 1950er Jahre auf die Bühne bringen soll, also die autoritäre Konsensgesellschaft der Nachkriegsmoderne statt die hedonistische Lebensstil-Gesellschaft der Postmoderne.

Implizit wie expliziter fordert dieser Backlash damit aber auch dazu auf, die Minderheitenkulturen der Städte zurückzudrängen. Denn wer brauche Kopftuchmädchen und Messerstecher, wachsende Gleichberechtigung und gleichgeschlechtliche Ehe, Schwangerschaftsabbruch und Anti-Diskriminierungsverbot? Doch nur jene Anderen, die sich frech breitmachen, nicht die Einheimischen, die dadurch an die Wand gedrückt würden. Wie dies dann medial und politisch klingt, lässt sich ganz aktuell ebenfalls in der österreichischen Politik beobachten, wo Vorschläge etwa zur Rückabwicklung von „Gender-Wahnsinn“ wie „Asyl-Tourismus“, von Homo-Ehe wie Deutschkursen, auch von ökologischen Konzepten im Umfeld von Rauchverboten und Geschwindigkeitsbegrenzungen längst salonfähig sind. Denn dies sind Vorschläge, die inzwischen vielfach auch aus der sogenannten bürgerlichen Mitte kommen. Diese Mitte hat oft eben ihre eigenen Kinder gleichsam an die Großstädte und an die Minderheiten verloren, weil diese dort eigenen und anderen Lebensentwürfen folgen können als immer nur denen der Elterngeneration. Deshalb stehen die einheimischen weißen älteren Männer und auch viele weiße ältere Frauen ohne sich dessen bewusst zu sein oft in einer Reihe mit türkisch- und arabischstämmigen Vätern und mit muslimischen Predigern, die ihren Frauen und Töchtern ebenfalls wenig Raum zur selbstständigen Entfaltung lassen wollen.

In dieser Hinsicht zumindest äußert sich darin auch eine Koalition der Gestrigen, die sich gegen das Heute richtet. Und dieses Heute verkörpern vor allem die Städte und die Minderheiten, die nun ihrerseits bedroht und bekämpft werden müssen. So klingt es wie eine Art späte „Rache der Dörfer“, die hier konkret adressiert: „Ihr habt uns das Einfache, das Eindeutige, das Versichernde genommen: unsere heile Welt der Dorffeste und der Schützenvereine, sogar unsere Zukunft und unserer Kinder! Nun nehmen wir Euch die Freiheiten!“

Ich denke daher, dass es an diesem Punkt keineswegs nur um Nostalgie und Folklore geht, sondern tatsächlich um die neuen „Freiheiten“: als Chance wie als Zumutung. Und gerade in der Geschichte der Stadt haben wir gelernt, dass nur mit der Verteidigung auch der Freiheit der jeweils Anderen, der anderen Minderheiten und Interessen, auch unsere eigenen und jeweils auch „minoritären“ Freiheiten verteidigt werden können. Denn die Rechte betreibt ihre Politik der Ausgrenzung auch als eine Politik der moralischen Disqualifizierung und der sozialen Beschämung. Wenn Flüchtlinge als „Asyltouristen“, alleinerziehende Mütter als der (männlichen) Vormundschaft Bedürftige und Obdachlose als „Sozialversager“ beschimpft werden, dann sollen damit auch Gruppenidentitäten wie individuelle Selbstbilder beschädigt und zerstört werden und damit letztlich auch moralisch-ethische Fundamente der Gesellschaft. Dies ist der eigentliche kriminelle Kern der rechten Politik der Gaulands und der Trumps.

Deshalb ist meine Formulierung von der „Rache der Dörfer“ natürlich auch nur eine Metapher, keineswegs ein diagnostischer oder analytischer Befund. Doch soll das Bild zumindest darauf hinweisen, dass auch in der aktuellen Heimatdebatte mindestens zwei völlig konträre Gesellschaftsentwürfe unterwegs sind: die einer offenen und die einer geschlossenen Heimat. Und dieser Konflikt wird in der Gesellschaft heute ganz aktiv im Blick gerade auf Mobilität und Migration ausgetragen. Das zeigt sich vor allem auch in den viel weniger beachteten Prozessen der nationalen wie der europäischen Binnenmigration. Denn dort zeichnet sich eine noch anwachsende Tendenz ab zum ländlichen „Brain-Drain“ wie „Youth-Drain“. Sichtbar wird dies etwa in der massenhaften Abwanderung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, vor allem aber von jungen Frauen aus ländlichen Regionen in die Städte. Das geschieht regional in den neuen Bundesländern ebenso wie in Bayern oder in Schleswig Holstein. Und dies vollzieht sich im europäischen Raum von Moskau bis Schottland und von Palermo bis Helsinki. Aus guten Gründen, denn die Strukturschwäche des Landes drückt sich in oft flächig schlechten Angeboten aus, vom Bildungssystem bis zur Berufsausbildung, von den Jobs bis zu den Löhnen, von der starren Sozialstruktur bis zur kulturellen Traditionalität. Demgegenüber wird in den Städten neben den besseren Möglichkeiten in Ausbildung und Beruf vor allem das Angebot an Lebensstilen und die Freiheit der Lebensentwürfe gesucht und gefunden: von der Musik bis zur Mode, vom Konsum bis zum Geschmack, von Sport bis Sexualität, von Esskultur bis Event – kurz: Identität und Autonomie jedenfalls als Idee und als Versprechen.

Damit jedoch verlieren die Dorfgesellschaften auch ihre Jungen, veränderungswilligen und kreativen Potenziale. Um Georg Simmel nochmals zu variieren, der immer die besondere innovative Rolle des Fremden betonte: Im Dorf bilden die Jungen quasi die eigenen Fremden, die in dieser ländlichen Gemeinschaft aber wegen deren Ordnungssinn und Konventionstreue eben nicht anders als die Eltern, nicht „fremd“ sein dürfen und die deswegen auch nicht bleiben. Diese Abwanderung hat erhebliche gesellschaftliche wie politische Konsequenzen, weil sie vor Ort deutlich weniger Zivilgesellschaft und deutlich mehr konservative Politik bedeutet. Und dieser damit verbundene mentalitäre Wandel ist teilweise wirklich dramatisch, wenn man sich allein den europäischen Horizont betrachtet: etwa Ungarn, wo hunderttausende junger Erwachsener in den letzten Jahren nach Westen gezogen sind, die als Gegenpart zu Orbans Anhängern nun fehlen. Budapest wird gewissermaßen längst von der Puszta aus regiert. Oder Polen, wo es Warschau ganz ähnlich ergeht, denn fast 3 Millionen junger Polinnen und Polen sind vor allem in Deutschland und England unterwegs und damit faktisch aus der gesellschaftlichen Politik Polens ausgewandert. Das schlägt sich wiederum positiv auf den Konten der Kaczynskis und der katholischen Kirche nieder. Ähnliche Tendenzen lassen sich auch in Rumänien, Russland oder in der Türkei beobachten. Und auch Trump konnte bei den Midterms ja sämtliche großen Städte in den USA eben nicht gewinnen.

So ergibt sich in den letzten Jahren vor allem auch durch eine im einzelnen zunächst unauffällige Binnenmigration der Jungen in die Städte eine unübersehbare Konservierung und Konservativierung des Landes, die durch Abwanderung und gleichzeitige Alterung der Einheimischen noch beschleunigt wird. Deshalb wird es auch so wichtig sein, die Blicke nun auf Italien und Spanien zu richten, wo hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit ebenfalls vielfach den regionalen Exodus aus ländlichen Räumen bedeutet und wo die Politik eines Salvini intellektuell wie habituell die Jungen eher abstößt als zurückhält. Überspitzt formuliert: Die Jugend flieht vielfach offenbar aus der Heimat in die Freiheit, weil die Stadtparty dem Dorffriedhof deutlich vorgezogen wird.


4. Beheimatung in Lebensstilen?

Eine neue amerikanische Studie zu Trumps Strategie des „America First“, die überall in den Medien zitiert wurde, trägt den Titel „Hidden Tribes“. Sie fragt damit nach den wirklichen Machern und Antreibern der sozialen Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft. Und sie sieht die extremen Akteure beider Seiten vor allem in den Reihen der Reichen, der Akademiker und der gehobenen Mittelschichten. Tenor: Diese Gruppen trügen im Themenspektrum von Migration über Geschlecht bis Toleranz gegenwärtig ihre moralischen Gefechte gegeneinander aus im Sinne eines Kampfes um Gesellschafts- und Deutungsmacht von oben. Das Sinus-Institut wiederum bezeichnet die entsprechende soziale Gemengelage in Deutschland als das „gesellschaftliche Leitmilieu“, dem kaum 20 % der Bevölkerung angehörten und das bei uns dennoch die politischen Debatten führe und präge.

Diese Befunde erscheinen mir richtig und falsch zugleich. Richtig etwa im Blick auf Deutschland und auf die abgehobene Sphäre der Leitmedien von der ZEIT bis zur Talkshow, in der die Diskursivierung der gesellschaftliche Themen und Konflikte durch die benannten Akteure deutlich weiter reicht und schärfer geführt wird als im Alltag und in der sozialen Praxis der Bevölkerung. Deshalb „talken“ unsere medialen Oberlehrerinnen und Oberlehrer auch an der großen Mehrheit der Bevölkerung vorbei. Falsch im Blick auf die gesellschaftliche Haltung und Rolle der Restgesellschaft, insbesondere der jüngeren Generationen. Denn die nehmen meist weder ZEIT noch Anne Will überhaupt war, nehmen daher auch keinen Einfluss auf diese Eliten-Diskurse und haben auch keinerlei Interesse daran. Sie orientieren sich in ihren eigenen individuellen wie kollektiven Lebensentwürfen jedoch sehr wohl an übergreifenden Werten und Vorstellungen etwa von offener Gesellschaft und Welt, von unbegrenzter Mobilität und Teilhabe, von persönlicher Autonomie und Freiheit. Weil dies längst reale und nicht mehr nur diskursive Bedingungen ihrer eigenen Lebensführung und ihrer Lebensentwürfe sind: grenzenloses Reisen und viele kleine Migrationen wegen Ausbildung, Job und Liebe, Freundschaften und soziale Netzwerke der Zukunft statt der Herkunft, kulturelle Einstellungen Praktiken der Konvergenz statt der Differenz im Alltag. Damit dominieren in ihren Vorstellungen auch Bilder einer eher fluiden als festen Welt, also einer Gesellschaft, die gemischt und lieber kosmopolitisch als lokalistisch daherkommt. Auch wenn das manchmal mehr Stress im Alltag und immer höhere Mieten bedeutet...

Natürlich bedeutet solch ein Lebensentwurf angesichts individueller wie familiärer Ressourcen für viele zunächst eher eine Utopie. Dennoch ist es oft eben eine durchaus konstruktive und konkrete Utopie, wie sich jüngst bei einer Umfrage in Berlin unter Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund zeigte. Diese, gefragt nach ihrem persönlichen und idealen Wohntraum, nannten in der weit überwiegenden Mehrheit: Maisonette-Wohnung mit Dachterrasse in der City! Also kein Wohnen in Familienidylle und Naturnähe, sondern tatsächlich im baulichen Prototypen urbaner Lebensstile und individueller Freiheit. Und in diesem individuellen Lebensentwurf treffen sich im Übrigen die Biografien von Einheimischen mit denen von Migranten wie Geflüchteten: Die einen wollen unbedingt, die anderen müssen um jeden Preis ihr Leben selbst und neu entwerfen.

Jedenfalls haben wir die Grenzen der Vergemeinschaftung in den dunklen Kapitel der deutschen Geschichte bereits auf recht dramatische Weise kennen gelernt. Die Grenzen der Individualität hingegen müssen wir heute wohl noch weiter erkunden und austesten. Doch wenn nicht alles täuscht, steht diese Idee der Individualität und Autonomie oft, wenn nicht sogar meist in enger Korrespondenz zu Vorstellungen von Teilhabe und Verantwortung. Etwa im Sinne eines neuen Kommunitarismus, dessen Ideen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene von der Sozialpolitik über die Zivilgesellschaft bis in die Ökologie hinein beschäftigen. Dafür spricht auch die neue Rolle von Nachbarschaften, von Kiezen, von Vierteln im zivilgesellschaftlichen Leben der Städte, durch die neue urbane Kontaktformen und Kontaktzonen aufgebaut und von denen die Stadtlandschaft wie Stadtgesellschaft als gemeinsame Ressourcen neu definiert und beansprucht wird. Und dies zeigt sich auch in der zunehmenden Öffnung des Privates hin zum Öffentlichen, wenn es um konkrete soziale Bedürfnisse und Initiativen geht, wenn also vor Ort konkrete Beheimatung in soziale Nahwelten betrieben wird.

Deshalb ist die Fixierung unserer Diskurse auf Migration und Flucht in der Tat eben nur ein gefährliches Scheingefecht oder zumindest nutzlose Symbolpolitik. Denn die Neuen und die Fremden sind lediglich eine willkommene Projektionsfläche für diffuse Ängste, Vorteile und Unsicherheiten, die allesamt jedoch eher lebensweltlichen als migrationspolitischen Ursprung sind, auch wenn diese Lebenswelten natürlich längst im Sog des globalen Stroms liegen. Der Salzburger Schriftsteller Clemens Reynolds hatte ganz in diesem Sinne am 01. 11. 2017 im Berliner Tagesspiegel zum Wahlsieg der Österreichischen Volkspartei geschrieben: „Der Erfolg kam zu Stande, weil sich Sebastian Kurz ein Thema vom rechten Rand holte und es auf adrette Weise im bürgerlichen Wohnzimmer präsentierte: den Hass auf Ausländer. Kurz ist es gelungen, den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft salonfähig zu machen. Das ist der eigentliche Skandal. Er hat alle politisch relevanten Fragen mit dem Thema Flüchtlinge verbunden, gerne auch mit islamischen Terroristen, die bekanntlich den Berufstätigen in Österreich den Weg zum Arbeitsplatz versperren, Kinder am Schulbesuch hindern und uns im Kaffeehaus die Butter vom Brot stehlen.“

Diese Strategie war und ist also durchaus erfolgreich – keineswegs nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Und dies, obwohl doch die weit überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaften mit Kultur im Sinne ethnischer Zugehörigkeiten wenig mehr anfangen kann. Das zeigen sowohl die Umfragen wie die kulturellen Praktiken im Alltag. Denn für gesellschaftliche Mehrheiten meint Kultur längst jenes weite Feld der Lebensentwürfe und der Lebensstile, welches in den einzelnen Lebensabschnitten ganz unterschiedliche Formen von Autonomie wie von Bindung ermöglicht. Das also auch ein weites Feld eröffnet, indem die Idee und das Ethos einer offenen Gesellschaft bereits existiert und praktiziert wird und in dem die Visionen wie die Erfahrungen einer jüngeren, eher postraditionalen und postnationalen Generation dominieren. Dabei mag diese Idee von Individualität und Autonomie als Identitätskonzept ja durchaus eine Schimäre sein, angesichts von stylischem Konsumsterror, von veganem Moralismus und von denunziatorischem Facebook. Aber wie es scheint eine überaus wirkmächtige Schimäre, die zu unserem gemeinsamen Glück von jüngeren Mehrheiten dem älteren Retro-Alptraum bayerischer oder sächsischer Nachkriegsheimaten offenbar deutlich vorgezogen wird.

Damit jedoch – und darauf kommt es mir hier an – stehen dem Bild von der bedrohten eigenen Kultur eben nicht primär die Geflüchteten und Migranten als die Anderen, Bedrohenden, Zerstörenden gegenüber. Vielmehr sind es mindestens ebenso sehr die „anderen“ Eigenen, also die städtischen Regionen und die jüngeren Generationen und oft eben auch die eigenen Kinder, die nunmehr „anders“ leben. Die eben auch die Erbschaft der Eltern in sozialer wie kultureller, ethnischer wie religiöser Hinsicht oft nicht mehr antreten wollen. Dahinter stehen ganz offensichtlich unterschiedliche Wahrnehmungen gesellschaftlicher Prozesse und unterschiedliche Vorstellungen darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Nochmals sehr zugespitzt: im Reich individueller Freiheit und kultureller Autonomie oder im Reich konventioneller Werte und kollektiver Bindung? Man könnte im Blick auf Lebensentwürfe auch fragen: in einer Lebenswelt mit höherem sozialem Risiko oder mit mehr kultureller Sicherheit? Oder auch sozial räumlich kontrastiert: in metropolitanen Stadtwelten oder in lokalen Face-to-Face-Communities?

Gleichgültig jedoch, wie man die Phänomene nun sortiert und formuliert, für mich steht dahinter die große und pathetische Frage nach dem Maß an individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung, dass wir uns zutrauen wollen – oder eben auch nicht. Und ich fürchte, die bisherigen Antworten auf diese Frage aus den unterschiedlichsten Richtungen unserer Einstellungs-, Milieu- und Politikforschung sind bislang noch wenig solide und valide. Aus vielerlei Gründen: weil Reden und Handeln heute offenbar besonders weit auseinander liegen und weil Einstellungen im Zeichen der politischen Korrektheit offenbar fast nur mehr Echoeffekte abbilden, also mehr über Legitimität als über Wirklichkeit verraten; weil viele unserer empirischen und diagnostischen Instrumente methodisch wie kategorial noch eher dem Nachkrieg nachhängen als das Heute spiegeln – etwa im Blick auf Milieu- oder Gesellschafts- oder Nationskonzepte; weil im Hinterkopf auch immer noch statische Kategorien dominieren, die sich an Reinheit und Differenz orientieren statt an der tatsächlichen Hybridisierung und Prozessualisierung unserer lebensweltlichen Horizonte.

Über die Integration und Inklusion von Individuen in unsere gemeinsamen Lebensstile jedenfalls, also über die Integration von Gesellschaft insgesamt und nicht nur von Geflüchteten, habe ich in diesem Jahr in der Donaustraße in Neukölln oder im Strandbad Plötzensee in Tegel jedenfalls mehr gelernt als bei der Lektüre vieler kultur- und sozialwissenschaftlicher Aufsätze. Nur in drei Bildern ausgedrückt: das ältere muslimische Paar, das Händchen haltend durch die Donaustraße geht und nicht mehr in drei Schritten Abstand wie noch vor 15 Jahren; der Kreuzberger Altrocker, der wacker schwarzen Hoodie und viel Metall trägt, im Übrigen aber vergnügt mit seinem Rollator unterwegs ist; oder die beiden Freundinnen im Strandbad, ebenfalls Hand in Hand, die eine im Bikini die andere im Burkini. Dies alles sind Bilder nicht einer Gutmenschenromantik, sondern der sozialen Praxis in offenen Gesellschaften, die es gewiss nicht nur so gibt, aber eben auch: immer wieder so. Und die sich eben auch längst nicht mehr in getrennten, parallelen, homogenen Lebenswelten abspielen, sondern in vielen kleinen Erscheinungsformen, die neue Mischungen und Symptome eines sozialen und kulturellen „Dazwischen“ dokumentieren. Eines Dazwischen, dass permanent wächst in den Räumen und Gestalten der Einwanderungsgesellschaft wie der Lebensstilgesellschaft. Und in diese Zwischenräume, in diese Mischungen, in diese hybriden Konstellationen sind wir wissenschaftlich noch viel zu wenig vorgestoßen.

Natürlich hat vieles davon mit Migration und Flucht, mit Kulturalisierung und Globalisierung zu tun. Entscheidend dabei aber ist gerade in der deutschen Situation die historisch fundierte Ausgangsperspektive: eben nicht jene populistische eines zunehmend erratischen Innenminister Seehofer, sondern die historisch und wissenschaftlich aufgeklärte, in der Migration in der Tat die „Mutter von Gesellschaft“ verkörpert: nicht immer geliebt, aber jedenfalls unverzichtbar.

Die damit verbundenen sozialen Bewegungen und kulturellen Prozesse, die globalen und lokalen Konflikte genauer zu beobachten und besser zu verstehen, die unsere Gesellschaften in ihrem Selbstverständnis heute so dramatisch beeinflussen und verändern: Das wäre und ist dann auch die Hauptaufgabe, das sind die wichtigen und lohnenden Ziele einer Gesellschaftspolitik wie einer kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung. Heimat nicht mehr einfach als die „Ordnung der Welt“ festzuschreiben, sondern sie als „Prozessualität der Welt“ zu verstehen und zu erklären, das ist das Ziel. Dann vollzieht sich Beheimatung auch nicht mehr nur in Orten, sondern in Lebensentwürfen und nicht mehr nur mit Verweis auf Herkünfte, sondern auf Zukünfte!