KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2016
Frank Thomas Koch
Bilanzschrift, Manifest, Zwischenrede, Abgesang oder Vermächtnis der DDR-Forschung?

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Redaktionelle Vorbemerkung
Auf der letzten Redaktionsberatung von Kulturation kam es zu einem recht intensiven Gedankenaustausch über die jüngste Bestandsaufnahme der DDR-Forscher. Verursacht auch durch deren mehrdeutigen Titel: die DDR als Chance. Wer rechnete da wem welche Chance aus? Die Meinungen waren geteilt. Meinten Skeptiker, es gäbe da vom "Westen nichts Neues" zu hören, sahen vorsichtige Optimisten, dass sich in dieser Umfrage unter Spezialisten eine Art "Wende" im wissenschaftlichen Umgang mit der DDR andeute. Schließlich konnte Thomas Koch - zuständig für das redaktionelle Ressort Sozialwissenschaft - dazu überredet werden, das Für und Wider gründlich zu prüfen und für das Redaktionsteam eine sachliche Bestandsaufnahme zu erarbeiten. Allen schien er dafür besonders geeignet zu sein, weil er zu den Fraktionen der etablierten DDR-Forschung nur losen Kontakt hat. Kein Fach-Historiker und der Herkunft nach Kulturwissenschaftler, war er über Jahrzehnte in sozialwissenschaftliche Projekte eingebunden, in den letzten 26 Jahren als Mitarbeiter am Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien (BISS) und mit eigenen Untersuchungen in der Ostdeutschland-, Transformations- und empirischen Bildungsforschung tätig.Herausgekommen ist bei diesem erbetenen Verständigungspapier zugleich eine umfangreiche und recht detaillierte Rezension des hiermit angezeigten Büchleins:
Ulrich Mählert (Hrsg.), "Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema". Metropol Verlag, Berlin 2016, 220 S.


Soll und Haben der bundesdeutschen DDR-Forschung sind schon mehrfach bilanziert worden, zuletzt 2003 (vgl. Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung. Hrsg. v. Rainer Eppelmann; Bernd Faulenbach; Ulrich Mählert, Paderborn 2003.) Der Rezensent, kein "DDR-Forscher", ist seit den 1980er Jahren mit der westdeutschen DDR-Forschung über eher lose Fäden verbunden. Zunächst nur als Rezipient einiger ihrer Produktionen, später dann auch als Autor eigener Texte im Zentralorgan der DDR-Forschung – dem Deutschland Archiv. Von Ferne konnte ich so manche jähe Wendung verfolgen. Wie ordnet sich der nun vorgelegte Band in diesen Reigen ein und womit hebt er sich von früheren Bilanzschriften ab?

Schon der Titel des von Ulrich Mählert herausgegebenen Sammelbandes lässt aufhorchen und inne halten: >>Die DDR als Chance<<.

Aus der Sicht eines Lesers, der die DDR trotz allem als sein Land wahrgenommen hat, der in der sozialistischen Idee eine der Grundströmungen der Moderne sieht, der sich als historisch interessierter Sozialwissenschaftler versteht, der der Geschichte des Gegenwärtigen auf der Spur ist, ist die im Titel des Bandes aufscheinende Wendung längst überfällig, ja befreiend und überaus anregend. Zwar waren manche der im Sammelband vertretenen Positionen schon im wissenschaftlichen Diskurs vernehmbar, also nicht völlig neu. Neu, wenn man von vereinzelten ähnlichen Intentionen in den frühen 1990er Jahren einmal absieht, ist der Fokus – mit dem Thema DDR irgendwelche Chancen zu verbinden. Es äußern sich zudem vorwiegend Vertreter einer Disziplin, die im zeitgeschichtlichen Bereich der deutschen Historie arbeiten. Dies ist ein Vorzug, der freilich auch seinen Preis hat.

Dennoch: Der Band hält auch in beachtlichem Maße, was er verspricht. Er lotet nicht nur in kompakter und pluralistischer Weise Nutzen und Nachteil bundesdeutscher [historischer] >>DDR-Forschung<< aus, sondern in den Beiträgen wird auch danach gefragt, ob und wie der Fall DDR „… produktiv in Forschungen einbezogen werden kann, die aktuell und in Zukunft an die Geschichte Deutschland und Europas im 20. Jahrhundert gestellt werden.“ (S.21). Dabei rücken auch globalgeschichtliche Perspektiven in den Blick, die vor allem jene Leser irritieren werden, die mit der DDR Kleinheit, Enge und Langeweile verbinden.

Bei dem Band handelt es sich um einen beachtlichen Aufschlag, ein Stück weit um ein verdecktes Manifest, das einen Wechsel der Wegzeichen verheißt und vielleicht auch befördern hilft. Fast möchte man ausrufen, von diesem Bande gehe eine neue Epoche der Betrachtung und wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR aus und wir können sagen, wir seien dabei gewesen! Doch ist dem auch so?

Der instruktiven Einführung von Mählert ist zu entnehmen, dass die Autorinnen und Autoren weitgehend darin übereinstimmten, die „alte DDR-Forschung“ habe sich „überlebt“ und sei „de facto nicht mehr existent“ (vgl. S.9). Handelt es sich bei den Texten eher um einen Abgesang oder um ein neues Beginnen? Wie ein Blick auf die Geburtsjahrgänge der Autorinnen und Autoren des Textes zeigt, ist hier keine neue Generation von DDR-Forschern am Werke. Es handelt sich freilich auch nicht um einen furiosen Abgang. 6 von 22 Autorinnen und Autoren sind in den 1940er Jahren, 5 in den 1950ern, 9 in den 1960ern, je einer in den 1970ern und 1980er Jahren geboren worden. Die Beschäftigung mit der DDR, so scheint es, ist für den wissenschaftlichen Nachwuchs von heute wenig „sexy“ (Port, S. 165).

Vom Hüten des Feuers
Wenn aber der anregende Band im Hinblick auf die wissenschaftliche Erkundung der DDR weder Epochenscheide noch Abgesang ist, welche Funktion ist ihm dann beschieden? Dorothea Wierling hat heute lebende Forschende im Blick: „Anstatt immer mehr für die DDR-Geschichte zu beanspruchen – an Lehrstühlen, Unterrichtsstunden oder Forschungsgeldern – sollten wir sie freigeben für die fremden und neugieren Blicke anderer Historiker und die Interessen historisch arbeitender Sozial- und Kulturwissenschaftler…“ (S.213). Man mag indes nicht recht daran glauben, dass Wierlings freigebende Intention in der Gegenwartsgesellschaft hinreichende Resonanz finden wird. Die Gründe lassen sich den Texten entnehmen. Sicher werden und sollen die Botschaften hier und da auf fruchtbaren Boden fallen. Doch mehr als Business as usual erwarte ich nicht. Die Funktion des Bandes scheint mir eher darin zu bestehen, das Feuer für kommende Zeiten und Generationen zu hüten, werden doch in ihm durchaus brillant Einsichten, Kompetenzen, Webfehler und Diskurse eines Forschungsfeldes summiert. Und das ist nicht wenig.

Der Rezensent geht davon nämlich aus, dass mit der „Wiederkehr“ der sozialen Frage auch eine Wieder- und Neugeburt einer der Grundströmungen und Ideen der Moderne – der sozialistischen Idee – weltweit einsetzen wird. Was aber hat das mit der DDR zu tun? Sofern die künftigen sozialen Träger sozialistischer Bestrebungen Historie betreiben und sich „monumental“ oder „kritisch“ oder „antiquarisch“ (Nietzsche) auf die Vergangenheit beziehen, wird die DDR eine Rolle spielen. Stand doch die DDR von allen Ländern des Ostblocks dem Idealtypus des Realsozialismus noch am nächsten, wenngleich auch die DDR nicht ohne systemfremde Krücken auskam. Sie hatte immerhin unter den Ländern des Staatssozialismus die am meisten entwickelte Volkswirtschaft, den ausgeprägtesten Sozialstaat, das höchste Lebensniveau. Zwischen Oder und Werra gab es vergleichsweise weniger Terror und weniger Korruption. Die DDR war wie ihre „Bruderländer“ und ihre „Gegenspieler“ in ihrer Politik auf wirtschaftliches Wachstum fixiert, trotz und ungeachtet der Grenzen und Kosten des Wachstums. Wenn aber, wie hier behauptet, die DDR am Idealtypus des verblichenen Realsozialismus näher dran war als die anderen Länder des Ostblocks, dann sind die Leistungen und Grenzen, die Problemlösungskapazität, die Spielräume, die Schranken, Webfehler und Irrwege des untergegangenen Staatssozialismus für die sozialen Träger der kommenden sozialistischen Bewegungen ein lohnendes Studienobjekt. Aber auch zeitgenössische Vertreter anderer Grundströmungen der Moderne (Nationalisten, Konservative, Liberale) können sich selektiv durchaus auf Problemlösungsmuster beziehen, die in der DDR praktiziert wurden und sich dessen bewusst sein.

Doch zurück zum vorliegenden Text. Wenn es sich so verhält, wie der Rezensent meint, dass das Neue an diesem Sammelband darin besteht, dass vornehmlich historisch arbeitende Forscherinnen und Forscher in überaus anregender Weise darlegen, welche Chancen das Bearbeiten von DDR-Themen bietet, dann hat das auch Konsequenzen für die Anlage und den Umfang dieses Reports: es gilt mit dem Mut zur Lücke Positionen der Autoren in angemessener Weise zu präsentieren und zu diskutieren.

Entstehung und Gliederung des Bandes
Der vorliegende Sammelband verdankt seine Entstehen offenbar einer Krisenerfahrung im inner circle und Umfeld der >>Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur<<, zumindest einer erheblichen Diskrepanz: Einerseits ist die DDR nach wie vor Gegenstand anhaltenden öffentlichen Interesses. Zugleich wird andererseits in der und mit Blick auf die mit wissenschaftlichen Ansprüchen betriebene so genannte DDR-Forschung seit Längerem darüber diskutiert, ob sich das Thema DDR für die Forschung nicht erledigt habe, ja die DDR >>ausgeforscht<< sei. Zudem ist eine Beschäftigung mit dem Thema DDR für den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht sonderlich karrierefördernd, sie bietet überdies kaum Etablierungschancen, wie der Aufschrei des Ilko-Sascha Kowalczuk über fehlende Lehrstühle, Felder besetzende und monopolisierende „Platzhirsche“ und „Brotgelehrte“ exemplarisch zeigt (vgl. Freitag, 14.04.2016). Dass die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte als wissenschaftlich nicht eben attraktiv gilt, liegt wohl nicht nur, aber eben auch am Walten der DDR-Aufarbeitungsindustrie. Und hat sich die DDR-Forschung nicht selbst als eine der Fabriken jener Industrie erwiesen? „Mittlerweile hat sich – nicht nur im wissenschaftlichen Bereich – ein insgesamt sehr weitreichender, in sich pluraler und veränderungsfähiger Konsens herausgebildet“, stellt Jürgen Kocka treffend fest. Und weiter: „In dessen Zentrum hat sich ein sehr kritisches Bild von der DDR etabliert, wenn auch in vielen Nuancen“ (Jürgen Kocka, S.131/32).

Gemeinhin wird die DDR als Diktatur gehandelt. „Nur: War sie eine totalitäre Diktatur, eine spättotalitäre, eine autoritäre, eine >Fürsorgediktatur< (Martin Sabrow), eine >moderne Diktatur< (Jürgen Kocka), eine >Weltanschauungsdiktatur< (Lothar Fritze) oder eine >partizipatorische Diktatur< (Mary Fulbrook). Sind solche Charakterisierungen komplementärer oder konkurrierender Natur?“ Diese Frage treibt Eckhard Jesse um (S. 125). Offenbar sind das einander an- wie ausschließende Bestimmungen.

Jene oben skizzierte Diskrepanz zwischen dem anhaltenden Interesse an der DDR in der Öffentlichkeit und dem Abschwung der >>DDR-Forschung<< tangiert keineswegs nur, aber eben auch massiv Auftrag, Selbstverständnis und Arbeitsweise solcher Institutionen wie der >>Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur<<. Daher hat die Bundesstiftung 2014/2015 drei Historiker des >>Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin<< (Dierk Hoffmann; Michael Schwartz und Hermann Wentker) motiviert, eine >>fachlich-subjektive Bilanz der DDR-Forschung<< zu ziehen, Desiderate und Perspektiven künftiger Forschung aufzuzeigen. Unübersehbar spielte dabei auch eine erneute Evaluierung von DDR-Forschung betreibenden Institutionen eine Rolle. (Indes wird ein Hinweis darauf, im Band nicht gefunden.) Der Herausgeber Ulrich Mählert, seit 1998 Leiter der Abteilung Wissenschaft der genannten Bundesstiftung, hat im Nachgang 18 Historiker und Politologen des In- und Auslands gewonnen, sich zur Expertise in Beziehung zu setzen und die Chancen zu diskutieren, die die DDR für künftige Forschungen bietet.

Der Sammelband gliedert sich in drei Teile: Der Herausgeber rückt einführend und für den Rezensenten kenntnisreich und erhellend Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung vor und nach 1989 in den Blick, beleuchtet Akteure und Institutionen sowie ihre unterschiedlichen Interessen an und in dem wissenschaftlichen Feld. Abschließend skizziert er den Entstehungskontext des Bandes (S. 9-21). Daran schließt als zweiter Teil die Expertise von Hoffmann, Schwartz und Schwenker an (Die DDR als Chance. Desiderate und Perspektiven künftiger Forschung, S. (S. 23-70). Es folgen Beiträge von 18 Wissenschaftlern in alphabetischer Folge der Nachnamen (S. 71-213). Ehe ich auf Positionen von Autorinnen und Autoren eingehe, will ich drei meiner Irritationen zumindest benennen.

Was ist aus der Perspektive des Herausgebers und der Diskutanten >>DDR-Forschung<< und was nicht?
Im Lichte des Sammelbandes erscheint dem Leser >>DDR-Forschung<< zunächst als ein weites Feld mit veränderlichen wie zugleich partiell recht eng gezogenen disziplinären Grenzen. Ein beträchtlicher Teil der Autoren des Bandes (keineswegs alle) meint, wenn er von DDR-Forschung spricht, primär und ausschließlich historische bzw. zeitgeschichtliche DDR-Forschung. Das ist insbesondere bei der von einem Trio verfassten Expertise (Die DDR als Chance. Desiderate und Perspektiven künftiger Forschung) der Fall, die zu Recht im Zentrum steht. Bei der Zusammenschau handelt es sich zweifellos um eine beachtliche Leistung, doch außen vor bleibt beim Abstecken des Forschungsstandes wie der Lücken, was Sozialwissenschaftler, Politologen, Soziologen, Kulturwissenschaftler bereits dazu vorgelegt und beigetragen haben. Es ist aus der Perspektive des Trios gleichsam nicht vorhanden. Andere Autoren des Sammelbandes, ausländische wie deutsche, haben indes diesen Tunnelblick nicht.Die zweite Irritation stellt sich ein, wenn man sich fragt:

Wer äußert sich hier und wer nicht?
Dem Rezensenten sind die vielfältigen Tücken und Fallstricke beim Erstellen von Sammelbänden durchaus geläufig. Ich bin mir auch bewusst, dass Netzwerke alles entscheiden. Bei allem erfreulichen und anregenden Pluralismus der Positionen der Autorinnen und Autoren fällt dennoch auf, dass manche Stimme fehlt. Nicht vertreten sind z.B. Autoren vom Forschungsverbund SED-Staat. Dafür lassen sich gute Gründe denken. Schwerer wiegt wohl, dass grundsätzlich auf Beiträge von Personen verzichtet wird, die bereits in der DDR historisch gearbeitet haben und immer noch aktiv sind. Sie werden auch nicht zitiert. Die einzige Ausnahme von dieser Regel findet sich in dem Beitrag von Bernd Faulenbach, der auf eine neuere Arbeit von Günter Benser verweist (S.82). Ausgeblendet wird zudem all das, was im Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur DDR vorgelegt worden ist. Ich vermisse überdies im Band Beiträge von Thomas Ahbe, Wolfgang Engler oder Dietrich Mühlberg, um wenigstens diese Autoren aus dem Osten zu nennen. (Ahbe wird immerhin zitiert). Im Sammelband waltet mithin ein eher zünftiger, eingeschränkter, nicht ohne Ausschlüsse auskommender Pluralismus.

Die DDR-Forschung präsentiert sich im vorliegenden Band als Baum mit wenig Wurzeln in Ostdeutschland
Es fällt auf, dass >>DDR-Forschung<< im Sinne des Sammelbandes, soweit sie in der Bundesrepublik Deutschland betrieben wird, eine Domäne von Personen ist, die in der Alt-Bundesrepublik sozialisiert wurden. Bei den Autorinnen und Autoren wird der Geburtsort nicht angegeben. Dies kann ich verschmerzen. Für wichtiger halte ich die Angaben über Studienorte und –fächer. Und diese Angaben fehlen keineswegs. Zwar leben etliche der Autoren in Ostdeutschland und haben dort Lehrstühle inne. Doch von den insgesamt 22 Autoren des Sammelbandes kommen nur drei aus dem Ausland (Polen, England, USA) und 19 aus Deutschland. Von den deutschen Autoren ist nur ein einziger in der DDR aufgewachsen und sozialisiert worden − Matthias Middel. Was aber bedeutet das? Ist der konstatierte Sachverhalt sozial folgenlos? Ist jene Dominanz eher ein Bonus oder eher ein Malus?

Jeder weiß es, dennoch muss es immer wieder gesagt werden. Die westdeutsche Dominanz ist zunächst Ausdruck einer folgenreichen Überwältigung und erfolgreichen, enteignenden Landnahme im Forschungsfeld. Da nun einmal Stellen nicht beliebig vermehrbar sind und auch nicht mehrfach besetzt werden können, zudem nicht alle Tage Stellen frei werden, haben potentielle Anwärter aus den Osten schlechte Karten. Die Betreffenden wissen das und sind in der Regel frustriert. Weiterhin lässt sich festhalten, dass die Netzwerke der Stiftung nicht sehr weit reichen und ihre Wurzeln nicht allzu tief gründen.

Hat aber die westdeutsche Dominanz in der wie auch immer gefassten DDR-Forschung auch inhaltliche Folgen? Wer dieser Frage nachgeht, findet indirekte Antworten im Sammelband selbst. Im Beitrag von Marie Müller-Zetsche und Ulrich Pfeil (157-164) wird nach dem DDR-Bild im westlichen Ausland gefragt und das Wechselspiel von Selbstbild und Fremdwahrnehmung in den Blick gerückt. Wenn man dieses Wechselspiel von Selbstbild und Fremdwahrnehmung auf das Personal der DDR-Forschung im vereinten Deutschland anwendet, wird deutlich, dass die westdeutsche Dominanz in der DDR-Forschung zumindest ambivalent ist. Der Rezensent verdankt westdeutschen DDR-Forschern, Historikern drüber hinaus Sozialwissenschaftlern, Soziologen, Politologen überaus viel! Doch muss man auch auf die Kehrseite verweisen: natürlich brachten die westdeutschen Forscher ihre subjektiven Gewissheiten, die Lebenslügen ihrer Gesellschaft, ihre Präferenzen, Wahrnehmungen, ihre Hellsichtigkeit wie ihre Verblendungen, zuweilen ihren Chauvinismus, Antisozialismus, partiell Fossile wie Totalitarismus-Theoreme und die auf dem rechten Auge blinde Forschung zum politischen Extremismus mit in den jeweiligen Gegenstand ein.

Nicht alle der aufgeführten Mitgiften finden in dem Sammelband selbst ihren Niederschlag. Aber einige schon. So ist es nicht nur für Bernd Faulenbach eine ausgemachte Sache: „Beide Staaten haben sich – jeder auf seine Weise – mit der NS-Zeit und ihren Verbrechen auseinander-gesetzt; die DDR zunächst scheinbar konsequenter; die Bundesrepublik jedoch letztlich gründlicher“ (S.87). Da dürfte die Frage von Mary Fulbrook (Die fehlende Mitte. Die DDR als postnazistischer Staat, S. 89-98) nach der Bedeutung der NS-Vergangenheit für die DDR, ja für beide deutsche Staaten entschieden produktiver sein als die von Faulenbach zelebrierte teilstaatsbezogene Selbstgefälligkeit. Jesse zeigt sich verschnupft, weil die Unterstützung der Zunft für Totalitarismus-Theoreme erodiert. Sodann konnten ich und meinesgleichen aus den Texten westdeutscher Forscher und Publizisten in den zurückliegenden 25 Jahren erfahren, dass ich im „deutscheren der beiden Staaten“ (S. 87) gelebt habe, aber aus jener polnischen Perspektive, die im Sammelband zu Worte kommt (Krzysztof Ruchniewicz: Wen interessiert noch die Geschichte der SBZ/DDR?) „war die DDR kein `echter` deutscher Staat“ (S.173). Was aber war sie dann? Nun sie war eine „sowjetische Satrapie“, wie der Großhistoriker Hans-Ulrich Wehler befand, wahlweise bevölkert von „Deutsch sprechenden Polen“ (Baring und Gesprächspartner) oder „deutschen `Sowjetmenschen´“ wie Dorothea Wierling als Analyseraster vorschlägt (S. 211), die sich zudem als Pegida-affin (Eckhard Jesse, S.128) erweisen. Hier wird vielleicht exemplarisch, holzschnittartig und in zugespitzter Weise deutlich, wie und welche Mitgiften zuweilen den Blick auf den zu erforschenden Gegenstand DDR verstellen können und verstellt haben.

Allerdings wird die Weise, in der Wehler die DDR in seiner Gesellschaftsgeschichte verhandelt hat in mehreren Beiträgen des Bandes teils explizit sehr kritisch reflektiert (S. 42,43, 90, 149, 193), teils implizit korrigiert. Wird doch in etlichen Beiträgen auf die Notwendigkeit verwiesen, den Grad des sowjetischen Einflusses auf die DDR und die Stellung und Rolle der DDR im Ostblock weiter auszuloten. Nur in dem Beitrag von Katrin Hammerstein und Edgar Wolfrum (S.119) findet Wehler Verständnis für seine Art der Thematisierung der DDR und Fürsprecher.

Erfreulich ist, dass im Sammelband immerhin drei ausländische Autoren zu Wort kommen. Sie sind in der Regel offener, unbefangener, müssen weniger Geßler-Hüte grüßen als ihre deutschen Kollegen und bringen interessante Perspektiven ein. Da hätte man sich noch mehr ausländische Beiträge, etwa aus Frankreich, Italien oder Russland gewünscht. Doch soweit reichen wohl die Netzwerke des Herausgebers und der Stiftung nicht. Die begrenzte ausländische Beteiligung wird indes ein Stück weit dadurch kompensiert, dass DDR-Forscher den Blick nach außen, etwa auf die Beziehungen der DDR zu anderen Staaten richten.

Revue von ausgewählten Positionen im Band
Die Autoren und Autorinnen des Bandes distanzieren sich einhellig von der Vorstellung, die DDR sei ausgeforscht und bekennen sich fast alle zur Überschrift des Bandes, in der Forschungen mit DDR-Bezug als Chance begriffen werden. Aber sie begründen ihre Position in unterschiedlicher Weise. Aus der Sicht des Rezensenten lassen sich für die Zwecke der Rezension zwei Modi relativ und durchaus nicht trennscharf unterscheiden, in denen die DDR als Chance erscheint. Das sind zum einen Bestimmungen, die mehr oder weniger im Banne der Expertise verbleiben (was keineswegs abwertend gemeint ist) und zum anderen Perspektiven, die über die Expertise hinausweisen und die DDR-Forschung als Chance und Impuls zur Beantwortung großer Fragen wahrnehmen. Teils mit diesen Modi, teils quer zu ihnen sind damit auch unterscheidbare Vorstellungen von der DDR-Forschung als Wissenschaft verbunden.

>>Die DDR als Chance<< im Lichte der Expertise
Eine für den Band zentrale (wenn auch keineswegs einzige) Verteidigungs- und Angriffsposition gegenüber der Vorstellung vom Ausgeforscht-Sein besteht im Herausstellen der Dreieinheit von DDR-Geschichte, Zeitgeschichte und Geschichtswissenschaft. Die DDR ist Gegenstand der Zeitgeschichtsforschung und als solche Bestandteil der Geschichtswissenschaft. Man könne nicht sagen, dass ein Thema, Gegenstand jemals vollständig erforscht oder ausgeforscht sei. Aus der zeitgeschichtlichen Grundierung und Fixierung der DDR-Geschichte leiten sich zwei in Nuancen unterschiedene Zurückweisungen der Vorstellung vom Ausgeforscht-Sein ab, für die exemplarisch einerseits Thomas Großpölting und andererseits die Autoren der Expertise stehen.

Großpölting wendet sich gegen die Herauslösung der DDR-Geschichte aus der Dreieinheit. Es sei falsch, die DDR-Forschung in irgendeiner Weise als Subdisziplin, Teilfach oder von der allgemeinen Zeitgeschichtsforschung Separiertes anzusehen. Sie ist vielmehr Teil der Zeitgeschichtsforschung und als solche Teil der Geschichtswissenschaft. „Welche Vorstellung von Geschichtswissenschaft verbindet sich eigentlich mit der Aussage vom >>Ausgeforscht<<-Sein? Vielleicht die vom leergefischten Karpfenteich…?“ ( Großpölting, S. 99/100). Die DDR, so argumentiert er weiter, „ist Gegenstand der allgemeinen Zeitgeschichtsforschung und als solcher mit all den Chancen, Problemen und Diskussionen behaftet wie jedes anderer Thema auch. Anregende geschichtswissenschaftliche Forschung entsteht nicht aus der Koloration >>weißer Flecken<<“, sondern aus „intelligenten Fragen an die Geschichte…, die methodisch kontrolliert in der Auseinandersetzung mit den Quellen… beantwortet werden“ (S.100).

Eine etwas andere Argumentation als Großpölting verfolgen die Autoren der Expertise (Die DDR als Chance. Desiderate und Perspektiven künftiger Forschung, S. 23-70), die ebenfalls die DDR-Geschichte in der Zeitgeschichte verorten. Sie stellen nämlich eine Fülle von Forschungslücken in sechs Dimensionen recht detailliert heraus, um den Nachweis zu erbringen, vom Ausgeforscht-Sein könne keine Rede sein.

Die Entwicklung der Geschichtswissenschaft, so Dierk Hoffmann, Michael Schwarz und Hermann Wentker, erfolge dadurch, dass immer wieder neue, aber auch alte Fragen erneut an einen historischen Gegenstand gestellt werden. Speziell im Fall der DDR-Geschichte sind es auch neue Quellen, die zeithistorische Forschungen nicht nur möglich, sondern auch nötig machen. Zudem endet 2020 die 30-Jahresfrist für das Archivgut der Alt-Bundesrepublik, wodurch auch für die DDR-bezogenen Forschungen sich neue Perspektiven eröffnen.

Forschungslücken skizzieren sie mit Blick a) auf die „DDR als eigenes Forschungsfeld“; b) die „Deutsch-deutsche Wahrnehmungs- und Verflechtungsgeschichte“; c) „Die DDR und das sowjetisch beherrschte Osteuropa“; d) „Die DDR im historischen Längsschnitt“; e) „Transformationsforschung: vom Niedergang der DDR zum vereinigten Deutschland“; f) „DDR-Geschichte ernst nehmen: Intensivierung von Forschung und Vermittlung“.

Eine Reihe von Beiträgen des Bandes greift Bestimmungen und Orientierungen der Expertise produktiv-kritisch auf, gestaltet sie aus und entwickelt sie eigenständig weiter. Davon handelt der nächste Abschnitt. Mehrere Autorinnen und Autoren, so auch Mary Fulbrook, Andrew I. Port, Dorothee Wierling, reiben sich indes an der additiven, „buchhalterisch“ anmutenden Auflistung von Desiderata. Sie vermissen eher, dass das Autorentrio keine fesselnden Fragen zu formulieren vermochte. Diese Autorinnen und Autoren sowie Jürgen Kocka, Matthias Middel und Martin Sabrow setzen sich nach Auffassung des Rezensenten von den in der Expertise aufgezeichneten Bahnen ab und stellen Chancen für die DDR-Forschung heraus, die sich aus der Diskussion und Erforschung >>großer Themen<< oder/ und der Konstituierung der >>DDR-Historie als Wissenschaft<< ergeben.

>>Die DDR als Chance<< im Horizont der von der Expertise abgesteckten Bahnen
Aus der Sicht des Rezensenten gehören hierzu der Text von Bernd Faulenbach (Tendenzen, Verflechtungen und Kontexte der SED-Diktatur. Wieso die DDR-Geschichte ein bedeutsames Thema bleibt) (S. 79-88), der sich auf mehrere Schwerpunkte der Expertise bezieht.

Mit Blick auf den in der Expertise enthaltenen Schwerpunkt „Deutsch-deutsche Wahrnehmungs- und Verflechtungsgeschichte“ schlägt Arndt Bauernkämpfer vor, die beiderseitige „Verflechtung in der Abgrenzung“ der deutschen Staaten zu untersuchen (S.71-78). Diese Orientierung erscheint mir ebenso sinnvoll wie die von Hammerstein und Wolfrum. Letztere plädieren dafür, nicht nur die Beziehungen der beiden deutschen Staaten oder die zu sozialistischen Ländern in den Blick zu nehmen, sondern auch zu Ländern und Institutionen des Westens, darunter Österreich (S. 111). Manchen Forschern und Lesern mag es vielleicht den Atem verschlagen, wenn Hammerstein und Wolfrum zugestehen: „Auch dem Westen zuzurechnende Länder hatten ein – nicht zwingend negatives – Bild von der DDR“ (S. 111).

Müller-Zetzsche und Pfeil lösen die Intention von Hammerstein und Wolfrum partiell ein, indem sie vom DDR-Bild im westlichen Ausland handeln (S. 157-164). Sie gehen zwar von einer ziemlich orthodoxen und mainstream-förmigen Frage aus (Wie konnte es der DDR gelingen, dass sich im westlichen Ausland das Bild einer florierenden Wirtschaftsmacht unter kommunistischer Ägide festsetzte?), skizzieren die Auslandsarbeit der DDR und die Empfangsbedingungen im Westen. Sie kommen zu dem Schluss, dass die näheren und ferneren Nachbarn die DDR im Lichte ihrer jeweiligen Deutschlandbilder wahrnahmen und schon im 19. Jahrhundert auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“ waren. Nach 1945 verband sich diese Suche zumindest phasenweise und partiell mit der DDR. Hier konnte die Auslandsarbeit der DDR erfolgreich andocken.

Dem Schwerpunkt „Die DDR und das sowjetisch beherrschte Osteuropa“ der Expertise lässt sich der eher schwache, weil an der DDR desinteressierte Beitrag aus Polen (S. 173-180) zuordnen. Das thematisierte doppelte Desinteresse – des Autors wie polnischer Historiker Volkspolens und im zeitgenössischen Polen an der DDR-Geschichte − ist die eigentliche und dann doch wieder interessante Botschaft. Dagegen ist der von Stefan Troebst vorgelegte Text recht informativ und anregend (Die DDR im balkanischen Spiegel, S. 199-204). Aus dem hintersinnigen Beitrag von Troebst erfährt der interessierte Leser beispielsweise nebenbei, dass das Interesse an der Geschichte der SBZ und der DDR in Polen wohl doch nicht so gering ist, wie der im Sammelband vertretene polnische Autor Ruchniewicz (Wen interessiert noch die Geschichte der SBZ/DDR?) meint. Trobest verweist auf das 2014 in Oppeln erschienene und von Piotr Pa³ys vorgelegte „voluminöse Standardwerk zur Politik Moskaus, Belgrads, Warschaus und Prags in der Sorbischen Frage während der zweiten Hälfte der 1940er Jahre“ (S.204). Da die Sorben, so füge ich hinzu, auf dem Territorium der SBZ und späteren DDR lebten und es deutschen wie sorbischen Akteuren schließlich durch weitreichendes Entgegenkommen gelang, die separatistischen Bestrebungen unter den Sorben wie die Anschlussbegehrlichkeiten der Nachbarländer zu neutralisieren, ist sorbische Geschichte jener Zeit immer auch SBZ-und DDR-Geschichte.

Auf die „Die DDR im historischen Längsschnitt“ und die „Nachgeschichte“ der DDR beziehen sich im Rahmen der zeitgeschichtlichen Fixierung u.a. Hammerstein und Wolfrum. Sie sind, wie bereits erwähnt, die einzigen Autoren des Bandes, die sich explizit zu Wehlers Nicht-Blick auf die DDR bekennen (S. 119). Daher ist es nur konsequent, wenn sie zu bedenken geben: “Noch muss sich erweisen, ob es der DDR-Geschichte gelingt, langfristig als integraler Teil der gesamtdeutschen Nationalgeschichte wahrgenommen zu werden. Vielleicht wird sie in Zukunft aber auch vorrangig als eine Art >ostdeutsche Regionalgeschichte< gelten… In jedem Fall sollte sie als einer der fünf zeitgeschichtlichen Bereiche der deutschen Historie (Weimar, NS-Zeit, Bundesrepublik, DDR, Berliner Republik) der geschichtswissenschaftlichen Forschung erhalten bleiben“ (S.118 f).

Für überaus produktiv halte ich indes ihren Vorschlag, die „Nachgeschichte“ der DDR (bei den Autoren ist natürlich von der „Nachgeschichte der SED-Diktatur“ die Rede) in den Blick zu nehmen. Denn mit dem Untergang der DDR als Staat, Gesellschaft und System hat sich das Thema DDR für kollektive individuelle Akteure in Politik, Wissenschaften, Medien, in der Gesellschaft nicht erledigt. Wenn ich diesen Gedanken der Autoren hervorhebe, sehe ich auch Aspekte, die in dem Aufsatz selbst nicht vorkommen.

Wie leistungsfähig ist ein Fach, wenn es so viele Forschungslücken gibt, wie in der Expertise dargelegt, fragt Eckhard Jesse und problematisiert die Fixierung der DDR-Forschung auf die Zeitgeschichte. Er fordert eine Stärkung der politikwissenschaftlichen DDR-Forschung und ihre politologische Grundierung ein (vgl. S. 123). Für sich genommen, ist dagegen nichts einzuwenden, wenn er insistiert: „Die Politikwissenschaft muss auf den Ergebnissen der zeitgeschichtlichen Forschung fußen – und diese die Herausforderungen der politikwissenschaftlichen Interpretationen annehmen“ (128). Für Jesse aber stellt sich die zeitgeschichtliche Fixierung offenbar als eine Art Betriebsunfall dar, weil zeitgeschichtlichen Studien für seinen Geschmack nicht selten zur Relativierung und Verwässerung der rechten Maßstäbe beitragen. Denn es liegt auf der Hand, dass etwa zwischen der Charakteristik der DDR als „totalitärer“ und „partizipatorischer Diktatur“ Welten liegen. Deshalb ist er auch unglücklich über die in der Expertise des Trios (Die DDR als Chance. Desiderate und Perspektiven künftiger Forschung) erfolgte Absage an Totalitarismus-Theoreme (S. 56), für die wie kein anderer im heutigen Deutschland Jesse einsteht (vgl. S.124). Der Rezensent hätte insbesondere von Jesse gerne erfahren, ob und wie die generelle Veränderung demokratischer Systeme, die der Politikwissenschaftler Colin Crouch mit dem Terminus >>Postdemokratie<< auf den Begriff gebracht hat, Jesses mit wissenschaftlichem Anspruch verfolgtes Programm und seine außerwissenschaftliche Normative tangiert.

Die >>DDR als Chance<< zur Bearbeitung großer Themen und Fragen, die den in der Expertise abgesteckten Horizont überschreiten

Mary Fulbrook
: Annäherung an die DDR-Geschichte mittels des analytischen Konstrukts der „Normalisierung“ und Plädoyer für Erkundungen der Art und Weise, wie die NS-Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland fortbestand
In ihrem Beitrag (Die fehlende Mitte. Die DDR als postnazistischer Staat, S. 89-97) wendet sie sich zunächst gegen eine Fehlinterpretation der Autoren der Expertise, die sich auf das von Fulbrook eingebrachte analytische Konstrukt der >>Normalisierung<< bezieht und darauf gründende Deutungen der DDR. Was es mit dem Konzept Normalisierung wirklich auf sich hat, erfährt der Leser auf den S. 90-92. Die Pauschalität, mit der Fulbrook in der Expertise kritisiert werde, lasse Fulbrook vermuten, dass die Autoren der Expertise wohl nur die Überschrift eines ihrer Bücher gelesen hätten. In einer Fußnote verweist sie überdies auf den immerhin Aufmerksamkeit verdienenden Sachverhalt, dass Übersetzer und Verlag der deutschen Ausgabe nicht bereit waren, den Haupttitel der deutschen Ausgabe (Ein ganz normales Leben: Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008) wie von ihr vorgeschlagen mit Anführungs- oder Fragezeichen zu versehen. Die Anmerkung zeigt eines: aus welchen Gründen auch immer (und seien es nur Marketing-Erwägungen) führen einmal in die Welt gesetzte Positionen ein Eigenleben. Sie werden in der je eigenen Vorstellungswelt von Rezipienten (hier Übersetzer und Verlag) eingeschmolzen und umgeschmolzen.

Fulbrook hebt weiterhin eine eklatante Lücke in der präsentierten Liste der Forschungsdesiderate hervor, eine Lücke, auf die m.E. ausländische Forscher und Forscher aus Minderheiten der deutschen Gesellschaft selbst eher stoßen als DDR-Forscher westdeutscher Herkunft. Gemeint ist die Art und Weise, wie die NS-Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland in beiden Deutschländern fortbestand. Von „Tätergesellschaften“ (S. 94, Plural) ist die Rede. Da aber im Fokus des Sammelbandes nun mal die DDR steht, legt die Autorin den Akzent auf das Gewinnen eines adäquaten Verständnisses von der >>DDR als postnazistische[r] Gesellschaft<<. Fulbrook bringt eine Reihe von Gesichtspunkten ein, um sich diesem Thema wissenschaftlich anzunähern. Aus der Sicht des Rezensenten ist dieser Vorschlag plausibel und tragfähig.

Andrew Ian Port: Für eine Einbettung der Geschichte und Historiographie der DDR in zentrale historische und geschichtswissenschaftliche Themenstellungen des 20. Jahrhunderts
Port beginnt seinen Beitrag (S. 165-171) mit dem bemerkenswerten Satz: „Man kann es ihr eher zugutehalten, als es ihr übel nehmen – die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik ist einfach nicht so sexy wie die des Dritten Reiches“ (S.165). Er relativiert diese Aussage mit den nächsten Satz, wenn er meint, sie habe aufgehört für die Öffentlichkeit und die Zunft der Historiker, sexy zu sein, als der Hype der Enthüllungen vorüber war. Ich frage mich, ob Port damit eher allgemeine, universelle oder eher recht spezielle Präferenzen und Rezeptionshaltungen im angloamerikanischen Raum beschreibt.
Ungeachtet der Unsicherheit des Rezensenten in dieser Hinsicht, wirft Port einige Fragen auf, die Impulse der Expertise aufgreifen, aber entschieden weiter treiben und zuspitzen.
Er plädiert dafür, den Blick auf Kontinuitäten, die über das Jahr 1945 hinaus reichen zu richten sowie auf Vergleiche zwischen Entwicklungen in der DDR und der Alt-Bundesrepublik sowie in anderen Staaten innerhalb wie außerhalb Europas. Zu den von Port aufgeworfenen Fragen gehören:
„Wie erklärt man die bemerkenswerte Stabilität der beiden deutschen Staaten, die auf die blutige Katastrophe des Dritten Reiches folgten?“ (S.168).
„Zweifellos sind die beiden Nachkriegsstaaten ein wissenschaftlich bemerkenswertes >Versuchslabor<, um komplementär zu untersuchen, wie der kapitalistische Westen und der kommunistische Osten auf die Herausforderungen reagierten, mit denen alle modernen, industrialisierten Gesellschaften des 20. Jahrhunderts konfrontiert waren“ (S.168).
Port hält es für an der Zeit „angesichts unserer Erkenntnisse über die vielfältigen Einwirkungsmöglichkeiten der ostdeutschen Basis auf die internen Entwicklungen ihres Landes“ die Bilder von der DDR-Diktatur anzureichern (vgl. S.169).

Und schließlich: „Woraus speiste sich die Strahlkraft des >>Westens<<, der meistens sogar von jenen als >>überlegen<< angesehen wurde, die zwar unter dem Kapitalismus lebten, aber am wenigsten davon profitierten und am meisten unter der dort vorherrschenden sozioökonomischen Ungleichheit oder gar unter dem – in manchen Ländern – institutionalisierten Rassismus und Sexismus litten?“ (S171). Port sucht die Antwort in zwei Richtungen. Dem Westen gelang es besser als dem Osten begehrte und notwendige Güter bereit zu stellen. „Aber es könnte auch sein, dass sich der Westen einfach besser verkaufen konnte. Falls ja, warum?“ (171).

An Fragen wie diesen wird deutlich, dass ausländische Forscher weniger geneigt sind, den eingefahrenen Geleisen der wissenschaftlichen wie außerwissenschaftlichen Normative der bundesdeutschen DDR-Forschung zu folgen.

Jürgen Kocka: Für eine transregionale und -nationale Ausweitung des Bezugsrahmens, in dem DDR-Geschichte betrieben wird
Kocka (S. 131-137) sieht die Zukunft der DDR-Forschung in Grenzüberschreitungen. Er fragt in seinem Text, ob sich der Rückgang des Interesses (der Forscherinnen und Forscher) an der DDR-Geschichte auch durch die Verknappung bewegender Fragestellungen erklären ließe. Dabei hat er wissenschaftliche Fragestellungen im Blick, nicht aber solche, „…der politischen Pädagogik oder Polemik, … wie in der unproduktiven Auseinandersetzung um den >Unrechtsstaat<…“ (S. 132). Dazu habe Böckenförde in der FAZ vom 12.05.2015, S.9 das Nötige gesagt. An tragfähigen wissenschaftlichen Fragestellungen fehle es nicht. Gemeint sind vor allem grenzüberschreitende Fragen und Themen, in die der Fall DDR, eingebettet wird. In dieser Hinsicht beispielhaft sei etwa das Querschnittsprojekt >Verflochtene Umbrüche. Ost-und Westeuropa seit den 1970 Jahren<< des Potsdamer Zentrums für zeithistorische Forschung.

Es gehe es um große Herausforderungen der Zeit, die nicht nur die beiden deutschen Gesellschaften, sondern mehr oder weniger alle ökonomisch entwickelten Länder des globalen Nordens betrafen (und betreffen) und teils ähnlich, teils unterschiedlich angegangen wurden. Eine übergreifende Gemeinsamkeit lag in der Fixierung der Politik auf wirtschaftliches Wachstum im Westen wie im Realsozialismus, an der die Länder des Westens ja nach dem Untergang ihres Gegenspielers wie auch die postsozialistischen Gesellschaften weiterhin trotz der Kosten und bewusst gewordenen Grenzen des Wachstums festhalten. Kocka nennt eine Reihe weiterer übergreifender großer Themen der Gegenwart und Zukunft, – die beschleunigte Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und Arbeitsverhältnisse, den demografischen Wandel, die Digitalisierung, die Medialisierung und Medienwandel, die wachsende ökonomische und soziale Ungleichheit seit den 1970er Jahren und das Scheitern nahezu aller Versuche, tragfähige politische Antworten auf diese mehr als problematische Entwicklung zu finden.
Das alles trifft zu. Nur: Kocka lässt offen, welche Fragen sich daraus für historische Forschungen unter Einbeziehung des Falles DDR seiner Meinung nach ableiten.

Für den Rezensenten vorstellbar ist Verschiedenes. Nehmen wir die wachsende ökonomische und soziale Ungleichheit in Deutschland, in Europa und in der Welt und die zunehmende Kritik an ihr. Führt die Wiederkehr der sozialen Frage (sie war ja nie von der Agenda verschwunden) zu einer Verschiebung im Ensemble der ideologischen Grundströmungen der Moderne (Nationalismus, Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus) und wenn ja, in welchen Regionen zugunsten welcher der Strömungen? Führt die wachsende soziale Ungleichheit zu einer Renaissance sozialistischer Bewegungen, zu einer sozialistischen Neo-Ideologie und/oder zu einer Neubewertung der Versuche im Ostblock, darunter in der DDR, die soziale Frage zu lösen? Welcher Art waren die bisherigen Versuche in westlichen Gesellschaften seit den 1970er Jahren, Antworten auf die wachsende soziale Ungleichheit zu finden bzw. mit ihr umzugehen und warum sind sie nahezu überall gescheitert? Dies sind Fragen, die sich etwa der Rezensent stellt. Aber was schwebt dem Autor Kocka selbst vor?

Kocka erinnert zu Recht daran, dass die DDR wie die anderen staatssozialistischen Länder für das Projekt einer nichtkapitalistischen und antikapitalistischen, am Ende im globalen Wettbewerb scheiternde >anderen Moderne< standen (vgl. S. 136). Die DDR war zudem der „Versuch, dieses alternative Modell in einem zwar durch vorangehende Katastrophen und fortdauernde Fremdherrschaft beeinträchtigten, aber ökonomisch, sozial, kulturell wie wissenschaftlich höchst modernen Land zu verwirklichen. Dadurch unterschied sich die DDR von den meisten anderen staatssozialistisch-kommunistischen Ländern jener Jahrzehnte“ (S. 137). Deshalb seien Befunde aus der DDR-Geschichte von „allergrößter Bedeutung“. Was folgt daraus aber für die Forschung? Ist damit gemeint, was zu Beginn dieser Buchbesprechung dargelegt wurde, dass die DDR dem Idealtypus Realsozialismus am nächsten stand, ihn „reiner“, besser als andere verkörpert hat und daher am Fall DDR die Leistungen und Grenzen des realen Sozialismus exemplarisch hervortreten? Oder/und geht es Kocka darum, aus dem Entwicklungsgefälle im Ostblock resultierende zusätzliche Spanungslinien, Konflikte und die Arten ihrer Austragung auszuloten? Oder/und legt er nahe, in transnationaler Perspektive zu erkunden, ob, wie und in welcher Weise das Scheitern des Projekts einer nichtkapitalistischen, antikapitalistischen, anderen Moderne die Suche nach Alternativen zum gewöhnlichen Kapitalismus still stellt bzw. einfärbt?

Kockas Orientierung, die Zukunft der DDR-Forschung in Grenzüberschreitungen zu suchen, halte ich für richtig, anregend. Aber für meine Begriffe lässt der Autor zu viel offen, wohin denn die Reise gehen soll.

Dorothee Wierling: Die DDR − als Fall-Geschichte betrieben −verspricht ein besseres Verständnis der Mechanismen zwischen Individuum, Gesellschaft und Staat in der Moderne
Dorothee Wierling (Die DDR als Fallgeschichte, S. 205-213) verfolgt eine ähnliche Intention wie Jürgen Kocka in seinem Beitrag. Auch ihr geht es darum, die DDR in größere historische Zusammenhänge zu stellen und so dazu beizutragen, diese neu auszuleuchten. Im Unterschied zu Kocka und auch zu den Autoren der Expertise betont Wierling stärker die Potenziale auf dem Gebiet der Sozial-, Kultur- und Erfahrungsgeschichte.

„Mein Ausgangspunkt ist, dass die DDR-Geschichte langfristig nur dann eine >>Chance<< bekommt, wenn sie Neugier auch bei denen weckt, die sich eigentlich nicht (mehr) für sie interessieren. Diese Forscherinnen und Forscher müssen in ihr das Potenzial einer Fallgeschichte entdecken, die über sich selbst hinausweist“ (S.206).

Diese Erwägung teilt der Rezensent natürlich. Was aber, wenn Forscherinnen und Forscher die DDR gar nicht mehr auf ihrem Schirm haben, wenn sie die Chance, in der DDR das Potenzial für das Bearbeiten übergreifender wissenschaftlicher Fragestellungen zu entdecken, gar nicht ergreifen können, weil die DDR völlig jenseits ihres Horizonts liegt? Blockierungen dieser Art können wohl nur fallen bei einem Rahmenwechsel, einer Veränderung des gesellschaftlichen und politischen Klimas – etwa durch das Entstehen neuer sozialer Bewegungen, für die Bezüge auf die DDR-Geschichte, in welcher Weise auch immer, eine Rolle spielen.

Welche Felder und Fragen, für die die DDR als Fall stehen könnte, rückt nun Dorothee Wierling in den Blick? Es sind drei Themen, die durchaus mit denen der Expertise kompatibel sind, aber deren Horizont überschreiten.

Wierling fragt erstens nach dem Stellenwert der DDR in der deutschen Geschichte des gesamten 20. Jahrhunderts, zudem danach, wie sich DDR-Geschichte aus der deutschen Vorgeschichte herleite und welchen Beitrag die DDR zur Geschichte des „deutschen“ 20. Jahrhundert liefere (vgl. S.207).

Die DDR werde häufig als Diktatur thematisiert, wenn es um ihre Einordung in die Geschichte des 20. Jahrhunderts gehe. Daher werde dann auf Vergleiche mit der NS-Herrschaft Wert gelegt. „Ich selbst“, so Wierling, „halte den Vergleich für sehr viel weniger produktiv als die Frage nach erfahrenen Kontinuitäten oder Brüchen. Zum Vergleich bieten sich eher die beiden Nachkriegsstaaten als postfaschistische Gesellschaften an“ (S.208). Unter Bezug auf eigene Arbeiten bzw. Arbeiten, an denen sie mitgewirkt hat, führt Wierling in der Sache aus, dass die DDR Grunderfahrungen, existenzielle Nöte (soziale Unsicherheit) und Hoffnungen(auf sozialen Aufstieg) proletarischer wie halbproletarischer Schichten aus der Zeit der „Vorgeschichte“ der späteren beiden Deutschländer aufgegriffen und zeitbedingte Lösungen praktiziert habe. Die DDR war auf die Gewährleistung sozialer Sicherheit programmiert und deren Ausbau. Zeitweilig war sie zudem eine der dynamischsten Gesellschaften Europas als Gesellschaft mit der größten Aufwärtsmobilität, ehe dann Mechanismen der sozialen Schließung griffen. Wierling sagt das nicht so, führt aber an diese historischen Sachverhalte heran. (Nur am Rande sei vermerkt: wenn wir uns einer Geschichte des Gegenwärtigen zuwenden, dass der globalisierte Kapitalismus weltweit, so auch in Deutschland, für viele Millionen (das so genannte Prekariat) keine soziale Sicherheit bieten kann und das aus der Perspektive der sozialen Träger des globalisierten Kapitalismus auch gar nicht vorgesehen ist.)

Zweitens fragt Wierling danach, inwieweit das staatssozialistische System als solches und mit Blick auf die DDR eine spezifische gesellschaftliche mentale Verfassung ausbildete und in welcher Weise dabei mentale Prägungen aus den jeweiligen Vorgeschichten dieser Länder jeweils aufgegriffen, umgeformt, verstärkt oder aber ausgeschlagen wurden. Auch das ist eine durchaus spannende Frage.

Sie meint: „Die DDR mit ihrer einzigartigen Überlagerung von langer nationaler Vorgeschichte, nationalsozialistischer Diktatur und staatssozialistischer politischer Kultur gäbe eine wunderbare Fallgeschichte für die Frage ab, in welchem Ausmaß und in welcher Weise der Staatsozialismus Lebensstile, mentale Dispositionen, Alltagskultur…“ (S.209) beeinflusst habe. Wierling ist weiterhin der Auffassung, dass der Staatsozialismus im Allgemeinen und so auch in der DDR im Besonderen einen bestimmten sozialen Typus ausgebildet habe. (Im Unterbewusstsein der Forscherin mag das Konstrukt vom >>Homo sovieticus<< eine Rolle gespielt haben.) „Bis heute fehlt ein systematischer Vergleich, welche Auswirkungen die spezifischen Vorgeschichten der staatssozialistischen Länder auf die konkrete Auswirkung dieses Typs hatten“ (S.210). Die Annahme von der Existenz eines solchen sozialen Typs verleitet Wierling zu dem Vorschlag, die „ehemaligen DDR-Bürger als deutsche >>Sowjetmenschen<< zu untersuchen“ (S.211).

Diesen Einfall halte ich für keine tragfähige Idee. Ich will gar nicht erst mit dem läppischen und wissenschaftlich nicht relevanten Einwand kommen, dass ich und meinesgleichen mich zu DDR-Zeiten niemals so wahrgenommen haben, sondern eher darauf verweisen, dass die DDR von ihren Anfängen bis zu ihrem Untergang stets eine politisch, sozial, weltanschaulich und kulturell differenzierte Gesellschaft war. Ferner ist zu bedenken, dass ein beträchtlicher Teil der tatsächlich wie auch nur vermeintlich empirisch nachweisbaren sozialen Prägungen, die mit dem Staatssozialismus in den Farben der DDR verbunden werden, den >>Rahmen DDR<< zur Voraussetzung hatten und mit dem >>Rahmenwechsel<< seit 1989/1990 in Gegensatz zu den äußeren Verhältnissen gerieten, von ihnen nicht mehr bestätigt und getragen wurden, mithin gleichsam verdampften. Daher halte ich es für eine viel spannendere Frage, was denn in sozio-kultureller Hinsicht von der DDR geblieben ist, voraussichtlich auf Dauer? (Diese Frage stellt sich natürlich auch mit Blick auf die anderen Ländern des einstigen Ostblocks.)

Offenbar zielt das dritte von Wierling vorgeschlagene Thema zumindest partiell in diese Richtung:

„Inwieweit stellte die DDR eine >>moderne Gesellschaft<< dar und welchen Platz nahm sie im Gesamtprojekt der Moderne ein? Welche Auswirkungen hatte dies auf das vereinte Deutschland in Europa? Mit diesen Fragen setze ich voraus, dass die DDR tatsächlich eine der vielen Antworten auf die Herausforderungen des Projekts der Moderne darstellt“ (S.211). Dies trifft zweifellos zu. Nur ist die Forscherin bei der Entwicklung ihrer Position, so scheint es mir, eher vorsichtig und geht für meine Begriffe etwas taktierend vor. Zwar deutet sie in der Sache und am Beispiel der Kita-Politik in Gesamtdeutschland an, dass die DDR nicht nur Modernisierungsdefizite hatte, sondern auf einigen Feldern >>moderner<< als die Alt-Bundesrepublik war. Aber die im Diskurs befindlichen Termini wie >>Modernisierungsvorsprung<< oder >>Gleichstellungsvorsprung<< bei den Frauen (Rainer Geißler) selbst fallen nicht. Kennt Wierling sie nicht oder hält sie ihren Einsatz nur nicht für opportun oder teilt sie die Position nicht?

Alles in allem gehört der Beitrag von Wierling zu den interessantesten und anregendsten des ganzen Bandes.

Matthias Middel über die DDR in globalgeschichtlicher Perspektive und Facetten ihrer weltgeschichtlichen Relevanz im 20. Jahrhundert
Middel geht in seinem Beitrag (S. 149-156) von „Wehlers übler Nachrede“ (Die DDR als Fußnote) aus und hebt darauf ab, dass „die Forschung den Platz der DDR in der Weltgeschichte noch nicht vermessen hat. Diese Feststellung zieht unweigerlich die Frage nach sich, was die DDR denn überhaupt mit dieser zu tun hat“ (S.149). Middel erhebt nicht den Anspruch, den Platz der DDR in der Weltgeschichte schlechthin auszuloten, wohl aber bislang einige unterbelichtete Aspekte. Der Rezensent verhehlt nicht, dass er diesen Beitrag mit besonderem Gewinn gelesen hat und höchst anregend findet.

Im Unterschied zu anderen Beiträgen des Bandes, in denen die DDR als Spielfeld globaler Entwicklungen erscheint, die sich weder von Staats- noch Systemgrenzen aufhalten ließen bzw. in denen nach der Art oder dem Grad der Teilhabe der DDR an solchen Prozessen gefragt wird, rückt Middel in den Blick, dass nämlich die DDR eingetaktet war in alternative Formen globaler Integration, in die so genannte rote Globalisierung. Damit sind etwa gemeint: Integrationsanstrengungen des RGW, das Bemühen eine gemeinsame transnationale Infrastruktur im Energiebereich aufzubauen, sodann die Präsenz ausländischer Studenten an den Hochschulen des Ostblocks, die Weltfestspiele. Diese Beispiele zeigten, dass transnationale Verbindungen für eine Geschichte des Staatssozialismus kaum weniger bedeutend sind als für die des Westens.

Viele dieser transnationalen Verflechtungen aus der roten Globalisierung, daraus erwachsene Kompetenzen und Verbindungen, wirken bis in die Gegenwart fort. Auch das heutige Deutschland zehre u.a. von den transnationalen Verbindungen, die die DDR mit in die Einheit einbrachte.

Die Erforschung der DDR in ihren transnationalen und globalen Bezügen sei überdies schon aus forschungspragmatischen Gründen angezeigt. Denn die Archive der DDR stehen viel weiter offen als die der meisten anderen Gesellschaften dieser Erde. Insofern bietet die DDR-Überlieferung zumindest zeitweilig günstige Zugänge und Öffner für die Untersuchung von Globalisierungsprozessen schlechthin. Denn: „Anhand der DDR-Überlieferung lassen sich nicht nur über die östliche Globalisierung, sondern auch über ihre westlichen und südlichen Pendants Dinge in Erfahrung bringen, auf die Forscher andernorts noch länger warten müssen“ (S.151).

Die Erforschung der „roten Globalisierung“ ist zudem von einiger Bedeutung für die theoretische Diskussion innerhalb der Globalgeschichte. Globalisierung sei nicht mehr im Singular, sondern im Plural zu denken. „Eine Globalgeschichte hätte mithin nicht die Geschichte einer Globalisierung zum Gegenstand, sondern den Wettbewerb konkurrierender Globalisierungsprojekte.“ (S.152).

Ein stärkerer Fokus auf die verschiedenen Globalisierungen würde zudem deutlich machen, dass die aktuellen globalen Prozesse „keineswegs zwingend mit einer stetigen und unaufhaltsamen Zunahme transnationaler Flüsse von Menschen, Gütern, Waren, Kapital einhergehen“ (S.153). Diese Vorstellung sei ein teleologisches Konzept und könne unter Umständen nur mit „dem Kunstgriff sogenannter Deglobalisierungsphasen vor dem Kollaps gerettet werden“ (S.153). Zugleich verweise die Untersuchung der roten Globalisierung auf ein Allgemeines: bei Globalisierungsprojekten jeglicher Art gehe es nicht um eine ungehemmte Freigabe transnationaler Flüsse, Grenzüberschreitungen, sondern immer auch um Bemühungen, diese zu kontrollieren, zu kanalisieren.

Die DDR zwar war nur ein relativ kleiner Faktor im Rahmen sozialistischer Globalisierungen, aber keine zu vernachlässigende Größe. Zumal die einzelnen realsozialistischen Länder durchaus arbeitsteilig in der so genannten Dritten Welt operierten. Überdies „stand die ostdeutsche Globalisierung in einer Kontinuität deutschen geopolitischen Denkens und verband diese mit den internationalistischen kulturellen Traditionen innerhalb der Arbeiterbewegung. Die Geschichte des ostdeutschen Beitrages zur >roten Globalisierung< wäre somit auch in den Rahmen einer längeren Geschichte deutscher Auseinandersetzung mit der Welt sowie insbesondere in die Tradition der internationalen Arbeiterbewegung seit dem späten 19. Jahrhundert zu stellen“ (S. 155).

Martin Sabrow: Die DDR 25 Jahre danach: Hoffnung auf Historisierung (S. 181-188)
Sabrow stößt sich weniger an der zeitgeschichtlichen Verankerung der DDR-Geschichte (wie etwa Jesse) als an ihrer in der DDR wie im vereinten Deutschland bislang gegebenen übermäßigen „Bindung an geschichtspolitische Gegenwartsinteressen“ und an der „Verwischung der substanziellen Unterschiede zwischen engagierter Aufarbeitung und fachlicher Distanz“.

Nunmehr sei die Zeit gekommen oder günstiger als ehedem, die Forderung einzulösen, dass (DDR-)Historie Wissenschaft sei und auf historischen Erkenntnisgewinn programmiert werde. Auch DDR- bezogene Zeitgeschichtsforschung könne und müsse sich in ihrer „Dignität als unabhängige und metareflexive Klärungsinstanz“ erweisen.

Sabrow geht von Nietzsches berühmten wie hellsichtigen Aufsatz >>Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben<< aus und erkennt mit Blick auf die DDR drei Arten interessengeleiteter Geschichtsschreibung, deren Erkenntniswert er allesamt gering veranschlagt. Die monumentalische Historiographie der DDR sei mit dieser untergegangen. Ihre auf „eifernde Delegitimierung zielende Gegenversion einer kritischen Geschichtsschreibung“ hatte ihre Hochzeit ab 1990, erwies sich aber im Zeitverlauf als „wissenschaftlich weitgehend steril“ (S.181). „Eine antiquarische Geschichtsschreibung zur DDR hingegen… wird im Stile einer ostdeutschen Landesgeschichte gewiss auch weiterhin ihr Interesse finden…“ und gegenüber fortgesetzten Vorwürfen einer Verinselung und Selbstbezogenheit „unempfindlich bleiben“. (S.181).

Sabrow fragt dann: „Was aber kann über dieses drei interessegeleiteten Formen historiografischen Arbeitens hinaus…“, im Hinblick auf die DDR-Vergangenheit noch geleistet werden? In seiner Antwort bricht Sabrow nun mit Nietzsche, dem er doch (wie auch der Rezensent) bei der Bestimmung und Beschreibung der drei hauptsächlichen Arten der Geschichtsschreibung bis hierhin gefolgt ist. Sabrow hält an der Forderung fest, dass die Historie Wissenschaft sein soll und sich um Objektivität zu bemühen habe. (Diese Forderung hatte Nietzsche abgelehnt und problematisiert). Denn nur diese vierte Betrachtungsweise verheiße historische Erkenntnisgewinne. Aus dieser Perspektive – von ihm als Historisierung der DDR bezeichnet – scheinen dem Zeithistoriker mehrere Aufgaben dringlich.

Zunächst und vor allem habe sich die DDR-bezogene Forschung der „fürsorglichen Belagerung durch staatliche und gesellschaftliche Akteure unterschiedlichster Interesselagen“ zu entziehen. Sabrow hält das nicht nur für geboten, sondern auch für möglich. Der Rezensent ist sich da nicht so sicher. Offenbar nimmt Sabrow an, dass Zeitgeschichte zwar in einem permanenten Spannungsverhältnis zur Zeitgenossenschaft stehe und daher eine stete Auseinandersetzung um die Wahrung fachlicher Standards und die Platzierung ihrer Erkenntnisinteressen zu führen habe. Doch hält er zumindest Teilsiege für möglich. (Immerhin hat der Rezensent Texte von Sabrow und einigen anderen Zeithistorikern stets mit einigem Gewinn gelesen. Das spricht dafür, dass es der Zeithistorie als Fachdisziplin auch in den zurückliegenden Jahren unter der Ägide der interessegeleiteten kritischen, mit der DDR-Vergangenheit abrechnenden Historiographie zumindest ein Stück weit dennoch hier und da möglich war, „ihre professionellen Untersuchungsstandards und Erkenntnisinteressen“ einzuspeisen.)

Mit der skizzierten Forderung setzt sich Sabrow in mehrfacher Weise von Positionen der Expertise von Hoffmann, Schwartz und Wentker ab. Gegenüber der dort artikulierten Vermittlungsintention und Bindung an die Opfer der SED-Diktatur (S.64-70) wendet Sabrow ein: „Zeitgeschichte als wissenschaftliche Disziplin ist keine moralische Anstalt. Sie dient weder der volkspädagogischen Belehrung noch der geschichtspolitischen Genugtuung, sondern der historischen Erkenntnisgewinnung“ (S.183). Sodann unterstützt er nicht das Plädoyer des Autorentrios an außerwissenschaftliche Akteure nach mehr Förderung der DDR-Forschung, nach der Einrichtung von Lehrstühlen und Foren, in denen sich Forscher und Fördereinrichtungen abstimmen und über Prioritäten einig werden. Denn dies würde ja die Abhängigkeit der Forschung von wissenschaftsfremden Mächten verlängern.

Sabrow selbst hält dagegen nur eines für nötig: „Wir brauchen eine verlässliche und vom Respekt für die fachliche Selbststeuerung getragene Förderung der zeitgeschichtlichen Lehre und Forschung, die der gestiegenen Bedeutung der Verständigung über die Vergangenheit in der Gegenwart… auch materiell Rechnung trägt“(S.183). Schließlich wendet er sich gegen die Flut von weißen Flecken und offerierten Perspektiven, die die Expertise durchzieht: „Einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR-Geschichte, die sich betreuender Begleitung frei weiß, lassen sich keine von vornherein festgelegten Perspektiven zuordnen; das wäre ein Widerspruch in sich“ (S.184). Er könne daher nur für sich selbst sprechen, wenn er einige noch nicht beantworteter und neu aufkommender Fragen an die DDR-Geschichte skizziert. Dabei geht er ähnlich wie etwa Kocka und Wierling davon aus, das „gleichermaßen in die ost- und westeuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts eigebettete Untersuchungen zur DDR weiterführende Antworten geben könnten“ (S.184).

Eine seiner „Leitfragen“ lautet: „Wie konnte sich der kommunistische Versuch zur Ordnung der Moderne im 20. Jahrhundert neben dem liberalen westlichen Gegenmodell so lange und zeitweilig scheinbar so erfolgreich behaupten?“

Ferner fragt Sabrow nach der möglichen Sonderrolle der DDR an der Nahtstelle der beiden Systeme. [War doch die DDR am stärksten den Herausforderungen des westlichen Gegenspielers ausgesetzt und galt dennoch als >>nüchternste Baracke im sozialistischen Lager<< (185)]. Der Sinn der Frage ist völlig klar, doch was meint der Groß-Historiker, wenn er von der DDR als der „nüchternsten Baracke“ spricht? Hebt diese Formulierung darauf ab, was zu Beginn dieser Besprechung des Bandes darlegt wurde - die DDR habe von allen Ländern des Ostblocks dem Idealtypus des Realsozialismus vergleichsweise am nächsten gestanden - , oder zielt sie ins Lebensweltliche?

„Und wie schließlich hilft das Bespiel DDR zu verstehen, dass der kommunistische Ordnungsentwurf… in Mittel- und Osteuropa seine Gestaltungskraft so vollkommen einbüßte, dass uns seine historische Abdankung rückblickend unvermeidlich erscheint? Und war dieser Zerfall tatsächlich so unvermeidlich, wenn man die Entwicklung Nordkoreas oder Kubas, noch mehr jedoch Chinas in Rechnung stellt…?“ (S.185)

Das sind spannende Fragen, auch wenn sie einer der so genannten Platzhirsche der Zunft stellt. Möglicherweise können sie nur von etablierten Wissenschaftlern aufgeworfen werden. Mir ist bislang nicht aufgefallen, vielleicht auch nur entgangen, dass mit der Hufe scharrende Anwärter auf begehrte Positionen wie Kowalczuk in solchen Kategorien denken. Sabrow ist der Auffassung, dass die Beschäftigung mit der untergegangenen DDR „Einblicke in die Bauformen einer anderen Sinnwelt“ geben könne.

Zudem biete das Thema DDR einzigartige Erkenntnischancen über die Rolle und Verfasstheit der Zeitgeschichte als Disziplin.
Verabschiedet der Groß-Historiker damit die DDR-Geschichte und wendet sich der Zeitgeschichte der Berliner Republik zu?
Ich sehe es nicht so. Ist doch die Historie der Berliner Republik - verstanden als zeitgeschichtlicher Bereich der deutschen Geschichte - in vielfacher Weise mit dem >>Nachleben der DDR<< verwoben. Davon zeugt auch der Text von Sabrow selbst. Ich will an dieser Stelle nur zwei erläuternde Aspekte und Fragestellungen von Martin Sabrow herausgreifen.

Aspekt 1: Wie reagierte die (westdeutsch dominierte) Zeitgeschichte auf den Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung, wo doch nun vielfach „alle Denkmuster eines >>Dritten Weges<< oder überhaupt einer alternativen Ordnung der Gesellschaft plötzlich von ältlicher Überholtheit wirkten?“ (S.187). Wer wie der Rezensent sich im zurückliegenden Vierteljahrhundert als Kärrner und deutend auf dem Felde der Ostdeutschland- und Transformationsforschung getummelt hat und nie der Idee vom >>Ende der Geschichte<< zu folgen vermochte, kann von Antworten auf diese Frage seinerseits aufschlussreiche Einblicke in fremde Sinnwelten erwarten.

Aspekt 2: Wie trägt die Zeitgeschichte „…dem Umstand Rechnung, dass 1989/90 nicht nur das glückliche Ende einer langen Geschichte von Unfreiheit und Unterdrückung markiert, sondern sich mit der Zeit immer deutlicher auch als Geburt neuer Problemlagen zu erkennen gibt?“ (S.187)

In der Sache greift Sabrow damit zumindest partiell eine m.E. auch für die Zeitgeschichte höchst fruchtbare Orientierung von Heinz Bude auf, der zufolge Deutschland in den zurückliegenden 25 Jahren ein „ganz anderes Land“ geworden sei. Im Westen wie im Osten. Und dies nicht nur infolge der Vereinigung. Bude hebt u.a. auf soziale Verwerfungen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Abstiegsängste in den Mittelschichten, das Leerlaufen von Aufstiegsversprechen ab.
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