KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2016
Christian F. Hunold
The Filmfestival „Berlinale“ is a great cultural institution of the german capital
Anmerkungen unseres Filmkritikers zur 66. Berlinale (11. - 21.Februar 2016)

Die Berlinale ist das alljährliche Film-und Kinohighlight der deutschen Hauptstadt. Zehntausende Filmschaffende aus aller Welt kommen in diesen Februartagen nach Berlin. Hunderttausende Berliner (und Besucher Berlins) ziehen in die vielen großen und kleinen Kinos, die allen Ortens in den Stadtbezirken sich in Festivalkinos verwandeln. Es werden in diesem Jahr über 400 Spiel-und Dokumentarfilme gezeigt. Die Berlinale ist nicht nur eine achtungsgebietende Leistung des Berliner Kulturmanagements. Sie ist ein Gigant, der sich in Details zwar ändern kann (man erfindet von Jahr zu Jahr neue Spezialprogramme und erweitert die bestehenden als da sind: Panorama, Forum, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale Classics, Forum Expanded, Kulinarisches Kino, schwul-lesbische Filme mit dem Teddy Award, Cinema for Peace und Retrospektiven und…und), aber an ihren Grundlagen will keiner rütteln, die werden allgemein akzeptiert. D.h. die Berlinale vereint Wettbewerb und weitgefächerte Publikumsprogramme. Die Berlinale fördert den Nachwuchs. Die Berlinale vermittelt mit ihren Retrospektiven Filmgeschichte. Auf der Berlinale erhalten Regisseure aus aller Welt vielfältige Möglichkeiten, um über ihre Werke, Konzepte und Biografien in der Öffentlichkeit zu sprechen (insbesondere deutsche Rundfunkanstalten wie Deutschlandradio Kultur in „Studio 9“ oder „Im Gespräch“ aus der Berlinale Lounge sorgen für ausgezeichnete Publizität). Die bei den Profis verbreitete Meinung, dass es für sie wichtig sei, in den verschiedenen Kinos auf der Berlinale beobachten zu können, wie ihre Produktionen beim Zuschauer ankommen, lässt darauf schließen, dass Regisseure erste Feldforschung zu ihren Filmen auf der Berlinale machen können und wollen.

Regisseure – so Doris Dörrie in Deutschlandradio Kultur am 15.2.16- finden den Pluralismus der Berlinale gut.

Den Vorsitz der Jury des Wettbewerbes nimmt ein Weltstar aus den USA ein: Meryl Streep, die zu den meistausgezeichneten Schauspielerinnen in der globalen Kinowelt zählt.

Von der Öffentlichkeit wenig beachtet aber von tragender Kraft ist der European Film Market, auf dem Produktions- und Vertriebsfirmen der deutschen und internationalen Filmwirtschaft ihre Geschäftsabschlüsse tätigen. Die Berlinale ist im Verborgenen ein gewaltiger Umschlagplatz der europäischen Filmindustrie.

Hierzulande beschränkt sich die Funktion der Filmkritik meist auf Regisseure (auch Schauspieler) und Werk. Sie ist einem seltsam verkürzten Kritikverständnis verpflichtet, denn die Programme der produzierenden Filmfirmen werden nie Gegenstand kritischer Analyse.

Alljährlich werden auch thematische Schwerpunkte vom Festivalmanagement gesetzt. „In diesem Jahr will sich das Festival besonders für Menschen engagieren, die nicht nur die Flucht, sondern auch Verfolgung, Kriegsgewalt und Folter durchleben mussten“, so Dieter Kosslik, der Festivaldirektor.

Ich bin gegenüber der Berlinale, die von Jahr zu Jahr mehr zu einem Mammut mutiert, zunehmend voreingenommen, weil dieses Festival immer mehr in einen perfekt aufgezogenen Glamour-Rummel ausartet, der viel bietet, aber für mich in der quantitativen Vielfalt nicht mehr überschaubar ist und Regienamen ausweist, die mir meistens unbekannt sind und über die man auch wenig erfahren kann. Mit diesem Problem hat man aber auf Festivals immer zu kämpfen. Der Widerspruch, in dem man sich auf Festivals befindet - entweder dem Anspruch nachgehen zu wollen, Tendenzen in der nationalen bzw. internationalen Filmkunst auf dem Festival erkennen zu wollen oder eine strikte Auswahl nach bekannten Regienamen oder Stars oder aufgrund eines interessanten Themas oder nach Genreprioritäten vorzunehmen, wurde von mir immer zugunsten des letzteren gelöst.

Interessant fand ich auf Festivals oft die Podiumsgespräche mit Filmschaffenden, weil sie Einblicke in Schaffensfragen und das jeweils diskutierte Werk vertiefen. Die Berlinale leistet hierzu Beachtliches – vor allem mit der Berlinale Lounge.

Die Berlinale ist für alle in der Branche arbeitenden Profis eine wichtige Hilfe: sie fördert Kontakte und Informationsflüsse. Viel wird auch in den Nachwuchs investiert, dem eine aufwendige Palette von Weiterbildungs- und Kontaktmöglichkeiten auf hohem Niveau geboten wird. Und man ehrt auch das Lebenswerk von Großen der Regie, Kamera, Darstellungskunst (Retrospektive für das Lebenswerk von Michael Ballhaus auf der 66.Berlinale). Die Preise auf der Berlinale sind in der globalen Filmwelt begehrt und haben einen hohen Status.

Ist also die Berlinale primär ein Festival für Profis und angehende Profis der Branche? Ja und nein.

Es wird immer wieder betont, dass die Berlinale im Unterschied zu Cannes ein Publikumsfestival sei. Aber was will man unter dem Publikum der Berlinale verstehen? Wie konstituiert es sich in der öffentlichen Meinungsbildung? Kann es als Subjekt in der Kommunikation mit Filmschaffenden auftreten oder wird es in den Mechanismen des Berlinalegiganten immer mehr in die Rolle von Konsumenten gedrängt, die mit Bilderwelten überschüttet werden?

In diesem Jahr können die Berliner über 400 Filme in Großfilmtheatern bis hin zu Kiezkinos besuchen(neu unter den Stadtbezirken, die vom Berlinale-Programm bespielt werden, ist in diesem Jahr Wedding). Neu ist, dass die mit dem Internet gegebenen neuen Kommunikationsformen die traditionellen öffentlichen Kommunikationsweisen während der Berlinale, die meist nach dem Start der Filme Öffentlichkeiten konstituieren, erweitern und damit auch die Strukturierung des Publikums.

Die Überfülle des quantitativen Angebotes macht die Berliner zu Zuläufern eines riesigen „Kaufhauses“, d.h. man kann „Schnäppchen“ erwerben (für allerdings während des Festivals erhöhte Eintrittspreise). „Schnäppchen“ heißt hier: Man kriegt ´ne Menge Filme aus weniger bekannten Filmproduktionsländern und auch aus anderen Kulturkreisen angeboten, die man ansonsten im Kinoalltag (meistens auch nicht im deutschen Fernsehen) nicht sehen kann. Darunter sind viele wertvolle Filme – vom Thema her, von der Autorensicht und von der Machart. Darunter ist aber auch allerlei Ramschware.

Der Pluralismus im Programmangebot hat auch eine ständig fortschreitende Differenzierung der Meinungsbildung durch verschiedene Gruppen des Publikums gebracht. Die Vernetzung (über Twitter, Facebook) wird oftmals von den Kinogängern als Plus-Effekt der Kommunikation in der Konstituierung des Festivalpublikums eingebracht. So gesehen zeitigt die Berlinale heutzutage völlig neue Konstituierungen des Publikums und verändert das, was man traditionell unter öffentlicher Kommunikation und Meinungsbildung auf der Berlinale verstand. Die Wirkung in die Gesellschaft hat sich verstärkt, aber auch mehr denn je differenziert. Publikumsmeinungen sind mehr denn je Gruppenmeinungen.

Einerseits macht die Überfülle es dem einzelnen nahezu unmöglich, qualitative Trends der Themen und Gestaltungsweisen im globalen Maßstab zu erkennen. Er gerät aber nicht in die Rolle eines Konsumenten, der mit der Quantität überfordert ist, weil die neuen technischen Kanäle der Kommunikation eine neue Art der Differenzierung und Gewichtung der Meinungen gebracht haben (insbesondere auch durch Blogger), die den „klassischen“ Filmkritiker und dessen Definitionsmonopol relativieren, ja entmachten. Die Bedeutung der professionellen „Meinungsmacher“ in Bezug auf die Berlinale, die in den Printmedien, im Hörfunk und auch im TV tätig sind, relativiert sich mit den neuen Möglichkeiten der privaten und öffentlichen Meinungsbildung im Internet.

Offen bleibt die Frage, ob das Publikum auch durch nichtprofessionelle, aber cineastische Kinogänger als Subjekt der personalen Kommunikation zwischen Filmemacher, Werk und Zuschauer auf der Berlinale auftreten könnte. Eine sachkundig argumentierende Filmklubbewegung, die für Filmemacher ein aktiver Partner wäre, gibt es nicht. Sie könnte auf der Berlinale in der öffentlichen Kommunikation Akzente setzen, aber – wie gesagt – es gibt sie nicht.

Sat1-Filmkritiker Hans-Ulrich Pönack (Jg.1946), der über ein profundes Film-und Festivalwissen verfügt und clever und ansprechend auch im Rundfunk über Filme informieren kann (der aber wie viele Filmkritiker in den Medien eigentlich nichts anderes als Werbung für den Kauf von Kinokarten macht, statt Öffentlichkeit zwischen Filmproduzenten, Filmschaffenden und Kinopublikum zu stiften), antwortete auf Fragen von Rundfunkhörern zur 66. Berlinale in einer Sendung von Deutschlandradio Kultur mit einem entsetzlichen Verständnis von Berlinale und Kinos. Auf die Frage, ob denn der Glamour auf der Berlinale überhaupt notwendig sei, verteidigte er diese Welten der neueren Warenästhetik und plädierte dafür, die Kinos als „Tempel“ eines gloriosen Festivals zu genießen. Dass das Kino auch als ein Ort der Konstituierung von Öffentlichkeit, der Vergesellschaftung von Wahrnehmungen, Erfahrungen, Wertvorstellungen in der Gesellschaft funktionieren könnte, ist mit der Fetischisierung des Genuss-Tempels, was ja nur eine Festschreibung der marktwirtschaftlichen Regularien ist, ausgelöscht. Die die deutsche (Kino)Filmkultur und viele ihrer Adepten sind weit davon entfernt, im Kino als Institution der Öffentlichkeit auch eine Institution der Demokratie sehen zu können. Lieber Kommerzkinos, lieber einige Arthaus-Kinos, lieber Kommunales Kino als Institution der filmgeschichtlichen Bildung - aber „Kinos der Demokratie“ - was soll das sein? Und das in einem Land, in einem Staat, in dem die Rechten verschiedener radikaler Farben im Vormarsch sind (in Deutschland flammen Protestbewegungen auf und gleichzeitig formiert sich in der Flüchtlingskrise bereits eine partikularisierte Widerstandsbewegung, die in den brennenden Flüchtlingsheimen sich manifestiert und die an Gegenpolen von gewalttätigen Kommandos extremer Linker ergänzt wird).

Bei den tonangebenden Eliten der Filmkultur in diesem Lande feiert die Saturiertheit Hochzeit mit einer selbstgefälligen Verteidigung von Errungenschaften, die heute keine mehr sind (siehe die Retrospektive west- und ostdeutscher Spielfilme um 1966 auf der diesjährigen Berlinale, eine Retrospektive, die 20 Jahre zu spät kommt).

Man stelle sich vor, eine Berlinale würde veranstaltet werden zum Thema „Demokratie“. Einige der jetzigen Berlinale-Festivalmacher und Filmkritiker wären überfordert.