KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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Philipp Sonntag
Eheähnliche Lebensgemeinschaften - wie bin ich Mensch, wie kann ich's sein?
Alternativen zur Ehe. Am Anfang soll "Aha" stehen. Die unterschiedlichsten Formen folgen in alphabetischer Reihenfolge
Wie entsteht eine behinderte Gesellschaft? Politiker behindern unsere genüsslichen Lebensgemeinschaften. Anstatt jetzt überholte Ehe-Privilegien auch noch auf Lesben und Schwule auszuweiten, wäre besser, den ursprünglichen Zweck der Privilegien zu beachten: Schon bei alten, ebenso jetzt bei neuen Formen von Lebensgemeinschaften sollten vor allem die Kinder stark gefördert werden.

Der mühsame Streit, was eine Ehe sei, führt nicht weiter. Besser sind Alternativen zur Ehe, je mit einer kurzen, prägnanten Bezeichnung. Am besten möglichst ähnlich klingend wie „Ehe“. Am Anfang soll „Aha“ stehen, dort wird zusammengefasst, was für alle Gemeinschaften gemeinsam gelten soll. Die unterschiedlichen Formen folgen in alphabetischer Reihenfolge.

Aha
lieben in Gemeinschaften für alle


Für alle Formen menschlicher Lebensgemeinschaften galt und gilt: Was der Staat fördern soll, sind Kinder. Ohne sie hat er keine Zukunft. Wie denn? Vielleicht Mal so, er fördert mit moderner Gesetzgebung: Wo Scheidung droht, mögen bitte die Kinder „entscheiden“. Er fördert mit Geld, aber anders als bisher. Steuervorteile „einfach so“ durch Heirat sind längst unnötig. Wer als Gemeinschaft in eine Wohnung zieht spart eh schon mindestens eine Miete. Aber wer dann Kinder hat, braucht mehr Zimmer, mehr Wasser, mehr von allem. Alleinerziehende Mütter – oder Väter – sollten die stärkste Förderung bekommen.

„Verheiratet“ sind wir Erwachsene auch mit unseren Kindern. Merklich besser wird unsere Gesellschaft, sobald die Erziehenden aller Art viel mehr Zeit für Kinder haben, ohne deshalb Not leiden zu müssen. Derzeit sind Eltern oft hektisch Überforderte, teils mit zu viel, teils mit zu wenig Geld. Gut für Kinder wären beispielsweise viele Schwimmbäder, Ferienheime, Schulen mit spielerischem Lernen und liebevoll konstruktiver Betreuung. Ist das machbar? Vermutlich gleich nach Schließung etlicher Kultusministerien.

Super wäre viel mehr Künstlerisches, Musik, Malen, Design. Es tut weh, wenn satt bezahlte Verwalter den zumeist armen, mühsam pädagogisch aktiven Künstlern die mageren Projekt-Euros streichen. Ich plädiere für eine Umkehrung bis zum Ausgleich der bisherigen Ungerechtigkeit: Verwalter müssen Künstler anbetteln aktiv zu werden, insbesondere mit Anleitung für Kinder, und fragen, ob sie die Künstler etwas unterstützen dürfen; nur wenn die Künstler zufrieden sind, bekommen auch die Verwalter mal ein Honorar – neben dem üppigen Kindergeld, das auch ihnen sowieso für ihre Kinder zusteht.

Zum Fortschritt gehört Vermeidung von Sucht, also von Zucker, Tabak, Drogen aller Art wie Ritalin und Ekstasy, Lehrplan-Fetischismus, ausufernden Medientechniken, allzu masochistischen Ehen.

An einer Ehe, Oho usw., welche krisenhaft verläuft, ist der Staat nicht selten mit schuld. Er hätte die Partner warnen müssen. Nicht erst auf dem Standesamt. Dabei ist der Staat kein Vorbild. Er führt eine Art „ungesetzliche Ehe“ mit den Banken. Er hätte sich selbst warnen müssen vor dieser inniglich-intriglichen Partnerschaft. Unsere verzockte finanzielle Infrastruktur ist schon im Ansatz strukturell ein Schaden für die Gesellschaft. Bei jeder Infrastruktur, egal ob Wasser, Energie, Geld, usw., die vom Staat den privaten Interessen ausgeliefert wird, wie etwa Immobilien den Haien, ist öffentliche Geldknappheit die fast unvermeidliche Folge.

Sobald der Staat konsequent Verantwortung für seine – unsere – Infrastruktur übernehmen würde, hätte er – hätten wir – genug Geld für sämtliche Unterhaltsansprüche, sprich für paradiesische Versorgung der Kinder, für eine Geborgenheit spendende Zukunft. Allein schon: Wenn der Staat einen Maximallohn in Höhe von höchstens fünfmal Mindestlohn festlegen würde, dann gäben sich die Manager größte Mühe, den Minimallohn ordentlich anzuheben. Mit unseren Lebensgemeinschaften könnten wir auf diese Weise wunderbar frei werden, emotional ebenso wie materiell. Momentan im spätkannibalistischen Kapitalismus werden die Beziehungen noch vom ritualisierten Egoismus geprägt.

Wegen den genannten Versäumnissen des Staats muss vorläufig noch improvisiert werden. Grundsätzlich kann jeder für jeden Verantwortung übernehmen. Beispiel: warum vererben Weißhaarige an Grauhaarige? Besser wäre doch fürsorglich Testamente zu ändern, etwa den Enkeln, die gerade eine Familie aufbauen, ad hoc etwas zu geben.

Ein kafkaesk geschulter Blick entdeckt Versäumnisse ebenso wie Optionen. Unsere Gesellschaften könnten sich vielfach von Willkür und Gewalt befreien. Zu Gebrauchsanweisungen und Veranschaulichungen siehe: www.soziologie-mit-kafka.de und www.edel-terroristen.de

Die freundlichen Automaten würden uns längst gerne weitgehend von (fast) aller Arbeit befreien. Für jeden Menschen könnte sein „Persönlicher Roboter“ optimal eingestellt werden, der ihn bei Bedarf therapiert und der für ihn mehr Service bereithält, als er braucht. Diese Gemeinschaft könnte sich so harmonisch entwickeln, dass ein Grundeinkommen für alle und alles reicht, sobald der Alltags-Stress mit seinen Folgeschäden eingedämmt wird. Die vielen Krankheiten, das hohe Budget der Krankenkassen, beides würde auf einen Bruchteil schrumpfen. Das gilt für Deutschland – global müsste man umfassender zu überlegen, vor allem bei hohem Bevölkerungswachstum mit geringer Ausbildung.

Finanziell braucht keine Lebensgemeinschaft extra Vergünstigungen bei Regelungen wie Steuer oder Testament. Nicht mal Firmen brauchen sowas. Was wir allesamt brauchen ist ein in jeder Hinsicht, in jedem Wortsinn gesundes Klima. Nur dort bleiben sogar die Reichen auf Dauer gut versorgt. Derzeit geben wir für Nuancen des Luxus existenzielle Risiken ein.

Fazit: Gefühlsmäßig könnten wir längst frei sein. Finanziell könnten wir im Überfluss leben. Der Staat soll für die richtige Infrastruktur sorgen und unsinnige Privilegien begrenzen. Sinnvoll und fair sind vor allem wohlwollende Hilfen zum Aufziehen von Kindern.


Ehe
verzückt, verzockt, verzwackt verzweckt, verzwickt


Eine Frau und ein Mann leben eng zusammen, vorübergehend oder längere Zeit. So eine Art Ehe ist auch bei Tiergemeinschaften nicht unüblich. Ehe ist eine Option, soweit die Evolution viel Kindererziehung verlangt, mit langer Ernährung und Schutz der Jungtiere bzw. Kinder. Beispiel: Die Kultur der Singvögel macht diese zu Nesthockern, mit einem fleißigen Elternpaar.

Beim Menschen dauert die Erziehung besonders lange. Sie kann mit einer Ehe oder anderen Formen gelingen. Genetisch ist der Mensch nicht festgelegt. Bei jeder Gemeinschaftsform braucht er eine Lebenskultur, um mit Spannungen umgehen zu können. Dies kann eine Familie oder eine Gruppe (siehe: Ihi) sein, Hauptsache es ist die von Kindern erwünscht stabile Lebensform. Genetisch ist beides in den Primaten angelegt.

Vielleicht gelingt dies am besten durch eine „monogame Familie in einer polygamen Gesellschaft“: Die Partner der Familie würden stabil zusammenhalten. Dies würde ihnen gerade dadurch gelingen, dass sie sich gelegentlich sexuell flexibel und tolerant in das aktuell immer mehr polygame Umfeld einbringen. So könnten die Ehe-Partner einer Familie sich spielerisch von allerlei verlogenen Alltags-Frustrationen befreien. Die Eifersuchtsdramen der „68-er“ zeigten allerdings, dass so ein Übergang in eine schließlich wohltuende, Geborgenheit spendende Gesellschaft nicht einfach ist. Es wird besser gelingen, sobald bei den Kindern (den kommenden Eltern) eine starke, selbstständige, konstruktive Identität aufgebaut wird. Nicht zuletzt, indem sie in den Familien stark mit „entscheiden“.



Ihi
Allesamt leben und lieben lassen


Mehrere Frauen, Männer, Bi, Transsexuelle, Drittgeschlechtliche aller Art leben zusammen. Teils inniglich vereint, teils locker kameradschaftlich. Der Erfolg hängt von den Bedingungen ab, dazu gehören die Charaktere der Beteiligten.

Wohlwollen ist das Zauberwort. Wo es fehlt, wuchert Eifersucht. Sie wird erst überwindbar, sobald jede/r ehrlich einbezogen wird. Noch ist die Angst vor Liebesknappheit leider begründet. Derzeit üblich ist, dass man versucht, scheinbaren Liebesersatz (Geld) zu akkumulieren. Das Bordell bietet kaufbares „Glück“ seit Jahrtausenden, es ist eine stabile Einrichtung durch laufend besänftigte, de facto getäuschte Sehnsucht. Selbst haben wollen, ohne – mehr als das Scheinbare (z. B. Geld) – selbst zu geben, ist eine Sackgasse.

Geben ist seliger denn nehmen. Eine Lebensgemeinschaft, in der (fast) alle Menschen Liebe hingebungsvoll auf alle Menschen ausstrahlen, ist vermutlich unsere beste Chance und Hoffnung für eine wohltuende Zukunft. Nur so können wir gleichermaßen selbst Liebe im Überfluss geben und (eben dadurch) erhalten. Die Verwirklichung ist genetisch bereits naheliegend, gesellschaftlich braucht sie gezielt gute Voraussetzungen. Der Übergang dorthin ist unvermeidlich eine laufende Herausforderung. Sie bedarf gezielter Steuerung, denn die Gesellschaft ändert sich tausendmal schneller als die Gene.

Ihi-Gruppen können gelingen, denn liebevolle Zuwendung kann grundsätzlich stärker sein als die übliche Raffgier aus Existenzangst. Die Saurier haben 150 Millionen Jahre überlebt. Gewaltfrei war es nicht – aber irgendwas hatten die Saurier gemeinschaftlich richtig gemacht. Vielleicht hatten sie besser liebesfähig zueinander gefunden.


Oho
statt Mann gegen Frau lieber Frau will Frau, Mann will Mann


Zwei Frauen oder zwei Männer oder zwei Zwitter leben zusammen. Oho ist zur Unterscheidung geeigneter als „Ehe“. Es ist nicht so umständlich und irreführend wie „Homo-Ehe“. Oho passt zu den „Homos“, den Homosexuellen.

Was ist die Grundlage für Oho? Es wäre unsinnig, den Homos die Privilegien einer Ehe zu geben, wenn gerade diese Privilegien zugunsten des Nachwuchses abgeschafft werden sollten. „Und überhaupt“? Ich gestehe, ich fand die Idee von Sex mit Männern zunächst blödsinnig, etwa so wie mit dem Auto auf der linken Straßenseite zu fahren. Die genetische Zweiteilung schien mir einfach, praktisch und selbstverständlich real zu sein. Jedoch eines Tages durfte ich lesen, dass jemand mit rundum männlichem Körper kreuzunglücklich war, bis Ärzte für „ihn“ herausfanden, dass „er“ weibliche Gene hatte. Ihre körperliche Geschlechtsumwandlung war rundum erfolgreich.

Heute kann ich mir ohne weiteres vorstellen, z. B. lesbische Gefühle zu haben, in beliebigen Details, als weibliches Tier usw. Der Staat soll mich in meiner Liebe und Fürsorglichkeit zu FreundInnen aller Art nicht einschränken. Ich will weder Vergünstigungen noch Benachteiligungen. Ich will mich nicht erst noch von staatlichen Übergriffen und falschen Infrastrukturen befreien müssen. Für keine Phantasie, für keine Realität will ich vom Staat abhängig sein.


Uhu
tierisch Mensch mit menschlichem Tier?


Lebensgemeinschaften zwischen Mensch und Tier gehören zu den unmittelbarsten, intensivsten Begegnungen. Zumeist ist es eine Partnerschaft ohne Sex. Soweit die Beziehung nicht von fremden Interessen gesteuert wird, wie beispielsweise bei industrieller Fleischproduktion, gelingt sie so natürlich, wie das jeweilige menschliche Umfeld für ein Tier sein kann. Mit entscheidend ist die individuelle Einstellung. Die Spannweite zwischen liebevoller Zuwendung und Missbrauch ist enorm und wirkt sich stark auf die Partnerschaft aus.

Mit Sex erscheint die Partnerschaft als ungewöhnlich, aber nicht unüblich. In der Natur bleiben Sexpartner in der Regel auf die eigene Art beschränkt. Aber es gibt eine Fülle von Ausnahmen, teils sogar mit Nachwuchs, so entsteht die Schiege aus einer Begegnung oder Partnerschaft von Schaf und Ziege.

Die sexuellen Partnerschaften von Mensch und Tier sind vielfältig und umstritten. Die Meinungsverschiedenheiten sind enorm. Die Gesetzeslage in Deutschland ändert sich gelegentlich grundlegend. Dass einerseits Tiere Freude am Sex mit Menschen haben können, ist vielfach wissenschaftlich belegt. Dass es andererseits eine Menge Missbrauch und Tierquälerei gibt, ist offensichtlich. Dass dies ebenso wenig bestraft und verhindert wird, wie übliche industrielle Tierquälerei, ist auch bekannt, ohne dass sich viel ändert.

Was viel besprochen, wer gerade stark verachtet wird, ändert sich wie die Mode. Wo es solche modisch-moralischen Pauschalisierungen gibt, entsteht Unsicherheit und damit oft Zurückhaltung bei Strafverfahren. „Pädophile“ und „Tierschänder“ sind aktuelle Schimpfworte. Dies sind die momentanen Sündenböcke. Das hat mit drastischen Schäden zu tun, die es real in großem Umfang gibt und die das Leben von Opfern stark beeinträchtigen. Erst mal müssen diese Schäden wirksam verringert werden, dann wird eine differenzierte Diskussion möglich.

Da das Tier vom Menschen abhängig ist, bräuchte es auf jeden Fall besonderen Schutz. Das gilt für alle Interessen des Tieres, unter anderem auch für sein Interesse an Sex. Soweit die Vermeidung von Quälerei gelingt, gilt: Grundsätzlich sollten Partner aller Art frei sein dürfen. Das heißt frei, solange sie nicht jemand schaden, sei es nun sich selbst, oder anderen. Vor allem sind Kinder vor allzu Ungewöhnlichem, vor Irreführendem bei der sexuellen Entwicklung zu schützen. Mensch wie Tier, beide haben ein Grundrecht auf artgerechte sexuelle Reifung – das sollte also in der Jugend tendenziell innerhalb der eigenen Art, und bei ähnlichem Alter des Partners sein.

Real sind die tierischen Partner des Menschen wohl mehr Hunde als alle anderen. Bewährt seit Jahrtausenden kann dies wie in Ehen ohne Sex gelebt werden, oder mit Sex, oder mit Sexphantasien. So oder so, millionenfach sind Gemeinschaften zwischen Tier und Mensch alltagsnah eheähnlich, positiv wie negativ. Bei negativen Gemeinschaften und Ereignissen: für Schäden gibt es zumeist ein Gesetz, das verletzt wird und endlich beachtet werden sollte. Das reale Ausmaß von Missbrauch und Schäden ist konkreter Anlass für Empörung und für Verurteilung von Straftaten. Bei positiven Gemeinschaften und generell: Meinungen sind keine Gesetze und der Staat soll sich raushalten.


Ähä
Roboter vermenschlicht programmiert


Gemeinschaftsorientierte Roboter werden meist mit Ähnlichkeit zum Menschen konstruiert. Ihre Fähigkeiten sind momentan noch begrenzt und sie sind daher je nach Stand der Technik nur eingeschränkt beziehungsfähig. Immerhin kann der Mensch eine Beziehung zum Roboter eingehen und mehr „Du“ in ihn hineinlegen, als programmiert wurde. Qualitativ sind die absehbaren Fortschritte beeindruckend. In Kürze können Gemeinschaften von gefühlsflexiblen Menschen und gut simulierenden Robotern sonstige Lebensgemeinschaften ergänzen, „ersetzen“ (spielerisch, vorübergehend) oder gar ersetzen (ernsthafte Beziehung, industriell wird eine Vorbereitung versucht). Absehbar sind dafür hybride Mischwesen, so nach Ankopplung von Robotern an spürende Materie, auch verbunden mit Identitäts-Baukasten und Ich-Formung.

Eine grobe Vorstufe sind animierte Sexpuppen. Sie sind kurz vor der industriellen Produktion. So mancher sagt sich: Endlich! Sexphantasien über munter mitmachende Sex-Roboter gibt es schon seit Jahrhunderten. Für qualitativ überzeugende Ähäs wird gelten: Gemeinschafts- und Gesellschafts-Stress des menschlichen Partners kann effektiv durch Sex abgebaut werden. Ein Beispiel für Anwendungen in der Erprobungsphase: Neurologisch am menschlichen Partner gemessene Erregungswerte animieren Bewegungen des Partners. Einfühlsame Programmierer vorausgesetzt kann dies bei feingesteuerten Robotern optimal eingestellt werden und bis hin zu ganz neuen Ekstasen gelingen – die künstlichen Penisse (Vibratoren) im erprobten Einsatz lassen grüßen.

Kommunikative Roboter sind ein absehbarer Evolutionsschritt. Was sie uns bringen, dazu wird unsere gegenwärtige Phantasie kaum ausreichen. Das künstliche Gegenüber wird immer lebensähnlicher werden und danach ganz eigene Charakteristiken erreichen. Vorstufen wie Therapieprogramme auf Computern, wie „Eliza“ von Joe Weizenbaum, sind vielfach in Erprobung und Entwicklung. Derzeit sind zur Gefühlsabsicherung und Bio-Geborgenheit noch halbwegs menschenähnlich aussehende Roboter geplant. Auf Dauer können Roboter ganz anders aussehen, so ähnlich wie ein beziehungsfähiger Hund nicht wie ein Mensch aussehen muss.


Öhö
kameradschaftliche Utopien


Ehe-ähnliche Partnerschaften zwischen einem Menschen und seinem Umfeld sind verbreitet. Öhös sind Institutionen, Firmen, Verwaltungen, Experimentalgruppen usw. welche mit ehe-ähnlichen Problemen umgehen (müssen). Obwohl es sich um eine „nur künstliche Lebens“-Gemeinschaft handelt, kann sie Unruhe erzeugen und braucht Steuerung. Öhös sind zumeist örtlich naheliegend, können jedoch durch aktuelle Medientechnik global verstreute Organisationen einbeziehen. Ehepartner sind vielfach aus gutem Grund eifersüchtig auf die vergleichsweise intensivere Beziehung ihres Ehepartners zu dessen Firma, Auto, Freizeit. Generell ist das Abdriften in eine Gemeinschaft, die vieles sein kann, aber keine Lebensgemeinschaft, eine Herausforderung.

Jede würdige Lebensgemeinschaft braucht Freiheit von künstlichen Gemeinschaften, von Terror, von Klimakatastrophen, generell von Spannungen in der Gesellschaft. Künstlich ist Gewalt gegen andere Menschen. In der Tierwelt gibt es zwar das Revier, das für eine Tierfamilie lebenswichtig ist, aber Revierkämpfe sind in der Regel ritualisiert und unschädlich. Bei Menschen ist die Gewalt besonders schlecht kontrolliert. Egomanische Lobbyismen sind von Lebensgemeinschaften besonders weit entfernt. Daher sollten wir allmählich mit der Befreiung von Öhös anfangen. Um effektiv und erträglich zu sein, sollten die Öhös aller Utopien kameradschaftlich organisiert sein.


Ühü
himmlische Extasen


Der Mensch ist fasziniert von einer überirdischen Überhöhung seiner Existenz. Er sieht sich gern als Partner überirdischer Wesen. Da ist er liebenswürdig verführbar bis liebestoll leichtfertig. Die Folge, faszinierter Mensch und vermuteter Gott führen seit Jahrtausenden eine spannungsreiche Ühü, sozusagen eine „schwierige Ehe“. Scheidung war da lange verboten. Nicht nur für Nonnen- und Mönchsorden gilt: Das längerfristige Ziel ist die Wiedervereinigung aller Religionen zur ursprünglichen Religiosität, also zu unbestechlich ethischem Verhalten, zu entspannter Nächstenliebe. Dies wäre mit einem nicht durch starre Dogmen der Religion gestörten Gewissen des Menschen „eigentlich sofort“ machbar. Dieses wertvolle Ziel kann durch eine Überwindung aller willkürlichen Annahmen gelingen.

Glaube ist das Musterbeispiel für willkürliche Annahmen. Das wird bei Betrachtung fast aller grundlegenden Glaubensinhalte deutlich. Den Göttern Willkür, Launen, Rache, Parteilichkeit usw. zu unterstellen ist in Wirklichkeit Blasphemie. Für den ehrlichen Menschen verletzt Willkür das Gebot: „Du sollst nicht lügen“. Aber Beteuerungen von Glauben wirken auto-suggestiv. Die Folge ist eine tragische Anstrengung beim Versuch einen Gott zu vermenschlichen, ihm allzu menschliches zu unterstellen, dies zeigt das Ausmaß der Verwirrung des Menschen. Ein weiteres Musterbeispiel des Problems ist die Wirkung von Glauben in der Form, die mehr oder minder direkt zu Gewalt und Unterdrückung führt. Friedliche Gläubige hätten in aller Regel die Krücke der willkürlichen Annahmen nicht gebraucht.

Die Verführung: Gerade willkürliche Versprechungen können märchenhafte Geborgenheit vermitteln – wenn auch immer mit der Lüge im Unterbewusstsein. Dies loszulassen kostet Überwindung. Der Mensch hat sich an rituelle Zelebrierung von Büchern wie Bibel, Tora, Koran usw. gewöhnt. Diese Hinwendung kann durchaus ohne Gefahr als Kulturgut weiter gepflegt werden, soweit die Schriften ehrlich als Legenden verstanden werden.

Solche Schriften können eine Fülle von wertvollen Anregungen geben. Jedes Kind versteht „Hänsel und Gretel“ als liebenswerte Geschichte. Erwachsene schaffen dies nicht mehr, sie sind fast alle zivilisatorisch kultur-geschädigt, wie üblich durch penetrant blasphemische Glaubens- und Interessensgemeinschaften. Unsere Herausforderung bei dem intensiven Versuch einer Gemeinschaft mit einem Gott ist ethisch: Wir brauchen „nur“ global aufhören, launischen Göttern hanebüchene Willkür zu unterstellen. Gerade solche Überwindung von Willkür war oft ein Anfangs-Motiv von heiligen Schriften. Nimmt man sie später zu wörtlich, so hat man den Sinn verfehlt.

Eine über Jahrhunderte hinweg faszinierende Ühü ist die theologisch intime Nähe von Kirchenvater Aurelius Augustinus zu seinem Gott. Da findet sich einerseits eine Fülle willkürlicher Annahmen über den angeblich bereits als Baby sündigen Menschen, der „eigentlich“ unrettbar verloren ist, und sich einem weitgehend unergründlich willkürlichen Gott gegenüber sieht. Viele Gläubige ließen sich verwirren, jedoch mit derart zwanghaften Schuldgefühlen kann kein Lebewesen gedeihen. Andererseits finden sich in den Schriften von Augustinus wunderbar poetische Anleitungen, wie man als Mensch in einer lebendig gestalteten Gemeinschaft mit Gott allerhöchste Formen des Entzückens erreichen kann. Dieses Hin- und Hergerissen sein erinnert tragisch-dramatisch an die Schlitzohrphrenie so mancher Ehe.


Mit Exzessen der Gewalt und Ekstasen der Liebe hat die Evolution unsere Sinne immer weiter verfeinert. Gewalt oder Liebe, die Entscheidung liegt bei uns. Alle eheähnlichen Lebensgemeinschaften können den Gestaltungs-Künstler in jedem Menschen herausfordern.