KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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Kaspar Maase
Popkultur - vom kulturellen Rand zum kulturellen Mainstream?
Kulturpolitisches Kolloquium Loccum
Popkultur war Thema auf dem 60. Loccumer Kulturpolitischen Kolloquium. An drei Tagen (20. bis 22. Februar 2015) ging es da spezieller um "Kulturpolitik für die Popkultur". Der Tübinger Kulturwissenschaftler Kaspar Maase war eingeladen, zum Auftakt Grundsätzliches über die Bedeutung der Popkultur "für die Gegenwartsgesellschaft und die Aufgaben der Kulturpolitik" zu sagen. Seit mehr als vier Jahrzehnten[1] hat Kaspar Maase die Wandlungen der Populärkultur wissenschaftlich beobachtet und in seinen Publikationen dokumentiert, wie Popkultur zum Gegenmodell für den alten Hochkultur-Kanon wurde und sich zunehmend als die Hoch- und Bildungskultur der Postmoderne versteht - die kreative Impulse aus der "Hochkultur wie aus dem Mainstream der Populärkultur aufnimmt. Wer sich in diesem Felde kulturpolitisch positionieren will, sollte auf die Publikationen von Maase zurückgreifen[2]. Die Druckfassung seines Beitrags auf dem Loccumer Kolloqium wird im März in den "Kulturpolitischen Mitteilungen" Nr. 148, I/2015 erscheinen - zusammen mit einem ausführlichen Tagungsbericht.


„Kulturpolitik für die Popkultur“ – aber welche Popkultur?
Ein Plädoyer für den Mainstream

I.

Im letzten Halbjahrhundert ist kommerziell Populäres auf neue Weise in die Mitte der Kultur gerückt – gemessen an der Zeit, die wir damit verbringen, gemessen an der Bedeutung für individuelle Selbstbildung, gemessen an Umsatz und Beschäftigung, gemessen an der Aufmerksamkeit, die Wissenschaft und Premium-Feuilletons dem widmen, gemessen an der Bedeutung als Ressource künstlerischer Innovation, gemessen schließlich an dem, was man gesellschaftliche Anerkennung nennen mag.

Zum Verständnis der Veränderungen zunächst ein Blick zurück ins 19. Jahrhundert, weil da der Aufstieg moderner Populärkultur begann. Und weil wir dort sehen, dass ein verbreitetes Denkmuster – der guten, anspruchsvollen Hochkultur steht eine zweifelhafte Massenkultur gegenüber – schon damals zu schlicht war.

Die tonangebenden Deutschen, die Bürger, zogen nämlich seit dem 19. Jahrhundert eine strikte Grenzlinie zwischen dem harmlosen und dem gefährlichen Populären, zwischen legitimer und illegitimer Vergnügung. Unverkennbar zog man diese Grenze im Alltag, mit der Entscheidung für und gegen konkrete Kulturangebote. Man hatte Goethe, Schiller, Büchmanns Zitatenschatz repräsentativ im Bücherschrank; doch praktisch präferierten auch die Oberschichten und die Bürger, mit Ausnahme einer kleinen Minderheit von Bildungsbürgern, das Reizvolle, Eingängige, Spektakuläre, sinnlich Überwältigende. So unterschied man um 1900 „Amüsement“ und „gepflegte Unterhaltung“ (die eigene Vergnügung also) von „Schund“ und „Afterkunst“ (dem Vergnügen der anderen, der Arbeiter und Kleinbürger). Hier Operette und Musiktheater, Revue und Varieté, Conan Doyle und Fortsetzungsromane – dort Gassenhauer und Groschenhefte, billiger Kintopp und Witzblätter.

In den folgenden Jahrzehnten änderten sich Genres und Etiketten, nicht aber die grundsätzliche Zweiteilung des Populären. In der jungen, restaurativ orientierten Bundesrepublik bekämpfte man „Schund“, „Kitsch“, Comics, „Gangsterfilme“ mit Eifer; antiamerikanische und antikommerzielle Argumente verdichteten sich zum Feindbild der „Massenkultur“. Andererseits bezog man in die „gute Unterhaltung“ Richtungen des Jazz ein und erteilte dem neuen Fernsehen programmatisch einen Bildungsauftrag. Was zur guten, sauberen und was zur gefährlich schmutzigen Unterhaltung gehören sollte, war in Einzelfällen umstritten. Dass es sich jedoch grundsätzlich um eine sinnvolle Unterscheidung handelte, blieb weithin Konsens.

II.
Diese Selbstgewissheit produzierte seit den späten 1950ern durchaus ungewollte Effekte. Damals begann in ganz Westeuropa eine Entwicklung, die das tradierte Dreiebenenmodell – Hochkultur / anerkannte und gute Unterhaltung / problematische Massen- und Trivialkultur – erschütterte: Es begann der Siegeszug der Popkultur auch und gerade in der bürgerlichen Jugend.

Womit zog diese Popkultur die Kinder der gebildeten Mittelschicht so unwiderstehlich an? Es begann mit dem Rock’n’Roll, der seit 1956 Deutschland polarisierte. Halbstarke Arbeiterjugendliche forderten mit Bill Haley und wilden Tänzen die restaurative Ordnung heraus und verlangten mehr amerikanischen Fortschritt; die Öffentlichkeit debattierte über den – so zeitgenössische Headlines – „Terror der Halbstarken“. Im Windschatten der Aufregung über die Unterschichten begannen sich Jungs und Mädchen auf den Gymnasien über das empowerment zu verständigen, das dem harten, direkten Sound abzugewinnen war: über seine rebellische Kraft gegen die spießig-autoritäre Welt der Alten und gegen eine Kultur, die ihnen als wahr, gut und schön aufgenötigt wurde und sie nach eigenem Empfinden daran hinderte, ihre Jugend zu genießen.

Das wurde dann mit der Beatlemania zur öffentlichen Protestbewegung. Rockmusik erlebte seit der Mitte der 1960er eine Kreativitätsexplosion; sie wurde anschlussfähig an musikalische und performative Avantgarden einerseits, an traditionelle Musizierweisen und Institutionen andererseits („Symphonic Rock“). Zunehmend selbstbewusste Klangkünstler erhoben Rockmusik zum Medium der Ausbruchs- und Alternativsehnsüchte der Mittelschichtjugend; Rock wurde Kraftzentrum einer weltweiten Gegenkultur. Und diese Gegenkultur konnte – wie vorher nur die Klassik – das Wahre, Gute und Schöne in einer entfremdeten Welt zum Gegenstand überwältigender sinnlicher Erfahrung machen.

Kurzum: Pop forderte den alten Hochkultur-Kanon auf Augenhöhe heraus. Pop prägte Erfahrungen, Gefühle, Bildungsprozesse einer Generation heranwachsender Eliten, nicht zuletzt kultureller Eliten. Und trotz aller Erfolge beim Weg ins kulturelle Zentrum blieben im Pop-Kontext „oppositionelle Modelle für das Verhältnis … zum Ganzen der Gesellschaft als Selbstbeschreibung dominant“ (Diedrich Diederichsen). Pop war alternativ, nicht konform, und verstand sich zunehmend als die bessere Hoch- und Bildungskultur der Postmoderne. Das heißt: In der Gegenwart gibt es zwei Varianten von Hochkultur: neben der traditionellen jetzt auch eine popmoderne.

Allerdings: Popkulturelles Urteil muss sich deutlich abheben vom Mainstreamgeschmack der Vielen; am populären Material sind Anspruch, Originalität und Tiefgründigkeit des eigenen Stils zu demonstrieren. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die wirklich witzige Besprechung einer Lindenstraßen-Folge schon vor vielen Jahren, die sich spielerisch der Luhmannschen Systemtheorie bedient – geschrieben bereits 1992 mit der Edelfeder von Gustav Seibt.

Pop hat traditionelle Bildungskompetenz mit subkulturellen und avantgardistischen Elementen aus der Populärkultur zu einem zeitgemäßen Hybrid zusammengeführt. Oberste Regel dabei: Auf keinen Fall Mainstream! Weder verstaubte, pathosverklebte Klassik noch Hits aus dem Dudelfunk oder gehobenes Entertainment bei Schampus und Häppchen. Diese Entwicklung hat das Dreiebenenmodell aus Hochkulturkanon, guter Unterhaltung und trivialer Massenkultur endgültig aufgelöst.

Ich will die Knackpunkte noch einmal herausheben. Die Proportionen von „ernster, bildender Hochkultur“ einerseits – populärer, unterhaltender Kultur andererseits haben sich hierzulande seit dem frühen 20. Jahrhundert nicht grundlegend geändert. Mit Ausnahme der Bildungsschichten schätzen und nutzen die Deutschen überwiegend oder einzig Populärkultur; so betrachtet, bildet sie das Zentrum deutscher Kultur. Das ist also nicht neu. Massiv gewandelt hat sich die Bewertung des Sachverhalts. Die Stigmatisierung des populären Mainstreams ist einer Mischung von Sorge und Verständnis gewichen, und Kenntnisse des Populären können zum kulturellen Kapital beitragen. Popkultur im beschriebenen Sinn ist sogar zum elitären Kulturmuster avanciert.

III.
Die kulturelle Landschaft ist also mächtig in Bewegung, Abgrenzungen verschwimmen und werden ständig neu gezogen. In dieser Situation formuliert „Kulturpolitik für die Popkultur“ viele Fragen, aber noch kein konsistentes Programm. Denn es stehen ganz unterschiedliche Vorstellungen von Pop im Raum.

Um ein wenig Ordnung in die Debatte zu bringen, greife ich einen Vorschlag des Kulturwissenschaftlers Marcus S. Kleiner auf. Er sieht hierzulande vereinfachend, aber durchaus hilfreich, zwei Lesarten von Pop; sie bilden zwei Seiten einer Medaille. Einerseits Pop als Medium der Rebellion und des Widerstandes, als „Einspruch gegen die Ordnungs- und Ausschlusssysteme der Dominanzkultur“; dies gilt als authentisch und kulturell anspruchsvoll. Das Gegenbild ist Pop als Konsum, minderwertig, affirmativ, Mainstream. „Pop als Rebellion wird zumeist der Status autonomer, widerständiger, inkommensurabler Kunst im hochkulturellen Verständnis zugeschrieben, Pop als Konsum unterliegt dem Verdacht kulturindustrieller Standardisierung und Instrumentalisierung.“

Das ist freilich analytisch zugespitzt. Aktuelle Kommentare klingen längst nicht so eindeutig; förderungswürdiger Pop wird meist nur vage bestimmt. Nehmen wir die Versuche des Deutschen Kulturrates, Populäre Kultur in die „Mitte der Kulturpolitik“ zu rücken. Der Bereich entziehe sich jeder eindeutigen Zuordnung, heißt es. Er umfasse „das leicht Konsumierbare, den Hit“ ebenso wie „moderne Kunstformen“ als „bewusste Abkehr vom Mainstream“. Kunst, Kitsch und Markt lägen nahe beieinander, das mache die „Ambivalenz Populärer Kultur“ aus (Olaf Zimmermann). Offenbar gibt es Bereiche des Populären, mit denen sich die Kulturförderung unwohl fühlt – vermutlich das, was als anspruchslos gilt. Denn negative und auch aggressive Lesarten von Massenkultur als Schund und Massenbetrug sind hierzulande durchaus noch lebendig. Da geht es nicht um Förderung, sondern um Eindämmung, Überwindung oder zumindest Verdammung.

IV.
Es ist diese Tendenz zur Abwertung des Mainstreams, die mir Bauchschmerzen macht. Gar nicht so sehr, wenn konkrete Genres, Formate, Werke kritisiert und als ekelhaft oder menschenverachtend angeprangert werden. Darüber kann und muss man in der Sache diskutieren, und nicht selten kann man die Urteile nachvollziehen. Schwierig wird es, wenn man bei Kritikern und Politikern auf einen schweigenden Konsens trifft, wonach große Bereiche der Massenkultur fraglos kulturell wertlos seien. Dass zig Millionen Deutsche solche Angebote lieben, spielt da keine Rolle. Wer meint, man sollte den Mainstream doch mal mit den Augen seiner Nutzer anschauen, läuft gegen Gummiwände.

Solche unsichtbaren Wände sehe ich auch in der Debatte um Kulturpolitik für die Popkultur. Da gibt es vor allem zwei Referenzsysteme: Ökonomie und Ästhetik. Als unterstützenswert gilt, was zukünftigen Markterfolg und/oder künstlerische Qualität verspricht. Und „Unterschichtfernsehen“ (um das ressentimentgeladene Schlagwort beispielhaft aufzugreifen) ist hier einfach kein Thema. „Ist es denn nicht schlimm genug, dass es all diesen Schund und Schrott von der Stange auf dem Markt gibt, zugänglich für jedermann? Welchen Grund sollte es geben, hier über Kulturförderung auch nur nachzudenken?“

Ich wüsste einen. Dazu muss man allerdings aufhören, den eigenen Geschmack für allgemeinverbindlich zu halten. Dann fiele nämlich die Tatsache ins Gewicht, dass die Mehrheit unserer Mitbürger ihre ästhetischen Erfahrungen im Wesentlichen mit Mainstream-Material macht; also vereinfacht: nicht im Kulturbetrieb, sondern in Fernsehen, Internet, Musikradio – mit (Entschuldigung für die Beispiele, die stets unfair klingen) Helene Fischer und Daily Soaps, Discopop und Gangstarap, Sitcoms und Actionkino, lokalem Popmusikradio und Liebesromanen im Taschenheft, Youtubeformaten und Bildern aus dem Postershop. Dieses Publikum empfindet den Hunger nach Schönheit nicht weniger stark als Opernabonnenten, Vernissagebesucher und Spex-Leser. Es greift allerdings nach einem anderen Repertoire, um ästhetisches Vergnügen und ästhetische Erkenntnis zu erleben.

Diese Mitbürger greifen nach hoch professionell gemachten Massenkünsten, zugeschnitten auf Alltagsstruktur, Erfahrungen und Träume von Menschen, für die ein gutes Leben eine recht anstrengende Aufgabe darstellt. An solchem Material bildet die Mehrheit ihre ästhetischen Erwartungen, Vergleichsmöglichkeiten, Genussweisen und Reflexionsmodi. Ich spreche von Massenkünsten, weil bei allen Unterschieden das Erleben von Blues und Beethoven, Discotanz und Opernball, Blockbuster und Entwicklungsroman, Vermeer-Reproduktion und Kaufhausbild doch in dieselbe Richtung weist: Man sucht intensive Erfahrung und tieferes Verständnis des eigenen Selbst und der Welt, in der dieses Ich sich bewegt; man sucht Empfindungen, sinnlich-körperliche Sensationen, Einsichten und die Glücksgefühle, die Schönheit und Erhabenheit vermitteln können.

Ich sprach etwas vollmundig von einer kopernikanischen Wende. Was ist gemeint? Wir denken Kulturpolitik und Kulturförderung angebotsorientiert, von der Produktionsseite her: Man fördert KünstlerInnen und Institutionen, die qualitätvolle Werke anbieten und verbreiten. Nutzer kommen ins Bild als diejenigen, die indirekt von Kulturförderung profitieren – aber sie stehen nicht am Ausgangspunkt der Überlegungen. Deswegen gelten Kulturindustrien, die erfolgreich für ein Massenpublikum produzieren und damit ordentlich Geld verdienen, als Bereich, um den man sich nicht zu kümmern braucht.
Das stellt sich anders dar, wenn wir vom Anspruch aller Bürger auf ästhetischen Genuss und kulturelle Entfaltung ausgehen. „Anspruch“ meint kein abstrakte Chance nach dem Muster „Jeder Deutsche hat die Chance, Millionär zu werden“. Sondern eine nüchterne und vorurteilslose Prüfung, welche Möglichkeiten zur Teilhabe die Mehrheit wirklich nutzt: eben Mainstream und Massenware. Diesen Menschen sollten wir nicht mit Rilke empfehlen: Du musst Dein Leben ändern! Wechsle zu ARD und ZDF, geh ins Programmkino, in den Jazzclub oder zur Volkshochschule, folge der Bestenliste des SWR, besuch mal unsere Einführung im Museum für Moderne Kunst.

Was ansteht, ist ein veritabler Paradigmenwechsel (ich spitze jetzt frech zu): Weg von einer kulturellen Bildung, die vor allem schützen und imprägnieren will gegen Massenkultur, gegen vermutete Verführung, Verdummung und Vernichtung ästhetischer Sensibilität – hin zu Programmen, die reicheres Vergnügen und menschliches Gedeihen aus dem Umgang mit Mainstream-Künsten zum Ziel haben. Auf deren Spielregeln und Qualitätsmaßstäbe sollten Experten und Verantwortliche sich einlassen, Erfahrungen und Kenntnisse von Fans und Publika ernst nehmen und überlegen, wie realistische Chancen zur Qualifizierung dieser Kenntnisse und Kompetenzen eröffnet werden können.

V.
Abschließend noch etwas konkreter zu möglichen Ansatzpunkten. Sie haben gemerkt, ich spreche ohne Bedenken von Massenkünsten und ästhetischen Erfahrungen ihrer Rezipienten. Damit will ich auch sagen: Die Produzenten dieser Angebote sind Künstler wie alle anderen, denen wir diesen respektheischenden Titel zugestehen, und sie haben, wir haben Anspruch auf eine Kritik, die ihrer Arbeit gerecht wird. Es sind nun mal Künste eigener Art, sehr anders als der Bereich der etablierten Musen. Sie müssen sich im Alltag behaupten, und sie müssen der Unterhaltung von Menschen dienen, die keine Experten, keine Profis, keine hochgebildeten Connaisseurs des entsprechenden Genres sind, sondern interessierte (manchmal überwältigend kenntnisreiche) Laien, die sich vergnügen wollen. Sie vergnügen sich mit allem, was sie angeht, sie berührt, was in ihren Lebensverhältnissen zu Genuss und Verständnis der Welt, der Menschen beiträgt – und nicht zuletzt zu Erfahrung und Verständnis des eigenen Selbst in der Welt.

Wo wird bei uns gelehrt, dem Massenpublikum entsprechende ästhetische Angebote zu machen? Einen Fernsehfilm für die Primetime zu entwickeln, dem die Zuschauer wegen seiner Figuren, Bilder, Klänge bis an die Grenzen gewohnter Sicht- und Empfindungsweisen folgen, ohne wegzuzappen, ist gewiss nicht leichter, als einen Roman zu schreiben, der in gehobenen Feuilletons und Kulturmagazinen besprochen wird und ein paar Tausend bildungswillige, anstrengungsbereite Leser findet. Auf jeden Fall ist es seltener. Jede amerikanische Hochschule hat ihre Kurse für creative writing – und wir? Wo wird ernsthaft untersucht und gelehrt, was die besten Arbeitsformen in populären Genres sind? Das Unterhaltungsgewerbe ist arbeitsteilig und inzwischen hoch spezialisiert. Die tollen amerikanischen und nordischen Serien hängen untrennbar zusammen mit der Etablierung von showrunner und writer’s room, der strukturierten Kooperation vieler kreativer Köpfe an Konzept und Drehbuch; jetzt hechelt man hierzulande hinterher. Schließlich ist auch politisch zu überlegen, wie man die Position der Kreativen im Kulturgeschäft gegenüber Kaufleuten und Marketingmanagern stärkt.

Ebenso ist zu klären, wo Förderung ansetzt: beim Künstler, beim Werk, bei den Nutzern oder – ein selten gehörter Gedanke – bei den Akteuren der Kritik, die ganz wesentlich zu Qualitätsdebatten und Qualitätssteigerung beiträgt? Bereitschaft zu und Freude an Innovation, Vielfalt, ernstem Spiel sind jedenfalls nicht allein bei den Anbietern zu fördern, sondern auch im Massenpublikum. Momentan wird vielerorts über audience development debattiert. Wir sollten dabei allerdings nicht von bestehenden Kultureinrichtungen ausgehen, sondern vom Massenpublikum, und fragen, wie es seine bestehenden Wünsche und Kompetenzen reicher entwickeln könnte.

Wir haben ein entfaltetes Instrumentarium kultureller und ästhetischer Bildung, doch es wird fast ausschließlich zur Vermittlung „ernsthafter, anspruchsvoller“ Werke genutzt. Wenn in diesem Kontext Mainstream auftaucht, dann als abschreckendes Beispiel. Dabei wäre es ein Leichtes, im Austausch mit Genreliebhabern zu thematisieren, was gut gemachte von weniger gut gemachter Action, SF oder Sitcom unterscheidet; oder SchülerInnen mit Game Designern diskutieren zu lassen, was für Computerspiele sie gerne entwickeln würden. Usw. In einem Satz: Kulturpolitik für die Popkultur heißt meines Erachtens, den real existierenden Mainstream, sein Publikum und deren gemeinsame Potenziale ästhetisch wirklich ernst nehmen.

Benutzte Literatur
Diedrich Diederichsen: Über Popmusik. Köln 2014.
Marcus S. Kleiner: Popkultur und Mainstream, in: Politik & Kultur 6/2013, S. 17-18.
Roland Prügel (Hg.): Geburt der Massenkultur. Nürnberg 2014.
Gustav Seibt: Allegorien am Abend. Zur Lesbarkeit der ‚Lindenstraße‘. FAZ, 20. 10. 1992.
Olaf Zimmermann: Spiel doch mit den Schmuddelkindern, sing doch ihre Lieder. Zur Ambivalenz Populärer Kultur, in: Politik & Kultur 6/2013, S. 15.

Anmerkungen
[1] Erster Aufsatz zum Thema: Kaspar Maase, Massenkultur und Demokratisierung. Kommunale Kulturpolitik in der Auseinandersetzung, in: tendenzen 15 (1974), Nr. 95, S. 42-49
[2] Hier eine Aufstellung der von Kaspar Maase zum Thema publizierten Bücher.

BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992.
Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850–1970, Frankfurt a. M. 4. Aufl. 2007.
Was macht Populärkultur Politisch? Wiesbaden 2010.
Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur, Tübingen 2011.
Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich, Frankfurt a. M./New York 2012.

Kaspar Maase ist Mitautor und Herausgeber von:
Schund und Schönheit. Populäre Kultur um 1900, Köln, Weimar, Wien 2001 (mit Wolfgang Kaschuba).
Die Schönheiten des Populären. Ästhetische Erfahrung der Gegenwart. Frankfurt a. M./New York 2008.
Unterhaltung und Vergnügung. Beiträge der Europäischen Ethnologie zur Populärkulturforschung, Würzburg 2013 (mit Christoph Bareither u. Mirjam Nast).
Macher, Medien, Publika. Beiträge der europäischen Ethnologie zu Geschmack und Vergnügen, Würzburg 2014 (mit Christoph Bareither, Brigitte Frizzoni u. Mirjam Nast).
Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970. 4. Aufl. Frankfurt/M. 2007.

Eine annähernd vollständige Publikationsliste findet sich unter:
http://www.wiso.uni-tuebingen.de/faecher/empirische-kulturwissenschaft/institut/mitarbeiterinnen/emeriti-und-ehemalige/kaspar-maase.html