KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2013
Gerlinde Irmscher
„Fernweh? Vom Sinn des Reisens“
Ein Tagungsbericht
Am 9. März 2013, in der Hochzeit der Urlaubsplanung und parallel zur Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB), trafen sich Mitglieder der KulturInitiative `89 zu einer „geselligen kulturwissenschaftlichen Diskussionsrunde“. Sie wollten herausbekommen, wie sich Kulturwissenschaftler als Touristen verhalten, was ihnen am Thema „Reisen“ wichtig ist und welche eigenen Erfahrungen sie gesammelt haben. Dieser Austausch wurde eingerahmt durch zwei einleitende Vorträge von Dietrich Mühlberg und Gerlinde Irmscher und einen abschließenden Einblick in das Geschehen auf der ITB 2013 durch die Autorinnen des Buches „Traum: Urlaub – Aber wie?“, Vivien Manazon und Petra Schwarz. Ergänzt wurden die Beiträge durch ausgestelltes Anschauungsmaterial - vom historischen Fotoalbum bis zum exklusiven Souvenir - das von den Leihgebern mehr oder weniger ausführlich erläutert werden konnte, denn die Zeit wurde, wie nicht anders zu erwarten, knapp. Schließlich sollte die angekündigte „Geselligkeit“ auch nicht zu kurz kommen.

Einleitend wies Dietrich Mühlberg auf die doppelte Blickrichtung hin, zu der die Veranstalter alle Mitwirkenden eingeladen hatte: neben dem Bericht über ganz individuelle Reiseerfahrungen doch auch zu fragen, ob und wie diese durch die eigene kulturwissenschaftliche Profession beeinflusst worden sind. Dahinter standen bei der Konzipierung unserer Veranstaltung Überlegungen, wie sie der Ethnologe Konrad Köstlin 1993 in einem Aufsatz mit dem Titel: „Wir alle sind Touristen – Gegenwelten als Alltag“ geäußert hatte. Den Diagnosen der Postmoderne folgend, die etwa Zygmunt Baumann an der Figur des Touristen entwickelt hat, fragte Köstlin, was der als „teilnehmender Beobachter“ charakterisierte Forschertypus der (empirischen) Kulturwissenschaft mit diesem „neuen“ Menschen gemeinsam habe. „Wie diese virtuelle Figur der Wissenschaft hält sich der Tourist auf Distanz, bedacht darauf, sich nicht zu sehr einzulassen aufs Feld oder sich gar einfangen zu lassen. Dieser Mensch begreift die vorgegebenen Rituale (selbst das „going native“) sowohl in den Urlaubsländern als auch in der eigenen Lebenswelt als eine mehr oder weniger gekonnte und oft unterhaltsame Inszenierung des Lebens.“ (Köstlin 1995 [1])

Joachim Fiebach spricht (© Dietrich Mühlberg)

Joachim Fiebach berichtet über seine Afrikareisen (© Dietrich Mühlberg)

Dietrich Mühlberg sprach in seinem Beitrag von der „Art beweglich in der Welt zu sein, sie aus verschiedenen Blickwinkeln und immer wieder neu zu sehen“, in der Antike bereits mit dem Begriff der „Theorie“ verbunden.[2]

Von den Reisen früherer Tage, aber auch unseren eigenen Reisen wissen wir durch Reisebeschreibungen und -dokumente (und wenn es das berühmte „Reisetagebuch“ in Wort und Bild im Internet ist). Literaturwissenschaftler gehörten deshalb zu den Pionieren wissenschaftlicher Reiseforschung. Geschrieben wurde über wirkliche Reisen und über eingebildete oder geträumte, über Reisen zu bekannten, unbekannten oder fiktiven Destinationen. Heute gibt es selbst Reiseführer für nicht existente Länder.[3]

Der Vortrag von Gerlinde Irmscher trug den Titel „Reisen als Lebensform. Ida Pfeiffer – eine Weltreisende im 19. Jahrhundert“ und hatte mehrere Anliegen. Erstens sollte damit auf die Tatsache hingewiesen werden, dass seit dem 18. Jahrhundert das Reisen, Sammeln und Berichten darüber zu einem Beruf wurde, mit dem man seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Doch ist damit auch jene „Unbehaustheit“ des modernen Menschen gemeint, von der eingangs gesprochen wurde.(Boomers 2004 [4]) Zweitens war beabsichtigt, dem Bild von der „häuslichen“ bürgerlichen Frau das der reisenden, der selbständig die Welt anschauenden beizufügen. Drittens – und hier ergibt sich die Verbindung von Reisen und Wissenschaft – kann an der Protagonistin Ida Pfeiffer gezeigt werden, dass sich im 19. Jahrhundert reisende Frauen ungeachtet ihrer mangelnden Vorbildung wissenschaftliches Ansehen, einen Platz in der internationalen „Gelehrtenrepublik“ erobern konnten.(Habinger 2006 [5]) Zugleich wurden Wissenschaften wie Archäologie, Geologie, Botanik oder Zoologie durch Reisende ebenso konstituiert wie Volks- und Völkerkunde und Anthropologie. Nicht zuletzt liefern Reiseberichte empirisches Material für kulturwissenschaftliches Nachdenken über Selbst- und Fremdwahrnehmung, über Frauen- und Männerbilder, über die Weltbilder der (bürgerlichen) Gesellschaft, über ästhetische Praxen und vieles mehr.

Die „Hauptrunde“ gestaltete sich inhaltlich und formal vielfältig und bunt. Im Folgenden soll versucht werden, sie aus der Perspektive einer Theorie und Geschichte des Reisens/des Tourismus zu ordnen und kommentierend vorzustellen. Dabei können natürlich nicht alle Facetten betrachtet werden – die Berichterstatterin nimmt sich die Freiheit herauszugreifen, was ihr besonders interessant erscheint.


Erstens: Reisen und Arbeiten

Wann ist eine Reise eine Reise? Man hat sich darauf geeinigt, dass sie mit einer Rückkehr nach Hause verbunden sein soll, freiwillig ist und nur eine begrenzte Zeit dauern soll. Sofort wird klar, wie fragil dieser Kompromiss ist. Eine Fahrt in den Krieg wäre keine Reise – sie wird als ebenso wenig freiwillig angesehen wie Flucht und Vertreibung. Doch wie sieht es mit dem Reisen aus, dass mit der Arbeit verbunden ist, dem Geldverdienen gilt? Viele bekannte Reisende waren keinesfalls so „freiwillig“ unterwegs, wie die Definition nahelegt. Seume machte sich nicht nur wegen neuer sinnlicher Erfahrungen auf den Weg nach Syrakus, er hatte in Leipzig keine Arbeit mehr und zudem Liebeskummer. Auch Fritz Kummer fuhr um die Welt, weil er zu Hause kein Auskommen fand. Eine Reise wäre dennoch nicht zwingend notwendig gewesen, gehörte aber zum setting möglicher Problemlösungen, war als Verhaltensmuster in diesen Zeiten bereits „normal“. Nicht von Ungefähr kam es auch, dass Seume, der Spätaufklärer, nach Italien fuhr und Kummer in die USA, in die aufsteigende kapitalistische Weltmacht.

Beide haben auf ihren Reisen gearbeitet – Seume sammelte Eindrücke für das Buch, das ihn weltberühmt machen sollte, Kummer finanzierte so die Fahrt. Der Zusammenhang von Reise und Arbeit kommt allerdings nur dann in den Blick, wenn nicht allein an die Urlaubsreise gedacht wird, die geradezu als Suspension von Arbeit, als ihre Gegenwelt definiert wird. Eine solche Perspektive nahmen Gerta Stecher und Joachim Fiebach ein. Gerta Stecher

Gertas Hüte (© Dietrich Mühlberg)

Gertas Hüte (© Dietrich Mühlberg)

gab ihrem Beitrag den Titel „Arbeitstourismus“ und meinte: um so arbeiten zu können, muss man freischaffend sein. Zugleich sieht sie dieses tätige Unterwegssein als Tourismus-Trip an, Einsprengsel von „blauer See und weißen Wellen“ in das Vorhaben „Land und Leute“ kennenzulernen und „über sie und mit ihnen“ zu arbeiten. Bei einem solchen Aufenthalt in den USA ist ein Fernsehbeitrag über „schwarze Perlen“ in Georgia entstanden, Hauptperson ist Peggy, die Pflegerin einer weißen Frau.[6] Mit ihr teilte Gerta Stecher eine Vorliebe für Hüte, einige nahm sie als Reiseandenken mit nach Hause.

Peggy’s Siegerhut (© Gerta Stecher)

Peggy’s Siegerhut (© Gerta Stecher)

Jochen Fiebach berichtete über Arbeitsaufenthalte in Nigeria (1982-1984), Tansania (1993) und Ghana (1994) Fernweh habe ihn motiviert, als Tourist sieht er sich nicht. Während über Nigeria Ethnologisches zur Sprache kam (Begräbnisriten, Silvesterfeier), ging es in Ghana und Tansania um Formen und Ziele von Theater in Afrika, seine Geschichte und Gegenwart.

Reisen kann auch Teil des Studiums sein, wie von Frank Götze zu hören war. Zudem gehören Studenten weltweit zu den reiselustigsten Gruppen. Heutzutage sollte es schon eine Weltreise sein – unter den „bagpackern“ ist ein Wettstreit entbrannt, wer es am längsten fern der Heimat aushält.

auf einem Gletscher im Tienschan (© Frank Goetze)

auf einem Gletscher im Tienschan (© Frank Goetze)

Gletscher-"Ansichten" im Tienschan (© Frank Götze)


Zweitens: Reisebiografien

Der Zusammenhang von Reise und Biografie ist wohl eines der interessantesten Forschungsfelder. Wie ist das Reisen im Lebenslauf verteilt? Welche Rolle spielt es bei der Sozialisation und was ist entscheidend für eine „Reisekarriere“? Aus der Geschichte ist eine paradigmatische Form überliefert, wie durch Reisen der Eintritt in einen bestimmten, freilich schon vorher feststehenden Lebensweg vollzogen wurde: die Grand Tour der jungen Adligen.( Brilli 1997 [7]) Doch auch das Handelsbürgertum schickte seine jungen Männer in die Welt, Handwerker gingen auf die Walz. Montaigne beschreibt, wie französische Studenten in Padua allerlei Unsinn treiben, unter sich bleiben und nichts von Italien mitbekommen. Jedem fallen sofort Beispiele ein, wie auch heutzutage das Reisen zur Sozialisation Jugendlicher gehört.

Doch einige soziale Gruppen sind mobiler als andere und das auch aus kulturellen Gründen. Pionierinnen des Massentourismus waren von den 1920er bis zu den 1950er Jahren junge, ledige Angestellte, die ihr Geld in organisierte Urlaubsreisen investierten. Das war sozial akzeptiert und ein nicht von Männern besetztes Feld.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Ausprägung von Reisestrategien, die nicht nur das „ob“, sondern auch das „wie“ und „wohin“ bestimmen, spielt neben dem Elternhaus die Gleichaltrigengruppe, zu der man sich zugehörig fühlt. Hier kann es, wie der Beitrag von Frank Götze zeigt, zu Begegnungen kommen, durch die man in neue Reisewelten vordringt. In der DDR (wie in anderen Industrieländern auch) war die „Reiselust“ recht unterschiedlich verteilt. Hinzu kam, daß viele Details der Reise aufgrund fehlenden Materials improvisiert werden mussten.



auf einem Gletscher im Tienschan (© Frank Goetze)

improvisiertes Kartenmaterial für eine Tour im Pamir-Gebirge/Sowjetunion

Großstädter aus dem Süden der Republik und Angehörige der Intelligenz fuhren am häufigsten weg. Bei ihnen war auch der Anteil von Urlaubsreisen ins Ausland am höchsten. Geradezu auffällig ist der Raum Dresden. Hier versammelten sich die „Bergfreaks“, hier saßen diejenigen, die nicht nur in den Kaukasus, sondern bis zum Altai und Tienschan strebten. Wer mit ihnen in Berührung kam, wurde angesteckt, traute sich plötzlich Dinge, von denen er vorher nicht mal geträumt hatte. Nun hat zwar die Tourismusindustrie schon lange den Himalaja erreicht, aber individuell organisierte Reisen in kaum touristisch erschlossene Regionen sind immer noch möglich und verlangen eine hohe kulturelle Kompetenz. Die erwirbt man im Allgemeinen als Kind oder Jugendlicher – DDR-Jugendforscher waren überrascht, wie tief frühe Reiseerfahrungen im Habitus verankert waren. Welche Gestalt nehmen sie in den unterschiedlichen Lebensphasen an, welche Modifikationen erfahren sie durch Familie, im Alter, durch Krankheit?


Drittens: Kulturtourismus

Thomas Hertel berichtete über „Lauf-Freizeitsport-Kulturtourismus-Reisen“ und spontan dachte die Berichterstatterin an Überlegungen zur „Körperkultur“, wie sie in den 1960er Jahren an der DHfK angestellt wurden. „Kultur“ wurde als geistiges und körperliches Phänomen verstanden, kulturvoll war, wer etwas für Geist und Körper tat. Das scheint hier nun geradezu paradigmatisch verwirklicht und weit über das hinausgehend, was man sich an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) unter einem gelungenen Urlaub vorstellte: tagsüber Waldlauf, abends Lichtbildervortrag über die Geschichte des Urlaubsortes. Den Lauf zu nutzen,

Marathon in Rom 1(© Thomas Hertel)

Marathon in Rom 2(© Thomas Hertel)

Marathon in Rom (© Thomas Hertel)

um die Sehenswürdigkeiten von Städten zu beschauen, das ist eine unschlagbare Synthese! Hinzu kommen die kulturellen „Alleinstellungsmerkmale“, mit denen die veranstaltenden Städte sich durch die entsprechende Souvenirs bei den Teilnehmern in Erinnerung bringen. Zweifellos eine neue Facette im Angebotsfächer des „Kulturtourismus“.

Marathon in Wien 1(© Thomas Hertel)

Marathon in Wien 2(© Thomas Hertel)

Marathon in Wien (© Thomas Hertel)

Eine andere Facette repräsentierte der Beitrag von Rainer Knapp über die Lebensumstände der Mönche auf Athos und die Geschichte ihrer Klöster. Zugleich regt er dazu an, über die Entwicklung dessen nachzudenken, was ebenso wie die Vorbereitung Teil der Reise ist: ihre Nachbereitung. Hasso Spode hatte in seinem von der KulturIntiative `89 initiierten Vortrag im Februar 2013 vom Erbe der Romantik gesprochen, das noch heute den „touristischen Blick“ prägt. Doch auch die Aufklärung hat uns einiges hinterlassen, nicht zuletzt die Lust am Dokumentieren, an Zahlen und geschichtlichen Fakten. Auch wenn diese heute in anderen Medien jederzeit verfügbar sind – für uns selbst halten wir noch gern fest, was uns wichtig erscheint. Damals wurde gezeichnet und gemessen, wurden Reiseführer in persona oder Honorationen befragt und Dokumente studiert, nicht zuletzt die Berichte anderer Reisender. Auch heute noch wird der Sinn des Reisens nicht nur im Erlebnis des Augenblicks gesehen, sondern in einer Erzählung, die neben den eigenen Beobachtungen auf anderes, „objektives“ verweist. Videos haben die Zeichnungen ersetzt, die Tonspur den schriftlichen oder mündlichen Bericht.

Mönchsrepublik Athos (© Rainer Knapp)


Mönchsrepublik Athos (© Rainer Knapp)


Mönchsrepublik Athos (© Rainer Knapp)

Schon zu Goethes Zeiten schien es unmöglich zu sein, auf Reisen noch etwas Neues zu entdecken. Das lag vor allem auch daran, dass die angesagten Destinationen nicht eben sehr vielfältig waren. In Italien etwa hatte sich schon fast jeder aus der besseren Gesellschaft getummelt, was gab es da noch zu erzählen? So etwas wurde vor allem in den weiterhin erscheinenden Reiseberichten behauptet. Wer sich die Routen anschaut, wird feststellen, das die Reisenden des 19. Jahrhunderts keineswegs ganz Italien besuchten, sondern immer die gleichen, teilweise mit dem Geld der reiselustigen Briten ausgebauten Wege benutzten. Südlich von Neapel war Schluss, wenn man nicht noch eine Schiffsreise nach Sizilien antrat. Ein Ausweg lag darin, sich selbst als Nachreisenden zu inszenieren, ein anderer, auf das eigene sinnliche Erleben dessen, was schon viele andere gesehen und beschrieben hatten, abzuheben. Das kann uns niemand abnehmen und nehmen.

Im Bekannten das Unbekannte, das Kuriose, das Überraschende finden, davon zeugten die Souvenirs, anhand derer Stefan Körbel von seinen Reiseerlebnissen berichtete. Wie sich Venedig aneignen – geht das überhaupt noch bei einer Stadt, die im Bildgedächtnis so verankert ist, dass auch der, der nie dort war, sie „kennt“? Es geht, wenn man nur ein wenig beiseite schaut und sich die Mühe macht, einen eigenen Weg zu finden. Zugleich verweisen diese und die anderen Souvenirs und Dokumente, die auf dem „Reisetag“ gezeigt wurden, auf die Materialität des Reisens, die in den letzten Jahren in der ethnologischen Reiseforschung an Gewicht gewonnen hat.


Reisen und Wissenschaft

Die Zusammenhänge von Reisen und Wissenschaft wurden nun schon mehrfach angesprochen. Explizit haben sich vor allem Thomas Hertel und Stephanie Stender zur wissenschaftlichen Einordnung ihrer touristischen Aktivitäten geäußert. Ist „Laufen und Wandern“, wie von Thomas Hertel praktiziert, für den Menschen „artgerecht“, als Ergebnis der biologischen Evolution des homo sapiens? Folgt dieser eine kulturelle Evolution, die den Laufenden Glückseligkeit schenkt? Wer selbst wandert, möchte dem gern zustimmen. Oder ist diese Lust am Laufen nur eine Folge des Umstands, dass wir heute vor allem fahren und gefahren werden? Körperlich arbeitende Menschen, so ergab es eine Studie der oben erwähnten DHfK in den 1960er Jahren, würden schweißtreibende Urlaubsbeschäftigungen ablehnen, sie galten ihnen als das Gegenteil von Erholung. Seume meinte zwar sinngemäß, es würde alles viel besser gehen, wenn die Menschen mehr gehen würden, doch ist auch das vor allem Kulturkritik. Ein Blick in die Diskurse der Reiseforscher belehrt jedenfalls, dass sowohl Reise- wie auch Wanderlust von den einen zum unverzichtbaren Bestandteil menschlichen Lebens erklärt wird, während andere eher geschichtlich als anthropologisch argumentieren. Ein ähnlich weites Feld betrat Stephanie Stender mit ihrer Spurensuche zum „Extremtourismus“, deren Väter sie im Alpinismus des 19. Jahrhunderts ausmachte. Woher dieser Drang, sich Extremen auszusetzen?

Viedma Gletscher Argentinien (© Stephanie Stender)

Viedma Gletscher Argentinien (© S. Stender)

Darüber haben auch einige Tourismusforscher kritisch nachgedacht, deren Ergebnisse Stephanie Stender in ihre durch eigene Erfahrungen motivierten
Überlegungen eingebaut hat. Eine einfache Antwort war jedenfalls nicht zu haben, wie die Bandbreite der referierten Beobachtungen und auch die Diskussion des Vortrags zeigten. Jedoch war nicht zu übersehen, wie wichtig es ist, neben den Gründen auch die Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Tourismus gerade auch in seinen extremeren Formen bedarf zahlreicher technischer Hilfsmittel, angefangen von den Verkehrsmitteln bis hin zur adäquaten Kleidung. Der touristische Aufschwung im 19. Jahrhundert war eine Funktion von Dampfschiff und Eisenbahn, der Aufstieg des Massentourismus seit den 1960er Jahren wurde durch billige Charterflüge mit neuen Flugzeugtypen ermöglicht.

Die Frage nach dem „Sinn des Reisens“ ist auch eine nach den Motiven. Motive sind für die kommerziell ausgerichtete Tourismusforschung ein ebenso dorniges wie beständiges Forschungsfeld. Im besten Fall erwachsen aus Urlaubsmotiven dann Urlaubsempfehlungen im Reisebüro. Das von der Reisefachfrau Vivien Manazon und der Journalistin Petra Schwarz verfasste Buch: „Traum: Urlaub – Aber wie?“ soll es den potenziellen Reisenden spielerisch ermöglichen, ihre Wünsche zu entdecken. Damit aus dem Urlaub auch wirklich ein „Traumurlaub“ wird und kein Scheidungsverfahren, liegt das Augenmerk auf möglicherweise divergenten Sehnsüchten.


Anmerkungen
[1] Köstlin, Konrad: Wir alle sind Touristen – Gegenwelten als Alltag, in: Cantauw, Christiane (Hrsg.): Arbeit, Freizeit, Reisen. Die feinen Unterschiede im Alltag, Münster/New York 1995, S. 2.
[2] Der Beitrag von Dietrich Mühlberg befindet sich im Anhang. [3] Immer noch einen sehr guten und kurzweilig zu lesenden Überblick bietet: Bausinger, Hermann; Beyrer, Klaus; Korff, Gottfried (Hrsg.): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, München 1991. [4] Vgl. Boomers, Sabine: Reisen als Lebensform. Isabelle Eberhardt, Reinhold Messner und Bruce Chatwin, Frankf.a.M./New York 2004. [5] Sehr kurzweilig und informativ ist der Überblick von Habinger, Gabriele: Frauen reisen in die Fremde. Diskurse und Repräsentationen von reisenden Europäerinnen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Wien 2006. [6] ORB, Sendereihe UNGESCHMINKT, Sendung am 27.12.2000 [7] Dazu unterhaltsam und unübertroffen: Brilli, Attilio: Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: Die „Grand Tour“, Berlin 1997