KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2013
Isolde Dietrich
Wer nichts erheirat‘, nichts ererbt,
bleibt ein armes Luder, bis er sterbt.



Gedanken zu einem neuen Buch von Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler, Bielefelder Altmeister der deutschen Sozialgeschichte, hat im Februar eine Analyse der gegenwärtigen Lebenslagen in Deutschland vorgelegt: "Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland" (München 2013, 191 S., br. 14,95 €). Der schmale Band hat es in sich, zeigt er doch die neue Umverteilung von unten nach oben in aller Schärfe und in vielen Facetten.

Das Buch war sofort vergriffen. Eine zweite Auflage erschien Anfang März - punktgenau zur Verabschiedung des geschönten 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung sowie zur Veröffentlichung einer Studie der Bundesbank über das Vermögen der Deutschen. Während Vizekanzler, Wirtschaftsminister und FDP-Chef Philipp Rösler die Befunde des Regierungsberichts überwiegend positiv bewertete und der Meinung war, Armut bzw. Armutsgefährdung sei heutzutage kein gravierendes Problem, Deutschland gehe es so gut wie nie, schlägt der nüchterne Wissenschaftler Wehler Alarm. Wehler sieht politisch gefährliche Spannungen heraufziehen, wenn der wachsenden Sozialen (bei ihm immer absichtsvoll in Großschreibung) Ungleichheit in Deutschland nicht Einhalt geboten werde. Ungleichheit dieser Dimension untergrabe die Demokratie, die ja ganz wesentlich auf bestimmten Gerechtigkeitsnormen als Legitimationsgrundlage beruhe.

Solche Warnungen sind kein Zeichen von Alarmismus. Wehler ist kein Skandaljournalist, kein Heißsporn, der im Rundumschlag den täglichen Katastrophenmeldungen eine weitere hinzufügt, kein Moralapostel, der vordergründig an Ehrlichkeit, Redlichkeit und dergleichen appelliert, kein Visionär, der ein Programm zur Lösung all der sozialen Verwerfungen in der Tasche zu haben vorgibt. Vielleicht mit einer Ausnahme: Eine angemessene, in anderen Ländern übliche Vermögens-, Erbschafts- und Kapitalertragssteuer sowie ein höherer Steuersatz für Spitzeneinkommen würden seiner Meinung nach Billionen bringen, „die für den Ausbau des Bildungssystems und der Verkehrswege, die Renovierung der Infrastruktur in den west- und ostdeutschen Städten und andere dringende Aufgaben ohne weitere Belastung des Steuerzahlers eingesetzt werden können“ (S. 76 f.).

Es sind historische Erfahrungen, die Wehler den Blick für kritische Situationen geschärft haben. Als Autor einer fünfbändigen deutschen Gesellschaftsgeschichte von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1990 hat er die Entwicklung von Wirtschaft, politischer Herrschaft und Kultur (von ihm wesentlich als Gefüge kultureller Institutionen und Vermittlungen gefasst) über einen langen Zeitraum verfolgt und dabei gezeigt, wie Gesellschaften als „Systeme sozialer Ungleichheit“ durch das Zusammenwirken dieser drei Faktoren konstituiert wurden. Wer zweieinhalb Jahrhunderte im Kopf hat, erkennt klar die Brüche in den letzten Jahrzehnten. Vom Wirtschaftswunder bis in die 80er Jahre wurde eine Strategie des sozialen Ausgleichs verfolgt, versucht, durch Lohnerhöhungen, Rentenanpassungen, sozialen Wohnungsbau, Bildungsreformen, Mitbestimmung usw. die von Wehler so benannten Klassenunterschiede abzumildern. All dies geschah nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines praktizierten alternativen Gesellschaftsmodells, wurde angetrieben auch durch die Konfrontation mit der DDR. Seit der deutschen Einheit ist diese Herausforderung entfallen. Darüber hinaus entstanden neue globale Konstellationen, in denen Deutschland in Konkurrenz mit aufstrebenden Billiglohnländern seinen Platz erst noch finden muss. Von sozialem Ausgleich könne keine Rede mehr sein, umverteilt werde nur noch von unten nach oben. Diese Polarisierung, zu besichtigen in „geradezu altertümlichen Formen krasser Ungleichheit“ (S.8), sei Ergebnis der seit den 80er Jahren international durchgesetzten neoliberalen Wirtschaftspolitik. Wehler sieht darin „einen der dramatischsten Vorgänge der modernen Zeitgeschichte“ (S. 60).

Wahrgenommen und wissenschaftlich diskutiert werde diese Entwicklung aber kaum, da unter den Wirtschaftswissenschaftlern der neoklassische, ganz auf das Wirken der Marktmechanismen fixierte Denkhorizont dominiere. Auch von Seiten der Soziologen, Historiker und Politikwissenschaftler hätten sich bisher nur wenige an der Debatte beteiligt. Die Hierarchie der Klassenformationen zu analysieren sei als marxistisch verpönt, vor allem die Unterschichten würden geradezu totgeschwiegen oder nur marginal behandelt – ein Zustand, der völlig an der Realität vorbeigehe. Bei dieser Lage der Dinge muss der fast 82jährige Autor offenbar selbst noch einmal eingreifen, mit einem Furor, der dem 2010 erschienenen Essay Empört Euch! des seinerzeit 92 jährigen Stéphane Hessel in nichts nachsteht. Wie mag es um eine Community bestellt sein, in der sich nur ganz alte, jenseits von Karriererücksichten stehende Aktivisten zu Wort melden?

Eingangs fasst Wehler für alle, die mit seinem Erkenntnisinteresse und seinem wissenschaftlichen Herangehen nicht vertraut sind, die eigenen Ausgangspositionen zusammen. Auf 40 Seiten werden Adam Smith, Karl Marx, Lorenz von Stein, Émile Durkheim, Max Weber, Claude Lévi-Strauss und Pierre Bourdieu – um nur einige zu nennen – mit ihren Beiträgen zu einer Theorie der sozialen Ungleichheit herangezogen. Diese Einführung mag manchen abschrecken, dürfte aber für jedermann verständlich sein. Es lohnt, dieses Kapitel nicht zu überschlagen. So konzentriert findet man das sonst nirgendwo.

Anschließend geht es gleich hinein in die Wirklichkeit sozialer Probleme, wie sie als Folge falscher politischer Entscheidungen und umfassender Deregulierungen in den letzten 20 Jahren entstanden, verfestigt oder auf die Spitze getrieben worden seien. In kurzen Abschnitten wird jeweils die Entwicklung der deutschen Einkommens- und der Vermögensungleichheit ausgewiesen, ein weiterer ist der Ungleichheit in der deutschen Wirtschaftselite gewidmet. Philipp Rösler und Co. mögen die entsprechenden Aussagen im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik entschärfen, herunterspielen oder als individuelles Schicksal interpretieren. Die Daten sprechen für sich. Sie wurden vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden erhoben, sind bei Wehler nicht nur nachzulesen, sondern werden von ihm auch eingeordnet und erklärt.

Es soll hier nicht umfänglich mit Zahlen aufgewartet werden – sie würden jede Rezension sprengen. Der Leser, dessen eigene Finanzen in der Regel recht überschaubar sind, könnte sich ohnehin keinen Begriff machen von vererbten Billionen, von Milliardenvermögen oder von zweistelligen Millionen-Jahreseinkommen sowie von den damit verbundenen Machtpositionen. Viel eingängiger dürfte da die Tatsache sein, dass die Hälfte der Deutschen seit Jahren von der Hand in den Mund lebt, ohne nennenswerte Rücklagen und sonstige Vermögenswerte. Und bei über drei Millionen Arbeitslosen, acht Millionen in Minijobs und Teilzeitarbeit Beschäftigten, Millionen Geringverdienern, Alleinerziehenden, kinderreichen Familien und Kleinrentnern kann man sich davon ein Bild machen, in welchem „Wohlstand“ diese Gruppen leben.

Wehler nennt die tiefgreifende Spaltung in Reich und Arm, die ja zugleich eine Scheidung in Macht und Ohnmacht ist, „exzessive Hierarchisierung“ (S. 168) Er findet sie direkt obszön. Am Beispiel der Wirtschaftselite macht er sichtbar, worum es ihm bei sozialer Ungleichheit geht: „nicht nur um privilegiertes Humankapital mit hohem Einkommen oder um ungelernte Arbeiter mit stagnierenden Löhnen, sondern vor allem um die politisch und rechtlich fundierte Machtausübung kleiner Eliten, die sich in einem Maße, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, ein Einkommen und Vermögen verschaffen, die sie von der Lebenswelt ihrer Mitarbeiter denkbar weit abhebt“ (S. 63).

Diese Separierung wird in den folgenden Abschnitten anschaulich vorgeführt. Da werden die deutschen Heiratsmärkte analysiert, die klassenbedingten Unterschiede in der Lebenslage der Alten gezeigt, die Ungleichheit der Bildungschancen und der Geschlechter ebenso ausgebreitet wie die bei Gesundheit und Krankheit oder in den Wohnbedingungen. Weniger aufschlussreich sind die Aussagen zur ethnisch-kulturellen und zur konfessionellen Ungleichheit sowie zur Ungleichheit in der Alltagswelt. Gänzlich enttäuschend ist der letzte Abschnitt zur Ungleichheit zwischen West und Ost.

Wenn Wehlers Report gegen Ende hin an Überzeugungskraft einbüßt, so sollte ihm das nicht angelastet werden. Diese Dimensionen der Ungleichheit haben in seinem Forscherleben bisher immer eine untergeordnete Rolle gespielt. Wehler hat die Sozialwissenschaften in die Geschichtswissenschaft gebracht – das dürfte Verdienst genug sein. Nun auch noch zu erwarten, dass er kulturelle Fragestellungen in die Geistes- und Sozialwissenschaften und über diesen Umweg in die Geschichtswissenschaft trägt, wäre wohl unangemessen. Den Cultural turn (die kulturelle Wende) hat der Autor nie mitgemacht, dafür gegenüber allerlei seiner Meinung nach luftigen Milieu- und Kulturstudien sein Konzept der harten Strukturen, der groben Unterschiede, der Klassenformationen verteidigt. In der „Aufwertung von ‚Kultur‘“ sah er ohnehin nichts Neues, sondern nur die Rückkehr zu einer Grundeinsicht Max Webers, dass zur „Konstitutierung von Wirklichkeit außer der Wirkung der realhistorischen Prozesse auch immer die Dimension gehört, wie der Sprachhaushalt und die Ideenwelt, die Realitätsperzeption, die ‚Weltbilder‘ der historischen Akteure diese Wirklichkeit mitbestimmen“ (S. 40). Immerhin räumt er im vorliegenden Band ein, dass Lebensstilanalysen auch ein Gewinn sein können, wenn sie mehr als Oberflächenphänomene und Randerscheinungen reflektieren.

Was die Ungleichheit zwischen West und Ost angeht, so zeigt sich, dass Ostdeutschland bzw. die DDR für Wehler auch fünf Jahre nach dem letzten Band seiner deutschen Gesellschaftsgeschichte ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist. Er hat sich korrekt an seine damalige Maßgabe gehalten, das „Intermezzo der ostdeutschen Satrapie“ müsse nicht „durch eine ausführliche Analyse aufgewertet werden“. Lediglich der Ton ist gemäßigter geworden, es ist nicht mehr von „deutschen Bolschewiki“ die Rede, die Sprache des kalten Krieges hat nun offenbar auch für ihn ausgedient. Was inhaltlich zutage gefördert wird, bleibt bescheiden. „Das steile Gefälle der Ungleichheit, die das Verhältnis des wohlhabenden Westdeutschlands, das seit langem zu den reichsten Ländern der Welt gehörte, zu dem Entwicklungsland im Osten charakterisierte, mutete der ostdeutschen Bevölkerung schmerzhafte Veränderungen zu. Die überkommene Struktur der Sozialen Ungleichheit wurde einer unnachgiebigen Verwestlichung ausgesetzt. Diese setzte sich als Differenzierung nach oben durch, während die DDR konsequent nach unten nivelliert hatte.“ S. 159 f.) Zu guter Letzt wird Wehler sogar noch zum politischen Propheten. Nachdem er sich im ganzen Band nie zu einzelnen Parteien geäußert hat, kommt er plötzlich auf die Linke zu sprechen. Im Westen sei sie gescheitert, im Osten werde sie noch geraume Zeit den Status einer beachtenswerten Regionalpartei einnehmen. „Ihr Niedergang wird die Abmilderung der Sozialen Ungleichheit im Verhältnis von West und Ost symbolisieren.“ (S. 162) Nun denn!

Noch einmal zurück zu Band 5 von Wehlers Gesellschaftsgeschichte. Dort fand der Autor, die DDR-Geschichte verdiene keine „gleichwertige Behandlung mit der Bundesrepublik“, wohl aber solle sie als Kontrast und Vergleich dienen. Es wäre doch eine lohnende Aufgabe, nach dem Muster von Wehlers Band oder auch des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesrepublik posthum etwas Ähnliches für die DDR zu erstellen, wie Wehler vorschlägt „als Kontrast und Vergleich“, vielleicht für die Jahre 1950, 1970 und 1990. Klaus Schroeder, der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, hat Entsprechendes angeregt. In einem Interview zum 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik vertritt er die Auffassung, Deutschland sei längst nicht so ungleich wie dort behauptet, das Statistische Bundesamt habe einfach falsch gerechnet. Im Übrigen sei in der DDR das Vermögen haargenau so verteilt gewesen wie in der Bundesrepublik. „Der absolute Reichtum war natürlich viel niedriger als heute, aber wir haben systemübergreifend das gleiche Verhältnis. Ich halte das für spannend und verstehe nicht, warum noch nie darüber geforscht wurde, warum sich im real existierenden Sozialismus zumindest in Deutschland ähnliche Ungleichheitsstrukturen herausgebildet haben wie im Kapitalismus.“ (Süddeutsche.de 19. September 2012). Dem wäre nachzugehen, in der ganzen von Wehler entfalteten Breite. Möglicherweise würde sich zeigen, dass die DDR hinsichtlich der Auflösung traditionaler Bindungen, der sozialen Durchlässigkeit, der Öffnung der Bildungschancen und der Geschlechtergerechtigkeit die modernere deutsche Gesellschaft war. Und noch etwas: wenn das Vermögen in Ost und West annähernd gleich verteilt war, ergibt sich die Frage, weshalb in Zusammenhang mit der DDR immer von „materieller Nivellierung“ die Rede ist.

Doch zurück zu Wehlers Analyse. Manches ist anfechtbar, Fragen und Einwände ließen sich vortragen, etwa ob solch selbstbezogene innerdeutsche Untersuchungen noch zeitgemäß sind, ob der verwendete unscharfe Klassenbegriff die sozialen Ungleichheiten hinreichend abbildet, ob generell die Verteilungsgerechtigkeit den Ausgangspunkt bilden kann oder ob man hier nicht viel grundsätzlicher ansetzen muss.

Bekanntlich hatte Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ Vorstellungen über eine künftige kommunistische Gesellschaft skizziert. Er war der Ansicht, es sei zunächst „fehlerhaft, von der sog. Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen“. Priorität besitze die Vorsorge der Gesellschaft für die Befriedigung der Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder. Die Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts habe von den gesamtgesellschaftlichen Interessen auszugehen. Was davon als Konsumtionsmittel zur Verfügung stehe, sei in vier große Fonds aufzuteilen: 1. für die nicht direkt zur Produktion gehörenden Verwaltungskosten, 2. für die gemeinschaftlichen Bedürfnisse wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen usw., 3. für Arbeitsunfähige usw., für das, was seinerzeit zur sogenannten Armenpflege gehörte. All dies sei von den Konsumtionsmitteln abzuziehen, bevor es überhaupt zur individuellen Verteilung komme. Erst dann könne darüber entschieden werden, was vom übrig bleibenden 4. Fond dem Einzelnen zum persönlichen Verbrauch zuerkannt werde – je nach seinem geleisteten Arbeitsquantum. Gedanken habe man sich vor allem um die Entwicklung der Produktivkräfte zu machen, nicht um „gerechtere“ Verteilung, die nur eine Folge davon sein könne. Sicher hört sich das heute ebenso antiquiert wie phantastisch an, doch um den Bestand der Gesellschaft langfristig und nachhaltig zu sichern, werden möglicherweise selbst Überlegungen der „Steinzeitmarxisten“ wieder aktuell werden.

Die Lektüre von Wehlers Band sei jedem ans Herz gelegt, der Orientierung sucht in den chaotischen Debatten der Gegenwart über Armut und Reichtum in Deutschland. Hier hat kein Linker den Staat und viele seiner Bürger arm geredet und kein Liberaler beschwichtigt: Alles halb so schlimm. Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit sind für den besonnenen Historiker Wehler keine politischen Kampfparolen, sondern Abbilder zu überwindender bzw. anzustrebender realer Verhältnisse.