KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2013
Dieter Kramer
Kulturprozesse, Kulturwissenschaft und Wachstumskrise
Wohlstand ohne Wachstum?
Überlegungen zu Tim Jackson und seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“



Vorbemerkung: Dieser Text nimmt das Buch von Tim Jackson zum Anlass, über kulturelle Dimensionen nachzudenken, die für die Überwindung der Wachstumskrise interessant sein können. Hervorgehoben wird, dass nicht nur moralische Appelle und politische Strategien dafür wichtig sind, sondern auch sozialkulturelle Prozesse in den Milieus der vergesellschafteten Menschen.


Gliederung:

1 . Einleitung: Die Wachstumskrise wird auf breiter Ebene diskutiert
2. Alle Wissenschaften sind gefragt
3. Die Ziele
4. Die Dynamik des konsumistischen Marktes
5. Grünes Wachstum und Aschenbrödel-Wirtschaft
6. Gemeinnutzen ohne Wachstumszwang
7. Alternativer Hedonismus
8. Selbstbegrenzungspotenziale und Sozialkultur


1. Einleitung: Die Wachstumskrise wird auf breiter Ebene diskutiert

Die Krise der Wachstumsgesellschaft ist eine Frage der Kultur. Wenn über den Umgang mit Reichtum, Wachstum oder Mangel diskutiert wird, kommen in den meisten Fällen kulturelle Prozesse zu kurz. Gesprochen wird zwar über die dabei wichtigen Werte und Standards, aber an die sozialkulturellen Prozesse, in denen diese Werte sich entwickeln und verändern, wird nicht erinnert. Aber Menschen entscheiden, das zeigt die Kommunikationswissenschaft, nie als isolierte Monaden, sondern in sozialen Zusammenhängen. Das sind freilich nicht anonyme Kollektive des „Wir“ in Europa oder Deutschland oder sonstwo, sondern sozialkulturelle „Öffentlichkeiten“ verschiedener Dimensionen. Mit Blick auf das sozialkulturelle Leben lassen sich außerordentlich viele Geschichten erzählen, wie Menschen in Vergangenheit und Gegenwart in ihren Gemeinschaften mit Reichtum und Chancen, mit Knappheit und Mangel, mit Not und Überfluss umgehen können: Das liefert keine Rezepte, wohl aber Anregungen für das eigene Nachdenken.

Ernsthaft wird seit einigen Jahren auf breiter politischer Ebene und nicht nur unter Experten und Wachstumskritikern darüber diskutiert, wie damit umzugehen ist, dass Wachstum nicht unendlich sein kann und längst nicht alle Probleme löst, sondern immer wieder neue schafft. In dem in London 2009 zum ersten Mal in Englisch erschienenen Buch von Tim Jackson wird an die britische „Green New Deal Group“ von 2008 erinnert (Jackson, Tim: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung. München: oekom 2011; Bundeszentrale für politische Bildung 2012, S. 111).

Berücksichtigt wird vornehmlich englischsprachige Literatur. Jackson kennt die deutschsprachige Diskussion kaum. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der mit dem zusammen mit anderen herausgegebenen Buch „Faktor vier“ (Weizsäcker, Ernst Ulrich von, mit Amory und Hunter Lovins: Faktor vier. Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch. München: Droemer Knaur 1995) wichtige Anstöße gegeben hat, wird nur am Rande erwähnt. Wolfgang Sachs erscheint nur im Vorwort von Uwe Schneidewind, dem Präsidenten des von E. U. von Weizsäcker gegründeten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Dass Schneidewind zu diesem von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Buch ein Vorwort schreibt, signalisiert den Versuch der Verbindung von deutscher und britischer Diskussion. Er stellt auch ausdrücklich den Bezug zur Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ her.

Schneidewind betont die parteienübergreifende Bedeutung und Tendenz des Buches: „In dem von Jackson entwickelten politischen Reformprogramm stehen eine Werte-Rückorientierung neben klassischen ökologischen Politikempfehlungen (wie die Weiterentwicklung der ökologischen Steuerreform), Bausteine marktkonformer Steuerung (Politik globaler Caps/Umweltkontingente) neben Forderungen nach Instrumenten des sozialen Ausgleichs und einer durchaus deutlichen Konsum- und Kapitalismuskritik.“ (S. 10)

Das Feld zwischen der Werte-Orientierung der Subjekte und der (steuernden) Politik wird hier wie in anderen Diskussionen kaum behandelt. Wie die Politik dazu bewegt werden kann, neue Wertorientierungen einzubringen, und wie die Subjekte aus dem Bann der gängigen Praktiken sich befreien können, bleibt offen. Während für die Politik auch gangbare Ansätze genannt werden, wird mit Blick auf die Konsumwelten (s.u.) zwar das Problem benannt, aber gerade da bleibt es bei moralischen Appellen.


2. Auch die Kulturwissenschaften sind gefragt

Betont wird von Jackson und von Schneidewind, dass alle Wissenschaften zu dem Thema gefragt sind: „Es bedarf einer breiten wissenschaftlichen Mobilisierung – innerhalb der Ökonomie, aber insbesondere im interdisziplinären Zusammenspiel von Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften“, heißt es im Vorwort (S. 11). Die wenigen „heterodoxen Ökonomen und Sozialwissenschaftler“ reichen nicht aus, um eine „wachstumsbefriedete Wirtschaftsordnung“ (nur hier wird im Vorwort des Herausgebers Wolfgang Sachs zitiert) zu erarbeiten, für die es eines „umfassenden gesellschaftlichen Umbaus“ bedarf (S. 11). Experimente gibt es eine Fülle, aber die Wissenschaft hinkt hinterher (S. 12). Das scheint ein echtes Problem zu sein, weiß man doch auch, dass in der Zukunftswerkstatt „Solidarische Moderne“ die verschiedenen dort vertretenen Disziplinen nur schwer eine gemeinsame Sprache zur Erörterung der Probleme finden.

Die Rolle der Kulturwissenschaften ist bei diesen Fragen eine mehrfache: Sie müssen ihre Inhalte und Erfahrungen einbringen (dazu wird später mehr zu sagen sein). Sie müssen aber auch helfen, die Muster des Nichtverstehens zu analysieren. Dazu sind sie mit ihrer ethnologischen Feldforschung in zeitgenössischen Milieus von Expertenkulturen oder Eliten („studiing up“) prinzipiell in der Lage. In diesem Zusammenhang können sie Strukturen der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Milieus analysieren. Das versucht zwar auch das „interkulturelle Management“, aber es tendiert eher zur Affirmation der Unterschiede: Gefragt wird dabei nicht nach den Zielen, sondern es sollen nur die Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die der Verwirklichung dieser Ziele im Wege stehen. Bei einer ergebnisoffenen Diskussion über die Wachstumskrise müssen aber auch die Ziele in den verschiedenen Feldern zur Disposition stehen. Das wird etwa bei dem Abkoppeln von Wachstum und Umweltfolgen erkennbar (s.u.).

Blickdichte Parallelwelten und beratungsresistente Milieus aufzubrechen gelingt nicht, ohne die Motive der Beteiligten zu kennen. Wenn es um die sozialen und materiellen Motive geht, hat die lebensphilosophisch sensibilisierte Ideologieforschung dazu beigetragen (z. B. mit Georg Lukács; s. klassisch dazu Lenk, Kurt: Ideologiekritik und Wissenssoziologie. Hrsg. und eingeleitet von Kurt Lenk. 2. Aufl. Neuwied, Berlin 1964 [Soziologische Texte, hrsg. v. Heinz Maus und Friedrich Fürstenberg, Bd. 4]). Bei der Analyse der Motive den Beteiligten mit Respekt und Aufmerksamkeit zu begegnen, ohne sie zu affirmieren – das ist die Vorgehensweise der Europäischen Ethnologie bei der Feldforschung in unterschiedlichsten Milieus (s. Warneken, Bernd-Jürgen: Die Ethnographie popularer Kulturen. Eine Einführung. Wien u.a.: 2006).


3. Die Ziele

Für Jackson ist klar: „Unsere Technologien, unsere Wirtschaftsform und unsere sozialen Ziele lassen sich allesamt mit sinnvollem Wohlstand nicht vereinbaren“ (S. 16), und Wohlstand in einer endlichen Welt muss neu definiert werden. Gefragt werden muss nach den Grenzen – ein von Ernst Ulrich von Weizsäcker 1997 herausgegebenes Buch (Weizsäcker, Ernst Ulrich von: Grenzen-los? Jedes System braucht Grenzen – aber wie durchlässig müssen diese sein? Berlin u.a.: Birkhäuser Verl. 1997) fragt auf verschiedenen Ebenen schon 1997 danach.

Wachstum und negative Umweltfolgen voneinander abzukoppeln ist nicht überzeugend zu realisieren (S. 27). Relative und absolute Entkoppelung werden ausführlich diskutiert, aber: „Nach der in diesem Kapitel vorgelegten Analyse erscheint die Annahme, man könne Emissionen und Ressourcenverbrauch tiefgreifend senken, ohne sich mit der Struktur von Marktwirtschaften auseinanderzusetzen, allerdings völlig unrealistisch“ (S. 91), auch wenn nicht alle Elemente von Marktwirtschaft überflüssig werden. Der „Rebound-Effekt“ oder der Backfire-Effekt“ (S. 99) kompensiert (oder überkompensiert) Einsparungen auf der einen Seite durch mehr Verbrauch an anderen Stellen, also müssen weitergehende Überlegungen einbezogen werden.

Einkommen und Wohlbefinden sind nicht linear gekoppelt, die Glücksforschung (S. 64) kann das teilweise bestätigen; sie wird mit Mihalyi Csikszentmihalyi (Flow. The psychology of optimal experience. New York 1990, auch in deutsch) zitiert (S. 148). Gesucht wird nach „einem Wohlstand, der es den Menschen ermöglicht, ein gutes Leben zu führen, mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft zu schaffen, mehr Wohlbefinden zu erfahren und trotzdem die materiellen Umweltbelastungen zu reduzieren.“ (S. 46) „Ein anständiges Leben mit Zukunft“ sollte ein Buch heißen, dass ich 1989/1990 geschrieben habe und das dann im Zusammenbruch von Weltreichen bei einem Wiener Verlag gestrandet ist. Jackson greift genau dieses Thema auf und sucht nach Indikatoren für das Wohlbefinden (wie sie in allgemeiner Form auch von der kulturanthropologischen Forschung erarbeitet werden können): Wohlstand als Fülle, als Nutzen, als Fähigkeit zum Gedeihen (S. 48, S. 53). Es geht um grundlegende Möglichkeiten, Fähigkeiten und Chancen für alle – eine Dimension, die in Deutschland mit den materialen und sozialen Grundrechten des Grundgesetzes thematisiert wurde (s. z. B. Abendroth, Wolfgang: Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie. Neuwied, Berlin 1967 [Soziologische Texte 47] Darin: Zum Begriff des demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, S. 109-138).


4. Die Dynamik des konsumistischen Marktes

Es geht um die nicht-linearen Zusammenhänge von Einkommen, wirtschaftlicher Stabilität und Entwicklungen im humanitären Bereich (S. 70, 72). „In einer wachstumsbasierten Volkswirtschaft ist Wachstum Voraussetzung für Stabilität. Das kapitalistische System verfügt über keinen einfachen Weg in ein Steady-state-System, also ein Wirtschaftssystem im Gleichgewicht. Die dem kapitalistischen System innewohnende Dynamik treibt es immer nur in ein Extrem – in die Expansion oder in den Zusammenbruch.“ (S. 72) Dem „stahlharten Gehäuse“ des Konsumismus (S. 92) zu entrinnen scheint kaum möglich. Gewinnstreben fördert Neuerungen, für die eine Verbrauchernachfrage geschaffen wird (S. 93), Kosten werden immer soweit möglich minimiert. Schumpeter erinnert an die Bedeutung des Reizes des Neuen für Innovation. „Die Wegwerfgesellschaft ist weniger eine Folge der Gier der Verbraucher als eine strukturelle Voraussetzung fürs Überleben“ (des Marktes), heißt es (S. 101). Aber die Konsumenten sind ja in diesem Prozess keinesfalls nur Opfer des Marktes, sondern auch Täter.

„Wer behauptet, Geld mache nicht glücklich, hat keine Ahnung von Shopping“: Eine Postkarte mit diesem ironischen Spruch wird in Museumsbuchhandlungen verkauft. Die „Shopping-Generation“ ist orientiert auf materiellen Reichtum und Konkurrenzverhalten (S. 150): Das wird in der deutschen kulturkritischen Diskussion immer wieder zum Thema.

„Das Verlangen nach Neuem ist aufs Engste mit der symbolischen Rolle verbunden, die Konsumgüter in unserem Leben spielen“. Die „Sprache der Güter“ (S. 102), ihre Rolle bei der Abgrenzung, der Nachahmung und der „immerwährenden Neuerfindung des Selbst“ (S. 103) ist auch empirisches Thema von Kulturwissenschaften wie der Europäischen Ethnologie. Gezeigt werden kann von ihnen allerdings auch, dass es sich dabei nicht immer um Automatismen handelt und dass es nicht für alle „unser Leben“ beherrschen muss, sondern dass es nicht nur Alternativen gibt, sondern dass Menschen notwendigerweise auch Selbstbegrenzung üben.

Das alles ist als Sachzwang anscheinend wie in einer blickdichten Parallelwelt wirksam und bereits tausendmal kulturkritisch und nüchtern-analysierend beschrieben. Dass auch die Konsumwelten über marktkonforme regulierende Eingriffe in das Marketing z. B. bei der Werbung möglich sind, haben Überlegungen von Kurt H. Biedenkopf gezeigt (Biedenkopf, Kurt H.: Es liegt an der Politik, das Heile-Welt-Bild der Werbung zu korrigieren [Referat vor dem Zentralausschuß der Werbewirtschaft 1987]. In: Frankfurter Rundschau v. 18.7.1987, Dok.). Möglich ist auch die Berücksichtigung von ökologischen Kriterien im Wettbewerbsrecht, wie Gerhard Scherhorn vorschlägt: Ins Wettbewerbsrecht soll als Tatbestand des unlauteren Wettbewerbs aufgenommen werden, wenn ein Anbieter für die Nutzung von Gemeinnutzen-Gütern wie Luft oder Wasser nicht bezahlt (Scherhorn, Gerhard: Marktwirtschaftlicher Wettbewerb und Gemeingüterschutz. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 28-30/2011, 21 – 27).


5. Grünes Wachstum und Aschenbrödel-Wirtschaft

„Wir werden uns auch einen Weg durch die institutionellen und gesellschaftlichen Zwänge bahnen müssen, die uns in einem zum Scheitern verurteilten System gefangen halten. Insbesondere müssen wir herausfinden, wo sich bei einer Veränderung der Gesellschaft ansetzen lässt - Änderungen im Wertesystem, im Lebensstil, in der gesellschaftlichen Struktur können.“ (S. 105) Dabei konkurrieren Selbstbegrenzungspotenziale (s.u.) mit dem Wachstumszwang.

Keynesianismus und der „Green New Deal“ (S. 107) beziehen sich auf gezielte Wachstumsankurbelung mit ökologischen Dimensionen. Die britische „Green New Deal Group“ von 2008 hat vorgeschlagen, Konjunkturprogramme in die Bereiche Klimawandel und Energiesicherheit zu lenken (S. 111), und entsprechend gibt es weltweit seit 2009 Konjunkturprogramme mit „grünen“ Komponenten (Spitzenreiter sind 2009 Südkorea, die EU und China, S. 115).

Das ist interessant, hat aber Grenzen und braucht auch nach Ansicht von Jackson eine soziale Komponente. „Eine ungleiche Gesellschaft ist eine Gesellschaft voller Angst, eine, die sich allzu leicht dem ‚Statuskonsum’ hingibt. Dieser erhöht die allgemeine Zufriedenheit kaum, trägt aber erheblich zum nichtnachhaltigen Verbrauch von Ressourcen bei.“ (S. 120). „Die im System liegenden Kräfte des Wachstums drängen uns gnadenlos dazu, immer unnachhaltiger zu handeln. Es kommt deshalb alles darauf an, auf andere Weise Stabilität zu sichern und Arbeitsplätze zu erhalten.“ (S. 121) Auch hier ist wie so oft einfach von „uns“ die Rede, und damit geraten Spielräume und Ausnahmen aus dem Blick.

Da wird es freilich auch schwieriger. William Baumol (zitiert bei Jackson S. 94) unterscheidet verschiedene Formen des Kapitalismus. Wie einst auch die sozialistische Theorie zugegeben hat, dass nicht alle Formen des Kapitalismus auf Krieg aus sind (Dieter Klein), so kann Baumol daran erinnern, dass nicht alle Formen des Kapitalismus unbedingt auf Wachstum gegründet sein müssen. Peter Victor/Kanada hat ein denkbares Modell einer nichtwachsenden Wirtschaft entwickelt (134).

Arbeitszeit neu verteilen gehört zu den immer wieder genannten Strategien, ebenso das Grundeinkommen als Bürgergeld (S. 133, 135), bei dem der Zwang zur Eingliederung in die Arbeitswelt vermindert wird. Ökologische Investitionen durch den Staat (S. 136, 163) sollen eine wesentlich größere Rolle spielen; eine ökologisch und sozial ausgerichtete Makroökonomie ist so durchaus denkbar (S. 141).

Eine ökologische Makroökonomie (S. 122/123) für einen „steady state“ zu erreichen (einen stabilen stationären Zustand bezogen auf Kapital und Reichtum), bedeutet, die Dynamik des Wachstums zu verändern und einen Wachstumsmotor zu finden, der „auf der Grundlage von nicht umweltbelastenden Energiequellen arbeitet und anstelle umweltbelastender Produkte nichtmaterielle Dienstleistungen verkauft“ (Ayres, zit. Jackson S. 128). Im Prinzip sind „materialarme Produkt-Dienstleistungs-Systeme“ denkbar. Der ganze Freizeit-Sektor, in den 1960er Jahren besonders gepflegt (Kramer 2011), gehört dazu, ist aber gleichzeitig für bis zu 25 Prozent der Kohlendioxyd-Bilanz verantwortlich (Jackson 129). Diese dienstleistungsorientierte „Aschenbrödel“-Wirtschaft (S. 133, 152) ist nicht wachstumsintensiv, eher ist sie unproduktiv. Sie braucht aber das „ständige Steigen der Arbeitsproduktivität nicht zwingend zu akzeptieren“ (S. 133).

„Sollten wir im großen Stil auf Formen entmaterialisierter Dienstleistungen umsteigen, würden wir die Wirtschaft zwar nicht gleich ganz zum Stillstand bringen, aber doch das Wachstum erheblich verlangsamen. Hier kommen wir dem Irrsinn, der den Kern der wachstumsbesessenen, ressourcenintensiven Konsumwirtschaft bildet, gefährlich nahe. Wir haben einen Bereich, der sinnvolle Arbeit böte, den Menschen die Möglichkeit gäbe zu gedeihen, der positiv zur Gemeinschaft beitragen könnte und der vielleicht auch wirklich mit wenig Material auskommt“ (S. 132; das wird in einer Anmerkung etwas relativiert; es gibt aber bereits Berechnungen über die „Kohlenstoffintensität von Aktivitäten im sozialen Bereich, S. 224). „Dieser Bereich jedoch wird als wertlos abgetan, weil er tatsächlich Menschen beschäftigt. Daraus könnte man einiges lernen. Vor allem wird der Fetisch der makroökonomischen Arbeitsproduktivität als das entlarvt, was er ist: ein Rezept zur Aushöhlung von Arbeit, Gemeinschaft und Umwelt.“ (S. 132). Arbeit als Vergegenständlichung und als Faktor der sozialen Integration ermöglicht in den meisten Formen „den Menschen eine sinnstiftende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ (S. 132; der „Einsamkeitsindex“ S. 143 zeigt, wie wichtig sie ist).

Das weiß man seit Polanyi (Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaft und Wirtschaftssystemen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag: Frankfurt/M. 1978). Das alles wird auch seit André Gorz und den Befürchtungen, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, seit Jahrzehnten diskutiert, ebenso sind die daran anschließenden Überlegungen zu Bürgerarbeit (Hermann Glaser) und ihrem Zusammenhang mit Bürgerschaftlichem Engagement schon lange ein Thema (Bericht Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. Opladen: Leske + Budrich 2002 (Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages Schriftenreihe Bd. 4)


6. Gemeinnutzen ohne Wachstumszwang

Hier wären dann auch die ansonsten bei Jackson nicht beachteten Gemeinnutzen (Commons) anzusiedeln. Die neue Institutionenlehre von Elinor Ostrom, die den Gemeinnutzen und die Commons in Erinnerung ruft, kann andere Wege zeigen. Gemeinnutzen Sie sind nicht auf Wachstum angewiesen (s. Kramer, Dieter: Kulturelle und historische Dimensionen der Diskussion um Gemeinnutzen. Ein Beispiel für die Aktualität von Themen der Europäischen Ethnologie. In: Zeitschrift für Volkskunde 2012 H. 2). Genossenschaften, die im Prinzip zur großen Familie der Gemeinnutzen gehören, bleiben freilich nur dann außerhalb des Wachstumszwanges, wenn sie aus strukturellen Gründen als Nutzergemeinschaften mindestens relative Wachstumsgrenzen haben (weil, wie bei Wald- oder Bewässerungsgenossenschaften, Vermehrung der Ressourcen ausgeschlossen ist), oder wenn ihre Mitgliedern aufgrund sozialmoralischer Selbstverpflichtungen in ihren Satzungen solche Grenzen einbeziehen.

Auch eine andere Dimension wird in den Überlegungen von Jackson weitgehend ausgeklammert: Leben und Arbeiten bezieht sich für die Individuen ja nicht nur auf die Erwerbsarbeit, sondern die materielle Existenz wird auch gesichert durch unmittelbar subsistenzbezogene Tätigkeiten, ferner durch gemeinschaftliche Formen der (Über-)Lebenssicherung außerhalb oder am Rande des Marktes, wie sie durch die aktuelle Diskussion über Gemeinnutzen (Commons) neu ins Blickfeld gerückt werden und für eine lebensweltbezogene Politik interessant sind. Subsistenzarbeit (Eigenarbeit), Gemeinschaftsarbeit (Commons, Gemeinwerk) und Erwerbsarbeit (individuelle Ressourcen, die erwirtschaftet werden über die Anteile an dem universalen Tauschmittel Geld, vermittelt durch die gesellschaftliche Arbeitseilung) zusammen sichern das Überleben. Je ausgeprägter die Chancen der Subsistenzproduktion und der subsistenzorientierten Gemeinwirtschaft (Gemeinarbeit) wahrgenommen werden, desto mehr Menschen klinken sich aus dem System der unter Wachstumszwang stehenden Marktwirtschaft aus.


7. Moralisierende Appelle und alternativer Hedonismus

Jackson spricht von „Gedeihen, in Grenzen“ (S. 142): „Für Wohlstand braucht man mehr als nur die Versorgung mit materiellen Dingen für den Lebensunterhalt. Wohlstand beruht auf der Möglichkeit zu gedeihen – physisch, psychisch und sozial. Über den reinen Lebensunterhalt hinaus hängt der Wohlstand ganz wesentlich von der Möglichkeit ab, sinnvoll am Leben der Gesellschaft teilzunehmen.“ Diese Chance wird durch das wachstumsbezogene System der Konsumgesellschaft relativiert. Jackson zitiert Jonathan Rutherford und Jesse Norman, die von entgegengesetzten politischen Lagern aus von der „sozialen Rezession“ sprechen (143), und nennt den „Einsamkeitsindex“ (S. 143).

Für den Konsum gilt allerdings auch: „Die materiellen Güter liefern uns eine wirkmächtige Sprache, mit deren Hilfe wir über das kommunizieren, was uns wichtig ist: Familie, Identität, Freundschaft, Gemeinschaft, Sinn des Lebens.“ (S. 142) Das ist zu bedenken bei der Wertung des materiellen Konsums. Die „positionellen Güter“, von denen Fred Hirsch spricht (Hirsch, Fred: Die sozialen Grenzen des Wachstums. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1980; er wird mit einer neuen Auflage von 1995 erwähnt) spielen hier eine Rolle. Amartya Sen nennt als Ziel die Chance, ein „Leben ohne Scham“ in der Gemeinschaft mit anderen führen zu können (145). Die materialistische Theorie hat das mit dem „gesellschaftlichen Niveau der Bedürfnisse“ diskutiert; andere sprechen von den handlungsleitenden „Standards des Guten und richtigen Lebens“.

Alternativer Hedonismus und entsprechende individuelle Ansätze mit „Inseln“ anderer Lebensweisen sind dafür wichtig (S. 146/147). Hans Magnus Enzensberger, Karl H. Hörning und andere erinnern seit Jahren an solche Dimensionen eines „neuen Luxus“. Der Schweizer Historiker Peter Herrsche nennt „Gelassenheit und Lebensfreude“ (Freiburg 2011) als Maxime des nicht unter ökonomischem Wachstumszwang stehenden Barockzeitalters. All das wird bei Jackson nicht erwähnt.

Überlegungen dieser Art helfen auch bei der Überwindung der erwähnten sozialen Rezession, ebenso tun dies Formen neuer Gemeinschaften (S. 148) Aber dass dies Randerscheinungen sind, wird auch von Jackson zugegeben (S. 149).

„Trotz einer wachsenden Sehnsucht nach Veränderung ist es so gut wie unmöglich, einen nachhaltigen Lebensstil einfach zu wählen … Selbst hochmotivierte Menschen erleben Konflikte, wollen sie dem Konsumismus entkommen. So lange sich an der gesellschaftlichen Struktur nichts ändert, ist es fast aussichtslos, das Verhalten solcher Einzelner zum Muster für die Gesellschaft zu machen.“ (151): Das ist die alte Litanei, aber die gesellschaftliche Struktur verändert sich nicht von selbst.

Neue, veränderte Strukturen wie die dienstleistungsbezogene „Aschenbrödel-Wirtschaft“ (S. 133, 152) sind denkbar, aber nicht vorherrschend. „Politische Maßnahmen müssen den strukturellen Ursachen von sozialer Entfremdung und Werteverlust erheblich mehr Beachtung schenken.“ (S. 152) Gesucht wird ein „Regierungsmodell für den Wohlstand“ (S. 155), das die Grenzen für das Wachstum und neue Definitionen von Wohlstand, Lebensqualität und Entwicklung berücksichtigt. Der Staat hat eine wichtige Rolle zu spielen und kann gesellschaftliche „Instrumente zur Selbstverpflichtung“ entwickeln (S. 158).

Jackson meint: „Ohne starke Führung kann es keinen Wandel geben“ (S. 164), und den demokratischen Regierungen werden die Kompetenzen zugeschrieben, „Instrumente zu nutzen und Verpflichtungen einzugehen, die kurzsichtiges Handeln verhindern, sowie – auch das ist sehr wichtig – die gefährlichen Strukturen abzubauen, durch die Ungleichheit zunimmt und das Wohl beeinträchtigt wird.“ (S. 165) Solche Instrumente sind denkbar, auch über Steuergesetze und strukturelle Vorgaben. Aber woher „starke Führung“ die Kraft dafür hernimmt, ist zu fragen. Es ist möglicherweise nur ein schmaler Grat, der diese Strategie von der Ökodiktatur trennt. Es kann aber auch sein, dass die Bevölkerung durchaus bereit wäre, deutlichere Maßnahmen zu tolerieren als die Politiker in ihren Bindungen an die Interessen einer dem selbstweckhaften Wachstum zugewandten Wirtschaft.

Es gibt höchst unterschiedliche Varianten des Kapitalismus (S. 161), darauf wurde schon mit Baumol hingewiesen (s.o.). Das macht auf Kontingenzen aufmerksam.

Es bleibt freilich beim Appell an die Werte-Ebene. Shalom Schwartz hat „eine Theorie der grundlegenden menschlichen Werte“ formalisiert, in der anthropologisierend-verallgemeinernd argumentiert wird (S. 159/160). Aber erst die historisch-konkrete Ausprägung dieser Werte lässt Stellschrauben für Veränderungen in den konkreten Verhaltensweisen der vergesellschafteten Menschen erkennen.


8. Selbstbegrenzungspotenziale und Sozialkultur

Es wird bei der ganzen Diskussion, auch bei Jackson, viel moralisiert und über „man müsste“ und „man könnte“ gesprochen: „Wir brauchen aber auch dringend ein neues Bewusstsein dafür, dass Wohlstand uns allen gemeinsam gehört. Wir brauchen ein stärkeres Engagement für Gerechtigkeit in einer endlichen Welt.“ (S. 28) Eine Kapitelüberschrift lautet: „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ (S. 30). Aber das ist Kulturkritik, die nicht weiterhilft (auch z. B.S. 45). Sie wird in der Diskussion in Deutschland schon lange abgehandelt.

Die sozialkulturellen Strukturen, in denen Menschen gemeinschaftlich auch über ihre Zukunft nachdenken, werden nicht genügend berücksichtigt. Menschen können über längere Zeiträume hinweg in ihren Gemeinschaften mit entsprechenden handlungsleitenden Standards des „guten und richtigen Lebens“ nachhaltige Lebensweisen praktizieren, ohne auf Elemente von Genuss und Lebensqualität zu verzichten. „Nous sommes riches en peu de besoins“ ist die stolze Devise freier Subsistenzbauern in den Schweizer Alpen (Kramer 1991): Sie halten sich für reich, weil sie geringe Bedürfnisse haben. Mit Symbolwelten des Genug führen alle Gemeinschaften ihren Diskurs über die Definition von Armut und Reichtum, über die Dynamik der Bedürfnisse und über Selbstbegrenzung (Kramer, Dieter: Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften. Marburg: Jonas Verlag 2013, Kap. 5.4 'im Druck'). Die meisten von ihnen gehen dabei davon aus, dass die Menschen nicht nur habgierige Mängelwesen sind.

Dem ungehemmten Streben nach Reichtum und Genuss stehen in allen Kulturen in Sprache, Kunst und Literatur (populäre Formen eingeschlossen) die Bilder und Vorstellungen des Genug gegenüber; immer auch sind sie der Mahnung eingedenk: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Alle Menschen praktizieren notwendigerweise Selbstbegrenzung - im Widerspruch zur von Markt und Werbung anempfohlenen Entgrenzung der Bedürfnisse. Im Alltagsleben sind die Individuen in ihren sozialen und sozialkulturellen Bindungen immer wieder bereit, sich Grenzen zu setzen. Wem dies nicht gelingt, der scheitert im Kaufrausch, im Spielrausch oder in den verschiedenen Arten der -holics (Workaholic, Alcoholic z.B.) – das wissen die meisten Menschen. Den Symbolen der Selbstbegrenzung treten konkretisierende Praktiken und Strategien zur Seite. Menschen sind prinzipiell in der Lage, Selbstbegrenzung zu üben, und diese steht auch nicht in Widerspruch zur Demokratie, ja prinzipiell nicht einmal in Widerspruch zur Marktwirtschaft, sobald Ökologie als Langzeitökonomie begriffen wird und zugestanden wird, dass auch eine Marktgesellschaft nicht ohne rudimentäre Regelungen des Marktes auskommt.

Kultur- und Sozialgeschichte, Historische Anthropologie, Europäische Ethnologie und außereuropäische Ethnologie vermögen eine Fülle von anregenden Beispielen für Formen und Phasen nachhaltiger Lebensformen zu liefern. Ihre Geschichten zu erzählen wirkt anregend, auch wenn weder romantisiert noch harmonisiert werden darf. Sie sind mit sozialregulativen Ideen des guten und richtigen Lebens verbunden, die von Selbstbegrenzungsstrategien erzählen. In vielen Fällen können sie gleichzeitig als Risikominimierungsstrategien verstanden werden. Auch aus dem Alltagsleben zeitgenössischer Industriegesellschaften sind sie nicht hinweg zu denken. Vielleicht gehört es zu den Charakteristika marktwirtschaftlicher Gesellschaften, dass zwar im Alltag der Menschen Selbstbegrenzung eine Rolle spielt, darüber hinaus aber nur in den Zirkeln der Ökologen, der Umweltbewegung; es wird auch in den Künsten, der Philosophie und der Religion darüber diskutiert. In Politik, Wirtschaft und Medien dagegen dominiert der Diskurs zum Wachstum.

Auch ein Alltag, der an einer „Ästhetik der Subsistenz“ und der Selbstbegrenzung orientiert ist, entbehrt trotz aller gegenteiligen Vermutungen nicht der Würze: Sie entsteht und liegt in den Höhepunkten des Lebens, in den Formen des exzessiven Genusses auch in der Knappheit (die nicht mit Mangel zu verwechseln ist). Scheinbar arme Gesellschaften besitzen ihre spezifischen Formen von Reichtum (und umgekehrt ist auch in den reichsten Gesellschaften jenes Elend nicht hinweg zu denken, das über Krankheit und fehlschlagende soziale (menschliche) Beziehungen entsteht).

In allen Gesellschaften, auch wenn sie nicht in Kategorien des Wachstums denken, gibt es Formen des lustvollen Konsums, der selbstzweckhaften Verausgabung von Lebenskraft und gesellschaftlichem Reichtum, denen vom funktionalistischen Denken der Nützlichkeit nur mühsam eine soziale oder sonstige Bedeutung zugeschrieben werden kann. Als Feste gliedern sie die Zeit und bieten den Individuen Höhepunkte des Lebens und des Jahreslaufs; oft reduzieren sie die Chancen der Anhäufung von Reichtum, weil von den Reichen demonstrativ Verschwendung erwartet wird. Auch die „armen“ Bauern des oberbayerischen Dorfes Unterfinning (R. Beck 1986) hatten im beginnenden 18. Jahrhunderts ihre Formen des exzessiven Genusses: Die geringen ihnen verfügbaren Fleischmengen verteilten sie nicht gleichmäßig über das ganze Jahr, sondern verprassten sie anlässlich der Feste des Kirchenjahres oder Lebenslaufes in großen Mengen. Und dabei geizten sie auch nicht mit der Zeit. Erst die Aufklärung begann, gegen die „Verschwendung“ von Zeit in den vielen Fest- und Feiertagen zu Felde zu ziehen und damit den Subalternen Formen der Lebensqualität zu nehmen.

Interessant wird es sein, den Selbstbegrenzungspotenzialen auch im gegenwärtigen Alltag nachzugehen, denn sie sind für die Definition von Lebensqualität wichtig. Sie stehen im Widerstreit mit der gezielten und gewollten Entgrenzung der Bedürfnisse durch den Markt, aber sie gehören zwangsläufig zu Strategien der Verbindung von Wachstumsbegrenzung, Wohlstand und Lebensqualität. Es lassen sich aus den einschlägigen Strukturen der Vergangenheit keine Rezepte ableiten, aber ihre Geschichten zu erzählen vermag Anregungen zu geben und hilft die Zuversicht zu gewinnen: Menschen können auch anders.

Kramer.doerscheid@web.de