KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Dietrich Mühlberg
Wer will was aus unserer jüngsten Geschichte lernen?
Anmerkungen zu Geschichtspolitik und Erinnerungskultur
Am 21. September 2012 hatte der "Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und biografischen Erzählens" in den Salon Rohnstock eingeladen. Er hatte eine Tagung unter dem anspruchsvollen Titel "Krise und Utopie. Was heute aus der DDR-Planwirtschaft für ein zukünftiges Wirtschaften gelernt werden kann" vorbereitet. Sie hatte das Ziel, Wirtschaftslenker der DDR davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, ihre Lebens- und Berufserfahrungen festzuhalten. Zwölf Generaldirektoren von Industriekombinaten der DDR kamen zu Wort und bestätigten mit ihren hochinteressanten Erfahrungsberichten das Anliegen, sie zu autobiografischem Erzählen zu ermuntern. Wie dringlich es ist, darauf hatte Isolde Dietrich zuvor in ihrem Text "Das Schweigen der Kombinatsdirektoren – eine Bestandsaufnahme" (www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=176) hingewiesen.
Der Verein hatte Dietrich Mühlberg gebeten, diese Absicht in einem Eröffnungsbeitrag zu erläutern. Diesen Tagungs-Prolog geben wir nach dem Vortragsskript wieder.



Der Überschrift nach sind wir hier zusammengekommen, weil wir herausfinden wollen, was von den Arbeits- und Lebenserfahrungen führender Wirtschaftslenker der DDR für künftiges Tun bewahrenswert sein könnte. Diese wohl einmalig zusammengesetzte Runde kompetenter Zeitzeugen - zwölf ehemalige Generaldirektoren von Industriekombinaten wirken hier mit - wollen wir in vier thematischen Komplexen und einem Epilog darauf befragen. Was der heutige Gedankenaustausch dazu an Anregungen auch erbringen mag und wie wir diese Erfahrungen auch bewerten mögen - der erste und wohl wichtigste Schritt besteht darin, sie festzuhalten, zu dokumentieren, zu bewahren

Wenn Sie die "Bestandsaufnahme" von Isolde Dietrich gelesen haben, dann wissen Sie, wie einmalig schlecht es darum bestellt ist: "Alle schreiben Autobiografien – nur die einstige Elite der ostdeutschen Industrie nicht" [http://www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=176]. Der heutige Erfahrungsaustausch hat Gewicht vor allem als Auftakt für ein Projekt, das dies ändern soll und zwei Lücken zu schließen versucht. Einmal fehlen in der inzwischen reichen (auto)biografischen Literatur der Ostdeutschen die wirtschaftlichen Führungskräfte so gut wie ganz. Und dann hat die reiche biografische Literatur deutscher Wirtschaftsführer eine Leerstelle: es fehlen ihr die Ostdeutschen. Das kann nicht angehen und sollte ausgeglichen werden. Noch ist es dazu nicht zu spät.

Der Überschrift nach sind wir hier zusammengekommen, weil wir herausfinden wollen, was von den Arbeits- und Lebenserfahrungen führender Wirtschaftslenker der DDR für künftiges Tun bewahrenswert sein könnte. Diese wohl einmalig zusammengesetzte Runde kompetenter Zeitzeugen - zwölf ehemalige Generaldirektoren von Industriekombinaten wirken hier mit - wollen wir in vier thematischen Komplexen und einem Epilog darauf befragen. Was der heutige Gedankenaustausch dazu an Anregungen auch erbringen mag und wie wir diese Erfahrungen auch bewerten mögen - der erste und wohl wichtigste Schritt besteht darin, sie festzuhalten, zu dokumentieren, zu bewahren

Wenn Sie die "Bestandsaufnahme" von Isolde Dietrich gelesen haben, dann wissen Sie, wie einmalig schlecht es darum bestellt ist: "Alle schreiben Autobiografien – nur die einstige Elite der ostdeutschen Industrie nicht" [http://www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=176]. Der heutige Erfahrungsaustausch hat Gewicht vor allem als Auftakt für ein Projekt, das dies ändern soll und zwei Lücken zu schließen versucht. Einmal fehlen in der inzwischen reichen (auto)biografischen Literatur der Ostdeutschen die wirtschaftlichen Führungskräfte so gut wie ganz. Und dann hat die reiche biografische Literatur deutscher Wirtschaftsführer eine Leerstelle: es fehlen ihr die Ostdeutschen. Das kann nicht angehen und sollte ausgeglichen werden. Noch ist es dazu nicht zu spät.

Vom einladenden Verein wurde ich gebeten, für unser Treffen eine Art Prolog zu sprechen. Und dies als Kulturwissenschaftler, also als ein in vieler Hinsicht Fachfremder. Um mich ein wenig zu legitimieren und mein Interesse an der Sache zu begründen, möchte ich zuerst kurz erzählen, dass mich die Lebensgeschichte einer wirtschaftspolitischen Führungskraft seit meiner Kindheit außerordentlich bewegte und ihre Biografie den eigenen Lebenslauf mitbestimmt hat. Bis heute mache ich mir den Vorwurf, sie nicht beizeiten festgehalten zu haben.

Ich spreche von meinem Vater, der (wie meine Mutter) hier gleich um die Ecke im östlichen Zentrum von Berlin in sehr "einfachen Verhältnissen" 1909 geboren wurde und neben dem heutigen Karl-Liebknecht-Haus aufgewachsen ist. Er war ein guter Schüler, kam in die Förderklasse, erhielt eine Freistelle an der Realschule, absolvierte fünf Semester Gauss-Schule, wurde Ingenieur für das Fachgebiet Kalkulation. Und zugleich war er ein sehr linker Sozi, Sozialistische Arbeiterjugend, Freidenker, Naturfreunde. 1945 wurde er Ortssekretär der SPD mit Büro im Antifa-Heim. Vater und Mutter stimmten 1946 - beide SPD-Delegierte auf dem Vereinigungsparteitag - aus tiefer Überzeugung mit "Ja" - zogen die Lehren aus ihrer wie aus deutscher Politikgeschichte. Für sie war es selbstverständlich, dass alles das, was da nun mühsam wieder aufgebaut wurde, nicht denen gehören sollte, deren wirtschaftliches und politisches Handeln Deutschland ruiniert hatte. Es sollte künftig den arbeitenden Menschen gehören, Volkseigentum sein. Vater wurde Kursant Nr. 46 der SED-Parteihochschule, war dann 1948 in der Deutschen Wirtschaftskommission (der DWK) für die Kontrolle der landeseigenen Betriebe zuständig und hatte ab Herbst 1949 im neuen "Ministerium für Planung" eine Hauptabteilung zu leiten, zu der die Bereiche Arbeitskräfte, Löhne, Soziales, Berufsausbildung, Gesundheitswesen und Kultur gehörten.

Ein gutes Jahr später bescheinigten ihm Heinrich Rau und Bruno Leuschner in einer überschwänglichen Beurteilung was er da alles aufgebaut habe. Sie bedauerten es sehr, dass er auf eigenen Wunsch dies Amt aufgebe. In Wirklichkeit war "auf Parteiebene" die FDJ-Gruppe gegen ihn mobilisiert worden, die ihn für sein "Zweifeln an der Tatkraft der Jugend" anklagte und seine Entfernung forderte. In Wahrheit flog er (wie andere auch) wegen seiner SPD-Herkunft aus dem Ministerium und weil er 1945 drei Monate in einem Gefangenenlazarett der britischen Zone gelegen hatte. Hinzu kam, dass sein Konzept vom "progressiven Leistungslohn" der neuen Losung "Normerhöhung steigert den Reallohn" widersprach. Und überdies stand der deutsche Ingenieur mit Fachgebiet Kalkulation einigen nun zur Vorschrift gewordenen Praktiken der sowjetischen "Freunde" leicht skeptisch gegenüber. Aus dem Ministerialdirigenten der Regierung wurde der Haupttechnologe und dann der Produktionsleiter des Transformatorenwerks Oberschöneweide, und schließlich war mein Vater Produktionsplaner in den Elektro-Apparate- Werken "J. W. Stalin". Bis in die 50er Jahre hatte er Offerten des Ostbüros der SPD ebenso abzuwehren wie Anschuldigungen der eigenen Parteiführung. Freunde der Familie gingen ganz in den Westen, Vater nur zu Agitationseinsätzen - für mich war das Familienleben zugleich aufregende Politik- und Wirtschaftsgeschichte mit vielen heißen Debatten. Selbstredend habe ich kaum verstanden, wie kompliziert und eigenartig der Wiederaufbau der ostdeutschen Industrie in sozialistischer Absicht damals war.

Die Biografie meines Vaters scheint mir eine für die erste Generation der DDR-Wirtschaftskapitäne typische Variante zu sein (die sozialdemokratische). Heute kann ich zwar abschätzen, von welcher Zukunftserwartung, welchen politischen Überzeugungen und Feindbildern sie sich leiten ließen, mit welchen fachlichen Voraussetzungen und mit welchem Lerneifer Vater und seine Genossen wie Kollegen darangingen, das neuartige Volkseigentum zu verwalten und zu mehren. Doch hätte ich gern mehr gewusst. Vor allem: wie es geschehen konnte, dass sachorientierte deutsche Ingenieure und Ökonomen zu Sozialisten und Sachwaltern von Volkseigentum werden konnten.

Dieses Interesse gilt inzwischen auch der zweiten und dritten Generation der wirtschaftlichen Leiter. Zwar kann ich in der Fachliteratur nachlesen, aus welchem sozialen Milieu solche Führungspersönlichkeiten kamen, welchen Bildungsweg sie gegangen sind. [Vgl. dazu: Axel Salheiser, Parteitreu, plangemäß, professionell? Rekrutierungsmuster und Karriereverläufe von DDR-Industriekadern. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009 und Thomas Steger, Zwischen Arbeitsamt und Altersheim? - Die ehemaligen DDR-Kombinatseliten und ihr Weg durch die Transformation, in: Zeitschrift für Personalforschung, 18(4), 2004, S. 436-453.] Aber ich erfahre nicht, welche Eigenschaften, Kenntnisse, Lebensvorstellungen, Grundsätze, moralischen Prinzipien jemand haben musste, der ein solches Imperium wie ein volkseigenes Industriekombinat im Interesse aller - sowohl der vielen Mitarbeiter als auch des Gesellschaftsganzen - zu führen in der Lage war. Welche Interessenkonflikte haben sie geprägt und welche "Innenausstattung" hat sie zu welchen Entscheidungen geführt?

Was ich heute nicht mehr kann: mir von meinem Vater erzählen lassen, wie er die konfliktreichen Jahrzehnte erlebt hat, was ihm Halt gab und ihm wichtig war und worin er die Summe seines Lebens sieht - ich habe da etwas versäumt. Dies auch, weil zu seinen Lebzeiten noch niemand von "Oral History" redete und autobiografische Verortungen auch mit dem damaligen Geschichtsbild der SED kaum zusammenpassten.

Zwar kann ich heute an seinen Anstreichungen in den Büchern von Friedrich Behrens, Friedrich Zahn, Friedrich Lenz noch irgendwie rekonstruieren, wie sich Friedrich Mühlberg einst gemüht hat, einen für die neuen Verhältnisse praktikablen Begriff von Arbeitsproduktivität zu gewinnen. Aber seine Autobiografie gibt es nicht, er starb vor 40 Jahren als Frührentner - davor wäre noch etwas Zeit gewesen, ihm die Lebenserinnerungen nachdrücklich abzufordern. Er selbst, wie wohl die meisten seiner Genossen und Kollegen, hielt das nicht für wichtig, fühlte sich eher als Parteisoldat, der - ohne Aufhebens zu machen - einfach seine Pflicht tat. Sie alle haben wohl nicht recht realisiert, dass sie es waren, die Ostdeutschland aus dem Chaos von Zerstörung und zu tilgender Kriegsschuld führten, indem sie eine leistungsfähige Industriegesellschaft aufgebaut haben.

Ich selbst habe aus dieser erlebten frühen DDR-Geschichte meine "Lehren" gezogen: ich wollte kein Ingenieur, kein Ökonom und kein Politiker werden, sondern wissen, was hinter all dem steckt, nach welchen ehernen Bewegungsgesetzen die Gesellschaft funktioniert und schrieb mich darum zum Philosophiestudium ein.

Auf den ersten Blick schien mir in den frühen 50ern in der DDR alles dafür zu sprechen, dass wir im Osten aus der deutschen Geschichte das Richtige gelernt haben. Wir haben den "Irrweg einer Nation" (Alexander Abusch) verlassen und die "Lehren deutscher Geschichte" (Albert Norden) beherzigt. Was ich aber bald aus der (Philosophie)geschichte lernen musste: seit ihrem Anbeginn hat es eine Debatte darüber gegeben, ob aus der Geschichte überhaupt etwas gelernt werde oder gelernt werden könne. Inzwischen ist auch die DDR Geschichte geworden - aber können wir daraus lernen? Die Überschrift unserer Beratung setzt das voraus und fragt gleich, was denn alles aus der Geschichte, und speziell aus der der "DDR-Planwirtschaft" gelernt werden könne.

Für solches Lernen scheint schon zu sprechen, dass in unserer Gesellschaft recht viele Menschen ihr Brot damit verdienen, dass sie "Geschichte" als Beruf betreiben (als Wissenschaftler und Lehrer, als Archivare und Museumsdirektoren und vor allem als Medienmacher). Sie alle wollen andere etwas aus "der Geschichte" lernen lassen. Ihr Eifer kann stutzig machen und trägt wohl dazu bei, dass sich zugleich die Auffassung hält, dass niemand etwas aus der Geschichte gelernt habe oder lernen könne. Schon der Aufklärer Voltaire hat es knapp gesagt: "Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat". Nicht ganz so zugespitzt formuliert könnte man auch sagen: "die Geschichte" überhaupt ist das, was die Menschen meinen aus der Vergangenheit gelernt zu haben.

Doch der von Voltaire unterstellte Konsens ist nicht wirklich übergreifend und auch nicht dauerhaft. Denn die "aufgearbeitete Vergangenheit", "die Geschichte" - oder besser das Geschichtsbild - ist nicht mehr und nicht weniger als das, was Menschen aufgrund ihrer sozialen Position aus ihr lernen wollen oder lernen können. Der Blick auf das Vergangene ist nach sozialer Stellung, politischer Position, nach kulturellem Milieu, nach dem je eigenen Gesellschaftsbild usw. recht verschieden. Und "Geschichte" ist dann genau das, was man jeweils meint gelernt zu haben, eben das, was man sich zurechtgelegt hat, um sein aktuelles oder zukünftiges Handeln (oder seine Absichten) zu legitimieren, zu begründen. Oder einfach das, was man braucht, um seine Vorurteile zu bestätigen.

Wir haben das am Umgang mit der jüngsten Vergangenheit der Ostdeutschen alle erlebt. Ausdrücklich und durch Parlamentsbeschluss bekräftigt sollte "Geschichte" dem sozialistischen Versuch die Legitimation absprechen, ihn als SED-Herrschaft delegitimieren. Und so ist es auch geschehen. Das offizielle Geschichtsbild - von der historischen Forschung bis zur Erinnerungsindustrie - hat die DDR als Unrechtsstaat, als zweite deutsche Diktatur mit maroder Wirtschaft gezeigt. Doch "Aufarbeitung der SED-Diktatur" klingt nicht nur wie eine Kampfparole in volkspädagogischer Absicht. Es sagt zugleich, dass viele Zeitgenossen die Vergangenheit offenbar "falsch", augenscheinlich anders sehen, dass auch aus anderen Perspektiven auf die Geschichte der deutschen Teilung geblickt werden kann.

Jedenfalls kann diese Art der "Aufarbeitung" nicht erklären, wie und warum die Geschichte der deutschen Industriegesellschaft so und nicht anders verlaufen ist, wie die beiden über vierzig Jahre konkurrierenden deutschen Gesellschaften aus der widersprüchlichen Geschichte dieser deutschen Industriegesellschaft hervorgegangen sind, sie auf verschiedene Weise fortsetzten und nach 1990 als ein deutlich verändertes Gebilde zusammenkamen. Eine nun vereinigte Gesellschaft - immer noch in dieser Tradition und immer noch mit den inneren Widersprüchen, die einst zur Gründung eines Alternativversuchs geführt haben.

Es liegt auf der Hand: was da vom Staatssozialismus und von der DDR-Planwirtschaft zu lernen wäre, hängt von der Interessenlage des Betrachters ab. Wenn angesichts der Bankenkrise auf den "Staatssozialismus" geblickt wird, dann könnten seine Erfahrungen die Vorstellung stützen, dass der Staat die Finanzwirtschaft regulieren und sich selbst als dirigierendes Instrument begreifen müsse. Das Spektrum reicht hier von der Erinnerung an Lenins Nationalisierung der Banken bis zu Merkels zaghaften regulierenden Eingriffen (aber offenbar zugunsten des Finanzkapitals). Es kann auch das Gegenteil aus der DDR-Geschichte gelernt werden: Der Staat müsse sich da raushalten, denn er kann die Finanzmärkte ohnehin nicht kontrollieren. Er soll überhaupt nichts Wirtschaftliches planen und regulieren, denn planwirtschaftliche Systeme brechen bekanntlich zusammen.

Aber vielleicht kann da heute gar nichts gelernt werden, weil es in der DDR gar keinen Finanzmarkt gab und sie im Kern eine "Produktionsgesellschaft" war? Und - noch wichtiger - weil der größte Teil des produktiven Vermögens staatlich verwaltetes Gemeineigentum war - neben dem genossenschaftlichen und dem verbliebenen Privatbesitz - völlig andere Verhältnisse also, nichts davon übertragbar aufs Heutige.

Doch unsere Tagungs-Überschrift ist hoffnungsvoll, sie rechnet nicht mit heute, nicht mit Merkel, Deutscher Bank und Rösler, sondern fragt, was für ein "zukünftiges Wirtschaften" gelernt werden könnte. Aber wer wird da zukünftig wirtschaften und lernbegierig nach Anregungen bei seinen Vorläufern suchen?

Es ist schon klar, dass die Strategen der "Zockerbuden", wie Sarah Wagenknecht so abwertend die Superbanken nennt, dass die profitorientierten Finanzmanager nichts für sie Brauchbares aus der DDR-Wirtschaftsgeschichte lernen können. Da dient diese Geschichte ihren politischen, medialen und wissenschaftlichen Zuträgern nur als Exempel für die Sinnlosigkeit radikaler alternativer Programme und als Bestätigung bestehender Verhältnisse.

Unser Blick auf die Vergangenheit hängt davon ab, wie wir die Gegenwart wahrnehmen und welche Zukunftserwartungen wir haben. Und da sind wir ganz optimistisch und erwarten, dass künftig nicht die Finanzmanipulateure, sondern am Gemeinwesen orientierte Strategen der Realwirtschaft den Ton angeben werden, die eine solidarische und nachhaltige Ökonomie anstreben. Und sie werden dann auch auf andere geschichtliche Erfahrungen zurückgreifen als allein am Gewinn orientierte Profitjäger. Wahrscheinlich werden sie alle früheren Akteure solidarischen und bedürfnisorientierten Wirtschaftens zu ihren Vorläufern im Geiste zählen. Darum könnte es Sinn machen, deren Tun und Lassen als geschichtliches Wissen zu bewahren.

Ist unsere optimistische Erwartung begründet? Vielleicht schon, wir fühlen ja, dass wir am Anfang einer "Übergangskrise" stehen und dass der "Kapitalismus, wie wir ihn kennen" (Elmar Altvater) sie wohl nicht meistern wird, dass also Praktiken sich als nötig erweisen, die so gar nicht zu dem heutigen Finanzmarkt-Kapitalismus passen. Und da sollten wir in der ostdeutschen Geschichte auf Fingerzeige stoßen?

Nun war die DDR gewiss nicht die Welt, aber im Winzigkleinen stand sie vor sehr ähnlichen "Problemen". Denn heute ist ja auf zunehmende Ressourcenknappheit zu reagieren wie auf den Rückgang der Arbeitskräftezahl. Selektives Wachstum ist ebenso angesagt wie der Rückgriff auf regional Verfügbares. Den ökologischen Herausforderungen, der Gefährdung unseres Lebensraumes muss begegnet werden und zugleich muss mit den wachsenden zivilisatorischen Ansprüchen der Menschen in den aufstrebenden Weltgegenden gerechnet werden. Wir brauchen wirksame Konzepte, der wachsenden sozialen Ungleichheit zu begegnen und den sozial Abgehängten in Europa ein anständiges Leben zu ermöglichen. Die Konflikte drängen, uns alle darüber zu verständigen, wie wir unseren Planeten lebenswert erhalten können und wie wir unser Verhalten entsprechend einrichten. Das erinnert mich sehr an die knappste Definition, die Marx für den Kommunismus gegeben hat: er ist eine Vereinbarung über die gemeinsam zu befriedigenden Bedürfnisse.

Wie schwierig es ist, eine solche Vereinbarung herzustellen, zeigt die "Geschichte des realen Sozialismus". Und die wird zu einem spannenden Erfahrungsfeld, wenn nicht mehr auftragsgemäß erforscht wird, warum Sozialismus unmöglich ist, sondern gefragt wird, wie eine solche "Vereinbarung" mehr oder weniger erfolgreich praktiziert worden ist. Dann ist das eigentlich Spannende (und zu Bewahrende) der Erfahrungsschatz, den die Ostdeutschen in die gemeinsame Geschichte eingebracht haben. Gerade mit den Lebensgeschichten der "Wirtschaftskapitäne" könnte es gelingen, die Versuche zu alternativem, zu solidarischem und gemeinwohlorientiertem Wirtschaften festzuhalten. Beispielhaft könnte ihr schöpferischer Umgang mit den vielen grenzziehenden Sachzwängen sein, ihr Verständnis von dem, was Marx "die Selbstregierung der Produzenten" genannt hat.

Für mich ist die zukunftsweisende Kernfrage: wie haben sich die sachorientierten deutschen Ingenieure und Ökonomen als Sozialisten und Sachwalter von Gemeineigentum verstanden? Welche Handlungsantriebe ließen sie jenseits profitorientierten Wirtschaftens so aktiv werden? Welche Lebensvorstellungen, Grundsätze, moralischen Prinzipien musste jemand haben, der ein solches Imperium wie ein volkseigenes Industriekombinat im Interesse aller - sowohl der vielen Mitarbeiter als auch des Gesellschaftsganzen - zu führen in der Lage war. Welche Interessenkonflikte haben ihn geprägt und welche "Innenausstattung" hat sie zu welchen Entscheidungen geführt? Vielleicht hat ihr sozialistisches Wirtschaften subjektive Qualitäten freigelegt, die aktuell oder zukünftig unbedingt gebraucht werden?

Für die Auflösung der Systemkrise liegen bekanntlich recht unterschiedliche Angebote vor, aber alle haben eine starke historische Komponente. Am ganz linken Flügel wird das Credo des vor fünfhundert Jahren vom Adel besiegten Bauernheeres aufgenommen: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsre Enkel fechten's besser aus“. Die spätere Revolutionsgeschichte wird ausgewertet und daraus geschlossen, dass nach den beiden gescheiterten Versuchen von Pariser Kommune und Oktoberrevolution nun der dritte Anlauf fällig sei. Nicht alle an Marx orientierten Neuerer mögen ihn so revolutionär interpretieren und dabei gar an die Diktatur des Proletariats erinnern, sondern setzen auf eine schrittweise Einhegung profitorientierten Wirtschaftens durch jene alternativen Kräfte, die praktikable Lösungsvorschläge für den Umgang mit den grenzziehenden Sachzwängen haben. So oder so könnte sich die Marxsche Voraussage bestätigen: "die Selbstregierung der Produzenten wird die Profitwirtschaft durch Gemeinwirtschaft ersetzen".

Selbstverständlich wissen wir nicht, wie es ausgehen wird und ob sich tatsächlich gemeinwirtschaftlich orientierte Kräfte durchsetzen werden. Ungünstig wäre es in jedem Falle, wenn dann frühere Versuche einer alternativen Ökonomie und solidarischen Wirtschaftens aus dem sozialen Gedächtnis verschwunden wären. Darum ist es verdienstvoll und ein würdiger Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, wenn diejenigen, die das unter ihren speziellen - und in dieser Art und Konstellation ganz sicher nicht wiederkehrenden - Bedingungen erprobt haben, zu Worte kommen und ihre Erfahrungen in Gestalt ihrer Lebensgeschichte festgehalten werden. Dazu könnte das mit dieser Tagung eröffnete Projekt einen würdigen Beitrag leisten.