KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Dieter Kramer
Waalwege und Wachstumsgesellschaft.
Kulturelle Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung

Der Bildungsausschuss der Südtiroler Gemeinde Algund (Lagundo) hatte Dieter Kramer zu einem Vortrag über die Chancen nachhaltiger Entwicklung eingeladen. Am 19. Oktober hat er im dortigen Thalguterhaus (Casa della Cultura Peter Thalguter) seine Vorstellungen anhand der nachstehend wiedergegebenen 9 Thesen vorgetragen und mit Bürgern von Algund diskutiert. Den Hintergrund für ihr Interesse bildete ein kulturhistorisches Erbe der Südtiroler, das heute meist touristisch genutzt wird: die Waal-Wege, Überreste ihrer einst gemeinschaftlich genutzten Bewässerungsanlagen.

1. Die Waale (aquale, Wasserrinnen) zur Bewässerung von Äckern, Wiesen und Plantagen sind für Südtirol ein bedeutendes kulturelles Erbe. Sie sind in manchen Fällen noch genutzt, in vielen Fällen übergegangen in arbeitssparende Beregnungsanlagen, in anderen Fällen wegen der Umwelt und als Kulturdenkmal in ihrer Funktion erhalten, in sehr vielen Fällen aber als Wege für einfache Wanderungen ein unerschöpfliches Kapital für den Tourismus, freilich weder nachwachsend noch beliebig vermehrbar (ähnlich wie alpine Wanderwege). Sie sind wie die Allmenden und Gemeinschaftsalmen meist Zeugnisse von Gemeinnutzen, von Nutzergemeinschaften mehr oder weniger in Eigenregie verwaltet, mit oft über lange Zeiten überlieferten, vielfach recht komplizierten Regelungen der geteilten Nutzung.

2. Elinor Ostrom, Wirtschaftsnobelpreisträgerin von 2009 hat für die zeitgenössische ökonomische und politische Theorie die „Commons", den verwalteten Gemeinnutzen wieder entdeckt. Sie hat gezeigt, wie auch heute gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann.

3. Als Tragedy ofthe Commons (Tragödie der Gemeindewiesen) benannte der Biologe Garrett Hardin 1968 die von Wirtschaftstheoretiker und Politikern gern übernommene These, dass gemeinschaftlich genutztes Eigentum aufgrund des Egoismus der Beteiligten dem Verfall preisgegeben sei. Aber die in Europa seit Jahrhunderten betriebenen Formen des gemeinschaftlichen Umganges mit Ressourcen wie Hochweiden, Bewässerungswasser, Wald, Fischgründen und Wasserkraft beweisen das Gegenteil. Staatliche Kontrolle der Ressourcen ist eines der immer wieder zur Überwindung vorgeschlagenen aktuellen politischen Rezepte. Das aber ist, nicht zuletzt wegen der sich schnell einschleichenden Korruption, illusionär. Der andere empfohlene Ausweg ist die Privatisierung. Aber ein „Wettbewerbsmarkt - das Paradigma privater Institutionen - ist selbst ein öffentliches Gut. ... Ohne zugrunde liegende öffentliche Institutionen, die ihn aufrechterhalten, kann kein Markt lange existieren." Zudem schließt Privatisierung privaten Raubbau nicht aus. Auch der Markt muss kontrolliert werden.

4. Für Ostrom überraschend hoch ist die „Regelkonformität" bei der Verwaltung von Allmend-Ressourcen. Das wertet die „soziale Kontrolle" auf. „Die gegenseitige Überwachung trägt zwar Züge eines Dilemmas zweiter Ordnung, doch gelingt es den Aneignern irgendwie, das Problem zu lösen. Ferner sind die festgesetzten Bußgelder in diesen Szenarien überraschend niedrig." Bei Normverletzungen drohen „sowohl innere psychische als auch äußere soziale Kosten". In der Vergangenheit waren solche Formen des kollektiven Handelns in der Regel mit Festen und „brauchtümlichen" Formen verbunden.

5. Auch für die Sozialpolitik sind Allmend-Ressourcen nicht uninteressant. Andre Habisch hat im Zusammenhang mit dem Bürgerschaftlichen Engagement auf das Soziale Kapital hingewiesen, das so aktiviert werden kann. Netzwerke, „runde Tische" oder gesellschaftliche Institutionen, wie sie beim Management von Allmend-Ressourcen wichtig sind, ermöglichen auch bei sozialen Problemen kontrollierbare Selbstbindungjenseits von Markt und Staat. Er zitiert ein eindrucksvolles Beispiel: In den Niederlanden haben sich in den 1980er und 1990er Jahren bei der Arbeitsmarktreform beim „Polder-Modell" die Sozialpartner und die Regierung zu koordinierten Reformen verpflichtet. „Dazu mussten im Zeitablauf von den Partnern unabhängig voneinander erhebliche Vorleistungen erbracht werden". Ein festes Netzwerk aller Beteiligten trifft sich für solche Absprachen und deren Kontrolle „in Anwesenheit der Königin und der Gattinnen": „Ein Vertragsbruch hätte in dieser Runde zu einer äußerst peinlichen Situation für den Vertreter der jeweiligen Seite geführt, was eine informelle, aber deshalb nicht weniger wirkungsvolle Sanktionsmöglichkeit bildete."

6. Diskutiert wird derzeit über Messgrößen, mit denen die üblichen Kriterien für Wohlstand ersetzt werden können, die sich auf das Bruttosozialprodukt beziehen. Vom „Bruttosozialglück" wird in dem Himalaya-Königreich Bhutan gesprochen. Die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" des Deutschen Bundestages soll seit 2009 die „grundlegende Diskussion über gesellschaftlichen Wohlstand, individuelles Wohlergehen und nachhaltige Entwicklung" aufgreifen. „Buen Vivir" ist das Leitkonzept der Verfassung von Ecuador von 2008. Im neuen Grundgesetz von Bolivien ist von „Vivir Bien" die Rede, also vom guten Leben. Das alles ist keine Romantisierung von Zuständen der Vergangenheit, sondern der Versuch, unter den heutigen Lebensbedingungen Lebensqualität ins Zentrum der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik zu stellen.

7. Zur großen Familie der „Gemeinnutzen" gehören die „digitale Allmende", neue Formen von Nutzergemeinschaften, Selbsthilfegruppen, Gemeinschaftsgärten, Netzwerke, aber auch Genossenschaften. Lokale Energiegenossenschaften zur Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie, Fischereigenossenschaften und viele andere gehören dazu. „Energiewende, Finanzkrise und Geldmangel der Kommunen lassen kollektive Selbsthilfefirmen gedeihen." Zwar sind auch Genossenschaften gehalten, rentabel und auch mit Gewinn zu arbeiten (genaueres regelt die jeweilige Satzung), auch Wachstum ist nicht ausgeschlossen, aber sie sind immer abhängig von den Interessen der Beteiligten.

8. Gemeinnutzen-Anteile können nicht beliebig verkauft werden. „In dem Grundsatze, dass Marknutzungen nicht zur Bereicherung bestimmter Personen dienen sollten, liegt ein oft übersehenes Moment, das zu pfleglicher Benutzung und Schonung der Waldungen führen musste." Der Handel mit Nutzungs- oder Emissionsrechten für Gemeinnutzen hat kontraproduktive Nebenwirkungen. Wenn z.B. im Nordatlantik den Fischern handelbare Fangquoten zugeteilt werden, dann entwickeln sich diese Fischer zu „individuellen Nutzenmaximierern" und handeln mit ihren Rechten. Das Ergebnis ist die Konzentration der Fangquoten auf wenige Fischereibetriebe. Die historischen Gemeinnutzungen regeln die Übertragungen von Nutzungsanteilen in der Regel so, dass die Struktur erhalten bleibt.

9. Der Umgang mit Problemen der zeitgenössischen Krisen der Marktgesellschaften kann erleichtert werden durch die Entdeckung des Gemeinnutzens: Wenn immer wieder geklagt wird, dass es keinen Ausweg aus den Zwängen der Wachstumsgesellschaft gibt, so werden hier Wege aus diesem Käfig erkennbar. Unterschieden werden muss dabei zwischen der individuellen (privaten) Ebene und derjenigen der (staatlichen) Gemeinschaft: Lokal, national und global gibt es eine Vielzahl von Problemen, die ohne ein (nachhaltig gestaltbares) „qualitatives" Wachstum nicht gelöst werden können. Seine Formen können in der Demokratie konsensfähig ausgehandelt werden (mit allen Konflikten und Kompromissen). Anders die private Ebene: Die Individuen sind sich in der Regel bewusst, dass sie sich Grenzen setzen müssen. Wer dies nicht tut, scheitert in den verschiedenen Abhängigkeiten: Arbeitssucht, anderen Süchten, Konsumrausch und dergleichen. Darauf hinzuweisen erinnert an die von allen notwendigerweise immer wieder aktivierten Selbstbegrenzungsfähigkeiten. Die Frage, ob denn Lebensqualität definiert wird durch „immer mehr vom Gleichen" oder anders, ob denn wahrer „Luxus" nicht souveräne Verfugung über Ressourcen und Zeit bedeutet, ob „Wachstum" nicht viel stärker auf die Ebene der individuellen Entwicklung von „Beziehungsreichtum" liegt, und wie man sich durch eine Steigerung des Anteils von Formen der selbständig entwickelten Ressourcen mehr Unabhängigkeit von Markt und Einkommen erarbeiten kann und damit die Abhängigkeit von Markt vermindern kann, all das spielt eine Rolle. Damit wird auch relativiert, dass vom ressourcenaufwändigen privaten Konsum die Weltwirtschaft abhängt. „Zukunft ist ein kulturelles Programm", argumentiert Hilmar Hoffmann, und betont damit, dass technische und ökonomische Strategien allein keine Lösung für die Herauforderungen der Gegenwart liefern. Inzwischen wird eine Ebene der sozialkulturellen Innovationen angesprochen, die bei dieser Diskussion mit Hilfe der Gemeinnutzen eine neue Perspektive eröffnen will. „Die Commons eignen sich für eine große Erzählung. Ihr Potential besteht darin, soziale Innovation als entscheidenden Hebel gesellschaftlicher Transformation zu entwickeln." (Silke Helfrich)