KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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ReportKulturation 2012
Dietrich Mühlberg
Ein Nach-Ruf für Arno Hochmuth


Am 16. Juni 2012 verstarb Arno Hochmuth, langjähriges Mitglied der KulturInitiative'89, im Alter von 82 Jahren. Am 6. Juli sprach Dietrich Mühlberg auf einer Trauerfeier im Willi-Münzenberg-Saal nachstehende Gedenkworte. Die dabei erwähnten Protokolle des Projekts "Eliten und Kulturpolitik" wird kulturation demnächst in der Rubrik "Zeitdokumente" veröffentlichen.
Unsere frühen Vorfahren riefen ihren Verstorbenen überschwänglich Gutes nach - um sie zu besänftigen und an rachsüchtiger Wiederkehr zu hindern. Von den Römern bis heute wurde die Würdigung eines Lebenswerks meist zur politischen Selbstdarstellung genutzt. Beides möchte ich vermeiden und bekennen: je näher man selbst dem gefährlichen Moment kommt, Objekt eines solchen Rituals zu werden, desto fragwürdiger wird einem das Unterfangen, über das Leben eines Mitmenschen summierend zu urteilen. Arno - aufs Protokollarische schon achtend, aber dem feierlichen Tone eher abhold - würde es mir nachsehen, wenn ich jetzt ganz subjektiv auf meine Erinnerungen an ihn zurückgreife.

Wir trafen in der Mitte unseres Lebens aufeinander. Vor vierzig Jahren machte Arno als neuer Professor so etwas wie einen Antrittsbesuch bei den Kulturwissenschaftlern der Humboldt-Universität. Seine Situation war nicht unproblematisch. Mit der Ersetzung Ulbrichts durch Honecker war ein Personalwechsel in der Parteizentrale verbunden, der auch eine gewisse Liberalisierung signalisieren sollte. Dass nun der ganz unspektakulär entlassene Abteilungsleiter Kultur ausgerechnet an unsere Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften überstellt wurde, irritierte uns schon, gab es doch unter den Wissenschaftlern keinen, der etwas Gutes über die Abteilung Kultur des ZK zu sagen gewusst hätte. Und so wurde in Arno der Verwalter jenes Kahlschlags gesehen, den die unrühmliche 11. ZK-Tagung von 1965 zu verantworten hatte.

Und es kam noch dicker. Mit großzügiger Geste (und in Unkenntnis wissenschaftlicher Strukturen und Berufungsgebiete) hatte Kurt Hager verfügt, dass Arno künftig Professor für Kulturtheorie und Ästhetik sei - denn so der Name unseres Instituts, in dem "die Ästhetiker" und "die Kulturwissenschaftler" jeweils auf ihren eigenen Lehrstühlen saßen und als zwei Gruppen mehr oder weniger friedlich zusammen arbeiteten. Hager hatte mit seiner generösen Verfügung Arno zwischen alle diese Stühle gesetzt.

Der Antrittsbesuch bei den Ästhetikern war schon überstanden, nun saßen wir uns gegenüber und er sah sich genötigt, mir als dem damaligen Chef der Kulturwissenschaftler zu erklären, wie das alles so gekommen sei. Ich hatte den Eindruck, das es ihm nicht unlieb war, einem anteilnehmenden Genossen seine Lebensgeschichte zu skizzieren. Und ich bildete mir damals ein, ihn ganz gut zu verstehen. Vielleicht, weil wir beide Berliner aus dem selben Milieu mit recht ähnlichen beruflichen Wegen waren.

Freilich war Arno der Ältere, als er 1948 sein Abitur machte, hatte ich gerade die 8. Klasse erreicht. Was ihn prägte: er hatte das Kriegsende schon als Fünfzehnjähriger in Berlin erlebt. Hier trafen plötzlich die Welten aufeinander und die bis dahin drangsalierten politischen und kulturellen Kräfte meldeten sich expressiv und vielstimmig. Arno war davon fasziniert und hat alles begierig aufgenommen, was sich bot. So war es wohl zwangsläufig, dass er fortan das Oben und Unten für sich selbst kulturell definierte und den sozialen Aufstieg nun als ein Problem der politischen Machtverhältnisse angesehen hat.

In diesem einzigartigen Nachkriegsberlin der ersten Jahre hat er seine drei Prägungen erfahren. Er wurde ein Kunstnarr (der vor allem im Kino saß), wollte ein Vermittler sein, der Zugänge zu den ästhetischen Welten öffnen kann und er verstand sich aus Gründen sozialer Gerechtigkeit fortan als ein Linker.

Ich habe noch genau die seltsame Begründung für seinen Kunstenthusiasmus in Erinnerung. Es war die "enorme Geldnot und Armut in unserer Arbeiterfamilie. Tiefe Preise für Kino und Theater und für Buchausleihen und sehr hohe Schwarzmarktpreise für Lebens- und Genussmittel brachten einen dazu, sich dieser sehr billigen Dinge zu bemächtigen. Gleichzeitig war das ganz nützlich für das Abitur." Arno nannte sogar Zahlen für 1947 - etwa fünfzig mal war er im Theater, im Kino sogar siebzig mal. Hier habe ich ihn wörtlich zitiert. Dies vermag ich nicht, weil ich über ein so phantastisches Detail-Gedächtnis verfüge, wie Arno es hatte (und womit er uns immer wieder verblüffte), sondern weil er 1994 zu Protokoll gab, als er durch das Projekt "Eliten und Kulturpolitik" dazu interviewt worden ist.

Ein bekanntes Szenario: wenn Söhne in einfachen Verhältnissen sich den praktischen Geboten des Erwerbslebens nicht fügen wollen und leicht verstiegen das Höhere im Sinn haben, wird ihnen gestattet, Schulmeister zu werden. Sein Einstieg entsprach ganz diesem Klischee deutscher Unterschichtenkultur. Der Kunstversessene konnte gleich nach dem Abitur studieren und hatte schon drei Jahre später das Patent als Lehrer, selbstredend nicht für „ordentliche“ Fächer, sondern für Deutsch und Geschichte. Da war er gerade 22 geworden. Und weil er gut war, wurde er sofort als Jungdozent für Deutsch am berühmten Institut für Lehrerbildung in Köpenick eingestellt. Dort war er - als optimistischer junger Mann, der den Zugang zu den schönen Texten öffnete, Theaterstücke und Filme empfahl und dabei doch so prinzipienfest sein konnte - ein beliebter Lehrer, wie mir meine kleine Schwester versicherte, die damals dort Lehrerin lernte. Es war eine Zeit des schnellen Aufstiegs.

Als die Führung der SED für die DDR den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus verkündete, wurde Arno Kandidat der SED. Den kulturell orientierten Dozenten zog es auch zur Kulturarbeit in den Kulturbund. Sein Leben lang hatte er dort ehrenamtliche Funktionen, bis hin zum Präsidialratsmitglied. Mit diesen Erfahrungen hat er dann von Anbeginn in der KulturInitiative'89 mitgewirkt - einst begonnen als Zusammenschluss reformorientierter Kulturwissenschaftler.

Wichtiger als das Ausbilden von Lehrern und als Kulturarbeit war damals, dass ihn "seine Partei" im Auge hatte und er die Gelegenheit bekommen sollte, an ihrer Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Literaturwissenschaft zu promovieren. Als Doktorand konnte er nun die Vielfalt seiner jugendlichen Kunsteindrücke in der Viersektorenstadt Berlin sortieren und wissenschaftlich wie ideologisch klar stellen, was davon unter "Dekadenz" zu rubrizieren ist. Auffällig seine Neigung, sich mit dem zu beschäftigen, was man besser nicht in die Hand nimmt und was eigentlich verboten war. Das 1958 von der Gewi-Akademie dazu vergebene Thema hatte den heute ungewöhnlich anmutenden Titel „Die Fäulnis des imperialistischen Systems als gesellschaftliche Grundlage der Apologetik der Dekadenzliteratur in Westdeutschland“. Systemfäulnis als Grundlage von Apologetik? Klingt heute etwas bizarr, war aber nichts anderes als die Kombination der Leninschen Imperialismustheorie mit Shdanows Lager- und Kunstdoktrin - in ihrer Anwendung auf die Literatur.

Damit war der Doktorand Hochmuth recht pfiffig der eigentlichen Stoßrichtung dieses ideologischen Konstrukt ausgewichen und musste nicht den DDR-eigenen Künstlern Formalismus oder Kosmopolitismus ankreiden. Er konnte sich mit der verbotenen Westliteratur beschäftigen und ins "gegnerische Lager" blicken. Dorthin also, wo es nach Shdanow nur noch Verfall, Mystizismus und Pornographie gab. Was er dabei beobachtet hatte, brachte der Parteiverlag 1965 unter dem etwas sachlicheren Titel "Literatur und Dekadenz. Kritik der literarischen Entwicklung in Westdeutschland" als Buch heraus.

Mit diesem Spezialwissen konnte Dr. Hochmuth ein guter Dozent für die Doktoranden der Parteiakademie sein - wie später vor allem für unsere Fernstudenten. Beliebt, weil er ihnen mit diesen Spezialkenntnissen den westlichen Kunst- und Medienbetrieb nahe brachte - ein Feld, das für den normalen Parteisoldaten tabu war.

Übrigens ist Arno diesem Problemfeld in gewisser Weise treu geblieben. Jahre später (1987) hat er sich mit einer Untersuchung habilitiert, die die Wandlungen des literaturtheoretischen Umgangs mit nichtsozialistischer Literatur nachzeichnet.

Als Erich Honecker Ende 1965 auf der berüchtigten ZK-Tagung den Kreativen der eigenen Partei Nihilismus, Skeptizismus und Pornographie vorwarf, sie für die wachsende Unmoral Jugendlicher verantwortlich machte und ausrief "unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte!“ Da konnte der Hauptverantwortliche für das ermittelte ideologische Desaster bei den Filmemachern nicht im Amte bleiben. Und so wurde der Abteilungsleiter Kultur im ZK, Siggi Wagner, der empfindsame „Riesenpimpf“ (Seghers), hart abgestraft. Zur Bewährung musste er nun der „Filmminister“ sein und es wurde ein Nachfolger gesucht der offenbar drei Bedingungen zu erfüllen hatte: er musste (wegen des gerade offenbar gewordenen ideologischen Einbruchs) ein Spezialist für all die schlimmen Sachen sein, die damals mit dem Begriff der Dekadenz zusammengefasst wurden, er durfte (wegen der gerade ablaufenden taktischen Machtspielchen in der Führung) keine Hausmacht im Parteiapparat haben und er sollte (damit nicht wieder diese eigenartigen Kunstvorstellungen Raum greifen) als professioneller Lehrer vom Bildungsauftrag der Künste fest überzeugt sein und es mit dem positiven Menschenbild halten.

Da konnte Ulbrichts Wahl wohl nur auf Arno fallen. Und so wurde er in einer Zeit, da der Apparat schon heftig gegen seinen obersten Chef intrigierte und nicht ganz klar war, wo es denn nun lang gehen sollte, Ulbrichts Verantwortlicher für das Parteiressort Kultur - ein Job zwischen allen Stühlen, zwischen allen Lagern. Als einem Mediennarr und Künstlerverehrer mussten ihm Referate wie „Der VII. Parteitag der SED - Grundlage für das künstlerische Schaffen” nicht so leicht fallen. Was Künstler von solchen Darlegungen hielten, war ihm hinreichend bekannt. Aber ihre berechtigten (wie auch anmaßenden) Interessen im eigenen Hause oder gegenüber den vielen staatlichen Instanzen zu vertreten, fehlte es „der Kultur“ im Hause an Durchsetzungskraft. Selbst sein damaliger Vorgesetzter beklagte in seinen (leider über weite Strecken belanglosen „Erinnerungen“) seine kulturpolitische Machtlosigkeit und schrieb beschönigend „Im Großen und Ganzen herrschte auf dem Gebiet der Kultur ein ziemliches Durcheinander“ - zitiert aber immerhin Strittmatter, der die wirklichen Bestimmer aufzählt: Propagandaabteilung, Bezirkssekretäre, sowjetische Botschaft … „und zuletzt die Kulturabteilung des ZK“.

Als ich Arno fragte, ob er die Versetzung an eine Universität nicht als Degradierung empfunden habe, hat er nur gelacht: "ich war ja froh. Man hat in diesem Apparat nur ausführen können, was Obere beschlossen hatten. Du musstest das ja ausführen und das war ein Verhalten, das da von einem verlangt wurde, das fast unmenschlich war." Und das hielt ihn auch davon ab, an die Parteiakademie zurückzukehren. Für ihn war das „große Haus“ schließlich nur eine Episode, eine Zwischenzeit in seinem akademischen Werdegang. Allerdings hat Arno - geschuldet seiner Neugier und Beobachtungsgabe, auch wohl vermöge seines Sinnes für bedeutsame Kleinigkeiten und vor allem Dank seines wahrlich überragenden Detailgedächtnisses - viel über Ereignisse und über Personen dieser Zeit berichten können. Das hat sich der von ihm unterstützte Arbeitskreis Kulturgeschichte der Kulturinitiative'89 zu nutze gemacht und etliche seiner einschlägigen Erinnerungen festgehalten.

In unserem Gespräch vor vierzig Jahren hat mir Arno seine unbedingte Loyalität zu unserem Institut erklärt und sie dann immer bewiesen, selbst wenn in der Sache die Meinungen weit auseinander gingen und er starke Einwände hatte. Sie betrafen fast immer die so genannten „praktischen Seiten“ des wissenschaftlichen Lebens: die Unfähigkeit sich auf die politischen Konstellationen einzustellen, als Anwälte des Ästhetischen den Realien des Alltags ins Auge zu schauen, die Macht der Medien nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu berücksichtigen. Welche Groteske, als es ihm nicht gelang, unsere Kollegin Gudrun davon zu überzeugen, dass sie als Lehrerin die Pflicht habe, zu verfolgen was die westdeutschen Massenmedien senden. Sie war wohl im Recht: wenn sie sich darauf einließe, könne sie ihrer Gesinnung nicht weiter vertrauen. Aber es gelang ihm ja auch nicht durchzusetzen, dass das „Neue Deutschland“ die wichtigen künstlerischen Ereignisse des Westfernsehens rezensiert. Nun hat sich das auf eine Weise erledigt, die weder Gudrun, noch Arno oder ich gewollt haben.

Und noch eine Anmerkung zu seiner aktiven Loyalität mit dem Universitätsbereich, der für zwei Jahrzehnte sein Arbeitsort war. Für „unseren“ Bereich und für die ganze Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften hat er oft - da hielten ihn unsere Oberen der verschiedenen Ränge eben für einen alten Politsoldaten - den Buckel hingehalten. Arno stand für Leute ein, die das oft nicht mal bemerkt haben oder es nicht sehen wollten. Jedenfalls haben sie es ihm nicht gedankt. Und dies schon gar nicht, als bei der Machtübernahme durch die Westdeutschen viele daran gingen, für ihr eigenes Überleben zu sorgen.

Das ist inzwischen Schnee von gestern und als aktiver Ruheständler hatte Arno hinfort das Privileg, den Gang der Dinge distanziert zu betrachten - voller Unmut wohl, aber dennoch gelassen. Das, woran er und andere, einst sich abgearbeitet und aufgerieben haben, konnte er mit wachsendem Abstand erinnern und vielleicht auch abschließend bewerten. Und das mit der Lebenserfahrung von gut acht Jahrzehnten. In der Welt der richtigen, also bei den bürgerlichen Akademikern, nennt man das, was da dann über einen kommt, die Altersweisheit des Gelehrten. Und so haben wir Arno zuletzt erlebt, als er aktiv an einer aufgeklärten Erinnerungsarbeit darüber mitwirkte, was ihm Lebensinhalt war: das Schicksal der Künste in der modernen Welt und das Experiment einer deutschen sozialistischen Gesellschaft.